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Beiträge zur Theorie  










Michael R. Krätke

Antonio Gramscis Beiträge zu einer Kritischen Ökonomie

"Wir haben die Grenzen der neuen Wissenschaft gegen den Einbruch der Skepsis mit den Waffen der Erkenntniskritik verteidigen müssen; desto ängstlicher müssen wir uns nun vor der Gefahr hüten, bei der uns lieb gewordenen philosophischen Verteidigung der neuen Wissenschaft als eines Ganzen unsere eigentliche Aufgabe, die Fortbildung der neuen Lehre im einzelnen zu vergessen. Wir haben uns den ganzen Reichtum der Marxschen Forschungsergebnisse aneignen müssen; aber darum dürfen wir uns der Aufgabe nicht entziehen, die fruchtbare Marxsche Methode auf immer neuen, immer weiteren Arbeitsgebieten anzuwenden; denn die letzten und allgemeinsten Abstraktionen finden nur darin ihre Rechtfertigung, daß wir aus ihrem Zusammenwirken die konkreten Probleme jeder einzelnen Geschichtsepoche, die individuellen Besonderheiten jedes Landes erklären können." Otto Bauer, 1908

1. Gramscis Anti-Ökonomismus - ein Mißverständnis, das Folgen hat

Die Entdeckung Gramscis und die Hinwendung zu Gramsci hat jedenfalls in der Bundesrepublik - vieles in Bewegung gebracht. Er galt und gilt vielen als Vordenker einer erneuerten, vom theoretischen Schutt der zweiten und dritten Internationale befreiten Marxismus. Er hat wenigstens bei marxistischen Politikwissenschaftlern in Frankreich, Italien, Großbritannien, in Skandinavien und Nordamerika geradezu Schule gemacht und Schulen marxistischer politischer Theoretiker befruchtet, die sich in einer elaborierten, an Gramscis Ausdrucksweise angelehnten Begriffssprache über alle möglichen aktuellen politischen Themen auslassen. Politische Tages- und Zeitanalysen gehen, so scheint es, dank Gramscis Vorarbeit, heutigen Marxisten leichter von der Hand.

Die meisten Freunde Gramscis meinen auch zu wissen, woran das liegt. Mit und durch Gramsci sei ein lebendiger Marxismus von neuem möglich geworden, eine revolutionäre politische Theorie, die unverblümt das Primat der Politik wieder verkünde (vgl. für viele Macciocchi 1974). Bei dieser Neuorientierung wurde die alte Domäne der Marxisten, die Politische Ökonomie und ihre Kritik, links liegen gelassen. Gramsci schien dafür eine gewisse Rechtfertigung zu bieten. Die Tradition des "westlichen Marxismus" von Lukaczs, Korsch, Bloch, Marcuse, Brecht, in die auch Gramsci gestellt wurde und wird, bot eine weitere. "Gramsci scheint sich wenig für andere marxistische Gegenstände wie etwa wirtschaftliche Strukturen oder die Produktionsverhältnisse interessiert zu haben." (Walzer 1991, 117). Diese Auffassung ist weitverbreitet. Wenn irgend etwas, dann wird mit dem Theoretiker Gramsci eine Wende fort von der einstmals dominanten Politischen Ökonomie, hin zur Politik, zur Kultur, zur Ideologie, zur Moral, zur Kunst in Verbindung gebracht. Immerhin, so argumentieren manche (vgl. für viele Portelli 1972, 47ff), haben die Marxisten vor Gramsci sich dermaßen ausführlich mit den ökonomischen und sozialen Grundstrukturen der bürgerlichen Gesellschaft befaßt, daß Gramsci hier summarisch bleiben konnte. Originelle Beiträge zur Entwicklung des Kapitalismus braucht man daher bei ihm nicht zu erwarten; seine Sache ist das Studium dessen, was in der üblichen schlecht metaphorischen Redeweise als "Überbau" bezeichnet wird.

Die Enttäuschung über die Ergebnisse der Renaissance der Politischen Ökonomie (und ihrer Kritik) hat die intellektuelle Linke in Westeuropa dazu verleitet, die Ökonomie wieder den Leuten zu überlassen, die angeblich etwas davon verstehen, den Fachökonomen nämlich. Daß sie mit diesem Rückzug auf die Domäne der Politik und Kultur genau die falsch abstrakte Einteilung der Welt in Sphären, Bereiche oder Gebiete - Ökonomie, Politik, Kultur etc. mitmacht, die sie auf der anderen Seite zu Recht kritisiert, scheint ihr zu entgehen.(1) Nicos Poulantzas, einer der einflußreichsten Vordenker des theoretischen Anti-Ökonomismus, hatte eine ausgesprochene Aversion gegen die ökonomische Theorie, auch die Marxsche und marxistische. Gramsci war für ihn die weitaus wichtigste Inspirationsquelle bei seinen zahlreichen Versuchen, eine nicht-ökonomistische und zeitgemäße politische Theorie im Marxismus zu begründen.(2) Poulantzas' Werk gilt nach wie vor vielen als Beleg dafür, daß sich die vielbeklagte politik- und staatstheoretische Lücke bei Marx im Rückgriff auf Gramsci schließen lasse, ohne daß man sich dabei weiter um die lästige Politische Ökonomie und deren Kritik zu kümmern brauche.(3)

Es ist aber völlig falsch, Gramsci zum Ahnherrn und quasi Blutzeugen eines "nicht-" oder "anti-ökonomistischen" Marxismus zu machen, wenn darunter verstanden wird, die Politische Ökonomie - auch und gerade in ihrer durch Marx begründeten, "kritischen" Fassung rechts liegen zu lassen und sich fortan anderem, der Kultur, der Politik, der Moral und der Kunst zuzuwenden. Diese merkwürdige Haltung - die in dem mittlerweile oft wiederholten Vorwurf des "Ökonomismus" an die Adresse von Altvater Marx selbst gipfelt - beruht auf weitverbreiteten Mißverständnissen der Marxschen Ökonomie. Sie scheint vielen als eine Fortsetzung, ja als die eigentliche Vollendung der klassischen Ökonomie mit anderen, materialistischen und dialektischen Mitteln. Aber eben eine, die innerhalb der Grenzen der Ökonomie als Wissenschaft bleibt, deren Denkhorizont nicht überschreitet. Marx' Kritik der Politischen Ökonomie habe wiederum nur eine andere Form von Ökonomie geschaffen, mithin die formelle Scheidung von "Ökonomie" und "Politik" - oder "Eigentum ohne Macht" und "Macht ohne Eigentum" -, den Eckpfeiler des sozialen Weltbilds des Bürgertums reproduziert.(4)

2. Gramscis Anti-Ökonomismus im historischen Kontext

Gramsci hat den Gegner Ökonomismus nicht erfunden - er hat ihn vorgefunden in der sozialistischen Bewegung seiner Zeit und in der Tradition des Bolschewismus. In Rußland gab es Ende des neunzehnten Jahrhunderts eine Gruppierung, die sich selbst als "Ökonomisten" bezeichnete und zeitweilig großen Einfluß auf die russische Arbeiterbewegung in einigen industriellen Zentren erreichte; sie wandte sich ausdrücklich gegen eine politische Betätigung der russischen Arbeiter, die dazu noch gar nicht reif seien. Lenin, Plechanow und andere griffen diese Politik der politischen Abstinenz an, so zum Beispiel mit dem von Lenin verfaßten "Protest der Siebzehn" (1899). In der im Ausland gedruckten, in Rußland illegal verbreiteten "Iskra" (Der Funke) (seit 1900) wurde der erbitterte Kampf gegen den "Ökonomismus" fortgesetzt (vgl. Grossmann 1971, 41f; Anderson 1979). In ihren Polemiken gegen die "Ökonomisten" hatten Plechanow, Axelrod und Martow auch das Konzept der "Hegemonie" zuerst gebraucht und der russischen Arbeiterbewegung die Aufgabe gestellt, im Kampf gegen den zaristischen Staat die Hegemonie - gegenüber den verschiedenen Strömungen der bürgerlichen Demokratie nämlich - zu erobern. Menschewisten und Bolschewisten warfen sich nach 1903 wechselseitig vor, das Konzept der Hegemonie der Arbeiterklasse in einer bürgerlichen Revolution mißzuverstehen und in der rein korporatistischen oder Gildenphase des proletarischen Emanzipationskampfs stecken zu bleiben (vgl. Anderson 1979).

Mit Ökonomismus ist bei Gramsci eine theoretische Orientierung, aber eben auch eine politische Bewegung gemeint. Was er bekämpfen will, sind die konkreten Formen einer Arbeiterbewegung, die dem Kampf um eine Hegemonie im Wege stehen. "Um als Klasse herrschen zu können", so schreibt er schon 1926 in dem Fragment gebliebenen Text Einige Gesichtspunkte der Frage des Südens, "muß das Proletariat alle zünftlerischen Überreste, alle Vorurteile oder Einschläge syndikalistischer Art abstreifen" (Gramsci 1980, 198). Der konkrete Gegner, der Syndikalismus, die spontane Gegenbewegung gegen den Reformismus der etablierten Arbeiterparteien, der mit seinen Appellen an die "direkte Aktion" (Streiks, Boykott, Sabotage, Fabrikbesetzungen usw.) in der italienischen (wie der französischen und spanischen) Arbeiterbewegung einigen Anklang fand, stellt eine ernsthafte Konkurrenz für die junge Kommunistische Partei dar. Viele sozialistische Theoretiker hatten und bekundeten Sympathien für die syndikalistische Bewegung, einige versuchten, ihr eine eigenständige theoretische Basis zu geben (Sorel, Pelloutier, Arturo Labriola, Leone, Olivetti, Panunzio und andere ). Der Syndikalismus in Frankreich und Italien hat durchaus seine eigenen Ideen und Programme, seine Theoretiker und "organischen" Intellektuellen hervorgebracht - von der Charter von Amiens von 1906 bis zu den syndikalistischen Manifesten und Revisionen des Sozialismus der zwanziger Jahre (vgl. Schecter 1994, 24ff).

Der Syndikalismus, so formuliert Gramsci 1926, sei die "instinktive, elementare, primitive, aber gesunde Reaktion der Arbeiterschaft" gegen die reformistische Politik des PSI, der sich vor dem ersten Weltkrieg zu einem de facto Bündnis mit der bürgerlichen Demokratie bekehrt hatte (Gramsci 1980, l99f). Der führende Kern der syndikalistischen Intellektuellen besteht überwiegend aus Süditalienern, was Gramsci dazu verleitet, ihn als schwachen Versuch der Bauern des Südens zu interpretieren, die Proletarier des Nordens zu beeinflussen (vgl. Gramsci 1980, 200). Soweit er theoretisch ist, hat der Syndikalismus seine Wurzeln nicht im Marxismus, sondern in einem bunten Gemisch von sozialistischen Überzeugungen, Konzepten und Ideen. Proudhon und andere "utopische" Sozialisten sind für die Syndikalisten wichtiger als Marx; wenn überhaupt etwas eint sie die Ablehnung des angeblichen marxistischen "Staatssozialismus". Gramsci vermutet einen Zusammenhang zwischen der Freihandelsideologie sozusagen dem Liberalismus als politisches Projekt - und dem theoretischen Syndikalismus. Er formuliert diesen Zusammenhang 1926 ganz entschieden: "Das Wesen der Ideologie des Syndikalismus ist ein neuer Liberalismus, der energischer, aggressiver, kämpferischer ist als der traditionelle" (Gramsci 1980, 200). Zwei politische Probleme, die beide eng mit der Frage des Südens verknüpft sind, seien für das Schicksal des italienischen Syndikalismus bestimmend: die Frage der Auswanderung und die Frage des Freihandels (ebd.). In den Quaderni formuliert Gramsci mit größerer Vorsicht: Es sei zu prüfen, "ob der Ökonomismus in seiner vollendetsten Form nicht ein direkter Sprößling des Liberalismus ist" und von den Freihandelslehren, der "theoretische(n) Bewegung für den Freihandel" ausgegangen ist (Gefängnishefte, 7, 1565).5 Die Übergänge zwischen dem konsequenten Liberalismus, der sein höchstes Ideal in der vollendeten "Anarchie des Marktes" sieht, und dem Anarchismus, der auch außerhalb des Marktes Anarchie herzustellen wünscht, sind bekanntlich fließend. Die Syndikalisten, die für eine Art von Arbeiterselbstverwaltung in den Betrieben im Rahmen einer sich selbst regulierenden, staatsfreien Ökonomie eintreten, treffen sich in ihrer radikalen Ablehnung jeglicher übergeordneter Planung, Koordination und Kontrolle mit Anarchisten und Liberalen: alle glauben an eine Art von gesellschaftlichem Naturzustand und weigern sich, die voraussetzungsvolle Künstlichkeit moderner ökonomischer Institutionen wie "Markt" oder "Betrieb" zur Kenntnis zu nehmen. Daher bringt Gramsci beides, die "theoretische Freihandelsbewegung" und den "theoretischen Syndikalismus" zusammen in der "Kategorie des Ökonomismus" ( Gefängnishefte, 3, 498). Allerdings sieht und betont er, das beide Strömungen eine ganz unterschiedliche Bedeutung haben, die erste eine der herrschenden Klasse (oder der "herrschenden Gruppierung", wie Gramsci hier stets formuliert), die zweite eine der subalternen Klassen (der "subalternen Gruppierung") (vgl. Gefängnishefte, 3, 498, 499f ).

Der theoretische Liberalismus, der ganze "Ansatz der Freihandelsbewegung" beruht auf einem "theoretischen Irrtum": Es wird behauptet, "die ökonomische Tätigkeit gehöre in die Zivilgesellschaft und der Staat dürfe nicht in ihre Regulierung eingreifen." ( Gefängnishefte, 7, 1566; vgl. Gefängnishefte, 3, 498) Eine methodische und analytische Unterscheidung wird verdinglicht und zur politischen Handlungsnorm erhoben, ein alter und immer wieder beliebter Trick und eine Eigenart der bürokratischen Denkweise in Kompetenz"bereichen", unter der die Sozialwissenschaften bis heute leiden. Macht man diese Hypostase aber nicht mit, hält man sich an die zugänglichen historischen Tatsachen, wird rasch klar, daß auch der freie Markt oder die liberale Marktökonomie "eine 'Regulierung' staatlicher Natur ist, eingeführt und aufrechterhalten auf dem Wege der Gesetzgebung und des Zwanges" (ebd.). Freier Markt wie Freihandel in den internationalen Wirtschaftsbeziehungen muß "durch Gesetz eingeführt werden, also durch Eingriff der politischen Macht". Der freie Markt wird politisch hergestellt, er ist "eine Willenstatsache, nicht der spontane, automatische Ausdruck der wirtschaftlichen Tatsache" (Gefängnishefte, 3, 499). Darum ist der Liberalismus "ein politisches Programm", dazu bestimmt, bei seinem Sieg, das "Führungspersonal eines Staates und das Wirtschaftsprogramm des Staates selbst auszuwechseln" (Gefängnishefte, 7, 1566). Aber er ist das politische Programm einer Fraktion der herrschenden Klasse, die lediglich eine andere Fraktion derselben herrschenden Klasse von der Regierung verdrängen will, weil sie "die bestehende Gesetzgebung im Bereich von Handels- und indirekt von Industriepolitik ändern will" (Gefängnishefte, 3, 499); keinesfalls handelt es sich darum, eine neue politische oder gar soziale Ordnung zu begründen.

Die Korrektur dieses "theoretischen Irrtums" wird erst mit und durch die Kritik der politischen Ökonomie möglich, die den mehr oder minder verborgenen politischen Gehalt der herrschenden ökonomischen Lehren offenlegen kann. Ohne Kritik der herrschenden ökonomischen Denkweise, ohne systematische Kritik der liberalen Politischen Ökonomie, bleibt die Kritik des Wirtschaftsliberalismus oder der Freihandelslehre zahnlos. Gramsci selbst ist als junger Mann Freihändler; bis Ende seines Lebens ist er davon überzeugt, daß die Außenhandelslehre der klassischen Ökonomie - die theoretische Grundlage der von den meisten klassischen Ökonomen verfochtenen Freihandelspolitik einen überaus harten, rationellen Kern enthalte und von der Marxschen Kritik eigentlich nicht berührt werde (vgl. Gefängnishefte, 5, 1103). Ihm ist klar, daß die politische Frage "Freihandel versus Protektionismus" sich immer um die "verschiednen Versuche, den Weltmarkt zu organisieren und sich in diesen vom Standpunkt der für die Nationalökonomie ... wesentlichen Industrien günstigste Weise einzugliedern", dreht (Gefängnishefte, 2, 315). Aber ohne Kritik der (internationalen) Politischen Ökonomie ist der politische Glaube, daß jeder Protektionismus bloßen Partikularinteressen diene, allein der Freihandel im allgemeinen ökonomischen Interesse liege, nicht zu untergraben.

Der Neoliberalismus unserer Tage bietet ein vergleichbares Phänomen: Er wartet mit einer Gesellschaftslehre auf, deren Kern die Lehre vom Markt und der freien Konkurrenz als unverzichtbare Grundlage und Idealbild eines sich selbst regulierenden "Vereins freier Individuen" bildet, die keine übergeordnete und vermittelnde Instanz brauchen. Es ist eine politische Theorie, die im Gewande der Ökonomie einherkommt. Ihre ewigen und letzten Wahrheiten sind nicht nur Werte wie individuelle Freiheit und Gleichheit. Es sind vor allem Behauptungen über die beste (oder zweitbeste) aller sozialen Welten, in denen diese Werte als einzige realisiert worden seien und realisiert werden könnten die ideale Welt des Marktes, der Marktwirtschaft mit minimalem Staat, der sich auf die Rolle eines Spielleiters und gelegentlichen Schiedsrichters beschränkt.(6) Diese politische Theorie ist zur Hegemonie gebracht worden - durch zähe, systematische, jahrzehntelange Propagandaarbeit, die sich bewußt nicht an "Massen", sondern an ausgewählte Eliten richtet; erst als Schlüsselfiguren der politischen und ökonomischen Eliten gewonnen sind, beginnt die Massenpropaganda des Neoliberalismus - verstärkt seit Ende der siebziger Jahre Parteien mit ausgesprochen neoliberalen Aktionsprogrammen zur Regierung gekommen sind (vgl. Cockett 1995). Daß dieser Neoliberalismus, der erst im Laufe der dritten "Grossen Depression" in der Geschichte des modernen Kapitalismus zum Zuge kommt, sein Programm der "Deregulierung", "Privatisierung", "Liberalisierung" im Namen der ökonomischen Vernunft und des allgemeinen Interesses verkündet, versteht sich.(7) Wie schon im vorigen Jahrhundert beruht der Erfolg der heutigen Version des Liberalismus auf der Breite der Koalition von sozialen Kräften aller Klassen, denen er im klassischen Stil des "Bereichert Euch!" alles zugleich verspricht: Modernisierungsgewinner aller Klassen, vereinigt Euch!

Der theoretische Syndikalismus wie die historische Tatsache einer syndikalistischen Arbeiterbewegung stellt dagegen ein komplexeres Problem dar: Es gab ohne Zweifel eine starke, lebendige, in einigen Ländern (Italien, Frankreich, Spanien) sogar regional dominante syndikalistische Strömung der Arbeiterbewegung, und das war eine rein proletarische Bewegung der Fabrik- oder Industriearbeiter und der Landarbeiter. Aber zugleich war das eine politische Strömung, die sich vom "Marxismus" der sozialdemokratischen Parteien im Norden wenig beeindruckt zeigte, ja ihn ausdrücklich ablehnte als Ideologie einer bürokratisierten und verbürgerlichten Arbeiterbewegung, die jeden revolutionären Elan eingebüßt habe. Die italienischen Syndikalisten haben die Oktoberrevolution begeistert begrüßt - ihre Sympathie und Hoffnung galt den Arbeiterräten, den Sowjets, nicht den Bolschewiki. Seit Anfang der zwanziger Jahre, spätestens seit dem Kronstädter Aufstand, bekämpfen sie die sowjetische Version des "Sozialismus", in der Sowjets und Gewerkschaften jegliche Unabhängigkeit und jegliche Entscheidungsbefugnis verlieren. Im Laufe der zwanziger Jahre nähern sich viele Syndikalisten dem (italienischen) Faschismus an, der ihnen eine bevorzugte Stellung im neuen Ständestaat der "Korporationen" verspricht.

Gramsci greift die Syndikalisten in den Quaderni nicht wegen ihres erklärten Antikommunismus an, sondern weil der "theoretische Syndikalismus ein Aspekt des Wirtschaftsliberalismus ist" ( Gefängnishefte, 3, 499). Was das liberale Element im theoretischen Syndikalismus sei bzw. inwiefern der Syndikalismus theoretisch im Marktliberalismus aufgeht, sagt Gramsci nicht deutlich. Vermutlich meint er die bei den Syndikalisten gängige Vorstellung von der zukünftigen Organisation einer proletarischen Wirtschaft durch Syndikate: Betriebe, die von den jeweiligen Belegschaften kollektiv angeeignet und selbst verwaltet werden, und zwischen denen nur eine Art lockerer Föderation besteht, ohne übergreifende Kompetenzen. Es gibt keine zentrale Planung oder Kontrolle, die Syndikalisten verweigern sich der Idee eines "proletarischen Leviathan" und ziehen im Zweifelsfall den (regulierten) Markt vor. Gegen das abschreckende Beispiel der Sowjetökonomie gewandt, gilt ihnen der Markt geradezu als institutionelle Voraussetzung für die Autonomie der Produzentenkollektive, d.h. der selbstverwalteten Betriebe, in einer sozialistischen Ökonomie (vgl. Schecter 1994, 40f).

Um die Syndikalisten zu kritisieren, braucht man eine Kritik der Politischen Ökonomie nämlich die der zweiten oder dritten Ökonomie der Arbeiterklasse. In diesem Fall die Kritik der vielen Versuche, eigenständige politisch-ökonomische Institutionen der Arbeiterklasse zu begründen, wie die Bourses de Travail (Arbeitsbörsen), bzw. die Gewerkschaften zu Keimzellen einer neuen sozialen Organisation zu machen, also ihre de facto bestehende Multifunktionalität bewußt auszunutzen bzw. zu verstärken. Historisch ist es völlig richtig, wenn auch in der üblichen, überpolitisierten Geschichtsschreibung der Arbeiterbewegung unterbelichtet, daß Gewerkschaften organisatorische Kerne und Knotenpunkte der zweiten oder dritten Ökonomie der Arbeiterklasse sind, bevor und in stärkerem Maße als sie Organisationen des Lohnkampfes sind. Vor und während der schrittweisen Aufhebung des Koalitionsverbotes und der schrittweisen Einführung einer staatlichen Sozialversicherung sind die Gewerkschaften noch Selbsthilfeorganisationen in umfassendem Sinn; die Übergänge zwischen Gewerkschaften, (Produzenten- und/oder Konsumenten-)Genossenschaften, Versicherungsvereinen (auf Gegenseitigkeit) und Vereinigungen zur gegenseitigen Hilfeleistung sind fließend.

Die Ambivalenz dieser Gegenbewegung entgeht Gramsci anscheinend völlig: Er übersieht ihre sozialrevolutionäre Zielsetzung, die über die Sonderinteressen einzelner Berufsgruppen oder Arbeiter"stände" weit hinausgeht.(8) Er sieht nicht, daß ihr Liberalismus eher defensiver Art ist, einem generellen Mißtrauen gegenüber dem Staat und dessen Personal entspringt.(9) Der Markt ist für die Syndikalisten - faute de mieux - immer noch das kleinere Übel im Vergleich zum Zentralstaat mit umfassender Planungs- und Entscheidungsgewalt.

Allerdings hat die Auseinandersetzung mit den Syndikalisten bleibende Spuren im Denken Antonio Gramscis hinterlassen: Seine Betonung der zivilen Gesellschaft, in der es eben nicht nur "Produzenten" gibt, seine Konzeption der politischen Gesellschaft, in der die politische Macht aufgeteilt und verstreut wird, die Leidenschaft für die moralische und intellektuelle Erziehung der Arbeiter, der Nachdruck auf der moralischen und intellektuellen Führungsrolle der Arbeiterklasse - all das sind originäre Bestandteile des syndikalistischen Denkens, die Gramsci nicht mehr loslassen.

3. Zwei Quellen der Kritischen Ökonomie Gramscis

Gramscis Denken ist, wie Christian Riechers ausführlich gezeigt hat, stark durch den akademischen Marxismus geprägt, der in Italien bereits vor der Jahrhundertwende lebendig war. Gramsci kam mit der italienischen Spielart des legalen Marxismus bereits als Schüler und später an der Universität Turin in Berührung (vgl. Riechers 1970, 37ff). Ein Schlüsselerlebnis in der intellektuellen Biographie Gramscis ist ohne Zweifel die Begegnung mit dem Werk Benedetto Croces. Croce ist ein Schüler Antonio Labriolas, dessen Schriften er herausgibt und mit dem er sich herzlich über die richtige Interpretation des Marxschen Werks streitet. Er teilt mit Labriola eine Grundüberzeugung: Der Marxismus ist keine Geschichtsphilosophie, er ist sicher kein Pan-Ökonomismus, sonst könne er nicht dialektisch sein (vgl. Boulay 1981). Von Croce stammt die für Italien einflußreichste Marx-Kritik - und zwar eine, die sich keineswegs auf "philosophische" Themen beschränkt, sondern sich ausdrücklich auf dessen ökonomische Theorie - und zwar auf alle drei Bände des KAPITAL - einläßt.

Auf seine Anregung schreibt die königliche Akademie zu Neapel 1897 einen Wettbewerb aus mit dem Titel "Darstellung und Kritik der im dritten Band des 'Kapitals' enthaltenen ökonomischen Theorien". Die beiden eingereichten Preisschriften (von De Luca und von Arturo Labriola) werden 1899 veröffentlicht; im selben Jahr publiziert Croce, der der Jury angehört, seine Aufsatzsammlung "Materialismo storico ed economia marxista", in der seine Marx-Kritiken aus den neunziger Jahren gesammelt sind. Dies Buch wird später immer wieder aufgelegt und als Summe der Auseinandersetzung Croces mit Marx betrachtet (vgl. Riechers 1970, 13).(10)

Croce betont, daß Marx' Kapital keine Etüde in reiner ökonomischer Theorie sei (1901, 98), aber auch keine Wirtschaftsgeschichte. Marx behandele nicht die Ökonomie im allgemeinen, sondern nur eine besondere ökonomische Formation, die des Privatkapitalismus, und lasse die übrigen historischen oder denkbaren Welten der Ökonomie außer Betracht (1901, 96). Marx habe eine Art Soziologie der kapitalistischen Ökonomie gegeben und eine Art von soziologischer Erklärung des Profits geliefert (1901, 116f, 127). Das Problem der "reinen" Ökonomie sei damit aber noch nicht erledigt; neben der Ökonomie der Moderne (des Kapitalismus), der Ökonomie der Antike und der des Mittelalters müsse es doch noch eine allgemeine Ökonomie für alle Zeiten geben. Marx' gebe eine Art von historisch-komparativer Darstellung des Kapitalismus. Die Arbeit der "reinen" Ökonomen wie Pareto oder Pantaleoni sei dadurch nicht überflüssig - im Gegenteil. Croce erhebt dreierlei Einwände gegen die Marxsche Theorie: Sie sei eben keine allgemeine ökonomische Theorie, ihr Wertbegriff sei kein allgemeiner Begriff (1901, 117). Alle ungelösten Probleme der Marxschen Ökonomie hingen damit zusammen, daß Marx sich nicht auf die reine Ökonomie einlassen wolle (1901, 120f). Zum zweiten bezweifelt er die von Marx gegebene Darstellung der Werttheorie. Marx selbst sei sich nicht im klaren über sein Verfahren: seine Werttheorie und ebensosehr seine Theorie des Mehrwerts seien elliptische Vergleiche (1901, 226), sie beruhten auf einem von Marx konstruierten Idealzustand einer klassenlosen Gesellschaft von reinen Produzenten (1901, 102, 228), an dem er die Verhältnisse im abstrakten Kapitalismus normativ messe. Tatsächlich vergleiche er einen Aspekt der Ökonomie im allgemeinen - das Problem der gesellschaftlichen Arbeit - mit der spezifischen Art und Weise, wie dies Problem im Kapitalismus gelöst werde (1901, 108f, 112). Zum dritten hält er Marx' Begründung des Gesetzes vom tendentiellen Fall der Profitrate für verfehlt. Es liesse sich vielmehr zeigen, daß im Gegensatz zu der von Marx behaupteten Tendenz die Masse der Profite sinken und die Rate des Profits im Gang der kapitalistischen Entwicklung steigen müsse (1901, 237ff).

Croce ist nach 1900 sicherlich kein Marxist mehr; er bleibt der Sozialistischen Partei noch lange verbunden, widmet sich aber fast ausschließlich seinen philosophischen, historischen und literarischen Arbeiten. Er wird zu einer Art geistiger Institution in Italien, eine unbestrittene und fast unangreifbare moralische und intellektuelle Autorität, eine internationale Berühmtheit, eine Art "Laienpabst", der über allen Fraktionen und Parteien schwebt, wie Gramsci ihn später beschreibt.

Gramsci ist, wie alle jungen Intellektuellen mit literarischen Neigungen (er studiert Literaturwissenschaft) von Croce beeindruckt und geprägt. Er ist Croceaner, lange bevor er sich ernsthaft über seinen "Marxismus" Rechenschaft abzulegen beginnt. So ist die Auseinandersetzung mit Croces ausführlicher Marx-Kritik für Gramsci unerläßlich, zumindest zur Selbstverständigung. Intellektuelle, die sich kritisch und produktiv mit dem Marxschen Werk befassen und dies in verschiedenen Richtungen fortschreiben, wie die Gruppe der Austromarxisten in Österreich oder Kautsky, Hilferding, Luxemburg in Deutschland, gibt es in Italien nicht. Antonio Labriola wird von seinem Schüler Croce weit in den Schatten gestellt, was Produktivität und Einfluß betrifft. Es führt also kein Weg an Croce vorbei.

In den Quaderni kommt Gramsci immer wieder auf ihn zurück. Er sammelt und systematisiert seine Einwände, die in einen geplanten, nie geschriebenen Aufsatz über Croce eingehen sollten. Gramsci übernimmt eine Reihe von Problemen, die aus Croces Auseinandersetzung mit Marx stammen: Die Frage nach dem Status und Erklärungswert der Werttheorie, die Frage, wie sich die "reine" Ökonomie zur Marxschen ökonomischen Theorie verhält, die Frage nach der Eigenart der von Marx im KAPITAL gebrauchten Methode.

Im Streit um die Frage, ob der Marxismus eine Philosophie sei bzw. eine brauche, hält Gramsci es mit Labriola und stellt sich gegen Croce, der dem Marxismus die Würde einer Philosophie abspricht. Marx hat nach Gramscis Ansicht - die in den Quaderni des öfteren formuliert wird - eine eigene, komplette Weltanschauung begründet, eine Weltanschauung, die ebenso originell, ebenso integral sei wie etwa das Christentum (vgl. z.B. Gefängnishefte 4, 888). Diese Philosophie, darin ist Gramsci wieder mit Labriola einig, steckt nicht in einer bestimmten Abhandlung, sie ist überhaupt nie in systematischer Form von ihrem Schöpfer dargestellt worden; dennoch ist sie in dessen gesamtem Werk enthalten und muß nur aufgesucht werden (vgl. Gefängnishefte 2, 352f). Weil Marx "seine intellektuellen Kräfte anderen, besonders ökonomischen Problemen (in systematischer Form) gewidmet hat" (Gefängnishefte, 6, 1426), ist die "Philosophie der Praxis" nur "in Gestalt von Aphorismen und praktischen Kriterien" entstanden (ebd). Aus dieser richtigen Bemerkung folgert Gramsci keineswegs, daß man beim Versuch, sich über den Inhalt dieser neuen "Weltauffassung" zu verständigen, Marx' Kritik der Politischen Ökonomie ignorieren könne (wie Riechers 1970, 129 vermutet). Gramsci wendet sich wiederholt gegen den Irrtum, Marx' Philosophie aus seinen philosophischen Bildungselementen bzw. seinem Bildungsgang rekonstruieren zu wollen - entscheidend sei, was Marx daraus gemacht habe (vgl. Gefängnishefte, 3, 471; 6, 1429 u.ö.). Zu diesen Bildungselementen, die in die Philosophie der Praxis eingegangen sind, gehört selbstverständlich auch die klassische englische Ökonomie, vor allem die Ricardos. Gramsci schreibt gerade dem neuen, von Ricardo in die Politische Ökonomie eingeführten Theorietyp eine weitergehende philosophische Bedeutung zu (vgl. Gefängnishefte 6, 1262, 1467; siehe unten). 11 An einer häufig zitierten Stelle der Quaderni bemerkt Gramsci, daß die "Philosophie" eines Wissenschaftlers (einer "großen Persönlichkeit" wie z.B. Marx) keineswegs in dessen explizit "philosophischen" Schriften oder Äusserungen enthalten sein müsse, die "wirkliche" Philosophie eines Politikers könne statt dessen gerade in seinen formell unphilosophischen, politischen Schriften zu suchen und zu finden sein (vgl. Gefängnishefte 3, 511; 6, 1479). Auf Marx bezogen, hieße das nichts anderes als daß dessen "Philosophie der Praxis" sehr wohl in seiner Kritik der Politischen Ökonomie stecken kann und dort gesucht werden muß, zumal die "beherrschende und vorherrschende Tätigkeit", in der es das Denken jeder solchen Persönlichkeit nach Gramsci zu suchen gilt, im Fall Marx unbestreitbar die Kritik der politischen Ökonomie ist.(12)

Croces Problemstellung folgend liest Gramsci Schriften der akademischen, reinen Ökonomen in Italien - Pareto, Einaudi, Pantaleoni -, soweit sie ihm zugänglich sind. Meistens handelt es sich um Rezensionen oder Zeitschriftenaufsätze zu aktuellen Themen. Die wenigen sozialistischen Ökonomen Italiens - Achille Loria, Antonio Graziadei - kann er ebenfalls nicht ignorieren. Dazu ist der Einfluß zu groß, den sie auf die sozialistische Bewegung und auf das offizielle Bild des "Marxismus" in Italien haben. Beide sind berüchtigte Eklektiker und Marx-Töter im kleinen. Beide lieben es, Marx mit Hilfe mehr oder minder abenteuerlicher Wortneuschöpfungen mit der herrschenden akademischen Lehre der Ökonomie zu versöhnen; beide sind Champions in der schon damals beliebtesten akademischen Disziplin, der Neuerfindung des Rades. Die erste vernichtende Kritik der Schriften Lorias in Italien stammt von Croce (1896)'3, der ihn im Anschluß an Engels' Angriff im Vorwort zum dritten Band des KAPITAL als einen Plagiator und Wortverdreher, als platten Vulgarisator der Marxschen Theorie abfertigt. Loria genießt in den Quaderni besondere Aufmerksamkeit. Dies Genie der Begriffsverwirrung, der "Popularisierer, im schlechtesten Sinn, des historischen Materialismus "(Gefängnishefte 4, 871) dient Gramsci als Prototyp einer intellektuellen Spezies: des "Lorianismus". Loria, der mit seiner Mischung von Unwissenheit, Marktschreierei und totaler Konfusion die postmodernen Intellektuellen vorwegnimmt, tauft seine Version von "Marxismus" auf den Namen des "historischen Ökonomismus".(14) Vieles von dem, was in Italien zu Gramscis Zeiten als "Marxismus" gilt, ist tatsächlich der Loriasche "historische Ökonomismus" (vgl. Gefängnishefte 4, 871). Darüber hinaus ist Gramsci der Ansicht, daß der Unterschied zwischen der Art, in der eine Geistesgröße wie Croce und ein intellektueller Quacksalber wie Loria den Marxismus "ökonomistisch" interpretieren, nicht allzu groß ist (Gefängnishefte 6, 1250). Loria könnte also als eine Art von Vulgärform Croces angesehen werden. In den Quaderni sammelt Gramsci eifrig Exemplare der Spezies "Lorianismus", die offenbar als Beispiele in seiner geplanten Studie zur Geschichte der Intellektuellen in Italien dienen sollen.

Das zweite Element, das in Gramscis Auseinandersetzung mit der Ökonomie eine große Rolle spielt, ist die Kanonisierung der Marxschen Kritik der Politischen Ökonomie zu einer speziellen Lehre des Marxismus-Leninismus, die bereits in den zwanziger Jahren in der Sowjetunion einsetzt. Gramsci kannte das von den sowjetischen Ökonomen Lapidus und Ostrowitjanow in den zwanziger Jahren verfaßte und in viele Sprachen übersetzte Handbuch der Politischen Ökonomie (er bezog sich auf die französische Ausgabe von 1929).'5 Dieses Werk stellt den ersten Versuch einer Kanonisierung dessen dar, was seit Ende der zwanziger Jahre zur offiziellen Partei- und Staatswissenschaft des "Marxismus-Leninismus" erhoben wird. Für Gramsci war es ein einziges Ärgernis (vgl. vor allem Gefängnishefte, 6, 1275, 1295ff). Er hält dies Lehrbuch für verfehlt und durchaus nicht "wissenschaftlich", sondern "dogmatisch" und der Entwicklungsphase, in der sich der Marxismus in den zwanziger und dreißiger Jahren befindet, völlig unangemessen. Was für Bucharins Gemeinverständliches Lehrbuch gilt, das gilt sinngemäß auch für das Handbuch der Politischen Ökonomie: "Ist es möglich, ein Elementarbuch, ein Handbuch ... von einer Lehre zu schreiben, die noch im Stadium der Diskussion, der Auseinandersetzung, der Ausarbeitung ist? ... Wenn eine bestimmte Lehre dieses 'klassische' Entwicklungsstadium noch nicht erreicht hat, muß jeder Versuch, sie 'in Lehrbuchform zu bringen' notwendig scheitern" (Gefängnishefte 4, 883; 6, 1418f). Die entscheidende Frage ist natürlich, ob das, was Gramsci von der "Philosophie der Praxis" sagt, auch für die Marxsche Ökonomie gilt. Wie unfertig ist die Kritik der Politischen Ökonomie? Wie wichtig sind ihre bekannten ungelösten Probleme zu nehmen? Gramsci äußert sich nicht dazu. Wenn auch die Marxsche Kritik der Politischen Ökonomie noch keineswegs ein geschlossenes "System" ist, die Marxschen Forschungen nicht als abgeschlossen gelten können, sondern auch nach seinem Tode weitergeführt werden können und müssen, dann wäre die adäquate Form der popularisierenden, einführenden Darstellung ein Buch, "in dem die Reihe der wesentlichen Probleme der Lehre monographisch dargestellt wird" (Gefängnishefte 4, 883; 6, 1419). Das wäre nicht nur "seriöser und wissenschaftlicher" (ebd), sondern auch notwendig, da "viele Aussagen der kritischen Ökonomie ... 'mythisiert' worden" sind, wie Gramsci am Beispiel des "Gesetzes" vom tendentiellen Fall der Profitrate erläutert (Gefängnishefte 6, 1293f). Eine derartige "Mythenbildung" - wie etwa im Fall des Marx von Freund wie Feind zugeschriebenen "Verelendungsgesetzes" oder des "Zusammenbruchsgesetzes" - könne "praktische [politische MK] Bedeutung" gehabt haben und immer noch haben (Gefängnishefte 6, 1294). Dennoch ist sie wissenschaftlich wertlos.

Natürlich spielt bei Gramscis Ablehnung des offiziellen Lehrbuchs der sowjetmarxistischen Politischen Ökonomie die schlichte Tatsache eine Rolle, daß vielen marxistischen Intellektuellen im Westen die sowjetische ökonomische Diskussion - in russischer Sprache geführt - nicht bekannt und nicht zugänglich war. Arbeiten von I.I. Rubin oder E. Preobrashensky wurden zwar in den zwanziger Jahren geschrieben und veröffentlicht, aber eben in russischer Sprache; Übersetzungen kamen erst gute fünfzig Jahre später. Auch von den zeitgenössischen Arbeiten marxistischer Ökonomen außerhalb Italiens, etwa den Schriften Sternbergs oder Grossmanns, erfährt Gramsci nur aus Rezensionen (vgl. Gefängnishefte, 4, 895; 6, 1290); Gelegenheit, sie zu studieren, hatte er nicht. Die Bände der ersten MEGA bekam er nicht zu Gesicht, ebensowenig wie die Marxschen Schriften, die im Gang der Arbeit an der MEGA entdeckt und erstveröffentlicht wurden (Ökonomisch-Philosophische Manuskripte und Grundrisse zur Kritik der Politischen Ökonomie).

Gramscis Hauptinteresse in der Auseinandersetzung sowohl mit der Marx-Kritik Croces als auch mit der Kanonisierung der Marxschen Ökonomie im Sowjetmarxismus gilt der Methodologie: Wodurch unterscheidet sich die "kritische" Ökonomie von der "reinen"? Inwiefern und wodurch ist sie dieser überlegen? Ist die "reine" Ökonomie, wie sie in Italien zum Beispiel von Pantaleoni vorgetragen wird, reine Ideologie? Oder vielleicht doch eine eigenartige Form von Wissenschaft - mit einem speziellen, ideologischen Gebrauchswert? Gibt es eine Art von Darstellung und Beweisführung, etwa der Kombination von theoretischer Ableitung und historischer Beschreibung, von Deduktion und Induktion, die gerade einen der Gründe für die "Überlegenheit der kritischen Ökonomie über die reine Ökonomie" bildet (Gefängnishefte, 6, 1294)? Ist die "reine" Ökonomie tatsächlich reine Vulgärökonomie oder sind von ihr auch in der Periode der Nach- und Neoklassik noch wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen?

Gramsci betont die Notwendigkeit, die Kritik der Politischen Ökonomie fortzuschreiben: Seine Überlegungen zum Taylorismus und Fordismus münden in die Aufforderung, Marxsche Theoreme über die langfristige Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise, vor allem das vom tendentiellen Fall der Profitrate, auf dieser neuen Grundlage auch neu zu studieren: Dieses Theorem (oder Gesetz) "müßte auf Grundlage des Taylorismus und des Fordismus studiert werden"(Gefängnishefte, 4, 889; 6, 1318f). Beides liesse sich interpretieren als "progressive Versuche, das tendenzielle Gesetz aufzuheben" (Gefängnishefte 6, 1318). Bei "fortschreitender Zunahme des konstanten Kapitals" kämen dank dieser beiden Methoden der Organisation der Produktion eine wachsende Zahl von Variablen ins Spiel, die es erlauben, die Tendenz zur Erhöhung der organischen Zusammensetzung des Kapitals zu bremsen, und den jeweiligen Pionierunternehmen bzw. -industrien ganz erhebliche Extraprofite bescheren. Gramsci zählt ohne Anspruch auf Vollständigkeit einige davon auf: verbesserte Maschinerie, verbessertes Rohmaterial bzw. Halbfabrikat, Verringerung des Ausschusses, Ausnutzung von Nebenprodukten, bessere Energienutzung und - last not least - Bindung von qualifizierten Arbeitern an einen bestimmten Betrieb durch eine Politik der hohen Löhne (vgl. Gefängnishefte 6, 1319). Er sieht, daß die Ausbreitung der neuen Methoden zum Verschwinden der Extraprofite für die Pionierunternehmen, zu wiederum steigenden Kosten und daher immer wieder zu neuen Krisen führt; eine lang anhaltende Prosperität im Zeichen des Fordismus kann er sich nicht vorstellen (vgl. Gefängnishefte 4, 889; 6, 1319f).(16)

Es gibt aber für marxistische Ökonomen noch mehr zu tun als Marxsche Theoreme weiter auszuarbeiten und zu testen: Es sei eine "nützliche Arbeit", "systematisch die 'Hypothesen' irgendeines großen 'reinen' Ökonomen", z.B. die Maffeo Pantaleonis, auf eine besondere Weise zusammenzustellen, eine Weise, "die zeigt, daß sie eben die 'Beschreibung' einer bestimmten Gesellschaftsform sind" ( Gefängnishefte, 6, 1278). Das ist aber nichts anderes als die Aufforderung, die Kritik der Politischen Ökonomie, die zugleich auch eine Kritik der Theorien der klassischen englischen Ökonomie ist, fortzuschreiben und durch die Kritik der zeitgenössischen, der neoklassischen Ökonomie zu ergänzen.

4. Klassische, Kritische und Reine Ökonomie bei Gramsci

In den Quaderni finden sich auch - und zwar entgegen dem gängigen Mythos in überraschender Vielzahl - Notizen und Überlegungen zur Kritik der Ökonomie und zur Erneuerung der "kritischen" Ökonomie.(l7) Immer wieder notiert Gramsci "Punkte zum Überlegen beim (oder auch fürs MK) Studium der Ökonomie" (bzw. "zum Nachdenken über die Ökonomie") (vgl. Gefängnishefte, 6, 1274f, 1276ff, 1280f, 1287f, 1294ff, 1346, 1352 ) oder "Kleine Notizen zur Politischen Ökonomie" oder "Kleine Anmerkungen zur Ökonomie" (vgl. Gefängnishefte, 5, 1069f; 6, 1267; 7, 1741, 1759, 1762 ). Manches findet sich auch in seinen Notizen zu dem geplanten Aufsatz über Croce (Gefängnishefte, 4, 896; 5, 1073; 6, 1250, 1289f, 1291ff, 1298f, 1317f, 1320f, u.ö. ) oder in kurzen Exzerpten aus bzw. Notizen zu anderen Autoren (z.B. Einaudi, Graziadei) (vgl. z.B. Gefängnishefte, 1, 135f; 4, 877f, 884f, 887, 896; 5, 1032f, 1035, 1131; 6, 1432f, 1465ff; 7, 1741f u.ö.).

Als "kritische" Ökonomie bezeichnet Gramsci Marx' Kritik der Politischen Ökonomie - im Gegensatz zur "reinen" Ökonomie, die er mitunter auch als "orthodoxe" oder "liberale" Ökonomie bezeichnet (vgl. Gefängnishefte, 5, 1015; 6, 1274f, 1281, 1288, 1318; 7, 1681, 1762 u.ö.). Gelegentlich nennt er Marx den "Verfasser der kritischen Ökonomie" (Gefängnishefte 6, 1437). "Kritische" im Gegensatz zu "reiner" Ökonomie sei "historizistische" Ökonomie (Gefängnishefte 6, 1281), die "gesamte Konzeption der kritischen Ökonomie ist historizistisch" (Gefängnishefte 6, 1296), denn die "Kritik" der Ökonomie beginne mit dem "Begriff der 'Geschichtlichkeit' des 'bestimmten Marktes' und von dessen 'Automatismus'", während die "reine" Ökonomie diese Elemente als "ewig" und "natürlich" (voraus)setze (Gefängnishefte 5, 1015; 6, 1466). Die "Kritik" der politischen Ökonomie analysiere "realistisch die Kräfteverhältnisse, die den Markt bestimmen", sie zeige deren "Widersprüche", zugleich die "Modifizierungsmöglichkeiten", die sie enthalten. Sie führe die "'Hinfälligkeit' und 'Ersetzbarkeit' der kritisierten Wissenschaft vor" und finde beim Studium der modernen Ökonomie "in ihrem Innern die Elemente, die sie auflösen und unfehlbar aufheben werden" (Gefängnishefte 5, 1015; 6, 1466). Mit "historizistisch" sind also die Elemente der Bewegung, der Entwicklung und der tendentiellen Selbstzerstörung gemeint, denen Marx beim Studieren des "Automatismus", der Wirkungsweise der modernen, kapitalistischen Marktökonomie auf die Spur kommt. Allerdings behauptet Gramsci auch von der "klassischen" Ökonomie, sie sei "die einzige 'historizistische' unter dem Schein ihrer Abstraktionen und ihrer mathematischen Sprache" (Gefängnishefte 5, 1069). Denn den Begriff des "bestimmten Marktes" schreibt Gramsci bereits den klassischen Ökonomen, in erster Linie Ricardo zu (Gefängnishefte 4, 884; 5, 1069; 6, 1262, 1465). Es gibt "Grundbegriffe" und "Grundprinzipien" der Ökonomie, mit denen sich die "Logik dieser Wissenschaft" erfassen läßt (Gefängnishefte 4, 877) sie sind für die "klassische" Ökonomie ebenso gültig wie für die "kritische" und selbst die "reine" Ökonomie. Allerdings werden die gleichen Grundbegriffe - der des "bestimmten Marktes", der des "homo oeconomicus" - in der "reinen" Ökonomie und in der "kritischen" Ökonomie ganz anders aufgefaßt. Folglich muß es auch einen methodologischen Unterschied zwischen "reiner" und "kritischer" Ökonomie geben.

Gramsci schwankt bei der Bestimmung der Grundbegriffe bzw. des Grundbegriffs und des (historischen und logischen) Ausgangspunkts der Ökonomie. Mal ist es der "homo oeconomicus", eine Abstraktion, die Gramsci für grundlegend und für historisch bestimmt hält es ist "eine bestimmte Abstraktion" (Gefängnishefte 6, 1287; vgl. Gefängnishefte 6, 1267, 1277f, 1295 ). Gramsci bezeichnet das Konzept des "homo oeconomicus" sogar als einen "für die klassische Ökonomie spezifischen abstrakten Begriff"(Gefingnishefte 6, 1356). Daneben ist es immer wieder der Begriff des "bestimmten Marktes", eine historisch bestimmte Abstraktion, die Gramsci wiederholt zu erläutern sucht: Märkte schlechthin, die es in verschiedenen Formen zu allen Zeiten und in allen Gesellschaften gibt, genügen nicht; gemeint ist auch nicht eine bestimmte Marktform (Konkurrenz - Oligopol - Monopol). Gemeint ist ein Markt, der genügend umfangreich, genügend dicht, der zu einem "Automatismus" der Austauschverhältnisse und -handlungen geworden ist, die daher eine beobachtbare "Gleichförmigkeit", "Regelmäßigkeit" und "Vorhersehbarkeit" aufweisen. Erst ein solcher Markt - der Markt "im historischen Milieu einer kapitalistischen Ökonomie" - läßt sich als besonderes Phänomen studieren (Gefängnishefte 4, 884; 5, 1015; 6, 1262, 1281, 1288, 1465). Beide Grundbegriffe sind miteinander verbunden: Die Verhaltensweisen und Handlungsorientierungen, die mit dem Begriff des homo oeconomicus umschrieben werden, kommen erst zustande - und können daher auch erst studiert werden, wenn sich ein hinreichend stabiler Markt"automatismus" ausgebildet hat, der viele Individuen in ihren alltäglichen Handlungen einschließt und beherrscht. Dazu kommt als drittes der Begriff der Produktion, d.h. daß man "die Produktion neuen wirklichen Reichtums" und nicht Umverteilungen bestehenden Reichtums untersucht (Gefängnishefte 4, 884), mithin entdeckt, daß der Reichtum insgesamt durch Produktion, also durch Arbeit entsteht und "in der Arbeit besteht" (Gefängnishefte 6, 1276).

Allerdings gibt es diese Grundbegriffe der Ökonomie in verschiedenen Fassungen: klassisch, kritisch und rein (nachbzw. neoklassisch). Gramsci beschreibt die Auffassung, die Marx gemäß wäre: Der "homo oeconomicus" ist eine Abstraktion, aber keine un- oder außerhistorische, sonder eine historisch bestimmte Abstraktion, die "Abstraktion der ökonomischen Aktivität einer bestimmten Gesellschaftsform" (Gefängnishefte 6, 1267). Es gibt ihn nicht im allgemeinen. "Jede gesellschaftliche Form hat ihren 'homo oeconomicus', das heißt eine ihr eigene ökonomische Aktivität" (ebd). Mit der Veränderung der gesellschaftlichen Form bzw. ihrer ökonomischen Struktur muß sich auch die entsprechende Aktivität oder "ökonomische Betätigungsweise" verändern (ebd). So läßt sich per Abstraktion der "Typus eines jeden der Akteure oder Protagonisten der ökonomischen Aktivität, die in der Geschichte aufeinander gefolgt sind", bilden: "der Kapitalist, der Arbeiter, der Sklave, der Sklavenhalter, der Feudalbaron, der Leibeigene" (Gefängnishefte 6, 1295). Um solche bestimmten Abstraktionen vornehmen zu können, braucht man eine relative homogene ökonomische Handlungsweise ("einen relativ homogenen Typus des ökonomischen Menschen") (ebd). In der "kritischen" Ökonomie werde diese Abstraktion durchgeführt, indem im Ausgang vom Wertbegriff gezeigt werde, wie der Tauschwert in den alltäglichen Handlungen, in Gewohnheiten, Bedürfnissen, Vorlieben das Handeln dominiert und "der Gebrauchswert potentiell auf den Tauschwert reduziert wird" (Gefängnishefte 6, 1287). Allerdings sehen die "reinen" Ökonomen das anders. Zwar bemerkt Gramsci zu Recht, daß ihr Begriff vom (nutzenmaximierenden) "homo oeconomicus" keine mathematische Abstraktion ist, obwohl sie in mathematischer Form (als Verhaltensannahme - Maximierung bzw. Optimierung) auftritt (vgl. Gefängnishefte 6, 1277). Aber das ändert nichts daran, daß dieser Grundbegriff durchaus "allgemein" und überhistorisch, wenn auch nur heuristisch, gemeint ist. Ebensowenig macht Gramsci sich deutlich, was den spezifischen Gehalt dieses Grundbegriffs in der klassischen Ökonomie ausmacht (vgl. Gefängnishefte 6, 1356).

Diese Unklarheit findet sich auch in Gramscis Umgang mit dem "bestimmten Markt". Er nimmt sich vor: "Festgelegt werden muß der Begriff des bestimmten Marktes. Wie er in der 'reinen' Ökonomie und wie er in der kritischen Ökonomie angenommen wird" (Gefängnishefte 6, 1288). Die "reine" Ökonomie handelt vom Markt schlechthin (genauer gesagt vom einfachen Tauschhandel), sie versteht unter "Markt" und "Austausch" eine "generelle(n) ökonomische(n) Aktivität", abstrahiert willkürlich von "allen in der Weltgeschichte aufgetretenen ökonomischen Akteuren" und geht zum "biologischen Menschen" (und dessen "natürlicher Neigung zum Austausch") zurück (ebd).

Für die kritische Ökonomie dagegen sei der "bestimmte Markt" ein höchst komplexer Begriff, das "Ensemble der konkreten ökonomischen Aktivitäten einer bestimmten gesellschaftlichen Form", ein zusammenfassender Ausdruck für eine Vielzahl von Verhältnissen innerhalb einer gegebenen ökonomischen Struktur (vgl. Gefängnishefte 6, 1281, 1465). Es ist ein Strukturbegriff: Wodurch wird der "bestimmte Markt" bestimmt? Durch "die grundlegende Struktur der in Rede stehenden Gesellschaft" bzw. diejenigen relativ konstanten Elemente dieser Struktur, die eine relativ unveränderliche Struktur des Marktes im Kontext dieser Gesellschaft festlegen (Gefängnishefte 5, 1069). Es ist dennoch ein abstrakter Begriff. Denn erstens werde von "der individuellen Vielfalt der ökonomischen Akteure" der gemeinten Gesellschaft (des modernen Kapitalismus) abstrahiert (Gefängnishefte 6, 1288) - und zweitens vom Staat bzw. von der "bestimmten politischen, moralischen, juristischen Superstruktur" (Gefängnishefte 6, 1465), die den Bestand jenes Ensembles von Marktverhältnissen garantiere. Dieses zweite, zentrale Element der "bestimmten Abstraktion" der modernen, kapitalistischen Marktökonomie ist höchst bemerkenswert, auch weil Gramsci es der "klassischen" Ökonomie zuschreibt. Der moderne Staat, selbst ein ökonomischer Akteur sui generis innerhalb der Gesamtheit der modernen Produktions- und Austauschverhältnisse, sei als Gesetzgeber und Regulator, der "dem bestimmten Markt die gesetzliche Form gibt, in der alle ökonomischen Akteure sich ... bewegen" (Gefängnishefte 6, 1271), selbst "ein Element des bestimmten Marktes", eine Bedingung jeder kollektiven und individuellen ökonomischen Aktivität in dieser Marktökonomie (ebd). Um ökonomisches Handeln in einer solchen Marktökonomie "rein" zu untersuchen, müsse man vom Staat abstrahieren, d.h. von der organisierten, politischen Gewalt und der von ihr geschaffenen "Gewaltsituation" - Schutz und Garantie des Eigentums, d.h. des Monopols der Produktionsmittel, und der Unterordnung der Arbeitskraftbesitzer (vgl. Gefängnishefte 4, 896; 6, 1271, 1317). Man müsse nicht nur vom Staat und seiner Gewalt absehen, sondern "von den 'Staaten' (ich sage absichtlich 'Staaten')", d.h. von den Verhältnissen der Staaten untereinander, vom Staatensystem und der dadurch bestimmten Struktur des Weltmarkts (Gefängnishefte 4, 896; 6, 1317). Hinter der bestimmten Abstraktion des bestimmten Marktes steckt also eine implizite Staatstheorie, eine "Theorie über den Staat als ökonomischen Akteur", die Gramsci in erster Linie bei Ricardo finden zu können meint (Gefängnishefte 6, 1317; vgl. 4, 896). Gramsci geht nicht weiter hierauf ein, obwohl er weiß, daß auch die "liberalen" und "reinen" Ökonomen in diesem Punkt nicht naiv sind. Die alte Diskussion um die Grenzen der Staatstätigkeit gilt ihm als die "wichtigste politikwissenschaftliche Diskussion", die dazu dient, die "Grenzen zwischen Liberalen und Nichtliberalen" zu bestimmen (Gefängnishefte 2, 434); viele theoretische Meinungsverschiedenheiten in der Ökonomie haben ihren Grund in verschiedenen Staatsauffassungen, im Streit um das "richtige" Verhältnis von Staat und Markt (vgl. Gefängnishefte 4, 773f). Die Unterschiede zwischen der klassischen und der kritischen Ökonomie in diesem Punkt kümmern Gramsci nicht, beide sind ihm "Ökonomie ohne Staat". Die eigentlichen Probleme jeder "ökonomischen Staatstheorie" inwiefern der "Automatismus" eines bestimmten Marktes und die staatliche Regulierung dieses Marktes zusammenhängen bzw. einander bedingen, inwiefern ökonomische Aktivitäten auf Märkten und bestimmte Staatstätigkeiten außerhalb jedes Marktes einander bedingen - sieht er nicht bzw. hält er mit dem Hinweis auf die staatliche Eigentumsgarantie für abgemacht.

Gramsci neigt also dazu, die "kritische" (Marxsche) Ökonomie und die klassische Ökonomie zusammen zu sehen - beide gehören dem gleichen, "historizistischen" Theorietyp an. Und er neigt dazu, die "reine" wie die "klassische" Ökonomie der "wissenschaftlichen" Ökonomie schlechthin zuzuschlagen; aber er sieht und betont den Unterschied zwischen dem "Hypothesentyp" (oder Wissenschaftstyp) der "kritischen" und dem der (nachklassischen) "reinen" Ökonomie. Wie die methodologischen Unterschiede zwischen den drei Varianten der selbständigen, neuen Wissenschaft der Ökonomie, die er vor sich hat, zu bestimmen sind, darüber ist er sich im unklaren. Ohne daß er es klar formuliert, kämpft Gramsci mit einem doppelten Problem: (a) Was ist das Neue, das Epochemachende in der Marxschen "Kritik der Politischen Ökonomie", wodurch und inwiefern hat Marx, wie er für sich beanspruchte, die Wissenschaft der Politischen Ökonomie "revolutioniert", wodurch unterscheidet sich die Marxsche theoretische Ökonomie von der ebenfalls "wissenschaftlichen" Ökonomie der Klassik und welche Bedeutung hat diese Neuerung für die Sozialwissenschaften insgesamt? (b) Hat Marx Recht, wenn er behauptet, daß mit der Auflösung der Ricardoschen Schule um 1830 herum zugleich auch das Ende der "wissenschaftlichen" Ökonomie gekommen sei, so daß es fortan nur noch "Vulgärökonomie" und "kritische" Ökonomie geben könne? Oder gibt es auch nach Marx noch eine "klassische" Ökonomie? Da Gramsci Ricardos Beitrag zur Politischen Ökonomie wiederholt eine mehr als fachökonomische, ausdrücklich auch "philosophische" Bedeutung zumißt, kann er Marx' "kritischer" Ökonomie eine derartige "philosophische" Bedeutung - für die "Philosophie der Praxis" - kaum absprechen. Da ihn die Frage nach der "Politik als autonomer Wissenschaft", d.h. des "Platzes, den die Politische Wissenschaft in einer systematischen (kohärenten und konsequenten) Weltauffassung" (Gefängnishefte 7, 1546) stark beschäftigt, kann ihn die komplementäre - und nach der Materiallage selbst vorgängige Frage nach der Form und dem Inhalt, den die "Politische Ökonomie als autonome Wissenschaft" in der Behandlung durch Marx erhalten hat, nicht kalt lassen.

Gramsci deutet an, unter welchen Voraussetzungen, die neue Wissenschaft der Ökonomie überhaupt zustande kommt. Wann ist es möglich, daß sich "ökonomische" und "politische" Wissenschaft scheiden, zu zwei selbständigen Denkformen werden? 18 Historisch bilden sich "bei einem gewissen Entwicklungsgrad des Weltmarktes" die Elemente eines "bestimmten Markts" und eines "vorgeformten 'ökonomischen Mechanismus'" heraus; erst in einem solchen, historisch bestimmbaren "politisch-gesellschaftlichen Milieu" kann "das ökonomische Denken nicht [mehr MK] im allgemeinen politischen Denken aufgehen" (Gefängnishefte 5, 1033). Ein solches Milieu wird von den klassischen Ökonomen vorgefunden und - theoretisch - vorausgesetzt. Was ist daher der spezifische Begriff und was ist die historisch bestimmte Tatsache, die der "modernen Wissenschaft der Ökonomie" zugrundeliegen - "unabhängig von den anderen Begriffen und Tatsachen, die zu den anderen Wissenschaften gehören" (Gefängnishefte 6, 1318)? Es kann nur "die der Ware sein, der Produktion und Distribution von Waren, und kein philosophischer Begriff" (ebd.). Das aber ist genau Marx' kritische Auffassung, die keineswegs dem Selbstverständnis der klassischen noch dem der nachklassischen. reinen Ökonomie entspricht. Selbst wenn damit der Ausgangspunkt, die historische Bedingung der Möglichkeit einer Wissenschaft der Ökonomie erfaßt wäre, der gemeinsame Ausgangspunkt erklärt keineswegs, warum und wie sich die Ökonomie dann weiter entwickelt - als "klassische" Ökonomie, hin zur "kritischen" Ökonomie und schließlich - gegen die "klassische" wie gegen die "kritische" Ökonomie gewandt - zur "reinen" Ökonomie. Gramsci kann und will nicht bestreiten, daß "die Wissenschaft von der Ökonomie eine Wissenschaft sui generis ist, sogar einzig in ihrer Art" ( Gefängnishefte 6, 1352 ). Sie ist keine Naturwissenschaft, auch keine "'historische' Wissenschaft im gewöhnlichen Wortsinn" (ebd). Im Blick auf die "reine" Ökonomie (nach der Klassik und nach Marx) betont er, daß sie nicht in die Nähe der Mathematik zu rücken sei, obwohl manche mathematische Ökonomen das gerne sähen (ebd). Aber dann darf man die Frage stellen, "ob die reine Ökonomie eine Wissenschaft ist oder ob sie 'etwas anderes' ist", das sich streng wissenschaftlicher Methoden bedient - wie z.B. auch die Theologie (Gefängnishefte 6, 1288). Gramsci ist sich selbst über den Gehalt und den methodologischen Status des "Grenznutzen"konzepts nicht klar (vgl. Gefängnishefte 6, 1272, 1274, 1287; 7, 1760 u.ö.). Er sieht, daß die reine Ökonomie dabei ist "das historizistische Postulat" zu verabschieden, d.h. die Verbindung zu einer Psychologie bzw. Moralphilosophie abzubrechen, wodurch ihr überhistorisches Konzept des ökonomischen Verhaltens einen anderen Inhalt bekommt (vgl. Gefängnishefte 6, 1281; 7, 1759f ). Das Konzept der "rationalen" Entscheidung oder Wahl (des reinen "ökonomischen Prinzips") ist allerdings noch leerer als das des "homo oeconomicus" der Klassik: Es reduziert die Ökonomie auf die Wissenschaft vom "Wählen" zwischen alternativen Zwecken bei knappen und für alternative Zwecke nutzbaren Mitteln (Gefängnishefte 7, 1760). Damit wird der Begriff der Ökonomie bzw. des ökonomischen Verhaltens derart "erweitert und verallgemeinert", daß er empirisch bedeutungsleer wird und mit einer philosophischen (oder mathematischen MK] Kategorie - der der "Rationalität" zusammenfällt (vgl. Gefängnishefte 6, 1281).

Die reine Ökonomie baut auf den verständigen, historisch bestimmten Abstraktionen der klassischen wie der kritischen Ökonomie auf, die die "rein ökonomischen Fakten von den mehr oder minder wichtigen Verbindungen, in denen sie wirklich auftreten" isoliert und ein "abstraktes Schema einer bestimmten ökonomischen Gesellschaft" konstruiert haben (Gefängnishefte 6, 1466). Sie schiebt diese "realistische und konkrete wissenschaftliche Konstruktion" der Klassiker und Marxens beiseite und überlagert sie mit neuen, ahistorischen Abstraktionen, die sich auf den "gattungsmäßigen 'Menschen' als solchen" beziehen (ebd.). Kann man ihren Anspruch, die "wahre", einzig wissenschaftliche Ökonomie zu sein, damit erklären, daß sie sich dank ihrer Abstraktionen von jeder Geschichtlichkeit immer mehr in die Nähe der formalen Logik (der Entscheidung) und der Mathematik (etwa der Spieltheorie) begeben kann und begibt (Gefängnishefte 6, 1288f)? Gramsci hat keine Antwort parat.

Da ihm nicht klar ist, was genau die spezifische Differenz der Marxschen "kritischen" zur "klassischen" Ökonomie ausmacht, hat er Croces These, die "kritische" Ökonomie spiele eine verdienstvolle Rolle - als "vergleichende soziologische Ökonomie" neben der "allgemeine(n) Wissenschaft von der Ökonomie" (Gefängnishefte 6, 1320) - wenig entgegen zu setzen. Im Gegenteil. Er behauptet en passant, die klassische Ökonomie habe zwar den "Anlaß" zur "Kritik der Politischen Ökonomie" geboten, aber "eine neue Wissenschaft oder ein neuer Ansatz der wissenschaftlichen Problematik scheint bislang nicht möglich zu sein" (Gefängnishefte 6, 1466). Gelegentlich bemerkt er, die "kritische" Ökonomie habe nur eine "präzisere Lösung" der von Ricardo vorgegebenen (werttheoretischen) Problematik geliefert (Gefängnishefte 6, 1317). An anderer Stelle umschreibt er die Leistung der "kritischen" Ökonomie als "Vertiefung" - nämlich der theoretischen Untersuchung des Begriffs der "Arbeit", mit dem die Wissenschaft der Ökonomie beginnt, der aber nicht "im allgemeineren Begriff von Fleiß und Tätigkeit ertränkt werden kann"(Gefängnishefte 6, 1277). "Diese Vertiefung ist von der kritischen Ökonomie geleistet worden" (ebd).

Daher hält er einige der von der klassischen Ökonomie gelieferten Lösungen für durchaus nicht überholt und sieht mögliche Übereinstimmungen. Die Theorie der komparativen und abnehmenden Kosten nehme mit der Gleichgewichtstheorie großen Raum in der "modernen offiziellen Ökonomie" ein; Gramsci hält auf jeden Fall die klassische (Ricardosche) Theorie der komparativen Kosten - eines "der grundlegenden Theoreme der klassischen Ökonomie" - für gültig (vgl. Gefängnishefte 5, 1103). Es sei daher zu prüfen, ob dies nicht "mit der marxistischen Theorie des Werts [und des Falls der Profitrate] vollkommen verbunden" ist, ihr etwa "in anderer Sprache entspricht", also " ihr wissenschaftliches Äquivalent in offizieller und 'reiner' Sprache" ist (Gefängnishefte 4, 877). Er betont, daß die orthodoxe Ökonomie "in anderer Sprache dieselben Probleme behandelt" wie die kritische Ökonomie und ist geradezu fasziniert von dem Gedanken, dieselben Probleme müßten sich aus einer Theoriesprache der Ökonomie in eine andere "übersetzen" lassen (vgl. Gefängnishefte 6, 1272,

Man findet in den Quaderni nur wenige Hinweise darauf, was die Eigenart, den besonderen wissenschaftlichen Status der kritischen Ökonomie ausmacht - zumeist im Kontrast zur nachklassischen, reinen Ökonomie. Man findet keine Aussagen darüber, was Marx' Kritik für die "grundlegenden Theoreme der klassischen Ökonomie" bedeutet, wie und wodurch sich Marx' ökonomische Theorie vom "Historizismus" der Klassik unterscheidet, was seine besondere Forschungsmethode, die Methode der "Kritik" ausmachte. Gramsci bezweifelt sogar, daß durch Marx "eine neue Wissenschaft oder ein neuer Ansatz der wissenschaftlichen Problematik" [der Ökonomie MK] begründet worden sei (Gefängnishefte 6, 1466). Aber Gramsci formuliert zumindest den Anfang eines Programms wissenschaftlicher Untersuchung der Methode der Kritik der Politischen Ökonomie, ihres philosophischen Gehalts. Dies Programm beginnt bei der klassischen Ökonomie, genauer bei Ricardo. Ricardo gilt es zu studieren, Ricardo ist für Gramsci eine Art Schlüssel zur Problematik der "kritischen" Ökonomie von Marx, den er als Ricardos gelehrigen Schüler sieht.

Gramsci schreibt an seinen Freund Piero Sraffa (den Herausgeber der Werke Ricardos und späteren Begründer des Neo-Ricardianismus, einer ricardianischen Ökonomie ohne Arbeitswerttheorie) und bittet ihn um Hilfe (indirekt über Tanja Schucht, Brief vom 30. Mai 1932): Gibt es "Spezialliteratur über die Untersuchungsmethoden der Ökonomie bei Ricardo .. und besonders über die Neuerungen, die Ricardo in die methodologische Kritik eingeführt hat?" (Gramsci 1972, 80). Kann man sagen, daß "Ricardo außer in der Geschichte der Ökonomie ..., auch in der Geschichte der Philosophie eine große Bedeutung gehabt hat? Und kann man sagen, daß Ricardo dazu beigetragen hat, den ersten Theoretikern der Philosophie der Praxis den Weg zur Überwindung der Hegelschen Philosophie und zur Ausarbeitung ihres neuen, von jeder Spur spekulativer Logik gereinigten Historizmus zu weisen?" (ebd). Gramsci geht mit dieser Vermutung deutlich über die gängige und unbestrittene Auffassung hinaus, wonach die klassische englische Ökonomie einige wesentliche Bausteine (Theorien nämlich) zur Entwicklung des Marxismus beigetragen hat. Es geht ihm darum zu sehen, "wie und in welchem Maße die klassische englische Ökonomie in der von Ricardo entwickelten methodologischen Form zur weiteren Entwicklung der neuen Theorie beigetragen hat" (Gramsci 1972, 81). Er meint, daß Ricardos Beitrag auch "synthetisch" sei, nämlich "die Weltauffassung und die Denkweise insgesamt betrifft und nicht bloß analytisch (ist) und eine spezielle Theorie betrifft und sei sie noch so elementar" (ebd). Er vermutet, daß wenigstens zwei für die Ökonomie überhaupt grundlegende Begriffe auf Ricardo zurückgehen: der des "begrenzten Marktes" (bestimmten Marktes MK] und der des "Gesetzes der Tendenz" (Gramsci 1972, 80).

In den Quaderni wird dies Programm mehrfach formuliert: Es gelte, die Art und Weise, wie Ricardo ökonomische Gesetze aufgestellt habe, zu studieren, denn dies sei einer der "Ausgangspunkte der philosophischen Erfahrungen" von Marx und Engels, die zum historischen Materialismus geführt haben (Gefängnishefte 5, 1015; 6, 1467). Man müsse untersuchen, ob Ricardo für Marx nicht nur als Ökonom, etwa wegen des Wertbegriffs, wichtig gewesen ist, sondern auch "eine 'philosophische' Bedeutung gehabt hat, eine Denk- und Anschauungsweise des Lebens und der Geschichte nahegelegt hat" (Gefängnishefte 6, 1467). Zu diesem Zweck müsse man sich die begrifflichen und methodologischen Neuerungen ansehen, die Ricardo in die Ökonomie eingeführt habe, um zu prüfen, ob diese "neuen methodologischen Regeln" oder "formal-wissenschaftliche(n) Prinzipien" in der Tat die "Bedeutung einer philosophischen Innovation" gehabt haben (Gefängnishefte 6, 1262). Also müsse man "Ricardos Entdeckungen" auf dem Gebiet der Methodologie erst einmal als Regeln zusammenfassen und ferner "den historischen Ursprung dieser Ricardoschen Prinzipien erforschen" (ebd). Zu diesem Programm würde drittens die Untersuchung der Frage gehören, was denn Marx nun mit diesen methodologischen Neuerungen Ricardos angestellt hat, inwiefern die Auseinandersetzung mit dem Werk Ricardos für ihn eine "philosophische Erfahrung" gewesen ist und welche Folgen diese Erfahrung für seine eigene Arbeit an der Kritik der Politischen Ökonomie gehabt hat. Diesen dritten, notwendigen Schritt seines Arbeitsprogramms formuliert Gramsci nicht explizit, obwohl klar ist, daß der eigentliche Zweck seines Ricardo-Studiums darin besteht, sich über den Ursprung des charakteristischen wissenschaftlichen Hypothesentyps und der charakteristischen und wesentlichen methodologischen Prinzipien der kritischen Ökonomie klar zu werden (vgl. Gefängnishefte 6, 1297). Gramsci bescheidet sich mit der kühnen Behauptung, Marx habe "Ricardos Entdeckungen universalisiert", d.h. auf die gesamte Geschichte ausgedehnt (Gefängnishefte 6, 1262). Daher kommt Ricardo in Gramscis Verständnis eine Schlüsselstellung nicht nur für die kritische Ökonomie, sondern für die Philosophie der Praxis insgesamt zu: Man kann sagen, "daß die Philosophie der Praxis gleich Hegel + David Ricardo ist" (Gefängnishefte 6, 1261).

Welches sind nun die grundstürzenden methodologischen Neuerungen, die Gramsci bei Ricardo vermutet? Er nennt deren zwei - die Methode des "Vorausgesetzt-daß" oder "Gesetzt-daß" (Gefängnishefte 5, 1015; 6, 1467) und die "Tendenzgesetze" (Gefängnishefte 6, 1262, 1290, 1293). Die erste Neuerung, die Gramsci nur knapp umreißt als [Nennen einer] "Prämisse, aus der sich (logisch MK] eine bestimmte Konsequenz ergibt" (Gefängnishefte 6, 1467), ist natürlich keine. Alle klassischen Ökonomen räsonieren gelegentlich in dieser "theoretischen" Weise - was wäre, wenn? - und operieren mit mehr oder minder deutlich formulierten Annahmen. Diese höchst unzureichende Charakterisierung des "deduktiven" Verfahrens, das Ricardo seit jeher zugeschrieben wird, stammt denn auch fast wörtlich aus dem Lehrbuch von Gide/Rist, wo diese Methode als "hypothetische" beschrieben und sogleich behauptet wird, dies habe Marx "inspiriert" (vgl. Gide/Rist 1929, 161f). Von der mehr oder minder gelungenen Formalisierung dieses Verfahrens abgesehen - die Darstellung der Preistheorie im mathematischen Modell wird wenig später versucht (z. B. von Cournot 1838) hängt das Urteil über dies Verfahren von der Art der gewählten Prämissen ab, aber auch von der "Strenge" mit der die notwendigen Abstraktionen durchgeführt werden, die wiederum mit der mehr oder weniger klaren Vorstellung des Theoretikers von seinem "Beweisziel" zusammenhängt. Gramsci weiß natürlich, daß die Art der Annahmen und Abstraktionen zählt, nicht die Abstraktion als solche. Vermutlich meint er hier das Konzept des "bestimmten Marktes", das er Ricardo zuschreibt und was diesem dazu dienen soll, die "ökonomische Hypothese rein" zu untersuchen (Gefängnishefte 6, 1317). Was hier aber fehlt, ist eine Auseinandersetzung mit Marx' sehr deutlicher und ausführlicher Kritik an Ricardos Untersuchungsmethode: Marx bemüht sich, sowohl die "historische Berechtigung", ja vorübergehende "wissenschaftliche Notwendigkeit" von Ricardos Methode, als auch deren "wissenschaftliche Unzulänglichkeit" aufzuzeigen, eine Unzulänglichkeit, die nicht nur zu formellen Darstellungsfehlern, sondern auch zu "irrigen Resultaten" führt (Marx in Theorien über den Mehrwert, MEW 26.2, 161f u.ö.).

Bei den "Tendenzgesetzen" wird Gramsci etwas deutlicher. Hier ist seine These von der "Neuerung" auch plausibler, da die klassischen Ökonomen sich in der Tat mehr oder weniger bewußt damit herumschlagen, wie "Gesetze" des ökonomischen Gesellschaftslebens aussehen können - die keine "Naturgesetze", aber auch keine "Naturrechts"normen sind. Kein "Gesetz der politischen Ökonomie [kann] anders als tendentiell sein" (Gefängnishefte 6, 1290). Aber was macht ein Gesetz zu einem "Tendenzgesetz", was soll der Hinweis auf den "tendentiellen" Charakter oder die "Tendenzhaftigkeit" eines (ökonomischen) Gesetzes bedeuten (vgl. Gefängnishefte 6, 1262, 1290, 1293)? Gramsci hat Mühe mit der Erläuterung dieses "formallogischen Prinzips": Tendenzgesetze seien nicht im "naturalistischen Sinn" Gesetze (analog zu Naturgesetzen) und keine Gesetze im Sinne des "spekulativen Determinismus", sondern Gesetze in einem "historizistischen" Sinn (Gefängnishefte 6, 1262). Wo Gramsci sich diesen besonderen Tendenzcharakter der ökonomischen Gesetze klar zu machen versucht, befaßt er sich mit Marx' Gesetz vom tendentiellen Fall der Profitrate (das er auch als "Tendenzgesetz der Profitrate" bezeichnet (vgl. Gefängnishefte 6, 1289)) bzw. der Kritik Croces an diesem Gesetz, aber eben nicht mit Tendenzgesetzen, die Ricardo aufgestellt hat - etwa mit Ricardos Version des Gesetzes vom Fall der Profitrate, die wiederum Marx ausführlich kritisiert hat (vgl. vor allem Gefängnishefte 6, 1289ff). In Croces Kritik stecke ein "fundamentaler Irrtum", denn das, was er gegen das Gesetz vorbringe, den technischen Fortschritt und die dadurch ermöglichte relative Mehrwertproduktion (und Steigerung der Mehrwertrate MK) sei tatsächlich ein integrales Moment des Marxschen Gesetzes, das Marx bereits im ersten Band des KAPITAL darstelle (Gefängnishefte 6, 1289). Seine Anti-Kritik führt Gramsci zu zwei genaueren Bestimmungen des "Tendenzgesetzes": (a) Tendentiell ist der Fall der Profitrate, weil Marx gerade nicht von "entgegenwirkenden Kräfte(n)" vorläufig absehe, wie "bei den üblichen ökonomischen Hypothesen", sondern zwei einander widersprechende Aspekte oder Momente desselben Prozesses - der Produktion des relativen Mehrwerts - zu einem "organischen" Ganzen verbinde (Gefängnishefte 6, 1290, 1293). Obwohl Gramscis Formulierungen hier seine Unsicherheit verraten - er hat die Texte nicht zur Hand - ist klar, daß er das Zusammenspiel von steigender Mehrwertrate und steigender organischer Zusammensetzung des Kapitals meint. Er kommt sogar zu einer überraschend modernen Einsicht: die Tendenz ist endlich, weil die immanenten "entgegenwirkenden Kräfte, die mit der "Produktion eines immer größeren relativen Mehrwerts" zusammenhängen, technische und gesellschaftliche Grenzen haben. Daher wird - "wenn die gesamte Weltwirtschaft kapitalistisch geworden und auf einer bestimmten Entwicklungsstufe sein wird" der ökonomische Widerspruch "zum politischen Widerspruch und löst sich politisch in einer Umwälzung der Praxis" (Gefängnishefte 6, 1290). (b) Auch die Art und Weise, wie sich das Gesetz durchsetzt, läßt erkennen, daß es sich keineswegs um einen "Automatismus" oder um "etwas unmittelbar Bevorstehendes" [den berühmten "Zusammenbruch" MK] handelt: Der technische Fortschritt im Kapitalismus setzt "einen widersprüchlichen Entwicklungsprozeß" in Gang, einen "dialektischen Prozeß", in dem die molekularen Entwicklungsschübe, die von einzelnen Unternehmen bei ihrer rastlosen Jagd nach Extraprofiten bewirkt werden, alle anderen unter Druck setzen, nachzuziehen und damit zu einem "für die Gesamtheit [der Kapitalisten MK] tendenziell katastrophalen Resultat" führen, dem alle wiederum durch "weitere einzelne progressive Schübe" zu entgehen suchen (Gefängnishefte 6, 1292, 1293). Aber das, was Gramsci hier zu Recht gegen Croce betont, steht eben so bei Marx, und nicht bei Ricardo.

Gramsci formuliert nicht mehr als den vorläufigen Ausgangspunkt eines erneuten Studiums der Kritik der Politischen Ökonomie, nicht mehr. Er markiert damit den ersten, wichtigen Schritt zu einer Rekonstruktion der Philosophie der Praxis. Um "verallgemeinern" und "anwenden" zu können, muß man sich erst einmal darüber klar sein, worauf die "Überlegenheit der kritischen Ökonomie" gegenüber der klassischen wie der reinen Ökonomie und ihr besonderes wissenschaftliches Potential, das, was sie "für den wissenschaftlichen Fortschritt fruchtbarer" macht als jene (Gefängnishefte 6, 1294), eigentlich beruht. Dafür ist es sinnvoll, dort zu beginnen, wo auch Marx' Forschungsprozeß begann, beim Studium der klassischen Ökonomen. Das, was Gramsci ansatzweise als eigentliche Stärke und methodologische Besonderheit der "kritischen" Ökonomie anführt, eine "angemessene" Verknüpfung von deduktiver und induktiver Methode, von Theorie und Geschichte (vgl. Gefängnishefte 6, 1294, 1297), ist nun gerade keine Stärke David Ricardos. Diese methodologischen Neuerungen (einschließlich seiner spezifischen Auffassung der Logik ökonomischer Gesetze) hat Marx nicht fix und fertig von Ricardo oder irgend einem anderen klassischen Ökonomen "übernehmen" können; er mußte sie sich im Wege der "Kritik" erarbeiten. Gramsci hat auf jeden Fall - dank seines "philosophischen" Interesses an der Ökonomie - die Bedeutung der "neuen Art wissenschaftlicher Behandlung", der spezifischen Methode gesehen, die in der Kritik der Politischen Ökonomie zum ersten Mal vorgeführt wird. Das sahen vor ihm nur die Austromarxisten. Aber er war nicht in der Lage, sein Programm durchzuführen.

Hätte er die Chance gehabt, Marx' und Ricardos Schriften wieder und die Spezialliteratur über die klassische Ökonomie und die Geschicke der "Ricardoschen Schule" neu zu studieren, so hätte er die meisten der in den Quaderni geäußerten Ansichten zweifellos revidiert. Er hätte rasch gesehen, daß zum Beispiel Ricardos strenge und konsequente Fassung der Arbeitswerttheorie den Zeitgenossen keineswegs als ungefährlich, als "rein objektive und wissenschaftliche Feststellung" erschien, wie er meint (Gefängnishefte 4, 896; 6, 1318), und sehr wohl einen Skandal erregte. Er hätte gesehen, daß diese Werttheorie, wegen der "polemische(n) und moralisch und politisch erzieherische(n) Bedeutung" (ebd), die sie schon lange vor Marx erhielt, aber auch wegen ihrer erkennbaren logischen Mängel, schon sehr früh bereits zu Ricardos Lebzeiten - heftig kritisiert und erfolgreich bekämpft wurde. Zu Anfang des Jahres 1831 - beinahe acht Jahre nach Ricardos Tod - fanden im Political Economy Club in London eine Reihe von Debatten unter den führenden englischen Ökonomen über Ricardos theoretisches Erbe statt. Welche der Grundsätze und Theorien, die Ricardo aufgestellt hatte, müßten aufgegeben bzw. revidiert werden, das war die Frage. Die Herren einigten sich auf einen voluminösen Katalog der theoretischen Irrtümer Ricardos; so gut wie alle seiner Prinzipien und Theorien wurden - mit nur wenigen, vereinzelten Gegenreden - von der versammelten Elite der Ökonomen ausdrücklich verworfen (vgl. Meek 1973, 95ff). Seither gab es in England keine ricardianische Ökonomie mehr. Es gab noch weiterhin klassische Ökonomie aber die bestand entweder aus einer immer weiter ausgeführten Detailkritik an Ricardoschen Theoremen, vor allem an seiner Theorie der Grundrente (Thompson, Richard Jones). Oder sie bestand aus einem Rückfall in die enzyklopädische Darstellung von ökonomischen Theorien - statt einer durchgeführten Theorie, vermischt mit historischen und sozialphilosophischen Betrachtungen. John Stuart Mill und Henry Sidgwick folgten in dieser Hinsicht dem großen Vorbild Adam Smiths.

Gramscis Intuition ist in einem wichtigen Punkt richtig. Ricardos Versuch, aus der Politischen Ökonomie eine strenge Wissenschaft zu machen, führte zum ersten großen Methodenstreit in der Ökonomie. Ricardo wurde wegen seines Hangs zu abstraktem, deduktivem Räsonieren angegriffen. Seine alles andere als harmonischen Ansichten über die Entwicklung des industriellen Kapitalismus trugen der Politischen Ökonomie rasch den Ruf einer "dismal science" (düsteren Wissenschaft) - im Gegensatz zur "noble science" (edlen Wissenschaft) der Politik ein. Die Ökonomen suchten sich von diesem Makel zu befreien, indem sie ihrerseits gegen die "Ricardian vice" (das Ricardosche Laster) der übermäßigen Abstraktion, der rein logischen Argumentation auf der Grundlage abstrakter Hypothesen vom Leder zogen. Noch "zu Lebzeiten Ricardos und im Gegensatz zu ihm" trat der Politischen Ökonomie "die Kritik gegenüber", wie Marx bemerkt (MEW 23, 20). Und zwar in der Person Malthus' ebenso wie in der Person Richard Jones und Simonde de Sismondis. Trotz der Verschiedenheit ihrer Ansichten wenden sie sich alle gegen Ricardos Methode - im Namen der Geschichte und der Empirie. Es wurde in Kreisen der englischen Ökonomen rasch Mode, die gesunde Tradition der englischen Ökonomie - verkörpert in dem rasch zum Vorbild verklärten Werk Adam Smiths - gegen die gekünstelten, metaphysischen Abstraktionen Ricardos und seiner Anhänger auszuspielen. Viele der klassischen Ökonomen und Zeitgenossen Ricardos stellten die Politische Ökonomie in einen scharfen Gegensatz zu den Naturwissenschaften und zur Mathematik; viele lehnten den Gebrauch mathematischer Methoden rundweg ab (eine Ansicht, die Marx bekanntlich nicht teilte). Ricardo wurde zum spekulativen "Philosophen" erklärt, der anders als die Anhänger der gesunden Traditionen keinen Respekt vor bzw. keine Kenntnis von den "Tatsachen" (einschließlich historischer "Tatsachen") habe (vgl. Sowell 1974, 112ff).

Marx kannte diese gängige Ricardo-Kritik natürlich. Er hat nicht nur Ricardo selbst gründlich studiert (soweit ihm seine Schriften zugänglich waren), sondern sich auch mit allen Kritikern Ricardos (Bailey, Thompson, Richard Jones, Sismondi, Malthus, John Stuart Mill) intensiv befaßt. Hätte Gramsci Gelegenheit gehabt, sich mit den Marxschen Vorarbeiten zur 'kritischen" Ökonomie ernsthaft auseinandersetzen, so hätte er gesehen, daß sie zweierlei Kritiken enthalten - Kritiken Ricardos ebenso wie Kritiken der Arbeit der Ricardo-Kritiker. Marx ist weder Ricardianer, noch schlägt er sich auf die Seite der Ricardo-Gegner. Dennoch spielen einige von ihnen - Richard Jones und Sismondi an erster Stelle, die von den marxistischen Theoriehistorikern seit jeher stiefmütterlich behandelt worden sind - eine fast ebenso große Rolle für die Entstehung der "kritischen" Ökonomie wie Ricardo. Marx' Kritik an der wissenschaftlich ungenügenden Untersuchungsmethode Ricardos gilt natürlich nicht der Abstraktion als solcher, auch nicht der logischen Stringenz, mit der das gesamte System der kapitalistischen Ökonomie einem "Grundgesetz", dem Gesetz des Werts unterworfen wird. Darin sieht er gerade den bedeutenden Fortschritt Ricardos gegenüber dem begrifflichen und theoretischen "Schlendrian" der ökonomischen Wissenschaft vor ihm. Nein, Marx' Kritik zielt auf etwas anderes - auf die schlecht abstrakte Weise, in der Ricardo das eine, fundamentale Grundprinzip der Wertbestimmung durch Arbeit(szeit) direkt, ohne Umschweife mit allen Phänomenen einer entwickelten kapitalistischen Ökonomie konfrontiert und fragt, ob sie diesem Prinzip entsprechen oder widersprechen oder es modifizieren (vgl. Marx in den Theorien über den Mehrwert, MEW 26.2, 161ff u.ö.). Methodologisch wirft Marx dem Ricardo daher vor, daß er falsch, unvollständig oder formal abstrahiert, nicht weit, nicht vollständig genug in der richtigen Abstraktion geht und daher zu falschen Abstraktionen getrieben wird (Marx in den Theorien über den Mehrwert, MEW 26.2, 100, 164, 440). Er versuche alle Phänomene der bürgerlichen Ökonomie direkt, unmittelbar als Bestätigung des allgemeinen Gesetzes aufzufassen, statt diese Erscheinungsformen - und ihren Widerspruch zum allgemeinen Gesetz - zu entwickeln (ebd). Marx' Ricardo-Kritik, soweit sie methodologisch ist, ist also die Kritik eines an Hegel geschulten Wissenschaftlers. Da stimmt Gramscis Intuition wieder.

5. Ein neues Lehrbuch der Kritischen Ökonomie

Gramscis Skizzen - niedergeschrieben, ohne die Texte der Kritik der Politischen Ökonomie nachlesen zu können, d.h. aus dem Gedächtnis (vgl. Gefängnishefte, 6, 1289)(19) - münden in eine für ihn charakteristische Überlegung, in der seine verschiedenen Notizen und Überlegungen zur Ökonomie gebündelt werden: Wie kann heute (d.h. Anfang der dreißiger Jahre) ein Abriß, ein einführendes Lehrbuch in die kritische Ökonomie "auf moderne Weise" geschrieben werden? Nachdem mit der ersten MEGA die "diversen Werke der kritischen Ökonomie" zugänglich geworden sind (20) sei die "Lösung des Problems der Neufassung derartiger Lehrbücher eine Notwendigkeit, ein wissenschaftliches Muß geworden" (Gefängnishefte, 6, 1295). Gramsci notiert einige Kriterien, denen ein solches Lehrbuch der kritischen Ökonomie genügen müsse: (1) Es müsse auf der Grundlage aller drei Bände des Kapital geschrieben werden und auch die übrigen ökonomischen Schriften, Marx' gesamte "Behandlung der Ökonomie" berücksichtigen (also z.B. auch die Theorien über den Mehrwert, Zur Kritik der Politischen Ökonomie, Lohn, Preis und Profit, Elend der Philosophie)(21) es solle eine regelrechte "Darstellung des gesamten Korpus der Lehren der kritischen Ökonomie", nicht nur ein Resümee bestimmter Schriften gegeben werden ( Gefängnishefte, 6, 1295).

Zum zweiten betont Gramsci - so als hätte er die "marxistische" Literatur der siebziger Jahre vorausgeahnt, daß (2) die Darstellungsmethode sich keineswegs sklavisch an Marx anlehnen dürfe; die "servilen und stofflichen Resümees" seien unbedingt zu vermeiden. Stattdessen habe man sich an aktuellen kritischen und kulturellen Standards zu orientieren: der gesamte Stoff müsse "vielmehr auf 'originelle' Weise umgegossen und umorganisiert werden", wenn auch "möglichst systematisch", und in einer für das Lernen angemessenen Weise präsentiert werden. Der "ganze Schatz an Beispielen und konkreten Fakten", der in den Originaltexten enthalten sei, sei auf den neuesten Stand zu bringen - und den Gegebenheiten der Wirtschaft und Gesetzgebung des Landes, für das das Lehrbuch gemacht wird, anzupassen (Gefängnishefte, 6, 1295).(22) Außerdem müsse das Lehrbuch "gerade energisch polemisch und aggressiv" sein. Mit dieser Forderung wendet sich Gramsci ausdrücklich gegen den "dogmatischen" Stil des Lehr- und Handbuchs der Politischen Ökonomie von Lapidus und Ostrowitjanow, das zu seiner Zeit überall in der Sowjetunion und in der kommunistischen Bewegung benutzt wird. Dies Lehrbuch leidet in Gramscis Augen gerade daran, daß es die Aussagen der kritischen Ökonomie als die unbestrittenen Lehrsätze einer herrschenden, fest etablierten Lehre präsentiert, als Ausdrucksform eines offiziellen Kanons des Wissens, der "von niemandem 'bestritten' und radikal zurückgewiesen" wird (Gefängnishefte, 6, 1296). Gramsci erläutert, was er mit "polemisch und aggressiv" meint: Nicht so sehr starke Worte und schlechten Stil, sondern eine Darstellung, die sich auf die ökonomischen Auseinandersetzungen der Zeit einläßt, die keine "wesentliche oder von der Vulgärökonomie als wesentlich dargestellte Frage ohne ... Antwort" läßt, mithin die herrschende Lehre aus "all ihren Deckungen und Befestigungen" jagt und sie disqualifiziert "vor den Augen der jungen Generationen der Lernenden" (ebd.)! Selten bläst Gramsci so unverhohlen zum Sturmangriff.(23) Selten ist Gramsci so entschieden ablehnend und polemisch in seiner Haltung zum Parteimarxismus wie in diesem Punkt: Man - gemeint sind die parteioffiziellen marxistischen Ökonomen wie die Verfasser des Handbuchs (Lapidus/Ostrowitjanow) - habe es nicht verstanden, das Verhältnis von herrschender Ökonomie und kritischer Ökonomie in seinen "organischen und historisch aktuellen Formen" zu halten Was die "Anfänger sofort interessiert und der gesamten weiteren Forschung die allgemeine Richtung gibt", die Frage nämlich, wie sich die beiden Strömungen des politisch-ökonomischen Denkens vom Ansatz her unterscheiden und wie sie sich heute, "in den aktuellen kulturellen Termini" und nicht nur "in den kulturellen Termini von vor achtzig Jahren" unterscheiden, wird einfach ignoriert. Dies Verhältnis werde "nicht nur als bekannt, sondern auch als diskussionslos akzeptiert vorausgesetzt, während keines von beidem wahr ist" (Gefängnishefte, 7, 1762). Damit werde aber jeder wissenschaftliche Fortschritt in der Ökonomie unmöglich (ebd.).(24) Wenn man die "kritische Auffassung der Ökonomie" verteidigen wolle, müsse man "systematisch" zeigen, daß "die orthodoxe Ökonomie in anderer Sprache dieselben Probleme behandelt" - man müsse erst diese "Übereinstimmung der behandelten Probleme" zeigen und dann nachweisen, "daß die kritische Lösung überlegen ist" (Gefängnishefte 6, 1272). Der Text eines solchen Lehrbuchs müsse sozusagen "zweisprachig" sein: der "authentische Text und die 'vulgäre' Übersetzung oder die der liberalen Ökonomie, am Rand oder zwischen den Zeilen" (ebd).

Zum dritten macht er ein paar inhaltliche Anmerkungen: (3) Ein solches Lehrbuch wäre nicht komplett ohne "einen Kurs zur Geschichte der ökonomischen Lehrmeinungen". Die "gesamte Konzeption der kritischen Ökonomie ist historizistisch", daher kann ihre "theoretische Abhandlung" nicht ohne eine Geschichte der ökonomischen Wissenschaft selbst auskommen (ebd.).(25) Die "kritische Ökonomie" müsse sich für die wissenschaftliche Arbeit ihrer Vorgänger, vor allem der klassischen Ökonomen interessieren - denn von jener übernimmt sie ihre Problemstellungen und Kategorien. Gramsci erläutert das am Beispiel des Wertbegriffs: Die klassischen Ökonomen haben sich eigentlich nicht für den "abstrakte(n) und wissenschaftliche(n) Wertbegriff" interessiert, wenn auch einzelne ökonomische Forscher dahin zu gelangen suchen, um ein logisch geschlossenes System konstruieren zu können. Für sie ist der "konkrete und unmittelbarere [Begriff MK] des individuellen oder betrieblichen Profits" viel wichtiger. Daher beschäftigt sie sich vor allem mit der Dynamik des Prozesses, in dem Werte lokal, national und international gebildet werden, und interessiert sich für die Unterschiede und den Vergleich (auf dem Markt) der "in den unterschiedlichen Waren kristallisierten 'besonderen' Arbeit"(Gefängnishefte 6, 1274f, 1275). Eine wesentliche Vorarbeit für die kritische Ökonomie, deren "interessante(s) Problem" beginnt, "nachdem die 'gesellschaftlich notwendige Arbeit' bereits in einer mathematischen Formel festgestellt worden ist" (Gefängnishefte 6, 1274). Also fragt Gramsci, ob es "wissenschaftlich" genannt werden könne, wenn Lapidus/Ostrowitjanow in ihrem Handbuch "diese Problemzusammenhänge" schlicht nicht erwähnen (Gefängnishefte 6, 1275)? Sicher nicht.

Zudem hat die kritische Ökonomie selbst "verschiedene geschichtliche Phasen"; in jeder dieser Phasen sei es "natürlich, daß der Akzent auf dem geschichtlich vorrangigen theoretischen und praktischen Zusammenhang liegt" (Gefängnishefte, 6, 1275 ). Solange sie sich mit der kapitalistischen Produktionsweise befaßt, liege der "Akzent auf der 'Gesamtheit' der gesellschaftlich notwendigen Arbeit als wissenschaftlicher und mathematischer Synthese". Denn dieser Gesichtspunkt sei vorrangig, weil man - im Gegensatz zum "Eigentum", das sich auch für "Zwecke der eigenen wissenschaftlichen Konstruktion" wenig dafür interessiert gerade will, daß "die Arbeit sich ihrer Gesamtheit bewußt wird, der Tatsache, daß sie speziell eine 'Gesamtheit' ist und daß sie als 'Gesamtheit' den Grundprozeß der ökonomischen Bewegung bewirkt" (ebd). Aber wenn die Arbeiterklasse einmal der "Geschäftsführer der Ökonomie" geworden ist, dann wird sich die kritische Ökonomie um besondere Gebrauchswerte, besondere Produktionsbedingungen und "besondere Arbeit" in verschiedenen Branchen und Betrieben und Vergleiche dazwischen kümmern müssen, statt allein über "gesellschaftlich notwendige 'Durchschnittswerte"' nachdenken zu können (ebd). Also werden die Problemstellung und die Arbeitsweise einer "kritischen" Ökonomie des Sozialismus andere sein als die der "kritischen" Ökonomie von Marx bzw. der Marxisten, die den Kapitalismus studieren.

Zu guter letzt betont Gramsci, daß ein solches Lehrbuch (4) nicht ohne eine "kurze allgemeine Einleitung" auskommen könne, in der eine "zusammenfassende Darstellung der Philosophie der Praxis und der wichtigsten und wesentlichsten methodologischen Prinzipien" der kritischen Ökonomie zu geben sei (Gefängnishefte, 6, 1296, 1297). Diese Darstellung könne sich auf die "Gesamtheit der ökonomischen Werke" von Marx stützen, worin methodologische Aussagen in der Darstellung "eingelassen oder verstreut sind und angedeutet werden, wenn sich die konkreten Gelegenheit dafür biete" ( Gefängnishefte, 6, 1297).26 Das entspricht Croces schon vor der Jahrhundertwende aufgestellter Forderung, einer Darstellung der Ökonomie müsse eine "theoretisches Vorwort" vorangestellt werden, worin die "der Ökonomie eigenen Begriffe und Methoden dargelegt werden" ( Gefängnishefte, 7, 1759). Eine solche methodische Reflektion vorab sei notwendig und sinnvoll, weil gerade die herrschende akademische Ökonomie mit großer Sorgfalt an der Verbesserung der "logischen Instrumente ihrer Wissenschaft" arbeitet und einen Großteil ihres Ansehens "ihrer formalen Strenge, der Genauigkeit des Ausdrucks" verdankt ( Gefängnishefte, 7, 1760). In der kritischen Ökonomie gibt es keine vergleichbare Tendenz zur kontinuierlichen Arbeit an Begriffen, analytischen Techniken und Darstellungsformen. Man bedient sich dort "zu oft stereotyper Begriffe" und drückt sich in "einem Tonfall der Überlegenheit" aus, "dem die Bedeutung der Darstellung nicht entspricht: sie weckt den Eindruck lästiger Arroganz und nichts anderes" ( Gefängnishefte, 7, 1760).

Seit Gramscis Zeiten ist die Marx-Literatur enorm gewachsen, auch was die Einführungen und Übersichten angeht. Aber auf ein Lehrbuch, wie es Gramsci vorschwebte, warten wir noch heute. Nach dem Fall des Marxismus-Leninismus wäre es wieder möglich und dringender notwendig denn je zuvor.

6. Gramscis Kritische Ökonomie und die Politische Ökonomie heute

Politische Ökonomie war einmal der selbstverständliche Name für die Sozialwissenschaften, eher ein übergreifender Gattungsname für alles, was heute unter den verschiedenen sozialwissenschaftlichen Teildisziplinen (Soziologie, Politologie, Ökonomie) firmiert. Vieles von dem, was man heute unweigerlich als "interdisziplinär" bezeichnen muß, erschien den klassischen Ökonomen selbstverständlich als Teil der Politischen Ökonomie. Zur Politischen Ökonomie - wie man bei Adam Smith ebenso wie noch an den Arbeiten des letzten klassischen Ökonomen in England, Henry Sidgwicks, sehen kann - gehörte die Trias von Ethik, Ökonomik und Politik. Die politische Ökonomie entstand im siebzehnten Jahrhundert als eine höchst politische Wissenschaft in einem spezifischen historischen Kontext: In den aufsteigenden Staaten neuen Typs, den souveränen Territorialstaaten - später Nationalstaaten -, die mit den städtischen Handelsrepubliken bzw. den Städtebünden wie der Hanse und den überterritorialen politischen Mächten wie der Kirche und dem Heiligen Römischen Reich konkurrierten und diese schließlich aus dem Feld schlugen (vgl. Bürgin 1993). Mit der politischen Ökonomie emanzipieren die Sozialwissenschaften sich zum ersten Mal von der Vorherrschaft und Vormundschaft der (politischen) Philosophie (vgl. Cropsey 1980). Die politische Wissenschaft, die damals nur als "Wissenschaft der Staatsmänner" oder "Wissenschaft von der Gesetzgebung" bestand, erhielt eine neue Gestalt - mit der politischen Ökonomie als Grundlage und Geschichte und Philosophie als Überbauten. Seit Adam Smith beherrschten die Methoden und Konzepte der politischen Ökonomie die politischen Debatten ebenso wie die politische Theorie - jedenfalls in den englischsprachigen Ländern; die politische Ökonomie genoß den Vorrang, denn sie galt als "Wissenschaft", deren Erkenntnisse unabhängig von der jeweiligen Regierungsform oder der Zusammensetzung einer Regierung in jedem Land gültig seien. Die politische Ökonomie verlor ihre privilegierte Position - als Grundlage und Vorbild aller Sozialwissenschaften und als einziger verläßlicher Leitfaden für politische Entscheidungen erst dadurch, daß sie im Zuge der "marginalistischen Revolution" Ende des 19ten Jahrhunderts "unpolitisch" wurde und sich zur "reinen" Ökonomie mauserte (vgl. Collini e.a. 1983). Die Ökonomen selbst gaben ihren Anspruch auf, die einzige oder doch wichtigste "Wissenschaft von der Politik" zu besitzen.

Es gilt heute als selbstverständlich, daß "Ökonomie" etwas anderes ist als Politische Ökonomie und Politische Wissenschaft. Noch vor 100 Jahren war das nicht so. Alfred Marshall, der gemeinhin für den endgültigen Abschied der Ökonomie von dem alten, zum Ärgernis gewordenen Doppelnamen politische Ökonomie verantwortlich gemacht wird, war noch Professor für Politische Ökonomie und betonte, das Werk der Klassiker fortsetzen zu wollen. In in seinen Principles of Economics (1890), die John Stuart Mills Principles of Political Economy (1848) als das unangefochten herrschende Lehrbuch der Ökonomie - zumindest in der englischsprachigen Welt - ablösten, begründet er, warum er den alten Namen aufgeben will: Der neue passe besser zu einer "positiven" Wissenschaft, die sich auf Tatsachen konzentrieren und sich aus politischen Streitigkeiten heraus- und der Werturteile enthalten solle. Einer Wissenschaft, die sich außerdem nicht nur mit den ökonomischen Aspekten und Bedingungen des politischen Lebens, sondern des sozialen Lebens überhaupt befasse (Marshall 1961, 42, 43). Der Gegenstand der Ökonomie der besondere "ökonomische" Aspekt oder Teil des sozialen Handelns - wird höchst vage umschrieben: alles, was irgendwie mit dem materiellen Wohl von Menschen zu tun hat. Ums geistige Wohlbefinden sorgen sich Philosophie und Religion.

Um zur "Ökonomie" zu kommen, mußte die politische Ökonomie von allen politischen Elementen gereinigt werden. Von normativen Elementen ebenso wie von ihrem ungenierten Engagement im Streit um die richtige Steuer-, Zoll-, Geld-, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik. Die Ökonomie wurde eine positive Wissenschaft und sie wurde bewußt zu einer Einzeldisziplin gemacht, die sich auf ihr ureigenes Teilgebiet beschränken sollte und daher von den übrigen abgrenzte; von Psychologie, Soziologie, Politik und Geschichte brauchten die Ökonomen immer weniger zu wissen, je mehr die Ökonomie "gereinigt" wurde. Allerdings hatte dieser Reinigungsprozeß eine eigentümliche Dialektik: Je reiner, formeller und inhaltsleerer die spezifischen Grundbegriffe der Ökonomie gefaßt wurden, desto weiter wurde zugleich der mögliche Anwendungsbereich dieser Wissenschaft. Lionel Robbins faßte 1932 das Erkenntnisobjekt der reinen Ökonomie in einer bis heute vielgebrauchten Formel: "Ökonomie ist die Wissenschaft, die menschliches Verhalten studiert als Beziehung zwischen Zielen und knappen Mitteln, die für alternative Zwecke benutzt werden können" (Robbins 1932, 16). Außer der Knappheit und daher der Notwendigkeit, zwischen Handlungsalternativen zu wählen, gebe es keine Grenzen für die Gegenstände, die Ökonomen behandeln könnten (Robbins 1932, 17). Als Wissenschaft von den rationalen Wahlhandlungen kann und soll sich die Ökonomie aller Werturteile über Zwecke und Mittel enthalten (Robbins 1932, 35). Die politische Ökonomie sollte daher nach bald herrschender neoklassischer Ansicht nur noch eine Subdisziplin, ein Spezialgebiet der angewandten Ökonomie bilden - jenen Teil der Ökonomie nämlich, der sich mit den ökonomischen Problemen des Staates bzw. der Regierung befaßt.(33)

Diese neoklassische herrschende Lehre beansprucht den Status einer Wissenschaft für sich - mit Erfolg. Sie behauptet von sich, die einzige wahre Sozialwissenschaft zu sein.(34) Sie hat einen harten theoretischen Kern - die Annahme maximierenden Verhaltens, die Annahme einer natürlichen Tendenz zum Marktgleichgewicht und die Annahme stabiler Präferenzen, die erst "rationales" Handeln ermöglicht - und dieser harte Kern soll auf alle Formen und Arten menschlichen Verhaltens universell, unabhängig von historischer Zeit und sozialem Ort anwendbar sein (vgl. z.B. Becker, 1976, 5; Hirshleifer 1985, 53). Diesen imperialistischen Anspruch auf sozialwissenschaftliche Generalkompetenz für alles und jedes hat sie mit bemerkenswertem Erfolg durchgesetzt. Anhänger der herrschenden neoklassischen Ökonomie haben ihre Version einer universellen Theorie des rationalen, ökonomischen Handelns, die auf der zentralen Hypothese des REMM ("resourceful, evaluating, maximising man") Menschen aufbaut, auf alle möglichen Gegenstände der Sozialwissenschaften angewandt, die traditionell außerhalb des Gesichtskreises der Ökonomie lagen: Mittlerweile gibt es eine Ökonomie der Liebe und Eifersucht, der Familie und des Kinderkriegens, des Seitensprungs, des Sports, insbesondere des Fußballs, der Kriminalität im allgemeinen bzw. des Schmuggels, des Straßenraubs und sogar des Mordes, der Gesundheit, der Kunst, des Kunsthandels und des Kunstraubs, des Rechts - bis hin zu besonderen Teilgebieten des Rechts. Es gibt auch eine neoklassische Ökonomie der Umwelt und seit langem eine ausgearbeitete ökonomische Theorie der Politik - insbesondere der Politik in parlamentarischen Demokratien - und der internationalen Beziehungen (vgl. für einen Überblick Radnitzky/Bernholz 1987, Schäfer/Wehrt 1989). Die Vertreter der übrigen sozialwissenschaftlichen Disziplinen schauen teils beunruhigt, teils staunend zu, wie die Ökonomen sich mit ihrem universellen Erklärungsanspruch überall breitmachen; viele, vor allem jüngere Politikwissenschaftler machen mit. In diesem Sinne gibt es heute wieder einen "Ökonomismus" in den Sozialwissenschaften. Und dieser "Ökonomismus" wächst und gedeiht allerorten. Die fortschreitende Ökonomisierung der politischen Sprache in allen westlichen Demokratien, in denen politische Debatten je länger je mehr im Jargon der herrschenden neoklassischen Ökonomie, mit ökonomischen Fachtermen und Theorieversatzstücken geführt werden, ist ein weiteres, starkes Indiz dafür. In der Gestalt der derzeit herrschenden Ideologie des Neoliberalismus, die die bedenkenlose Unterwerfung unter die angeblich immergleichen und universell gültigen Gesetze der Ökonomie, interpretiert als Gesetze des Marktes, predigt, hat der zeitgenössische Ökonomismus eine weithin unangefochtene Hegemonie - auch über die Linke, über sozialdemokratische Parteien, Gewerkschaften und grüne Parteien - erreicht. Aber es ist die "reine", formell unpolitische Ökonomie, die hier dominiert, nicht die politische Ökonomie.

Die Wiederbelebung der Politischen Ökonomie war der wesentliche Beitrag der neo-marxistischen Neuen Linken zu den Protestbewegungen der 60er Jahre (Arndt 1984, 268). Die Neue Linke kritisierte die Ökonomen gerade dafür, daß sie die Probleme der Interaktion zwischen ökonomischen und politischen Prozessen, Faktoren und Institutionen vernachlässigt habe (vgl. Lindbeck 1977, 77). Die erneuerte politische Ökonomie sollte nicht nur die logischen Irrwege und Irrtümer der Standardökonomie vermeiden, sie sollte die heillose Trennung zwischen "reiner" Ökonomie und politischer Wissenschaft ebenso überwinden wie den Formalismus der "reinen" Soziologie (insbesondere in ihren strukturalistischen und systemtheoretischen Varianten). Dieser Versuch ist zwar keineswegs auf der ganzen Linie gescheitert er hat zu einer neuen Wirtschaftssoziologie und zu einer Vielzahl neuer, radikaler Ökonomien geführt. Aber die sind zersplittert und marginalisiert. Politische Ökonomie ist heute eher ein Sammelname für eine Vielzahl von dissidenten Strömungen neben, unter und mittem im mainstream der Ökonomie - neo-ricardianische, post-keynesianische, neo-institutinalistische, neo-marxistische, feministische. Ein gemeinsames Arbeitsprogramm oder gar eine übergreifende paradigmatische Alternative zur herrschenden Lehre der Neoklassik steckt nicht dahinter.

In jüngster Zeit - siehe die neueste Ausgabe des "Handbook of Political Science" von 1996 (Goodin/Klingemann 1996) und vergleiche mit der vorigen aus dem Jahre 1975 - wird die Politische Ökonomie als Spezialgebiet und Subdisziplin von den Politikwissenschaftlern für ihr Fach reklamiert. Da die Fachökonomen sich nichts anderes vorstellen können, als eine im Prinzip grenzenlose "Anwendung" der analytischen Konzepte der "reinen" Ökonomie, der Theorie der "rationalen" Entscheidungen und Wahlhandlungen überhaupt, ist die ökonomische Analyse politischer Prozesse und Institutionen für sie eine Routineübung, die sie zu keinerlei Veränderungen ihrer Theorien und Begriffe nötigen würde. Die "neue politische Ökonomie" der Politikwissenschaftler, wie das Programm der systematischen Anwendung gängiger ökonomischer Theorien auf politische Prozesse und Institutionen genannt wurde, war und ist in genau diesem heutigen Sinn eine durch und durch "ökonomistische" Unternehmung: Ihre Anhänger versuchen, alle möglichen Formen politischen Handelns auf rationales, Interessen verfolgendes Handeln "rationaler Subjekte" unter Knappheitsbedingungen zurückzuführen. Dies dominante, im Kern neoklassische Programm (des rational choice oder public choice Ansatzes) macht die Politikwissenschaftler, die die Spezialdisziplin der "politischen Ökonomie" betreiben, zu hervorragenden Exponenten des heutigen "Ökonomismus" in den Sozialwissenschaften (vgl. Staniland 1985, 40f).

Manche Politikwissenschaftler sehen jedoch politische Ökonomie anders: Als ein Unternehmen, das über die Ökonomie hinausgeht und nur in Fahrt kommt, wenn und soweit es die gängigen Konzepte der herrschenden Lehre, der mainstream Ökonomie, hinter sich läßt. Sie nehmen die mittlerweile zahllosen und wohl elaborierten Kritiken an der Standardökonomie und ihren vielen blinden Flecken - ihrer systematischen Machtblindheit, ihrer Geschichtsblindheit, ihrer Blindheit für Institutionen, ihrer Blindheit für nichtlineare bzw. multilineare Prozesse des Strukturwandels und der Entwicklung, ihrer Blindheit für soziale Bedingungen und soziale Grenzen ökonomischer Prozesse - und am fundamental tautologischen Charakter ihrer Grundbegriffe - von "Effizienz", über "Gleichgewicht" bis zu "Nutzen" und "Wohlfahrt" - ernst. Sie plädieren daher dafür, das Erkenntnisobjekt der politischen Ökonomie bewußt grenzüberschreitend zu bestimmen: Politische Ökonomie solle das systematische Studium der Wechselwirkungen zwischen politischen und ökonomischen Institutionen und Prozessen heißen. Je nachdem, wie man "Politik" und "Ökonomie" bestimmt, erhält man verschiedene politische Ökonomien (vgl. Caporaso/Levine 1992, 8ff). Aber auch dies Unternehmen kann rasch versanden, wenn man sich nämlich auf das müßige Spiel der gegenseitigen Autonomie- und Primatsansprüche einläßt. Tut man das, gerät man in einen hübschen Kreislauf, in dem die scheinbar autonome "Politik" und die scheinbar autonome "Ökonomie" sich wechselseitig in den Schwanz beißen (vgl. Staniland 1985, 70ff).

Um dem zu entgehen, muß man einen Schritt zurück tun. Einen Schritt zurück in die Geschichte der Politischen Ökonomie. In der neoklassischen, reinen Ökonomie gibt es für Politik systematisch keinen Platz; sie kann nicht begründen, wo, wann und warum das Spiel der ökonomischen Kräfte in einer rein kapitalistischen Ökonomie zum politischen werden könnte. Das einzige Politikum ist daher die unpolitische reine Ökonomie selbst. Ganz anders sieht das bei der klassischen Ökonomie und bei der kritischen Ökonomie aus. Beide sind - wenn auch in unterschiedlicher Weise - nicht nur systematisch "offen" für politische Elemente, beide enthalten an strategischen Stellen ein gutes Stück Politik - bis hin w einer höchst differenzierten "Theorie über den Staat als ökonomischen Akteur", wie sie Gramsci w Recht schon bei Ricardo vermutet hat (vgl. Krätke 1991, 1996).

Die scharfe Trennung von politischer Wissenschaft und Ökonomie ist fruchtlos, sie dient der Verschleierung dessen, was sich in der realen Welt der Märkte und Unternehmen abspielt, sie ist eine der Hauptursache für die Fehlurteile und Irrtümer der Ökonomie. Kein Wunder, daß so gut wie alle Ökonomen, die sich einige Distanz zu und intellektuelle (sowie materielle) Unabhängigkeit vom mainstream der herrschenden Lehre leisten können, die Hoffnung aussprechen, daß "diese Disziplin von neuem mit der Politik vereint werden und wieder das größere Gebiet der politischen Ökonomie bilden möge" (Galbraith 1988, 358). Der politischen Philosophie ist die Trennung von der Ökonomie auch nicht gut bekommen. Je mehr sie sich auf "reine", scheinbar voraussetzungslose normative Spekulationen einließ, desto weniger verstand sie, warum der moderne Kapitalismus, um mit Keynes zu reden, weder gut, noch schön, noch gerecht ist, noch das liefert, was man in den alten westlichen und den neuen östlichen Demokratien von ihm erwartet.

Was wir brauchen, ist eine neue politische Ökonomie, so schloß C.B. MacPherson vor über zehn Jahren seine Untersuchung über den Stand der Demokratietheorie. Nicht die humanistischen Überzeugungen, sondern ihre fehlerhafte politische Ökonomie macht die traditionelle Demokratietheorie unwissenschaftlich; was ihr nottut, ist ein systematischer Blick über die Grenzen des Markts als Universalmodell aller sozialen Beziehungen hinaus (MacPherson 1987, 131f). Eine zweite Renaissance der politischen Ökonomie 35 steht an. Die Erneuerung der Politischen kann der jetzigen "Abdankung der Intellektuellen" (vgl. Caille 1993), ihrem vereinten Kniefall vor bzw. ihrer stillschweigenden Ohnmachts- und Demutshaltung angesichts der heute herrschenden Form von "Ökonomismus" ein Ende bereiten. Wenns der Sache dient, auch im Namen Gramscis.


© Michael R. Krätke, Amsterdam 1997


Anmerkungen:

1 Eine Arbeitsteilung, die den Herren des Kapitals außerordentlich gut in den Kram paßt: Die intellektuelle Linke kümmert sich um Kultur und schöne Künste und überläßt die ach so materialistische Ökonomie den kulturlosen Bourgeois und Proleten.

2 Da er mit der Marxschen ökonomischen Theorie kaum vertraut war, machte er gerade dort, wo es darauf ankam - bei der Analyse der ökonomischen Rolle des Staates im gegenwärtigen Kapitalismus nämlich - dem sogenannten Marxismus der III. Internationale, konkret der französischen Variante der Stamokap-Theorie völlig unnötige Konzessionen. Die eifrigsten und einflußreichsten Vorkämpfer des theoretischen Anti-ökonomismus, die sich fortwährend auf Gramsci berufen, waren in den achtziger Jahren Ernesto Laclau und Chantal Mouffe., beides keine ausgewiesenen Kenner der Marxschen Theorie.

3 Gerade unter deutschen Marxisten sitzt das Trauma der mit viel Getöse und hochgespannten Erwartungen begonnenen, nach wenigen Jahren im Sande verlaufenen Staatsableitungsdebatte tief. Dabei folgten die Diskutanten einer durchaus richtigen Intuition: daß sich in der Marxschen Kritik der Politischen Ökonomie Anhaltspunkte dafür finden ließen, wie das Verhältnis von Politik und Ökonomie im modernen Kapitalismus systematisch zu denken sei. Die sind in der Tat vorhanden und sie machen Marx' ökonomische Theorie zu einer eminent politischen Ökonomie!

4 Eine derartige Kritik kommt in aller Regel von Leuten, die mit der Denkweise und Begrifflichkeit der herrschenden neoklassischen Ökonomie wenig vertraut sind. Ökonomen vom Fach aber, die gerade dem neoklassischen Theoriekern sehr kritisch gegenüberstehen, wie Schumpeter, Rothschild, Heilbroner u.a. sehen Marx dagegen geradezu als den Hauptvertreter und genialen Pionier einer einheitlichen politisch-ökonomischen Theoriebildung (vgl. Krätke 1996).

5 Dies ist zugleich ein Moment der politischen Selbstkritik und Selbstreflexion Gramscis. Bis zum Ende des ersten Weltkriegs hat er als Journalist und Sekretär der Turiner Sektion des PSI eine konsequente Freihandelspolitik vertreten - mit dem Argument, daß die Sozialisten die historische Aufgabe der Liberalen zu übernehmen hätten (vgl. Riechers 1970, 55ff).

6 Milton Friedmans "Capitalism and Freedom" (1962) ist noch immer eine bündige Darstellung dieses Credos, in der es hauptsächlich um die passende Rolle des Staates geht, um eine normative Staatstheorie also.

7 Der ideologische und politische Siegeszug des Neoliberalismus beginnt übrigens schon Ende der siebziger Jahre. Die bei manchen Linken beliebte Argumentation, ein offener Angriff auf den Wohlfahrtsstaat und die regulierte Marktwirtschaft sei nicht möglich, solange der "real existierende Sozialismus" den kapitalistischen Ländern eine gewisse "Systemkonkurrenz" mache, taugt also nichts.

8 Die syndikalistische Arbeiterbewegung der südeuropäischen Länder und Lateinamerikas, aber auch die ihr in vielem nahestehende amerikanische Arbeiterbewegung (mit Organisationen wie den Knights of Labor" und den International Workers of the World, bekannt als Wobblies) geben die besten und zahlreichsten historischen Beweise dafür, wie grundfalsch die elitäre These Lenins und der Leninisten bis zum heutigen Tag - ist, daß die sich selbst überlassenen Proleten nie etwas anderes als "trade-unionistisches" Bewußtsein zustande bringen würden. Man muß die Arbeiterbewegung nur ein wenig kennen, um gegen diese Literatenmärchen gefeit zu sein.

9 Gramscis Kritik trifft also eher einen der theoretischen Wortführer des italienischen Syndikalismus, Sergio Panunzio, der in den Jahren 1917 - 1921 in der Tat eine Art theoretischer Synthese von Marxismus und Liberalismus versucht hat.

10 Die italienische Ausgabe von 1941 enthält im Anhang Croces Versuch einer Geschichte des Marxismus in Italien, Come nacque e come mori il marxismo teorico in Italia, geschrieben 1938.

11 Daß sich dennoch in den Quaderni keine ausführlichen Studien zur Marxschen und Ricardoschen Ökonomie finden, hat einen einfachen, praktischen Grund: er hat die Texte nicht zur Hand. Im September 1931, als er von Piero Sraffas Arbeit an der kritischen Gesamtausgabe der Werke Ricardos erfährt, spricht er die Hoffnung aus, Englisch fließend lesen zu können, "um Ricardo im Urtext zu lesen, wenn diese Edition herauskommt" (Gramsci 1972, 55).

12 Das würde exakt der Position entsprechen, die Otto Bauer im Kreis der Austromarxisten schon vor dem ersten Weltkrieg vertreten hat: "Will man im Marxismus Philosophie suchen, so kann man sie nur in jenen zahlreichen methodologischen Erörterungen finden, in denen Marx sein eigenes sozialwissenschaftliches Arbeitsverfahren gerechtfertigt hat. Die methodologischen Erörterungen im 'Kapital' zeigen uns auch das Verhältnis des reifen Marx zu Hegel. Marx hat das Stück Erkenntnistheorie, das Stück Kant, das in Hegel steckt, von seiner ontologischen Hülle befreit, aber trotzdem die durch die ontologische Auffassung bestimmte Terminologie beibehalten und es in dieser Form zur Begründung seiner Forschungsarbeit gebracht" (1909, 480; vgl. auch Bauer 1971).

13 Achille Loria, Professor zu Padua, ist ein gefürchteter Vielschreiber. In kurzer Folge erscheinen La teoria economica della constituzione politica, Rom 1886, Analisi della proprieta capitalista, Rom 1889, La terra e il sistema sociale, Verona 1892, Problemi sociali contemporanei, Mailand 1894.

14 Es ist in der Marx-Literatur der Jahrhundertwende durchaus nicht ungewöhnlich, Marx' Theorie als Historizismus und Ökonomismus (zumeist auch gleich noch als Positivismus) zu kennzeichnen (vgl. z.B. das einflußreiche Werk von Masaryk 1899, 116ff).

15 Dieses erste Lehrbuch der marxistisch-leninistischen Politischen Ökonomie erschien zuerst auf russisch in zwei Bänden in Moskau 1926 unter dem Titel Politische Ökonomie im Zusammenhang mit der Theorie der Sowjetwirtschaft. Es erlebte bis 1941 7 Auflagen, wurde in mehrere Sprachen übersetzt und erst im Laufe der fünfziger Jahre durch neue Lehrbücher ersetzt. Diese Lehrbücher (z.B. Politische Ökonomie. Lehrbuch, Berlin DDR 1955), an denen wiederum K.W. Ostrowitjanow maßgeblich beteiligt war, bauten den in den zwanziger Jahren begründeten Schematismus einer quasi historischen Darstellung (Vorkapitalistische Produktionsweisen Kapitalistische Produktionsweise in zwei Phasen - Sozialistische Produktionsweise mit ihren jeweiligen "Gesetzen") weiter aus.

16 Otto Bauer hat eben diese Methoden in dem 1931 unter dem Titel Rationalisierung Fehlrationalisierung publizierten ersten Band seiner Untersuchung über Kapitalismus und Sozialismus nach dem Weltkrieg ausführlich untersucht (vgl. Otto Bauer Werkausgabe, Bd. 3, S. 719ff). Wieder ein Buch, das Gramsci nie zu Gesicht bekam.

17 Bereits im Dezember 1926, kurz nach seiner Verhaftung, schreibt Gramsci an seinen Freund Piero Sraffa und bittet ihn, ihm ein Lehrbuch der Ökonomie und Finanzwissenschaft - ein "grundlegendes" Buch, das der Ökonom Sraffa auswählen möge - zu schicken. Er hat also schon am Beginn seiner Haftzeit die Absicht, sich gründlicher mit der Ökonomie zu befassen (vgl. Gramsci 1972, 19).

18 Erst von diesem Moment an gibt es logischerweise auch eine selbständige "Wissenschaft von der Politik". Daher Gramscis Interesse an der Behandlung der politischen Ökonomie bei Macchiavelli und an den ersten Ökonomen wie Petty und Botero, die den Übergang von einer bloß praktischen, direkt politischen Beschäftigung mit ökonomischen Tatsachen zu ihrer wissenschaftlichen Behandlung markieren (vgl. Gefängnishefte 5, 1032f u.ö).

19 Außer einer deutschen Ausgabe von Lohnarbeit und Kapital hat Gramsci im Gefängnis keine der ökonomischen Schriften von Marx mehr benutzen können. Daher schreibt er bei der Auseinandersetzung mit Croces Argument gegen den tendentiellen Fall der Profitrate: "Doch müssen die Texte der Kritik der Politischen Ökonomie nachgelesen werden, bevor diese Kritik an Croces Einwand vorgetragen wird, eine Einschränkung, die im übrigen für all diese Notizen notwendig ist, da ihre Niederschrift zum größten Teil auf dem Gedächtnis beruht" (Gefängnishefte, 6, 1289).

20 In diesem Punkt war Gramsci zu optimistisch. Die Marxschen ökonomischen Manuskripte, einschließlich der Manuskripte zum zweiten und dritten Band des KAPITAL sind erst über fünfzig Jahre später, im Rahmen der zweiten MEGA allgemein zugänglich geworden.

21 Man darf nicht vergessen, daß Gramsci einen Großteil der Schriften, die das heutige Verständnis der Marxschen Ökonomie geprägt haben, noch gar nicht kennen konnte. Die Grundrisse etwa wurden erstmalig 1939 veröffentlicht, die ÖkonomischPhilosophischer' Manuskripte 1932; Gramsci hat sie nicht zu Gesicht bekommen.

22 Eine Anforderung, der heute die weltweit meist gebrauchten Lehrbücher der Ökonomie in keiner Weise genügen. Sie sind von US-Amerikanern für US-Amerikaner geschrieben, ohne die leiseste Ahnung von der Vielfalt der realen Welt der Kapitalismen.

23 Diese Aufgabe, die offene Auseinandersetzung mit den gängigen Theoremen der herrschenden Lehre in der Ökonomie, wird von den Marxisten seit langem sträflich vernachlässigt. Es gibt zwar genügend radikale Kritiken der herrschenden Lehre, ihrer in den gängigen Lehrbüchern in Millionauflagen weltweit verbreiteten Dogmen und Mythen, aber sie stammen in aller Regel gerade nicht von Anhängern der kritischen Ökonomie. Eine heutige Darstellung der kritischen Ökonomie hätte in der Tat erst einmal zu zeigen, daß ihr kritischer Gebrauchswert dem der von vielen Nicht-Marxisten immer wieder vorgetragenen Angriffe auf die herrschende Lehre zumindest gleichkommt.

24 Gramsci fährt mit ungewöhnlicher Schärfe fort: "Was auffällt, ist folgendes: wie ein kritischer Standpunkt, der ein Höchstmaß an Intelligenz, an Vorurteilslosigkeit, an geistiger Frische und an wissenschaftlichem Erfindungsgeist verlangt, zum Monopol der Stammelei beschränkter, armseliger Gehirne geworden ist, die allein aufgrund der dogmatischen Einstellung einen Platz nicht in der Wissenschaft, sondern im bibliographischen Randgebiet der Wissenschaft zu behaupten vermögen. Eine verknöcherte Denkform ist die größte Gefahr in diesen Fragen: eine gewisse ausschweifende Zügellosigkeit ist der philisterhaften Verteidigung der bestehenden kulturellen Positionen vorzuziehen" (Gefängnishefte, 7, 1762)!

25 Gramsci verweist sowohl auf die Theorien über den Mehrwert, die er auch, in damals gängiger Manier als Band IV des Kapital bezeichnet, und auf die zahlreichen Hinweise, die "verstreut im Gesamtwerk der Ursprungsautoren enthalten sind" ( Gefängnishefte, 6, 1296). Daraus ließe sich, wenigstens teilweise, die kritische Geschichte der Ökonomie rekonstruieren.

26 Gramsci verweist wiederholt auf die Vorworte zu Zur Kritik der Politischen Ökonomie und zum Kapital als Beispiele für eine "philosophisch-methodische Einführung in die Abhandlungen zur Ökonomie"; sie sind "vielleicht zu kurz und zu nüchtern, aber das Prinzip wird eingehalten". Mit den zahlreichen philosophisch-methodischen Hinweisen in den Haupttexten wären sie zu erweitern (vgl. Gefängnishefte, 7, 1761).

33 Lionel Robbins hat die Politische Ökonomie ausdrücklich als die "application of Economic Science to problems of policy" bezeichnet, die der etablierten ökonomischen Wissenschaft und ihren erprobten Analysemethoden nichts Neues hinzu zu fügen habe (1981, 8). Wer politische Ökonomie in diesem Sinn betreiben will, hat also erst einmal die gängige, neo-klassische Orthodoxie - die einzige "Wissenschaft" der Ökonomie - zu studieren.

34 Nach einem unter Ökonomen beliebten Witzwort gibt es einen Nobelpreis für Ökonomie, aber keinen für irgendeine andere Sozialwissenschaft, weil es bereits einen Nobelpreis für Literatur gebe.

35 Selbst Peter Glotz, von dem man das kaum erwartet hätte, setzt seine Hoffnungen auf eine "europäische Linke .., die sich die Fähigkeit zur Kritik der Politischen Ökonomie jenseits aller Dogmen erhalten hat" (1992, 105). Helfen wir ihm hoffen!


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M. Walzer, 1991, Zweifel und Einmischung. Gesellschaftskritik im 20. Jahrhundert, Frankfurt/M


Zusammenfassung

Der gängigen Fehlinterpretation Gramscis als Vorkämpfer eines auch theoretischen Anti-Ökonomismus ist zu widersprechen: Gramsci befaßt sich durchaus mit der Kritik der Politischen Ökonomie und sieht ihre paradigmatische Bedeutung. Er bemüht sich um die Rekonstruktion ihrer zentralen methodologischen Prinzipien - und zwar in Auseinandersetzung mit der (italienischen) akademischen Ökonomie seiner Zeit. Gramscis Verständnis von kritischer Ökonomie entwickelt sich in der Auseinandersetzung mit der akademischen Marx-Kritik in Italien (vor allem Croces) und der Kanonisierung der Marxschen Schriften im Marxismus-Leninismus. Er entwickelt ein Programm, um der Marxschen Ökonomie ihre "polemische und moralisch und politisch erzieherische Bedeutung" wieder zu geben, das Programm einer politischen im Gegensatz zur reinen Ökonomie. Dies Programm ist hochaktuell in der Auseinandersetzung mit dem Neoliberalismus einem politischen Projekt im Gewand einer rein ökonomischen Theorie, das seine Überzeugungskraft der vermeintlichen Objektivität und Wissenschaftlichkeit der herrschenden, neoklassischen Ökonomie verdankt und das sich um die Unterwerfung aller Politik unter die angeblich ehernen Gesetze des Marktes und der ökonomischen Rationalität dreht.

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© Michael R. Krätke


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