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Buchver÷ffentlichungen  











Hanna Behrend


„Auf der Suche nach der verlorenen Zukunft“ 1994 - 2003. Ein Rückblick


Zu den von der Mainstream-Wissenschaft weitgehend ignorierten Projekten, die von ostdeutschen WissenschaftlerInnen initiiert wurden, welche nach der Wende aus den Universitäten und Forschungsinstituten gedrängt wurden, gehört die Schriftenreihe Auf der Suche nach der verlorenen Zukunft. Seit ihrer Gründung 1995 sind 16 Bände erschienen (sh. Anhang I, Auflistung der bisher erschienenen Bände ).

Vorgeschichte des Projekts

Die InitiatorInnen der Reihe kannten sich seit ihrer Zugehörigkeit zum seit den 60er Jahren  an der Anglistik der Humboldt-Universität zu Berlin bestehenden Forschungsprojekt zur Arbeiterliteratur Großbritanniens und Irlands und  seit 1985 zu Werken feministischer Schriftstellerinnen aus englischsprachigen Ländern, speziell aus ethnischen Minderheiten, sowie aus Afrika und der Karibik, sowie mit Arbeiten zur feministischen Theorie. Der Untergang der DDR, die auf das alte Regime folgende kurze demokratische Wendeperiode und die schnelle Beendigung der demokratischen Reformbemühungen mittels übergestülpter konservativer Professoralverfassung und massenhafter Abwicklung von Personal und Institutionen beendete auch das Projekt Arbeiterliteratur und feministische Forschungen und veränderte die materielle und mentale Verfassung der damit Beschäftigten.

Das Nach-Wende-Projekt Rasse, Klasse, Geschlecht war eine bereits außerhalb des Instituts für Anglistik-Amerikanistik angesiedelte autonome Forschung; unterstützt wurde sie lediglich vom Zentrum für interdisziplinäre Frauenforschung (heute Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien) an der Humboldt-Universität, dem einzigen bis heute dort fortlebenden feministischen Wendeprojekt und vom Gesellschaftswissenschaftlichen Forum, e.V., einer ebenfalls von abgewickelten WissenschaftlerInnen Anfang der 90er Jahre ins Leben gerufenen außeruniversitären ForscherInnenvereinigung.

Das neue Projekt war ein ost-westdeutsches interdisziplinäres Unternehmen. 1993 erschienen im Selbstverlag Aufarbeitung von Projekterfahrungen und erste Erkundungen in theoretischem Neuland,  1994 Studien zur feministischen Theorieentwicklung. Gestützt auf die Erfahrungen mit diesen beiden Publikationen entstand 1994 die vom trafo verlag dr. wolfgang weist betreute Schriftenreihe mit dem Titel Auf der Suche nach der verlorenen Zukunft.  

Die ersten vier Bände

Die ersten vier Bände, die von 1995 bis 1997 erschienen, griffen thematisch verschiedene Seiten der Konzeption der Reihe auf. Der erste Band, . Hanna Behrend/AnnelieseBraun/Hans Wagner: Emanzipation =  menschliche Selbstveränderung? zog Bilanz aus dem Scheitern des Realsozialismus und versuchte, erste vorsichtige Schlussfolgerungen zu ziehen. Die Beiträge behandelten Leistungen und Defizite marxistischer und feministischer gesellschaftstheoretischer Positionen (Hanna Behrend); Emanzipation im Kontext patriarchalischer und Kapitalverhältnisse (Anneliese Braun) und menschliche Selbstveränderungsmöglichkeiten im Prozess der globalen Transformation (Hans Wagner).

Es gelang, den in Westfalen geborenen Sozial- und Erziehungswissenschaftler, Herausgeber der Osnabrücker Zeitschrift Hintergrund und Gründer des damals bestehenden Arbeitskreises kritischer MarxistInnen, Hartmut Krauss, als Autor von Band II, Das umkämpfte Subjekt. Widerspruchsverarbeitung im ‚modernen’ Kapitalismus, zu gewinnen. Er stellte sein Konzept von der „subjektiven Widerspruchsverarbeitung“ vor, das von den Theoremen der kulturhistorischen Schule von Wygotzki und Leontjew und der Kritischen Psychologie von Klaus Holzkamps und Ute Osterkamps inspiriert war.  

Die aus Hannover  stammende Erlanger Soziologin, Sozialpädagogin und  Stadträtin Daniela Weber verfasste Bd. III: Verfolgung – Vertreibung – Überleben: Frauen in den Weltfluchtbewegungen, eine Übersichtsdarstellung der massenhaften, durch Kriege, Revolten, Massaker, Armut und ethnischen Säuberungen verursachte Binnenmigration.

Hintergrund und Initiator des damals bestehenden Arbeitskreises kritischer MarxistInnen nach den beiden soziologischen Bänden wurde 1997 mit Bd. IV Rückblick aus dem Jahr 2000 – Was haben Gesellschaftsutopien uns gebracht? von Hanna Behrend mit Exkursen von Isolde-Neubert-Köpsel und Stephan Lieske ein kulturhistorisches Thema von ostdeutschen AutorInnen behandelt, die damit dem utopischen Thema in der Reihe wieder zu seinem Recht verhalfen.  Untersucht wird, ob und in welcher Weise drei berühmte Gesellschaftsutopien der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert - Edward Bellamys Ein Rückblick aus dem Jahr 2000, William Morris' Kunde von Nirgendwo und Charlotte Perkins Gilmans Herland -  neben Vergänglichem auch uneingelöste Zukunft transportieren.
Neubert-Köpsel behandelt die Bedeutung postmoderner Theorieaspekte in der Utopiedebatte. Dabei weist sie nach, dass der Verzicht auf allgemeine Gesellschaftsentwürfe durchaus nicht das Ende der Utopie einläutet und dass auch postmoderne Einsichten Visionen von einer besseren Welt transportieren können. Lieske, der sich auf Ernst Blochs Utopie-Konzept stützt,  befürchtet hingegen, dass Utopie, die kein Ideal und kein Subjekt mehr hat, auch keinen Wandel antizipieren kann.

Verschiedene Aspekte alternativer Lebensweise

1997 erschien der u.a. dank der unermüdlichen Werbetätigkeit einer der Autorinnen sehr erfolgreiche Band V „Als ganzer Mensch leben“. Lebensansprüche ostdeutscher Frauen. „Die Sehnsucht der Frauen ‚als ganzer Mensch leben’ zu wollen“ ist das Motiv aller drei Beiträge: Der erste Beitrag der Soziologin und Mathematikerin Ursula Schröter bewertet Status, Rolle und Lebensansprüche der Frauen in der DDR, die Germanistikemerita Eva Kaufmann, bekannt u.a. durch ihre Veröffentlichungen zu Christa Wolf, Irmtraud Morgner und Helga Königsdorf, analysiert Romane und Erzählungen von DDR-Schriftstellerinnen und die Theaterwissenschaftlerin Renate Ullrich stellt Zusammenhänge zwischen Lebenswegen, Lebensweisen, Produktionsbedingungen und der Gestaltung von Frauenbildern und  Geschlechterverhältnissen durch prominente Theaterfrauen her.

Geht es in Band V um die Selbstverwirklichung von Frauen als eine Facette alternativen Lebens, so versteht der ebenfalls 1997 erschienene Band VII, Wirtschaften für das ‚gemeine Eigene’. Handbuch zum gemeinwesenorientierten Wirtschaften der auf der Konferenz in Münstereifel als Autorin gewonnenen  Kölner Politologin, Sozialwissenschaftlerin und Feministin Carola Möller darunter Leben und Arbeiten außerhalb marktwirtschaftlicher Zwänge. Ko-Autorinnen von Carola Möller waren die westdeutsche Soziologin Ulla Peters, die ostdeutsche Historikerin und Museumspädagogin Brigitte Bleibaum, die ebenfalls ostdeutsche Philosophin und Soziologieprofessorin Lilo Steitz und Alena Wagnerovà, die aus Mähren stammende Publizistin und Biografin der Freundin Franz Kafkas, Milena Jesenskà. Die Publikation behandelt Tauschgruppen, Selbsthilfegruppen, Landbaugemeinschaften, Gesundheitsberatungsgruppen und viele andere Formen des Wirtschaftens für das „gemeine Eigene“.

Band VI, Rationalität zur Stunde Null. Mit Hannah Arendt auf dem Weg ins 21. Jahrhundert aus der Feder des Politologen Roland W. Schindler, der bereits mehrere Publikation über Hannah Arendt veröffentlicht hatte und an der Universität Münster in Lehre und Forschung tätig ist, erschien 1998. In einer populärwissenschaftlichen Darstellung der politischen Theorie der Philosophin weist der Autor die aktuelle Bedeutsamkeit des Gesamtwerks für die soziologische und politische Diskussion nach, das die Philosophin in fast einem halben Jahrhundert schuf.

Arbeit – ein  Kernthema

 In der Reihe wurden Alternativen zur neoliberalen Entwicklung der Gesellschaft diskutiert. 1998 erschien Band VIII Arbeit ohne Emanzipation und Emanzipation ohne Arbeit,  von der ostdeutschen Arbeitsökonomin Anneliese Braun zum Thema Transformation der Arbeitsgesellschaft. Er enthält eine kritische Auseinandersetzung mit den wichtigsten alternativen Vorstellungen zur Zukunft der Arbeit, die damals zur Überwindung der Massenarbeitslosigkeit vorgeschlagen wurden, vom zweiten Arbeitsmarkt bis zur Subsistenzgesellschaft.

Band X, ein Sammelband zum Thema Die Arbeit als Menschenrecht im 21. Jahrhundert. Beiträge zur Debatte über einen alternativen Arbeitsbegriff, Berlin 1999,  enthält Beiträge von zwei westdeutschen Autorinnen, der wissenschaftlichen Referentin im Forschungsinstitut der Friedrich-Ebert-Stiftung Gisela Notz, die eine feministische Kritik am „erweiterten Arbeitsbegriff“ vorlegt, und der Politologin und Sozialwissenschaftlerin Carola Möller, die den Begriff der Eigenarbeit untersucht. Die amerikanische Philosophin und Politologin Danga Vileisis setzt sich mit dem Arbeitsbegriff von Marx und Engels auseinander. Anneliese Braun behandelt das Thema der sozialen Grundsicherung. Sie schildert die verschiedenen Modelle und fordert, dass eine solche Grundsicherung „die unbezahlte Reproduktionsarbeit anerkennen müsse, die vorwiegend von Frauen geleistet wird“ und dass sie gewährleisten müsse, „dass Frauen eigenständig ihre Existernz sichern“. Die  Philosophin und Sozialwissenschaftlerin Petra Drauschke diskutiert die Zeitproblematik allein erziehender Frauen und die Diplomsoziologin und Vorsitzende des Frauentechnikzentrums Berlin e.V. Michaela Richter stellt Befindlichkeiten, Meinungen und Konflikte von Frauen vor. In einem Anhang dokumentieren Brigitte Bleibaum und Lilo Steitz den Meinungsstreit über die Zukunft der Arbeit.

Band XI, Ute Klammer & Sabine Plonz (Hrsg.) Menschenrechte auch für Frauen?!, versteht Menschenrechte nicht nur als politische, sondern auch umfassend als soziale Rechte. Daher enthält der Band, den die Politologin Ute Klammer, Referatsleiterin am Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut WSI in der Hans-Böckler-Stiftung, Forschungsgebiet europäische Sozialpolitik und speziell die Gerechtigkeitsaspekte der sozialen Sicherung, und Sabine Plonz, Theologin und  Pfarrerin, damals Studienleiterin an der Evangelischen Akademie in Iserlohn (inzwischen ist sie Direktorin der Evangelischen Akademie in  Saarbrücken im Saarland) herausgaben, im ersten Teil Beiträge über den Kampf der Frauen um ihre Menschenrechte in der bürgerlichen Demokratie, im zweiten Teil zum Thema „Arbeiten fürs Gemeinwesen – eine Alternative zur Massenarbeitslosigkeit“. Ein dritter Teil ist gewerkschaftlichen und kirchlichen Sichtweisen auf die Zukunft der Arbeit gewidmet. Abschließend gibt es einen letzten Teil, „Wege für Morgen finden: Gesellschaftliche Perspektiven“, in dem der Zusammenhang von Arbeit, Tätigkeit und Menschenrechten erläutert wird.

Lebensberichte: Spiegelbilder des 20. Jahrhunderts

 Band IX, „Morgen beginne ich ein neues Leben“ – Mein Weg in die Frauenbewegung von Gisela Gassen, Geschäftsführerin des Landesfrauenrats, bietet LeserInnen einen Einblick in  einige Facetten der neuen Frauenbewegung der Bundesrepublik. Sie schildert den Weg eines in einer traditionellen rheinischen Arbeiterfamilie aufgewachsenen Adoptivkindes, das durch Auslandsaufenthalt und eine neue Beziehung in die Politik gerät, schließlich zur Frauenbewegung findet und sich mit feministischen Theorien auseinandersetzt.

Der im Jahre 2000 erschienene Band XIII, Die Eleganz der Eseltreiber. Tagebuch Januar 1991 bis Dezember 1993 von Elviera Thiedemann, einer ehemals „staatsnahen“ ostdeutschen Grundschullehrerin für Kunst und Musik aus Sachsen, zeichnet deren Weg in die Bundesrepublik nach. Der Band beschreibt ihre Bemühung, die neuen Freiräume zu nutzen und nicht auf der Opferseite der eskalierenden Ausdifferenzierung der Gesellschaft zu landen.

Die neue Gestaltung der Reihe beginnt ebenfalls mit einem biographischen Band, Margit Stolzenburg (Hrsg.) Biografien des 20. Jahrhunderts. Elf europäische Frauen im Interview, der als Band XII ebenfalls im Jahr 2000 erschien. Die elf Europäerinnen wurden von sechs Interviewerinnen ost- und westdeutscher sowie kroatischer Herkunft befragt. Aus den Berichten über das persönliches Schicksal dieser in Frankreich, Ungarn, Finnland, Russland, Großbritannien, Kroatien, in der Bundesrepublik und in der ehemaligen DDR, in Portugal sowie den Niederlanden beheimateten Frauen und einer aus Japan stammenden deutschen Migrantin, von denen inzwischen zwei verstorben sind, entsteht ein Bild der Selbstbefreiungswege von Frauen im Europa des 20. Jahrhunderts.

Der 2003 erschienene Band XV, Hanna Behrend/Gisela Notz (Hrsg.): Über Hexen und andere auszumerzende Frauen enthält drei historische und zwei biographische Beiträge. In dem einleitenden Beitrag von Behrend wird am Beispiel der Hexenverfolgungen, deren Aufarbeitung aus verschiedenen Sichtweisen, sowie von Frauenverfolgungen in Deutschland von der NS-Zeit bis in die Tage des Prozesses von Memmingen demonstriert, dass es dabei immer um die Erhaltung patriarchaler politischer und wirtschaftlicher Macht geht und dass die Mächtigen, wenn Widerstand ihnen wirklich gefährlich zu werden droht, nicht vor Gewalttaten und Terror zurückschrecken.. Der zweite historische Beitrag von Ingrid Ahrendt-Schulte geht auf die Rechts- und Gerichtspraxis der frühen Neuzeit ein, die zeigt, wie die existenz- und nahrungssichernden Künste der Frauen in Hexenprozessen diabolisiert und kriminalisiert werden. Christl Wickert setzt sich mit Widerstand und Verfolgung von Frauen im Nationalsozialismus auseinander. Sie schildert die eher bescheidene politische Teilnahme von Frauen vor der Zeit des Nationalsozialismus und entwirft dann ein allgemeines Bild des weiblichen Widerstands gegen das NS-Regime.

Die beiden biographischen Beiträge sind Berichte über das Leben von zwei Frauen, ihren Beitrag zum antifaschistischen Widerstand, ihre Verfolgung und ihre Nachkriegsgeschichte. Ingrid Stegherr berichtet über die aus Bayern stammende Kommunistin Hanni Weißensteiner. Aus einer ‚Mitläuferin’ der Naziherrschaft gelangte die einfache Arbeiterin zum Widerstand im Umkreis der „Roten Kapelle“. Nach dem Krieg versuchte sie vergeblich, weiter gegen Faschismus und Militarismus zu kämpfen.

In ihrem Beitrag über die gläubige Jüdin, überzeugte Sozialistin und Kämpferin für die Rechte der Frauen Jeanette Wolff (1988 – 1976), die durch Konzentrations- und Todeslager geschleppt wurde und noch in hohem Alter über die ihre Erfahrungen im Nationalsozialismus berichtete, schildert Gisela Notz, wie diese nach 1945 nach Deutschland zurückkehrte und erheblichen Anteil am Wiederaufbau der SPD und eines neuen, demokratischen Deutschlands hatte.

Zurück zur populärwissenschaftlichen Thematik

In Band XIV Hanna Behrend/Peter Döge Nachhaltigkeit als Politische Ökologie – Eine Kontroverse über Natur, Technik und Umweltpolitik diskutieren der Politologe Peter Döge, Jahrgang 1961, Gründer und Mitglied des geschäftsführenden Vorstands des Berliner Instituts für anwendungsorientierte Innovations- und Zukunftsforschung e.V. (IAIZ), arbeitet als Politik- und Organisationsberater, Lehrbeauftragter an verschiedenen Hochschulen, mit zahlreichen Veröffentlichungen zum Verhältnis von Technik-Politik-Geschlecht sowie zur Männer- und Geschlechterforschung, und die einer älteren Generation zugehörige Herausgeberin, eine ostdeutsche Historikerin und Literaturwissenschaftlerin mit einem ganz anderen Lebensweg das Thema Nachhaltigkeit in Form eines fiktiven und sehr kontroversiellen Briefwechsels.

Ein weiterer populärwissenschaftlicher Band, der Ende 2003 erscheinen wird, ist Band XVI, Hannah Lund: Die europäischen Salons: Frauen wagen einen ersten Schritt in die Freiheit. Die Autorin stellt die Ende des 18. Jahrhunderts aus Frankreich und England gekommenen Salons vor, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts das gesellige Leben in deutschen Städten mit prägten. Dort wagten Frauen erstmals einen Schritt aus der Eingeschlossenheit im Hause der Eltern oder des Ehegatten in die Öffentlichkeit hinaus, das sie zwar nicht  verließen, wohl aber  familienfremden Männern und Frauen zu Zusammenkünften öffneten.

In Vorbeitung für 2004 befindet sich Band XVII, Madeleine Porr: Von Träumen und anderen Wirklichkeiten. Einblicke in das Leben kubanischer Frauen.  
Zwar werden in diesem Band Kubanerinnen im Interview zu Wort kommen, wodurch der Band eher zum biographischen Genre zu gehören scheint, die Autorin will aber nicht nur sie vorstellen, sondern ein zeitgeschichtliches Buch über Kuba aus der Sicht von Frauen vorlegen, das deren Rolle bei der Bewältigung der schwierigen Lage des Landes verdeutlicht und das weder einseitig harsche Kritik übt, noch unkritische Begeisterung zum Ausdruck bringt.

Bilanz  und Ausblick

Obwohl auch männliche Autoren und sehr unterschiedlich sozialisierte Autorinnen mit differenten Auffassungen zu Wort kamen, ist das Besondere an den Bänden, dass sie insgesamt gesehen eine ganz bestimmte vorwiegend, aber nicht ausschließlich weibliche Stimme repräsentieren. Die Bände spiegeln Befindlichkeiten, Lebensweise, Erfahrungen und theoretische Positionen einer Minderheit wider, deren Rolle aber nicht unterschätzt werden sollte. Es sind gebildete, kompetente, meist durch linke feministische Zusammenhänge zu politischem oder kulturpolitischem Sachverstand und Engagement gekommene Menschen, die an den aktuellen wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Transformationsprozessen, Problemen und deren Lösungen interessiert sind und die den Kampf um ein lebenswertes Leben nicht aufgegeben haben. Die mit den ostdeutschen InitiatorInnen alsbald kooperierenden Westdeutschen hatten Wesentliches mit ihnen gemein und waren bereit, das Differente der anderen.Sozialisation und Lebenserfahrung geschuldete, als gleichwertig mit den eigenen Erfahrungen und Erkenntnissen zu akzeptieren. Deshalb gelang in der Reihe die Integration der unterschiedlichen Gesichtspunkte ost- und westdeutscher Frauen und Männer in einem gemeinsamen Projekt besser als in vielen anderen ost-westdeutschen Vorhaben.
 
Weil in der Reihe die ostdeutschen in gleicher Weise wie die westdeutschen AutorInnen ihre eigene Sozialisations- und Lebenserfahrung unabhängig von jeder redaktionellen „Vorgabe“ einbringen konnten, wurde in der Zusammenarbeit Differenz als Bereicherung erfahren, die Integration und Gemeinsamkeiten keineswegs ausschloss. Sie alle sehen die Vergangenheit wie die Gegenwart und Zukunft mit einem ganz spezifischen gesamtdeutschen feministischen systemkritisch-interventionistischen Blick.



Anhang I

Auflistung der bisher erschienenen Bände nach Erscheinungsdatum

Band I:
Hanna Behrend/AnnelieseBraun/Hans Wagner: Emanzipation =  menschliche Selbstveränderung? Berlin 1995.

Band II:
Hartmut Krauss: Das umkämpfte Subjekt. Widerspruchsverarbeitung im ‚modernen’ Kapitalismus, Berlin 1996.

Band III:
Daniela Weber: Verfolgung – Vertreibung – Überleben: Frauen in den Weltfluchtbewegungen, Berlin 1996.

Band IV:
Hanna Behrend: Rückblick aus dem Jahr 2000 – Was haben Gesellschaftsutopien uns gebracht? mit Exkursen von Isolde-Neubert-Köpsel und Stephan Lieske,  Berlin 1997.

Band V:
Eva Kaufmann/Ursula Schröter/Renate Ullrich: „Als ganzer Mensch leben“. Lebensansprüche ostdeutscher Frauen, Berlin 1997.

Band VI:
Roland W. Schindler: Rationalität zur Stunde Null. Mit Hannah Arendt auf dem Weg ins 21. Jahrhundert, Berlin 1999.

Band VII:
Carola Möller/ Ulla Peters/ Brigitte Bleibaum/ Lilo Steitz/Alena Wagnerovà: Wirtschaften für das ‚gemeine Eigene’. Handbuch zum gemeinwesenorientierten Wirtschaften,  Berlin1997.

Band VIII:
Anneliese Braun: Arbeit ohne Emanzipation und Emanzipation ohne Arbeit? – Zur Notwendigkeit der Umsteuerung von Erwerbs- und Reproduktionsarbeit, Berlin 1998.

Band IX:
Gisela Gassen: „Morgen beginne ich ein neues Leben“ Mein Weg in die Frauenbewegung, Berlin 1999.

Band X:
Brigitte Bleibaum/Anneliese Braun/Petra Drauschke u.a.: Die Arbeit als Menschenrecht im 21. Jahrhundert. Beiträge zur Debatte über einen alternativen Arbeitsbegriff, Berlin 2000.

Band XI:
Ute Klammer/Sabine Plonz (Hrsg.); Menschenrechte auch für Frauen?, Berlin 1999.

Band XII:
Margit Stolzenburg (Hrsg.): Biografien des 20. Jahrhunderts. Elf europäische Frauen im Interview, Berlin 2001.

Band XIII:
Elviera Thiedemann: Die Eleganz der Eseltreiber. Tagebuch Januar 1991 bis Dezember 1993, Berlin 1999.

Band XIV:
Hanna Behrend/Peter Döge: Nachhaltigkeit als politische Ökologie – Eine Kontroverse über Natur, Technik und Umweltpolitik, Berlin 2001.

Band XV:
Hanna Behrend/Gisela Notz (Hrsg.): Über Hexen und andere auszumerzende Frauen, Berlin 2003.
 
Band XVI:
Hannah Lund: Blaustrümpfe – Musen – Avangarde. Die Frauen der europäischen Salons ausgangs des 18. Jahrhunderts, Berlin 2003.

In Vorbereitung:

Madeleine Porr: Kubanische Frauen (Arbeitstitel) , Berlin 2004 .



Anhang II

Aus einigen Rezensionen:

Zur gesamten Reihe „Auf der Suche nach der verlorenen Zukunft"  schreibt Hans Steiger
in:  Neue Wege vom November 2001:

Eine Spur der Hoffnungen der kurzen stürmischen Zeit zwischen 1989 und 1990 ziehe sich bis heute in einer Schriftenreihe weiter, welche die einstige Literaturdozentin und Mitinitiantin des damals geschaffenen unabhängigen Frauenverbandes in Ostberlin herausgibt: Hervorgegangen aus dem 1991 abgewickelten Projekt eines Kollektivs an der Berliner Humboldt-Universität werden es bald zwanzig Bände sein. „In der Mehrheit geschrieben von ostdeutschen Akademikerinnen, die aus ihrer eigenen Erfahrung heraus Grundprobleme unserer Zeit angehen wollen:
Der erste Band war eine kritische Sichtung des Erbes. Was von den grossen Emanzipationsbewegungen, von Sozialismus und Feminismus, liess sich bewahren? Ein thematisches Schwergewicht der Reihe ergab sich in der Folge aus der ‚Notwendigkeit, Erwerbs- und Reproduktionsarbeit umzuorientieren’ … Hier wurden Ansätze der feministischen Oekonomie beschrieben, deren Verknüpfung mit anderen alternativen Konzepten gesucht. Subsistenzperspektive, ökologisches Wirtschaften sind Stichworte. … In der Männerwirtschaft dominieren weiterhin Absichtserklärungen, die beklagte Talfahrt des Arbeitsmarktes zu bremsen. Grenzen der Oekologie, aber auch die Bedürfnisse der Menschen werden ignoriert. Vielleicht braucht es für diese Wahrnehmung tatsächlich ‚die Lebenserfahrung und Logik einer Frau’. … Frauen aus Ost- sowie Westdeutschland …vermitteln einen Ueberblick über verschiedene Ansätze [alternativer Arbeitsbegriffe] und sie dokumentieren in einem Anhang, wo auch Männer zur Wort kommen, unterschiedliche Positionen aus der Literatur. Auch die fundamentale Kritik an einer
’protestantisch-preussisch-marxistischen Arbeitszentriertheit’ wird nicht ausgespart. In früheren Bänden wurde allgemeiner nach Emanzipation heute gefragt oder speziell nach Lebensansprüchen ostdeutscher Frauen, Frauen in der Weltfluchtbewegung.  Funktionen und Gefahren von Gesellschaftsutopien wurden thematisiert, eine Studie … über die ‚Rationalität zur Stunde Null’ will ‚mit Hannah Arendt in das 21. Jahrhundert’. … Zu Recht schien …das Thema Nachhaltigkeit ‚für den Anspruch der Reihe unverzichtbar’….[Im] 1997 erschienenen … ’Rückblick aus dem Jahr 2000 - Was haben Gesellschaftsutopien uns gebracht?’ … habe sich im 20. Jahrhundert ‚die Dystopie als Antithese zur klassischen, fortschrittsgläubigen Utopie’ etabliert. Schon mehr oder minder umfassenden Programmen verschiedener Weltgipfel, etwa den Klimaschutz oder die Bekämpfung der Armut betreffend, hafte Utopisches an. Oder aus Band 1 die Feststellung …, dass die heutige Krise als eine ‚Krise des industriellen Stoffwechselprozesses zwischen Mensch und Natur’ zu sehen sei.…  Das DDR-Debakel lehrt jedoch, dass die Angst, etwas aufgeben zu müssen, die Angst vor dem Risiko, vor jeglichem Alternativen, den Verlust des Ganzen nach sich zieht.“


Band IV, Hanna Behrend: Rückblick aus dem Jahr 2000 – Was haben Gesellschaftsutopien uns gebracht? mit Exkursen von Isolde-Neubert-Köpsel und Stephan Lieske,  Berlin 1997 bespricht Bernd-Peter Lange in der englisch-deutschen Zeitschrift Hard Times 62/1998:

„Die drei Beiträge des Buchs … wollen utopische Impulse für die Gegenwart retten und so dem verbreiteten Geschichtspessimismus und der Lähmung entgegenwirken. … Alle drei… kreuzen sich im Versuch einer Aktualisierung der marxistischen Utopietradition. Sie wird nachträglich gegen den realsozialistischen Dogmatismus, gegen stalinistische und andere Verhärtungen verteidigt, die seine Rezeption in der DDR behindert haben. … Insgesamt liefert das Buch wertvolle Anregungen auf einem Terrain, was nicht auf Dauer verloren zu geben ist – trotz des derzeit eher utopiefernen Diskursrahmens der internationalen Literaturwissenschaft. Der theoretisch am weitesten auschreitende Ansatz ist hierin Neubert-Köpsels Versuch, utopische Elemente in der postmodernen, vor allem feministischen Literaturkritik zu entziffern. Insgesamt liefert das Buch wertvolle Anregungen auf einem Terrain, was nicht auf Dauer verloren zu geben ist – trotz des derzeit eher utopiefernen Diskursrahmens der internationalen Literaturwissenschaft. Der Nutzen des Buches ist teilweise durch seinen Fokus auf die realsozialistische Vergangenheitsbewältigung beschränkt, durch seine Rückbesinnung auf die marxistische positive Tradition der Utopierezeption sowie das Bemühen um ihre Weiterentwicklung. Nostalgisch ist jedoch an ihm nur sein melancholischer Schatten: Beklagt wird gerade das realhistorisch Uneingelöste der marxistischen Bemühung um die Utopie, bedauert wird das, was man nicht besaß, sondern, im Rückblick, innerhalb des geltenden Denkens, gern hätte in Besitz nehmen wollen. … Andere Leser lernen aus ihm, dass sich der literarische wie soziale Utopismus heute nur durch angestrengte Aktualisierungsarbeit diskutieren lässt, nicht durch das bequeme Antreten eines historischen Erbes“ (18-20).

                                                                                          
Band V, Eva Kaufmann/Ursula Schröter/Renate Ullrich: „Als ganzer Mensch leben“. Lebensansprüche ostdeutscher Frauen, Berlin 1997 wird von der Rezensentin der Zeitschrift metis als „ein Muss für alle feministisch engagierten westdeutschen Frauen, die über den Tellerrand der Geschichte ihrer Frauenprojekte, -gruppen usw. hinwegschauen wollen“ bezeichnet.

Birgit Dahlke in weibblick 2/1998, S.65 kommentiert: Scheinbar rückständige Kulturmuster Ostdeutschlands … könnten sich als zukunftsorientiert erweisen. Der These von der nachholenden Modernisierung im Osten stellt [Schröter] die vom ‚Gleichstellungsvorsprung’ an die Seite“. Eva Kaufmanns Beitrag gehe davonaus, „dass es in keinem anderen Land einen ‚vergleichsweise … so nachhaltigen Vorstoß schreibender Frauen in die literarische Szene gegeben’ hat wie in der DDR. … Die relative Unabhängigkeit und Selbständigkeit der DDR-Frauen, ihr neues Selbstbewusstsein, spiegelt sich in der Literatur in der Tatsache wider, dass Männer nicht (mehr) die Nummer Eins, der Nabel der Welt sind. …Renate Ullrich kommt in ihren Lebensentwürfen von Theaterfrauen zu der Überzeugung, „keine der befragten …. wollte die DDR, so wie sie gewesen war, wiederhaben … Keine wollte die Zukunft so haben, wie sie sich nun in der Form der BRD zeigte. … Der Band besticht vor allem durch seine genauen Recherchen, seine klare und verständliche Sprache, das Engagement der Autorinnen für ihr Thema“.

Weniger Übereinstimmung mit.der Grundhaltung der Autorinnen äußert die westdeutsche Sozialwissenschaftlerin Gisela Medzeg in einer unveröffentlichten Besprechung. sie moniert, dass „Frauenmeinungen und –ängste unberücksichtigt blieben, … dass keiner der Autorinnen die Beziehungen  von Frauen untereinander eine eigenständige Betrachtung wert war. …  Zu kurz kommen auch die anderen Lebensformen außerhalb der Ehe und Familie, die dem DDR-Staat verdächtig erschienen, und es fehlen die Frauen, deren Lebensentwürfe und Utopien am privaten, gesellschaftlichen und staatlichen Machtmissbrauch zerbrochen sind. So bleibt offen, ob in den ‚ganzheitlichen Lebenserfahrungen’ (S.68) der DDR-Frauen nicht neben eigenständiger Lebensplanung auch ein gehöriges Maß an Anpassung an das Frauenbild der DDR-Machthaber steckt.“.  
                                                                                    
Band VI, Roland W. Schindler: Rationalität zur Stunde Null. Mit Hannah Arendt auf dem Weg ins 21. Jahrhundert, Berlin 1999 rezensiert Rolf Weitkampf  in Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung 2/99, S..141f.:

„Es gelingt dem Autor …, einige der kritischern Einwände gegen einzelne Puunkte [des Arendtschen Werks] mit neuen Lesarten auszuräumen. … Da ist zunächst Schindlers Aufarbeitung von Arendts umstrittener Reportage über den Eichmann.-Prozess in Jerusalem zu nennen. In einer einfühlsamen Interpretation des Textes macht Schindler klar, dass die berüchtigte These Arendts von der ‚Banalität des Bösen’ nicht auf eine Trivialisierung der Schuld der deutschen Täter und eine unangemessene Belastung der jüdischen Funktionäre ausgerichtet ist. … Das zweite Beispiel ist … Arendts Ktritik an der Französischen Revolution. Diese wird zumeist so aufgenommen, dass Arendt im Einfluss der sozialen Frage in der Französischen Revolution den Grund für den Umschwung zum Terror benannt habe. Dagegen macht Schindler klar, dass erst das aus der Unerfahrenheit im Umgang mit politischer Macht bei den politischen Akteuren, wie etwa Robespierre und St. Jüst, hervorgegangene Desinteresse für die Unterschiede in den Staatsformen, ob Demokratie oder Republik, den Weg in die terroristische Diktatur der Jakobiner ermöglicht hat. Auf diese Weise erhellt der Autor die Vielschichtigkeit der Arendtschen Kritik an der Französischen Revolution, die sich nicht einseitig auf den Aspekt der Dominanz des Sozialen zurückführen lässt“.

Band VIII, Anneliese Braun: Arbeit ohne Emanzipation und Emanzipation ohne Arbeit? – Zur Notwendigkeit der Umsteuerung von Erwerbs- und Reproduktionsarbeit, Berlin 1998, bespricht Manfred Behrend in in Widersprüche. Zeitschrift für sozialistische Politik im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialbereich, Jahresband des Sozialistischen Büros 1999 im Dezember 1999, S.185-188.

„Sie macht Vorschläge, … allmählich einen Zustand herbeizuführen, in dem sich die ungeheure Produktivitätssteigerung der Arbeit, die vor allem durch enormen Aufwand an konstantem Kapital erreicht wurde, für die Mehrheit der Menschen segensreich auswirkt. … Kapitalistische Vermarktung sei für die Produktion notwendiger Lebensmittel inzwischen überflüssig. Ihre Ausdehnung auf die ganze Welt habe bereits Lebensgrundlagen irreversibel zerstört. Eine Umorientierung auf die ‚notwendige Produktionszeit’ müsse erstritten werden. Mit dem Boykott so genannten Erlebniskonsums, mit der Zunahme der Frauenerwerbstätigkeit bei gleichzeitiger Reduktion der Hausarbeit, mit einer Umsteuerung der Forschung auf lebenserhaltende Ziele und mit den Aktivitäten von Bürgerinitiativen zur Erhaltung der natürlichen Umwelt sei der Streit schon im Gange“ (161).

Zu Band X, Brigitte Bleibaum/Anneliese Braun/Petra Drauschke u.a.: Die Arbeit als Menschenrecht im 21. Jahrhundert. Beiträge zur Debatte über einen alternativen Arbeitsbegriff, Berlin 2000 äußert sich die Soziologin Gisela Medzeg in einer unveröffentlichten Rezension enttäuscht darüber, „dass weibliche Lebenspläne nach Wende und Wiedervereinigung wertlos geworden sind, … in einer zu allgemeinen Kritik an kapitalistisch-patriarchalen Verhältnissen stecken“ bleibt. Es fehle „eine fassbare Anregung, die die Leserinnen in ihre Arbeit … mitnehmen könnten. … [Die] Forderung nach einer Grundsicherung. die auf Gleichheit in der notwendigen Produktion des Lebens beruht (82), bleibt für die konkrete politische Debatte zu abstrakt. Insgesamt setzen sich die Autorinnen zu wenig mit den negativen Seiten der Erwerbsarbeit auseinander. Sie stellen nicht die Frage, inwieweit zunehmende Gleichberechtighung die Anpassung der weißen Frauen an kapitalistisch-patriarchale Strukturen erzwingt und damit auch Verlust ihrer Autonomie, ihrer Widerständigkeit und ihrer Solidarität mit Frauen anderer Herkunft und Kultur bedeuten kann. Sie sparen das Thema menschliche Beziehungen in der Erwerbsarbeit aus, obwohl doch die Frage nach den Arbeitsbeziehungen Ansatz für politische Forderungen werden könnte“.

In ihrer Besprechung in Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung (BzG) 1/2000 138f. nennt Anneliese Braun als Anliegen des Buchs: „Als unteilbar und universell deklarierte Menschenrechte … aus weiblicher Sicht einer Prüfung und Korrektur“ zu unterziehen, weshalb es notwendig sei, „’die große Utopie der Menschenrechte’ mit praktisch anstehenden Fragen der Schaffung von Erwerbsmöglichkeiten und –bedingungen zu verknüpfen“ (12). Deshalb würden die „strukturell bedingt blinden Flecken der Menschenrechte“ im Familienbereich und die „angebliche Geschlechtsneutralität des Rechts“ entlarvt“. Der gerechteste Weg zu weniger fremdbestimmter Erwerbsarbeit bestehe darin, dass ‚erst einmal alle sicher und existenzsichernd über sie verfügen’ (103;178) … Ein künstlich geschaffener Niedriglohnsektor wird … strikt abgelehnt. Offen bleibt, wie durch diese … Wege Arbeitsplätze für alle entstehen sollen. … Um politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Menschenrechte zu verbinden, wären patriarchatskritische Ansätze zu tatsächlich universellen Menschenrechtsforderungen weiterzuführen. Damit ruft das Buch eine ganze Reihe von Fragen hervor, die weiterer Diskussion und auch Forschung bedürfen. Wäre es … emanzipierend und überhaupt realisierbar, im Interesse einer eigenständigen Existenzsicherung unentgeltlich geleistete Arbeit in Erwerbsarbeit umzuwandeln? Würden damit universelle Menschrechte faktisch in solche des Marktes verwandelt? Sind also neue Entwicklungen nur dann ‚gesellschaftsfähig’, wenn sie sich vermarkten lassen? Dass es auch andere Vorstellungen gibt, wird marginalisiert“  Da die Beiträge „neuralgische Punkte getroffen haben“ sei das Buch Interessierten aus „feministischen, gewerkschaftlichen, kirchlichen, bürgerschaftlichen u.a. Basiszusammenhängen sowie Studierenden zu empfehlen“.   

Band XIV, Hanna Behrend/Peter Döge: Nachhaltigkeit als politische Ökologie – Eine Kontroverse über Natur, Technik und Umweltpolitik, Berlin 2000 wird auf der Homepage des Gesellschaftswissenschaftlichen Forums von Anneliese Braun besprochen:

„Nachhaltigkeit als politische Ökologie wird in einem fiktiven Briefwechsel aus der Sicht west- und ostdeutscher Erfahrungen diskutiert. Ausgehend von den ‚gesellschaftlichen Naturverhältnissen’ werden die Nachhaltigkeitsdebatte anhand der Kapitalismus-, Industrialismus- und Technikkritik sowie die Suche nach ‚alternativer Technik’ (u.a. am Beispiel der Aussagen von Lewis Mumford, Otto Ullrich, Ivan Illich, Ernst Friedrich Schumacher, Robert Jungk) im Verhältnis zum ‚patriarchal-kapitalistischen Gesellschaftssystem’ analysiert. Peter Döge betont dabei die Geschlechtsblindheit der ‚Industrialismuskritik’, die dadurch Anschluss gewinne an eine inzwischen ‚technokratisch-ökonomistisch verengte’ Nachhaltigkeitsdebatte. Die heutige Umweltpolitik sieht er folgerichtig verkürzt auf eine abgespeckte Version der ökologischen Steuerreform.

Das Problem ‚gesellschaftlicher Naturverhältnisse’ behandeln die AutorInnen faktisch als ‚fordistische Naturverhältnisse’, geprägt durch eine ‚fordistische Form der Naturnutzung’, aus denen die Umweltkrisen resultieren. Offen bleibt dabei weitgehend der Einfluss ‚postfordistischer’ Entwicklungen auf die Umweltverhältnisse, fallen doch gerade die Mitte der 60er Jahre, in denen sich – wie die AutorInnen illustrativ darstellen – ein Bewusstsein von den Umweltkrisen herausbildete, zusammen mit dem Beginnen der ‚postfordistischen Ära’. Zu fragen ist allerdings, ob die Thesen von ‚fordistischen Naturverhältnissen’ überhaupt geeignet sind, Umweltkrisen zu erklären und darüber hinaus alternative Möglichkeiten zu erkunden. Auch wenn Döge z.B. ‚familiäre Reproduktionsbereiche’, darunter die ‚fordistische Form des Wohnens’ in den ‚Fordismus’ einbezieht – in Anlehnung an Burkhard Lutz u.a. -. ist das in doppelter Weise in Zweifel zu ziehen: ‚Fordistische“’ Begriffserklärungen sind auf die unmittelbare Reproduktion des Lebens nicht adäquat anwendbar. Hanna Behrend stellt deshalb auch fest, dass es nicht gegen ‚Industrialismus’ gehen könne, sondern gegen den patriarchalen Kapitalismus. Des Weiteren setzte die Vermarktung dieser Bereiche, welche in gewisser Weise in der von Döge und anderen angesprochenen Richtung wirkt, im Großen und Ganzen erst nach der Mitte der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts ein. ‚Fordismus’ spielt denn auch im späteren Text z.B. für die Diskussion von Alternativen kaum noch eine Rolle, jedenfalls nicht als Begriff. ‚Neue Techniken’, insbesondere die Informationstechnik werden als solche gewertet, die vielen der Anforderungen an eine ‚alternative Technologie’ zu entsprechen scheinen, aber auch entgegengesetzte Wirkungen aufweisen. Hier wird der Ausgangspunkt ‚gesellschaftlicher Naturverhältnisse’ ganz augenscheinlich nicht durchgehalten.

Informativ und fassbar ist die Geschichte vornehmlich der westdeutschen Ökologiebewegung dargestellt. Sehr deutlich werden dabei die Veränderungen in der Umweltpolitik (besonders die faktischen Einschnitte in den 90er Jahren) und deren Verschiebungen zugunsten der Wirksamkeit von Marktmechanismen. Das schliesst ein, ost- und westdeutsche Sichten und Differenzen in diesen Fragen fruchtbar zu machen, was durchaus noch nicht zu den Selbstverständlichkeiten gehört. Nicht zuletzt gelingt das auch deshalb, weil beide AutorInnen einen ‚grundlegenden Umbau unserer patriarchal-kapitalistischen Gesellschaft’ als unverzichtbar ansehen. Behrend und Döge ergänzen sich in ihren Positionen besonders in der Auseinandersetzung mit der Nachhaltigkeitsdebatte. In einer ganzen Reihe von Fragen vertreten sie dabei akzentuierte und auch grundsätzlich unterschiedliche Positionen, was sich als sehr anregend erweist. Während sich Behrend z.B. für eine (wirtschaftliche) Wachstumsperspektive und nachholende Industrialisierung ausspricht, setzt sich Döge konsequent für eine Wachstumsbegrenzung (Nullwachstum) ein. Leider bleiben entsprechende Umweltdiskurse in der DDR fast ausgespart (u.a. die Arbeiten von Hans Roos). Schließlich werden Schlussfolgerungen zur Nachhaltigkeitspolitik abgeleitet, leider vergleichsweise kurz gehalten. Offen bleibt z.B., welche methodologischen Neuzugänge zum Problem erforderlich, denkbar und möglich wären. Das betrifft z.B. das Zusammenwirken der Umweltkrisen mit anderen Krisenerscheinungen, wie etwa auf dem Arbeitsmarkt, hinsichtlich partieller Auflösungsprozesse patriarchaler Beziehungen oder der tendenziell totalen Vermarktung in Bereichen der unmittelbaren Reproduktion des Lebens. Obwohl Widerstandspotentiale pluralistisch gesehen und damit auf neue Potenzen aufmerksam gemacht werden, fallen die AutorInnen immer wieder auf einen faktisch ressortmäßigen Ansatz zurück. ‚Politische Ökologie’, nach Peter Döge basierend auf ‚Diversität’ und ‚Selbstbestimmung’, erweist sich noch als wenig konsistent und es steht ihre Verbindung mit Erfordernissen der Erhaltung von Lebensgrundlagen in ihrer Ganzheit aus. Das gilt z.B. für die ‚Industrialismuskritik’ und wird auch bei der Diskussion zur ‚Neutralität von Technik’ und zu den (industriellen) Wachstumsperspektiven deutlich. Müsste auf die Komplexität der Verhältnisse nicht deutlicher hingewiesen werden – auch deshalb, weil in ihrer politischen Handhabung sicherlich ein wichtiger Schritt hin zu Lösungen liegt -, ohne das Buch unlesbar zu machen?

Allerdings hätten einige Passagen durchaus noch eine weitere und vor allem eindeutigere Ausargumentation vertragen. Nicht ‚auf den Punkt gebracht’ wird z.B. die Rolle der ‚Wirtschaft’ in der etablierten Umweltpolitik. Auch hinsichtlich der Rolle des ‚Marktes’ wird vergleichsweise verschwommen argumentiert. Zwar diskutieren die AutorInnen ausführlich und different über Typen und Perspektiven des wirtschaftlichen Wachstums jedoch bleiben deren Wechselbeziehungen zu Marktmechanismen – und damit zu deren Möglichkeiten und Grenzen in einer ‚Politischen Ökologie’ – unberücksichtigt.

Besonders hervorzuheben ist der fast durchgehende Versuch, feministische Konzepte zur ökologischen Nachhaltigkeit zu integrieren. Faktisch werden Aktivitäten der feministischen und Frauenbewegungen allerdings mehr als deus ex machina behandelt. Es bleibt offen, wie sie sich wiederum mit weiteren Teilaktivitäten pluralistisch vernetzen sowie welche Probleme dabei zu lösen wären. Die Sicht auf Erfordernissse emanzipatorischer Politik ist für die LeserInnen mindestens genau so wichtig wie die fundierten und interessanten, ja oft geradezu brillant und ‚mit Biss’dargestellten historischen Abläufe. Zur Wahl des Korrespondenzstils kann nur beglückwünscht werden; er lockert auf und weckt das Interesse, weiter zu lesen. Also rundum zu empfehlen“.








 

GLASNOST, Berlin 1990 - 2017