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Buchver÷ffentlichungen  











Hanna Behrend

Der schriftstellernde Schildermaler, der sich Robert Tressell nannte, und sein bemerkenswertes Buch „Die Menschenfreunde in zerlumpten Hosen"

Das kurze Leben des Robert Noonan

Habent sua fata libelli, Bücher haben ihre Schicksale, schrieb Terentianus Maurus bereits Ende des 2. Jh. n.Chr. The Ragged Trousered Philanthropists(RTP), dem Werk des 1870 geborenen unehelichen Sohnes des irischen Polizeiinspektors und späteren Friedensrichters Samuel Croker und Mary Noonan, war ein ungewöhnliches und verschlungenes Schicksal sowohl in Großbritannien als auch in Deutschland beschert. Auch über Herkunft und Geschichte seines Schöpfers Robert (Bob) Noonan gab es lange Zeit mehr Gerüchte und Mythen als gesicherte Erkenntnisse. Letztere verdanken wir seinem Biographen, Frederick C. Ball, der 1951 eine erste Schilderung des Lebens dieses Schriftstellers, Tressell of Mugsborough, verfasste, der er 1973 eine zweite, One of the Damned. The Life and Times of Robert Tressell, folgen ließ, die die Ergebnisse seiner weiteren Recherchen über Tressells Leben und das Schicksal seines Manuskripts aufbereitet.

Von daher wissen wir auch, dass Noonan, der sein magnum opus unter dem Namen Robert Tressell schrieb1, um 1890 nach Südafrika auswanderte und dort heiratete. Die junge Mrs. Noonan starb früh und hinterließ dem Witwer die fünfjährige Tochter Kathleen. Noonan war damals als Vorarbeiter relativ wohlbestallt und engagierte sich in antibritischen irischen Organisationen. Er konnte sogar seine verwitwete Schwester mit ihrem Sohn, der im Ersten Weltkrieg fallen sollte, einladen, ihren Wohnsitz in Chile zu verlassen und zu ihm zu ziehen. Um die Jahrhundertwende verschlechterten sich jedoch die Arbeitsbedingungen in Südafrika und so beschloss die Familie 1901, nach England zurückzukehren, wo sie bei einer anderen Schwester in Hastings unterkamen, deren Sohn später Kathleens Ehemann und Vater ihrer Tochter wurde.

Bob Noonan kam nach Hastings in einer Zeit der Wirtschaftskrise, die sich besonders auf die Bauindustrie negativ auswirkte.

Der britische Kapitalismus war damals parasitärer und weit weniger dynamisch als der deutsche oder US-amerikanische. Zwischen 1900 und dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges stieg in Großbritannien der Kapitalexport von £1,700 Millionen auf £4000 Millionen während in der Industrie eine Depression bzw. Krise nach kurzer Erholung auf die nächste folgte. In der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts fielen die Löhne um 10 Prozent. 18 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahren waren Wohlfahrtsempfänger. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es in England 1 Million Bauarbeiter. 50 und 70 Prozent der eingetragenen Arbeitslosen in London und Umgebung gehörten dieser Branche an, eine derjenigen, die am schwersten von der industriellen Stagnation, den Depressionen und Krisen betroffen war. Die Arbeitsbedingungen der Bauarbeiter hatten sich seit Beginn des Jahrhunderts daher auch erheblich verschlechtert. Ihre einst militanten Gewerkschaften waren zahm und kompromissbereit geworden und duldeten Lohndrückerei und Antreiberei. So war auch die Zahl der Arbeitsunfälle auf dem Bau von 63,856 im Jahre 1897 auf 107.290 im Jahre 1901 angestiegen2.

Der Arbeiter John Nettleton berichtete in einem Robert-Tressell-Gedächtnis-Vortrag in Hastings 1981, dass Noonan in dieser Stadt, die er später in seinem Buch Mugsborough3nannte, Arbeits- und Lebensbedingungen kennen lernte, die sich gewaltig von denen weißer Arbeiter in Südafrika unterschieden. In Hastings lernte er das Leben der einfachen britischen Bauarbeiter kennen. Dort trat er auch der Social Democratic Federation, der marxistisch orientierten Arbeiterorganisation, bei, dort begann er sein Werk zu schreiben, das am Ende 1700 handschriftliche Seiten umfasste.1910 plante Robert, mit seiner Tochter Kathleen nach Kanada auszuwandern und fuhr allein nach Liverpool, um sich dort die Fahrkosten für diese große Reise zu erarbeiten. Seit seiner Rückkehr nach England litt er an der damaligen Volkskrankheit Tuberkulose und so schaffte er es nicht, seine Reisepläne zu verwirklichen. Er erkrankte in Liverpool an einer Lungenentzündung, wurde im November 1910 ins Krankenhaus eingeliefert, wo er am 3. Februar 1911 starb. In einem Armengrab wurde er beerdigt. Nettleton war einer der Gewerkschaftsfunktionäre, die 1976 unter vielen Schwierigkeiten Noonans Grab auf einem Liverpooler Friedhof ausfindig machten und dort einen Grabstein errichten durften4.


RTP: Das handschriftliche Manuskript und seine Geschichte

Die Geschichte der RTP, an dem Noonan vier Jahre gearbeitet und das Kathleen Noonan, damals eine Lehrerstudentin, kopiert hatte, beginnt ein paar Jahre nach dem Tode seines Verfassers. Waise geworden nahm Kathleen Noonan eine Stelle im Haushalt an. Durch Vermittlung ihrer literaturinteressierten Arbeitgeberin, der sie anvertraute, dass sie im Besitz eines Buchmanuskripts sei, das ihr Vater verfasst habe, gelangte dieses in die Hände von deren Nachbarin Jessie Pope, die es im Auftrag des Verlegers Grant Richards redigierte und für den Druck vorbereitete. Die erste Auflage erschien 1914 und umfasste nur ca. zwei Drittel des Originalmanuskripts. 1918 erschien eine um weitere elf Kapitel der Ausgabe von 1914 gekürzte Ausgabe. Die Ausgabe von 1914 wurde von Käte Güsfeld ins Deutsche übersetzt und erschien 1925 im Deutschen Verlag Berlin und 1927 in der „Universum“ Bücherei für alle GmbH Berlin.

Der 1927 Ausgabe in der „Universum“ Bücherei für alle GmbH Berlin war ein Vorwort des Verlages vorangestellt, in dem die gekürzte Ausgabe sehr positiv beurteilt wird:


„Der tragische Widerspruch solcher vom Klassenfeind, vom Erwürger selbst großgepäppelten liberalen Philosophie ‚Der Menschenfreunde in zerlumpten Hosen’ zu den elenden Dasein dieser maßlos Ausgebeuteten, gibt dieser Erzählung das Gepräge und macht sie zu einer besonders eigenartigen Erscheinung in der Arbeiterliteratur, zugleich zu einem erschütternden Dokument proletarischen Lebens. – Ein Arbeiter, der selbst in der Hölle maßloser Ausbeutung und Entrechtung gelebt hat, schildert das freudlose, noch nicht vom Gedanken des Klassenkampfes und der revolutionären Erhebung erhellte Leben, die Spießbürgerphilosophie dieser Arbeiter, ihre oft an Einfalt grenzende Resignation. Der einzige Arbeiter, der gegenüber seinen kleinbürgerlichen Arbeitsgenossen den Gedanken des Klassenkampfes vertritt, wird von ihnen nicht verstanden und für ‚etwas verrückt’ erklärt. – Indem dies Büchlein in alle dieser Widersprüche hineinleuchtet, wird es zu einer Satire auf allen Reformismus.“ (Tressell, 1927, S.i)


Erst 1946 fand man das handschriftliche Originalmanuskript in stark beschädigter Form wieder, das der damals der Kommunistischen Partei Großbritanniens nahestehende Verlag Lawrence & Wishart 1955 in einer ersten vollständigen Ausgabe herausgab. In dieser, von Frederick C. Balls besorgten Ausgabe, der seine inzwischen publizierten Forschungsergebnisse nutzte, sind durch verlorene Seiten entstandene Lücken und vom Verlag eingefügte Übergänge kenntlich gemacht. Diese Ausgabe war die Grundlage der ersten vollständigen deutschen Übersetzung von Lore Krüger, die 1958 im Aufbau-Verlag Berlin-Weimar mit einem Nachwort von Günter Klotz erschien.

Die 1914 und 1918 vorgenommenen Kürzungen durch Jessie Pope nannte die Pionierin der englischen Arbeiterliteraturgeschichtsschreibung Mary Ashraf (1903-1983) in ihrem Werk Englische Arbeiterliteratur vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg zwar „eine Schlächterei“, fand aber auch, dass auch eine neue Ausgabe des Buchs Wiederholungen und unvollendete Passagen streichen sollte.


„Wenn die heutigen Leser jemals wieder ähnliche Inspiration und Begeisterung empfinden sollen, wie die ältere Generation ... [dann sollte[ das Buch ... lesbarer und attraktiver gemacht werden durch eine Aufmachung und eine Darbietung, wie sie eines Klassikers würdig sind5“ (Ashraf, S.682).

In der deutschen Ausgabe von 1958 bemängelt Günter Klotz im Nachwort:


„Große Teile hatte Miss Pope im Auftrag des Verlegers gestrichen und dabei häufig Stellen zusammengestellt, die im Original nicht miteinander verbunden waren. Tressell hatte dem Buch einen optimistischen Schluss gegeben; dieser war durch eine Stelle aus der Mitte des Buches ersetzt worden, die in dem neuen Zusammenhang eine Andeutung zu enthalten schien, der Held des Romans, der sozialistische Arbeiter Owen, hätte sich entschlossen Selbstmord zu begehen6. Einige Personen und Begebenheiten waren ausgelassen worden, so unter anderen Barrington, der zweite Sozialist des Buches. ... Alle diese Veränderungen waren der ursprünglich beabsichtigten Wirkung des Buches abträglich. ... [Der Leser ist] einerseits tief beeindruckt ... von der Chronik, die ein Jahr Hungerleben der Menschenfreunde umfasst, [hat] andererseits aber Schwächen und objektive Fehler an dem Kunstwerk wahrgenommen ..., die dessen Wert doch beträchtlich herabsetzen müssten. Solche Mängel kann er nicht ganz zu Unrecht darin erblicken, dass das Werk einer konfliktreichen spannenden epischen Handlung entbehrt, dass offensichtlich vermeidbare Wiederholungen ungeniert stehen gelassen wurden, dass der Erzähler unmittelbar oder durch den Mund seiner Gestalten zu viel theoretisiert und dass vor allem jene Ideen, welche die erhoffte Einrichtung eines ‚genossenschaftlichen Gemeinwesens’ erläutern, unserer gegenwärtigen Wirklichkeit Widersprechendes in sich bergen, das schon vor der Entstehung des Buches von Marx und Engels, aus der Analyse der Geschichte resultierend, in den Grundzügen richtig vorausgesagt wurde. Überdies fällt auf, dass der Autor nicht die vorderste Reihe der organisierten Arbeiterbewegung in den Mittelpunkt des Geschehens stellt, sondern die rückständigsten und unbelehrbarsten Lohnsklaven, die so menschenfreundlich sind, dass sie ihre Ausbeuter gottesfürchtig und mit gebührender Verehrung im Amte halten und alle Angriffe auf die eigene Freiheit des Verhungerns verbissen abwehren.“ (Tressell, 1958, S.765-767.)


Der zweite Teil des Originaltitels, der in der englischen Ausgabe von 1955 aus dem Faksimile der Originaltitelseite des Manuskripts (Tressell 1955, S.7) ersichtlich wird, wurde in der deutschen Ausgabe ausgelassen und steht erst wieder im Nachtrag von Else Tonke in der von ihr übersetzten neuen Ausgabe: „Das ist die Geschichte von zwölf Monaten in der Hölle, erzählt von einem der Verdammten und von Robert Tressell niedergeschrieben“ (Tressell 2002, S.629).

Mehr als 20 Jahre später, nach dem Zusammenbruch des ersten weltweiten Sozialismusexperiments, schrieb die Ostdeutsche Else Tonke, der ein englischer Gastbauarbeiter die komplette englische Ausgabe zu lesen empfohlen hatte:


„Das Buch „The Ragged-Trousered Philanthropists“ hat mich nicht mehr losgelassen, seit es mir von meinem lieben alten Freund Ben gegeben worden war. Damit es außer mir wenigstens noch meine Söhne in deutscher Sprache lesen können, habe ich mich an den großen Berg Arbeit gemacht, das Buch zu übersetzen. Die Faszination der ‚Menschenfreunde’ führte dazu, dass sich an dieser Arbeit immer mehr Menschen völlig selbstlos beteiligten.“ (Tressell, 2002, Rückseite Titelblatt)


Als Else Tonke sich mit Unterstützung der Lektoren Gudrun Rehmann aus Detmold und Klaus Wondratschek aus Potsdam an die Übersetzungsarbeit machte, war ihnen weder die Geschichte des Autors, seines Werks, noch die früheren deutschen Übersetzungen bekannt. Sehr wahrscheinlich erwies sich diese Unkenntnis am Ende als ein großer Vorteil. Im Vergleich mit der sprachlich eher neutralen, keinem sozialen Register zuzuordnenden deutschen Übersetzung von 1958 ist die neue Übersetzung zwar oft weniger korrekt (so sind bei der Endkorrektur, anders als bei der durch Korrektoren überprüften Ausgabe des Aufbauverlags, viele Fehler übersehen worden), aber dafür hat sie einen großen Vorteil: Sie entspricht insgesamt im sprachlichen Duktus und vor allem dem sozialen Register nach, das die Übersetzerin kenntnisreich den „Menschenfreunden“ in den Mund legt, weit mehr dem Original. Es ist die erste deutsche Übersetzung in eine Sprache, wie sie von deutschen Bauarbeitern gesprochen und daher von ihnen verstanden werden könnte.

Daher wünschte man dieser Ausgabe die bisher fehlende Aufmerksamkeit der mit politischer Bildungsarbeit befassten Stiftungen, der Gewerkschaften und Parteien und damit eine angemessene Verbreitung, vor allem unter denjenigen, deren Lebenssituation viel Ähnlichkeit mit der im Roman geschilderten Situation der „Menschenfreunde“ hat.


Worum geht es in diesem Buch? Der Titel Die Menschenfreunde in zerlumpten Hosen ist bittere Ironie. Die selbst in zerlumpten Hosen herumlaufen, sind nicht sich selbst sondern nur ihren Ausbeutern gegenüber „Menschenfreunde“. Die Bauarbeiter sanieren ein anzüglich „The Cave“ genanntes Haus7. Die Baufirma Rushton (Hetzer) unterbietet ihre Konkurrenten, indem sie als Polier den verhassten Hunter (Jäger) einsetzt, der die Arbeiter gnadenlos antreibt und zur Pfuscharbeit nötigt, und indem sie an der Materialqualität und –quantität spart, wo sie nur kann. Die Firma beschäftigt vorwiegend jene „unorganisierten und ignoranten Menschenfreunde, die leichte Beute für Rushton, Hunter und ihre religiösen Freunde“ sind und „wie die Sklaven in der Antike schuften, weil ihnen die Angst vor dem Rausschmiss im Nacken sitzt“ (ebda).

Die Struktur des Romans hat Jack Mitchell in seiner an der Humboldt-Univeität zu Berlin verteidigten und 1969 in England veröffentlichten Dissertation Robert Tressell and The Ragged-Trousered Philanthropists folgendermaßen beschrieben:


„Der Roman ist wie ein Wagenrad konstruiert. An der Radnabe werden die Männer bei der Arbeit geschildert. Dorthin kehrt die Handlung stets wieder zurück, nachdem der Autor, den einzelnen Speichen entlang Einsicht in das ‚Privat’- oder Familienleben der Arbeiter, ihre Freizeitgestaltung und Vergnügungen, ihre ‚politischen’ Aktivitäten usw. gegeben hat. So erkennen wir, dass die Art und Weise, in der die Männer arbeiten, ihre ganze Lebensweise bestimmt, dass die unfreie Arbeit der Ausgangspunkt ihrer ganzen Unfreiheit ist“ (Mitchell, S.15)

Diese Bauarbeiter werden ohne die geringste Schönfärberei gezeichnet.

„Kein britischer Sozialist hat jemals gewagt, wie Tressell den Hang zur geistigen Korruption, der eine der vielen widersprüchlichen Erscheinungen im Reifeprozess der Arbeiterklasse im imperialistischen Zeitalter ist, so gnadenlos wahrheitsgetreu zu schildern“ (ebda, S. 113).


Wie aktuell mutet es z.B. an, wenn im Kapitel 1 einer der Arbeiter sagt:


„’Klar – sogar hier in Mugsborough ... werden wir von denen überrannt! Im Grand Hotel, wo wir letzten Monat gearbeitet ham, sind fast alle Kellner und der Koch Ausländer.’ ... Es war ‚ne verdammte Schande, dass es diesen Leuten erlaubt wurde, die Engländer brotlos zu machen; sie sollten ins verdammte Meer gejagt werden’.“ (Tressell 2002, S.24)


Die Arbeiter können vier Gruppen zugeordnet werden, den Kriechern und Speichelleckern, den zwischen Anstand und Opportunismus ständig Schwankenden, den nur durch die Figur des Joe Philpot vertretenen klassenbewussten und witzigen Facharbeiter, der sich seine Menschlichkeit auch unter den entmenschlichenden Bedingungen erhält und schließlich gibt es die beiden Sozialisten Owen und Barrington, die gewissermaßen zwei Seiten der Persönlichkeit des Autors repräsentieren. Owen, ein hochqualifizierter Schildermaler und Innendekorateur, Mitglied derSocial Democratic Federation und tuberkulosekrank wie sein Schöpfer, verwendet seine ganze Kraft dazu, seinen Kollegen die gesellschaftlichen Grundtatsachen der kapitalistischen Gesellschaft zu vermitteln. Vergeblich versucht er in der Mittagspause, ihnen diese so schlicht wie möglich zu erläutern. Die Kollegen nehmen ihn nicht ernst, finden ihn lediglich unterhaltend. Unterstützt wird er von Barrington, einem Mann bürgerlicher Herkunft, der auf dem Betriebsausflug, einem Höhepunkt des Romans, den Mut hat, dem Lebensmittelhändler Grinder (Schinder), der in einer Tischrede die Arbeiter verhöhnt und die Sozialisten verleumdet, entgegenzutreten und in dem Kapitel The Great Oration (in der 1958 Ausgabe: „Die große Rede“, in der Ausgabe von 2002 weniger treffend „Der große Diskurs feierlich und würdig durchgeführt“ genannt) Noonans Vision einer zukünftigen Gesellschaft verkündet. Er beklagt, dass sein Einsatz für die Sache der Ausgebeuteten von diesen nicht gewürdigt wird, sondern ihm sogar Argwohn und Hass einbringt und dass dagegen diejenigen viel eher respektiert werden, die den Unternehmern helfen, die Arbeiter auszubeuten. Dennoch lohne es sich, für die Kinder und damit für die Zukunft zu kämpfen.

Die Noonansche Gesellschaftsutopie, die Barrington verkündet, sieht vor:


„Da wir die größtmögliche Anzahl der Arbeit sparenden Maschinen einsetzen werden und die besten wissenschaftlichen Methoden in unseren [staatssozialistischen]Farmen und Fabriken anwenden, werden die von uns erzeugten Gütermengen so enorm groß sein, dass wir imstande sind, unseren Beschäftigten sehr viel höhere Löhne zu zahlen – in Papiergeld -, und es wird möglich, unsere Produkte so billig zu verkaufen, dass die öffentlich Bediensteten in die Lage kommen, alles in Wohlstand zu genießen“ (Tressell, 2002, S.514)


Immer mehr Erwerbstätige würden daher aus den Privatbetrieben in den öffentlichen Dienst wechseln und die sozialistische Verwaltung stärken. Die Überproduktion würde durch die Beschäftigung von immer mehr Arbeitskräften für Kultur- und Bildungsaufgaben und durch die Senkung der Arbeitszeit auf vier bis fünf Stunden und Berentung mit 45 Jahren verhindert werden.


„All diese Leute werden den Rest ihrer Tage ihren eigenen Neigungen entsprechend verbringen können. Einige wollen vielleicht ruhig zu Hause sitzen und sich auf die gleiche Weise amüsieren wie die Wohlhabenden mit freier Zeit heutzutage – mit ein paar Hobbys oder der Teilnahme an der Organisation gesellschaftlicher Veranstaltungen wie Bällen, Parties, Unterhaltungen, der Ausrichtung von Volksfesten und sportlichen Wettkämpfen, Rennen und allen Sportarten.
Einige werden es vorziehen, weiter dem Staat zu dienen, Schauspieler, Künstler, Bildhauer, Musikanten und andere ihre Arbeit zum eigenen Vergnügen und um der Ehre willen fortsetzen. ... Manche werden ihre Freizeit der Wissenschaft, Kunst oder Literatur widmen. ... Das sind die Grundsätze, nach denen das Kooperative Gemeinwesen der Zukunft eingerichtet sein wird, ein Staat, ... in dem niemand seinen Gewinn aus eines anderen Verlust erzielt und wir nicht länger Herren und Diener, sondern Brüder, freie Menschen und Freunde sein werden, da es keine erschöpften, seelisch gebrochenen Männer und Frauen mehr geben kann, die ihr freudloses Leben in Plackerei und Mangel verbringen müssen, und keine kleinen Kinder, die weinen, weil sie hungrig sind und frieren.“ (ebda, S.517f.)


Die Rezeption des Werks durch die britischen Arbeiter


Trotz der Kürzungen und tiefgreifenden inhaltlichen Veränderungen war die erste Ausgabe ein Bestseller. Zwischen 1914 und 1954 gab es insgesamt zwanzig Auflagen mit fast 140.000 Exemplaren8und wesentlich mehr LeserInnen, da die Exemplare unter den Arbeitern herumgereicht wurden. Das war für ein Buch dieser Art eine ungewöhnlich hohe Verbreitung.

In den 30er Jahren war es möglich, ungeachtet der elenden Arbeits- und Lohnbedingungen im Baugewerbe, der Unorganisiertheit der Bauarbeiter,


„die Sechs-Penny-Ausgabe fast an jedem Bauplatz zu verkaufen, und oft genug an Menschen, die selten oder niemals etwas Ernsthafteres lasen als eine illustrierte Zeitung oder die Renn-Ausgabe der Abendzeitungen“ (Ashraf, S.678).


Bert Hogenkamp berichtet, dass bei einem einzigen Meeting während eines Bauarbeiterstreiks in Putney, London 1934 200 Exemplare des Buchs verkauft wurden9. Trotz seiner Popularität unter einem wenig belesenen Publikum, blieb RTP dagegen den bürgerlichen Lesern in England lange Zeit unbekannt. Frederick Ball schrieb: „Literaturhistoriker an den Universitäten Oxford und Cambridge haben von dem Buch nie gehört“ (Ball, 1973, S.186). Es stand in keiner Literaturgeschichte und auch in den renomierten Oxford Companion to English Literature und Cambridge Guide to English Literature fehlt bis heute jeder Hinweis auf das Werk oder den Autor. Nur der Oxford Companion to Twentieth Century Literature in English (1996) enthält einen kurzen Beitrag über Tressell und sein Werk.

Peter Miles stellt fest, dass das Werk den Leser für die subversive Haltung des Autors den herrschenden sozialen, politischen und kulturellen Strukturen gegenüber gewinnt. Dazu habe auch seine Verbreitung durch persönliche Empfehlung vor allem unter den grass root Angehörigen der englischen Arbeiterbewegung beigetragen. Diese Art der Literaturverbreitung habe die agitatorische Wirkung des Werks befördert. Der Arbeiterdramatiker Tom Thomas berichtete, dass er das Buch nach dem Ersten Weltkrieg auf einer Antikriegs-Veranstaltung im Londoner Finsbury Park erstanden habe; wie vielen anderen habe es auch ihm die Augen geöffnet und ihn begeistert. Er schrieb eine Dramafassung, die 1927 von den Hackney People’s Players erstaufgeführt wurde. Sein Motiv war, dieses beeindruckende Buch nicht nur dem vereinzelt Lesenden zugänglich zu machen, sondern es zu einem Gemeinschaftserlebnis werden zu lassen. Der Erfolg des Stücks, das in der Zwischenkriegszeit zweimal aufgelegt und von verschiedenen Theatergruppen aufgeführt wurde, trug zur Gründung derWorkers’ Theatre Movement (Arbeitertheaterbewegung) in den 30er Jahre bei. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde eine von Frank Rhodes verfasste Version des Buchs von den Unity Mobile Theatre Players an verschiedenen Orten aufgeführt. Es gab noch eine weitere Dramafassung von Stephen Lowe, die 1967 und 1983 im britischen Fernsehen gezeigt wurde, wo damals auch eine Sendung über das Leben Robert Tressells lief. Das Buch begeisterte bekannte englische Schriftsteller wie George Orwell und Alan Sillitoe; letzterer berichtete, dass er es mit der Empfehlung erhalten habe, es sei das Buch, das den Wahlsieg der Labour Party von 1945 bewirkt habe10. Über das Buch wurde von der Workers’ Film und Photo League ein Werbefilm gedreht11.

1931 wurde der Robert-Tressell-Club in England gegründet, der sich der Internationalen Vereinigung Revolutionärer Schriftsteller (IVRS) anschloss.

Mit der wachsenden Gefahr, die das 1933 in Deutschland zur Macht gekommene NS-Regime für die Demokratie und den Weltfrieden bedeutete, veränderte sich in England auch die literatur- und kulturpolitische Linie der Linken und speziell der britischen Kommunistischen Partei12. Das Kulturerbe der englischen Arbeiterliteratur spielte fortan eine recht geringe Rolle. Aktuelle proletarische Kultur und Kunst wurden marginalisiert. Auf kulturpolitischem Gebiet bedeutete die „Volksfrontpolitik“ eine Bevorzugung antifaschistischer bürgerlicher AutorInnen.

Erst wieder mit den Aufkommen der verschiedenen Bürgerbewegungen in den späten 60er Jahren, mit den Studenten- und Frauenbewegungen, der neuen Linken und den Cultural Studies besann man sich wieder auf dieses Erbe. Die 80er Jahre waren ein neuer Höhepunkt in der Geschichte der RTP und des Autors Tressell. Von 1981 bis 1988 fanden die Robert Tressell Lectures statt, die von David Alfred im Auftrag derWorkers’ Education Association (WEA), des angesehensten britischen Arbeiterbildungsvereins, 1988 herausgegeben wurden und Beiträge von namhaften Persönlichkeiten wie dem Historiker, Soziologen und Schriftsteller Raymond Williams, dem linken Politiker Tony Benn, dem Historiker Raphael Samuel, dem Arbeiterschriftsteller Jack Jones, der Publizistin Eileen Yeo u.a. enthielten.

1981 begann die Restaurierung einer zur Erinnerung an die verstorbene Ehefrau eines örtlichen Bauunternehmers gestifteten, von Noonan 1905 geschaffene Wandmalerei in der Kirchenkanzel von St. Andrews in Hastings. Von der Kirche, die 1970 abgerissen wurde, war nur das von Noonan gemalte Panel erhalten geblieben, das auch gleichzeitig das Einzige war, was von Noonans bildkünstlerischer Hinterlassenschaft übrig geblieben war. In ganz England wurde erfolgreich für die Restaurationskosten Geld gesammelt13.

Bis heute wird RTP in Großbritannien aufgelegt. Das Buch ist auch über Internet in Ausgaben von zwei Verlagen erhältlich14.

Auch der Mehrzahl etablierter (west)deutscher AnglistInnen blieb Tressell unbekannt, nur links orientierte anglistische Periodika wie Hard Times, oder Gulliverkannten Buch und Autor. Unter westdeutschen Arbeitern war RTP seit 1933 nicht mehr verbreitet worden. Die DDR- Anglistik verdankt den Gastdozenten Mary Ashraf und Jack Mitchell, dass britische Arbeiterliteratur vor allem an der Humboldt-Universität, aber auch an anderen DDR-Universitäten ein Lehr- und Forschungsgegenstand wurde und bis zur Wende blieb. Aber auch dort blieb die Wirkung des Werks auf den Kreis von Lehrkräften, StudentInnen und AbsolventInnen beschränkt und fand unter Arbeitern keine Verbreitung.

Die gesamtdeutsche Brockhaus-Jubiläumsausgabe von 1996 kennt ihn immer noch nicht. Den für die englische Literatur zuständigen Beiträgern kam offenbar nicht in den Sinn, auch die in der DDR erschienenen Lexika fremdsprachlicher Literatur einzusehen, etwa Meyers Taschenlexikon, „Fremdsprachliche Schriftsteller“ von 1971, das dreibändige „Lexikon fremdsprachlicher Schriftsteller“ von 1980 oder „Englische Literatur im Überblick“ aus dem Reclam-Verlag Leipzig von 1986, die alle Einträge über Tressell haben; das letztgenannte Nachschlagewerk berichtet relativ ausführlich über Tressell und sein Werk im Abschnitt „Englische Arbeiterliteratur 1870 bis 1914“. Selbst „Meyers Neues Lexikon“ in acht Bänden, Leipzig 1964, enthält einen kurzen Beitrag über Robert Noonan, genannt Tressell.

Die von Else Tonke übersetzte und 2001 im Scheunen-Verlag erschienene Ausgabe Die Menschenfreunde in zerlumpten Hosen ist die erste gesamtdeutsche Veröffentlichung des Werks seit 1927.


RTP - ein Klassiker der Arbeiterliteratur


Jack Mitchell (1932-1999) hält RTP für


“einen Beitrag zum weltweiten Durchbruch proletarischer und sozialistisch-realistischer Prosa, der fast unmittelbar nach dem Übergang des Kapitalismus in seine imperialistische und dekadente Periode um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert erfolgte. In den wenigen Jahren zwischen der russischen Revolution von 1905 und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs entstanden außer Tressells Roman [und einigen anderen, von Mitchell erwähnten britischen Arbeiterromanen] Upton Sinclairs Der Dschungel, Jack Londons Die Eiserne Ferse, Martin Andersen NexösPelle der Eroberer und Maxim Gorkis Die Mutter. ... Die erreichte ästhetisch-literarische Reife war ... nicht nur der theoretisch-wissenschaftlichen Erkenntnis der Avantgarde über die historische Rolle ihrer Klasse geschuldet, sondern auch dem Reifen proletarischer Sinnlichkeit, einer proletarischen Einfühlsamkeit, einer neuen Qualität von Sensibilität und proletarischer Phantasie.“ (Mitchell, 1982, S.67f.)


Für Jack Mitchell nimmt Tressells Werk „eine Schlüsselstellung in der englischen Literatur und in der Entwicklung der englischen Arbeiterliteratur ein“ (Mitchell, S.3). Es ist

„bemerkenswert ‚anders’ als andere Werke, sowohl was seinen Gegenstand als auch seine Struktur anlangt“ (ebda, S.22). Dieses Anderssein habe viele wohlmeinende Forscher und Intellektuelle daran gehindert, Tressell als Künstler anzuerkennen, wie das sein Arbeiterpublikum tat. Das Geheimnis des Werks besteht Mitchell zufolge darin, dass es


„Teil der großen Tradition des englischen Romans und noch genauer, der großen mit Bunyan beginnenden Volkstradition ist, die von Swift, Defoe, Fielding und Smollet bis Dickens reicht. Tressell ist nach Charles Dickens der nächste wichtige Schritt in dieser Tradition.“ (Mitchell 1982, S.23f.)


Mitchell schreibt ihm jene „Einfühlsamkeit“ (sensibility) zu, unter der er, dem englischen marxistischen Literaturwissenschaftler Arnold Kettle folgend,


„den Standpunkt oder im weitesten und umfassendsten Sinne das Klassenbewusstsein einer Person verstand, die einer bestimmten Klasse oder Schicht angehörte. Das umfasste seine Moralauffassungen, seine Gefühle und emotionalen Reaktionen, seine Normen und Wertvorstellungen – das ganze Register seiner verinnerlichten ‚instinktiven’ Reaktion bis hin zu allen seinen Erfahrungen. Es ist das Wesen seiner ganzen Sichtweise“ (ebda, S.24).


Mary Ashraf (1903-1983), Mitchells Gutachterin und die kritischeste der BewundererInnen von Tressells Werk, schreibt:


„The Ragged-Trousered Philanthropists ist die Wiedergabe der Realität – in aller Wahrhaftigkeit; wir finden ihre äußeren Züge detailliert und lebendig wieder, ebenso finden wir sie im typischen Verhalten der Charaktere, in der vertieften Art der genauen Beobachtung des Typischen und Gewöhnlichen, ... . Vielleicht musste das Publikum, für das das Buch bestimmt war, die schmutzigen Details seiner ständigen Umgebung sehen, um sich selbst in jenem unversöhnlichen Portrait zu erkennen und die soziale Kritik zu begreifen, die hinter dieser Abbildung des Typs verborgen ist“ (Ashraf, S.679),


Ashraf stimmt Frederick Ball zu, dass das Hauptverdienst Tressells das wunderbare Bild sei, das er von der Arbeiterklasse gebe:


„Geboten wird ein vollständigeres Bild als in irgendeinem Roman jener Zeit zu finden ist“ (ebda, S.683).


Ronald Paul kommt zu dem Schluss, dass Tressell im Unterschied zu anderen bedeutenden internationalen sozialistischen Romanciers seiner Zeit eine


„konsequent antiheroische Gestaltung [seines Protagonisten gelang], die geschickt abgestimmt ist mit einem überzeugenden Bild kollektiver Klassenerfahrung. ... Owen ist der Maßstab der sozialen und politischen Bandbreite des Arbeitermilieus, in das diese Figur so fest eingefügt ist. Dieser sehr reale Gemeinschaftssinn und diese kollektive Stärke machen das Buch politisch optimistischer als es zunächst erscheint. Die Gestalt des Owen ist deshalb so sympathisch, weil er seine grundlegende menschliche Solidarität mit seiner wenig erfolgreichen Rolle als sozialistischer Agitator verbindet. Paradoxerweise verdankt das Werk seine starke psychologische Wirkung seiner Schwäche als Agitationsroman“ (Paul, S.238).


Paul hebt auch Tressells bewussten und wirksamen Einsatz humoristischer Mittel hervor, von beißender Ironie bis zur Face und Satire, die ein integraler Bestandteil seiner Erzählweise sind und die sich wohltuend vom „düsteren Ernst und der gequälten Didaktik“ (ebda, S. 247) abheben, die andere Arbeiterromane beschwerlich zu lesen machen.

Für Peter Miles unterscheidet sich RTPvon anderen sozialistischen Romanen dadurch,


„dass es sich selbst als ein agitatorisches Werk begreift und sich als einen Gebrauchsgegenstand anbietet und nicht nur konsumiert werden will. Es beschreibt das menschliche Leiden. Aber es befördert auch die Überzeugungsarbeit, zeigt, dass sie machbar ist, besteht darauf, dass der Leser sich engagieren, dass er das Buch dafür einsetzen kann“ (Miles, S.6).


In seiner Figurenanalyse bezeichnet Jack Mitchell Owen als „den gelungensten, zutiefst menschlichen, moralisch höchst anziehenden Arbeiterprotagonisten unserer Literatur“ (Mitchell, S.127) . Ihn habe Noonan nicht nur mit einer Familie ausgestattet, was ihm Gelegenheit bietet, in der Ehefrau Norah ein positives Frauenbild zu gestalten und seine Auffassungen über sozialistische Eltern-Kind-Beziehungen zu demonstrieren.

In der Gestalt des Frank Owen erfülle, so Mitchell, Tressell die Beziehungen zwischen einzelnen Arbeitern, zwischen Alten und Jüngeren, zwischen Arbeitern und ihren Ausbeutern, zur Arbeit und zur Politik mit Leben.


„Durch die ganzheitliche Gestalt Frank Owens erahnen wir, was Klassenkampf auf einer höheren, organisierteren Ebene wirklich bedeutet; dass sein letztes Ziel die Hervorbringung einer Welt ist, wo solche Männer und Frauen sich frei und vollständig entfalten können. In diesem Sinne ist Owen in gewisser Hinsicht das vorweggenommene Endergebnis des Sieges im organisierten Klassenkampf.“ (Mitchell, S.128)


Dass Mitchell mit der Vorwegnahme einer sozialistischen Gesellschaft die Überwindung des Konkurrenzkampfs zwischen den Arbeitern und die uneigennützige Solidarität unter ihnen meint, geht aus der von ihm hervorgehobenen Episode hervor, als Owen von der freien Arbeitsstelle erfährt, für die sich der alten Arbeiter Jack Linden bewerben sollte:


„Owen zögerte: er war durchnässt, und der Weg zu Linden zog sich lang hin, nahezu zwanzig Minuten zu Fuß. Dennoch, er wollte ihn benachrichtigen, weil er unbedingt einer der ersten bei der Bewerbung sein musste, Linden würde nicht so gute Chancen haben wie ein jüngerer Mann. Owen tröstete sich damit, dass das Risiko, sich zu erkälten, geringer war, wenn er ganz schnell ging. Mit nassen Sachen herumzustehen, mochte gefährlich sein, aber solange man sich bewegte, war es in Ordnung.“ (Tressell, 2002, S.72)


Erst nach dem Besuch bei Linden kehrt er nach Hause zu seiner kranken Frau zurück. Er schickt sie ins Bett und bringt, erschöpft wie er ist, seinen Sohn zu Bett, trocknet seine nassen Sachen und bereitet sich eine Mahlzeit. Owen behandle Nora als intellektuell gleichwertig, was sie Mitchell zufolge auch ist:


„Sie ist nicht nur eine klassenbewusste Frau, sie ist auch eine gebildete Sozialistin. Tressell hebt diese Dinge nicht hervor. Sie sind für ihn selbstverständlich. Norah erklärt ihrem Sohn das Wesen der Ausbeutung in einfachen, aber kämpferischen Begriffen, wie es Owen nicht besser gekonnt hätte. Bei der Erziehung des kleinen Frankie gibt es keine Spur der falschen ‚Objektivität’, die man manchmal in sozialistischen Familien findet. Was immer Frankie fragt, beantworten seine Eltern vom Standpunkt klassenbewusster Arbeiter. Es ist eine parteiliche Erziehung, aber keine sektiererische. Frankie darf zur Sonntagsschule gehen und bekommt sogar Geld, weil ihn die anderen Kinder dabei haben wollen und auch er dorthin gehen will.“ (Mitchell, S.129)

Ein feministisches Urteil


Dieses Urteil ergänzt Eileen Yeo kritisch, in ihrer Robert-Tressell-Vorlesung in Hastings am 26. April 1987. Tressell sei von dem traditionellen Modell des männlichen Familienernährer ausgegangen.


„Der Ehemann als Beschützer war von den Chartisten festgeschrieben worden, verständlicherweise, da die Kapitalisten Frauen und Kinder dazu missbrauchten, um die politische Kraft der Industriearbeiter zu untergraben (Alfred S.91). ... Obwohl seinen [Tressells] scharfen Augen das Ausbeuterische an typischer Frauenarbeit (Hausarbeit in der Familie, als Putzfrau, als Näherin in Heimarbeit) nicht entgangen war, erläutert er [in Barringtons großer Rede] nicht, wie die Bürde der Hausarbeit, des Kinderkriegens und –aufziehens usw. im Sozialismus reformiert werden solle“ (ebda, S.85f.).


Zurecht weist Yeo darauf hin, dass es zeitgleich mit Tressell Frauen gab, die erste Ansätze zu einer feministischen Kritik äußerten. Waren aber schon schreibende Arbeiter relativ selten, so waren schreibende Arbeiterinnen absolute Ausnahmen. Dennoch gab es auch in Hastings vereinzelt Frauen, die für die sozialistische Presse schrieben: Yeo erwähnt Lily Bells Kolumne im Labour Leaderund Julia Dawsons Artikel für The Clarion. Auch die militante Suffragette, Kommunalpolitikerin und Abgeordnete der Independent Labour PartyHannah Mitchell (1871-1956) setzte sich nicht nur wie Tressell für die geistige, sondern auch für die materielle Unabhängigkeit der Frauen ein. Sie war der Meinung, dass für die (männlichen) Sozialisten nur die Klassen-, nicht aber die Geschlechterfrage zählte. Obwohl ihr eigener Ehemann sie so gut er es verstand unterstützte, schrieb sie:


„Die meisten von uns verheirateten Frauen mussten feststellen, dass das Frauenwahlrecht unsere Männer weniger interessierte als ihr Mittagessen“ (H. Mitchell, S. 149).


Von ihr stammt auch der Ausspruch: „Wir verheirateten Frauen mussten unsere Arbeit stets mit einer Hand leisten. Die andere war gefesselt.“
Eine wichtige Rolle spielte dieCooperative Women’s Guild, die Frauenvereinigung der Genossenschaftsorganisation, die sich zum Ziel setzte,


„ihren Mitgliedern den Weg zur aktiven Bürgerin zu öffnen und ihnen die Kompetenzen für ein Leben in der Öffentlichkeit zu vermitteln, d.h. sie zu befähigen, Meetings zu veranstalten, öffentlich zu sprechen und für die Öffentlichkeit zu schreiben“,


wie die langjährige Generalsekretärin der Organisation Margaret Llewellyn Davies (1861-1944) in ihren Schriften Maternity. Letters from Working Women (1915) und Life as we have known it (1931) erklärte.

Yeos feministische Kritik zeigt die historisch bedingten gesellschaftskritischen Grenzen der Tressell’schen Gesellschaftskritik, die auf den Umstand zurückzuführen sind, dass die damalige Arbeiterbewegung eine in erster Linie von männlichen Industriearbeitern dominierte Bewegung war, die deren Interessen als die Interessen aller Lohnabhängigen ansah. Indem sie die Abhängigkeit der Arbeiterfrauen von ihren Ehemännern durch die Institution des Familienlohns zementierte, blendete sie die Geschlechterverhältnisse aus. Daraus ergab sich auch eine diskriminierende Haltung gegenüber den Arbeiterinnen. Die Arbeiterbewegung war damals außerstande, die Interessen der weiblichen Lohnabhängigen gleichberechtigt zu vertreten. Noch weniger vermochten die Sozialisten dieser Periode Zukunftsvisionen zu gestalten, in denen die Geschlechtergerechtigkeit einen Ort gehabt hätte. Auch die marxistische Theorie bot lediglich Ansätze, die als Ausgangspunkt für eine Analyse der Geschlechterverhältnisse hätten angesehen werden können.


Ideologiekritik an den RTP


Ashrafs und Mitchells Einwände gegenüber Tressells Ideologie bzw. seinen theoretischen Positionen, wie diese im Werk in Erscheinung treten, widerspiegeln die von beiden Autoren und damals allgemein vertretene marxistische Gesellschaftstheorie. Ihre ideologiekritische Bewertung der RTP erhellt viele Facetten der damaligen weltanschaulichen Standpunkte, Wertungen, Visionen und Illusionen. Sie steht in unaufgelöstem Widerspruch zur ästhetischen und spezial rezeptionsästhetischen Bewertung des Buchs durch die gleichen Autoren. Dies war damals weder Ashraf noch Mitchell selbst, noch uns, ihren KollegInnen bewusst. Die historische Desillusionierung von 1989 mit ihren gesellschaftstheoretischen Schlussfolgerungen ermöglicht es heute, diese Widersprüche er erkennen. Beide Autoren waren kompetente und verdienstvolle Literaturwissenschaftler, imstande, RTP sensibel als ein Wortkunstwerk und nicht als eine Agitationsschrift zu analysieren und es als einen Klassiker der britischen Arbeiterliteratur einzuschätzen. Bei ihrer Bewertung der Wirkung des Werks vor allem auf das Arbeiter- und sozialistische Publikum gingen sie ebenfalls von literaturwissenschaftlichen Kriterien aus.

Beide Autoren stellten aber bei Tressell künstlerische Defizite fest, die sie ausschließlich ideologisch begründen. Warum solche Mängel der künstlerischen Qualität die Wirkung des Werks auf das Arbeiterpublikum in keiner Weise minderte, vermochten sie nicht zu erklären.

Mary Ashraf drückte ihr Erstaunen darüber aus, dass sich Tressell


„einen Ruf als politischer Erzieher erworben [habe], ungeachtet seiner vulgärmarxistischen Ökonomie und seiner undialektischen Darstellung der gesellschaftlichen Beziehungen im Kapitalismus, und was vielleicht noch mehr überraschen mag, trotz seines halb Owenistischen und halb gildensozialistischen Programms des allmählichen Auspressens und Auskaufens der Kapitalisten. Dieser Roman hat für die Gewerkschaft geworben, obwohl die Gewerkschaftsbewegung in ihm kaum eine aktive Rolle spielt“ (Ashraf, S.677).


So habe Barrington in seiner großen Rede den Klassenkampf der Arbeiter mit keinem Wort erwähnt, noch ging er


„auf irgendwelche Initiativen der Arbeiterklasse in der Vergangenheit oder auf irgendeinen vorangegangenen demokratischen oder proletarischen, politischen oder ökonomischen Kampf [ein]. Die ‚Rede’ zeigt die Massen nur als die passiven Opfer der Unterdrückung, und es gibt keine Andeutung darüber, dass die Arbeiterklasse als Klasse die Macht übernehmen wird. Eine sozialistische Regierung – wie sie zur Macht gekommen ist, erfährt der Leser nicht – wird staatliche Industrien aufbauen, und allmählich werden die Arbeiter die Dienste der Kapitalisten quittieren, weil sie in den staatlichen Unternehmen besser bezahlt werden. Die Arbeiter werden ‚Teil der Gemeinschaft’ sein. Vielleicht erklärt diese Haltung, warum Tressell seine positiven revolutionären Ideen nicht durch objektivierte Handlung ausdrücken konnte und warum es den Charakteren ... an individueller Tiefe und Wärme mangelte, warum sie nur dazu dienen, das Spießertum in der Arbeiterklasse und die Bestialität der Bourgeoisie satirisch darzustellen, oder das Pathos von Opfern zu schaffen“ (ebda, S.681).


In der Tat wird in der Great Oration eine Zukunftsvision beschrieben, in der die neue Gesellschaft scheinbar ohne Zutun von Menschen zustande gekommen ist. Auch in vielen anderen damaligen utopischen Romanen ist die neue bessere Welt irgendwann einmal da. Von einer gemeinsamen Strategie, mit deren Hilfe die Transformation vollzogen wird, ist bei Tressell nicht die Rede.

Der Ausgangspunkt dieser Kritik ist Tressells von seinen Kritikern abweichende Auffassung über die Rolle der Arbeiterklasse. Tressell sah in der Arbeiterklasse nicht nur Lohn- sondern auch geistig von den Besitzern der Produktionsmittel Abhängige. Er sah keine „gesetzmäßige Entwicklung“, die die Arbeiter naturnotwendig zur Erkenntnis führen würde, dass der Kampf für eine sozialistische Gesellschaft in ihrem Interesse sei. Gewiss wehrten sie sich gegen allzu unverschämte Formen der Ausbeutung und Diskriminierung und organisierten sich zu diesem Zweck in Gewerkschaften, Genossenschaften und Sozialversicherungskassen. Nur eine Minderheit hatte die Chance, Bildung zu erwerben, die es ihr ermöglichte, sozialistische Visionen zu verstehen oder gar zu entwickeln.

Ashraf und Mitchell gingen dagegen von der Auffassung aus, „dass die Arbeiterklasse als Klasse ihre historische Mission erfüllen und die Macht übernehmen wird“.

Wer von dieser klassisch marxistischen Vision ausging, musste von einem sozialistischen Kunstwerk erwarten, dass es die Arbeiter wenigstens im Prozess einer sich vom Opferstatus befreienden Klasse gestaltete, nicht aber das Spießertum in der Arbeiterklasse hervorkehrte.

Mary Ashrafs als auch Jack Mitchells Kritik an Noonan liegt der Vorwurf zugrunde, der Schriftsteller habe die Arbeiter nicht im Prozess des Überwindens ihrer spießigen Borniertheit bzw. ihres Opferstatus gezeigt, sondern als statische, quasi unveränderliche soziale Gegebenheiten.


„Die letzten Kapitel der Ragged-Trousered Philanthropists sind, insgesamt betrachtet, schwächer als die übrigen Teile des Buchs. Sie sind statisch, als wüsste Tressell nicht recht, wie er aus der Grundsituation heraus vorwärts schreiten müsse. Infolgedessen macht sich eine Tendenz zur Wiederholung bemerkbar, weitere Arbeitssituationen zu schildern usw., die dem eigentlichen Anliegen des Buchs wenig neues hinzufügen.“ (Mitchell, S. 193)


Ashraf, die Frederick Ball der „Heldenanbetung“ zeiht, weil „Tressells Verdienste bei ihm nicht vorhandene Ausmaße annehmen“ (Ashraf, S.682), stimmt mit ihm aber überein, dass Tressell seine sozialistische Vision nicht in Einklang mit seinen „Bildern aus dem Arbeiterleben“ bringen konnte.

Wieder ist Ashraf zufolge Tressells Fehler weltanschaulicher Art; seine sozialistische Vision ist mit der ihren nicht in Einklang zu bringen.


[S]eine Vision vom Sozialismus war in jeder Beziehung so unrealistisch, dass sie sich mit der Hauptstruktur und dem Geist seines Romans nicht vertrug.“ (ebda, S. 686).


Während Ball dieses Defizit darauf zurückführt, dass Tressell die Wirklichkeit wie ein Künstler (und nicht realistisch) sah, meint Ashraf,


„Im Gegenteil. Es entsteht dort, wo seine künstlerische Wahrnehmung und seine künstlerischen Mittel versagen. Ein großer Künstler ist er dort, wo er konkret die Realität darstellt, sobald er dagegen über Kunst oder über die Ideale des Sozialismus philosophiert, werden andere Einflüsse deutlich: Idealisierung des Mittelalters, individualistische Vorstellungen von persönlicher Freiheit und persönlichem Glück, an Stelle wirklichem Kollektivismus als dem Ideal der sozialistischen Gesellschaft“ (ebda).



Selbstverständlich kann Tressells ästhetischer Realismus sich nur auf die Realität des Arbeiterlebens und nicht auf Zukunftsvisionen beziehen. Die Forderung nach einer „realistischen Sozialismusvision“ entsprang dem Determinismus vor allem des damaligen Parteimarxismus. Zum einen philosophiert nicht Tressell, sondern die Figur Owen in den RTP über die Ideale des Sozialismus und es kann daher nur darum gehen zu prüfen, ob diese literarische Figur und ihre Visionen zeitgemäß und plausibel sind und nicht, ob alles, was Owen sagt, den Visionen und weltanschaulichen Positionen späterer LeserInnen entspricht. Wie Ashraf sieht auch Jack Mitchell Schwächen vor allem im späteren Teil des Buches, die seiner Meinung nach ebenfalls ideologischen Defiziten des Autors geschuldet sind. Diese hätten ihre Ursache im Zustand der damaligen revolutionären Arbeiterbewegung, der SDF, in der das immer noch das alte einseitig agitatorische Vorgehen üblich war. Eine radikale Veränderung war notwendig geworden.


„Tressell ist sich dessen nicht bewusst. Er macht die Massen, nicht die Sozialisten, für die Stagnation verantwortlich – daher seine Verzweiflung“ (Mitchell, S.196).


Mitchell führt Tressells Verzweiflung über die Borniertheit der Arbeiter und Owens und Barringtons Glauben an die Effektivität rationaler Agitation somit auf die überholte Strategie der Social Democratic Federation zurück (Mitchell, S. 192). Diese setzte auf den spontanen Zusammenbruch des Kapitalismus und hielt sich daher von den alltäglichen gewerkschaftlichen und anderen politischen und wirtschaftlichen Kämpfen der Arbeiter fern, die diese ihrer Meinung nach nur vom Kampf um den Sozialismus ablenken würden; sie versprach sich davon lediglich eine Milderung der Ausbeutung. Aus dieser politischen Haltung der SDF rühre Mitchell zufolge Tressells „scheinbar unlösbares“ (Mitchell, S.193) künstlerisches Dilemma:


„Die letzten Teile des Romans, in denen diese Schwäche am deutlichsten hervortritt, wurden wahrscheinlich 1910 -11 geschrieben. Es war das letzte Lebensjahr Tressells, das zusammenfiel mit einer wachsenden Stimmung in der sozialistischen Bewegung, dass eine radikale Veränderung der Strategie und Taktik notwendig sei, was dann 1911 zur Gründung der British Socialist Party, der Vorgängerin der Kommunistischen Partei, führte“ (ebda, S.195).


Mitchell zitiert Tressells Kritik an den Sozialisten im Kapitel „Das Beano“ (Tressell 2002; in der Ausgabe von 1958 verständlicher „Der Betriebsausflug“ betitelt), die zeigt, dass der Autor der RTP die Unreife der sozialistischen Bewegung durchaus wahrzunehmen imstande war. Die Sozialisten könnten sehr wohl das Wesen und die Ursachen der Armut erklären und hätten auch einen „vernünftigen Plan zur Ausmerzung von Armut“. Sobald man sie jedoch frage, wie dieser Plan verwirklicht werden sollte, „erwiderten sie, sie hofften, es den anderen durch vernünftige Beweisführung klarzumachen!“ (ebda, S.493).

In Zeiten, in denen es viel Elend, aber wenig organisierten Widerstand gibt, klammern sich Weltverbesserer aller Couleurs an die Hoffnung, ihre Agitation werde die Massen zur Einsicht bringen.

Tressell war aber nicht nur Mitglied der SDF, er war auch aktives Mitglied der Bauarbeitergewerkschaft, deren Niedergang vermutlich wesentlich zu seiner Depression beitrug. Es ist eher unwahrscheinlich, dass die Strategie der SDF oder die theoretischen Positionen, wie sie vom Vorsitzenden Hyndman vertreten wurden, Einfluss auf Tressells Gestaltung der beiden Sozialisten in RTP hatten.

Verursachte Noonans Vertrauen in die weltverändernde Kraft der Agitation und sein Mangel an Vertrauen in die „historische Mission“ der Arbeiterklasse, wie sie sich im Werk widerspiegeln, aber die von Mitchell festgestellte künstlerische Schwäche? Ist „die Tendenz zur Wiederholung , die dem eigentlichen Anliegen des Buchs wenig neues hinzufügen“ kann, (Mitchell, S. 193) eine künstlerische Schwäche oder ein künstlerisches Mittel, das Tressell einsetzt um den ungebrochenen, hoffnungslos erscheinenden Kreislauf des Arbeiterlebens zu gestalten, der – nach Meinung des Autors – nur durch die Einsicht in die Notwendigkeit einer radikalen gesellschaftlichen Veränderung gebrochen werden könne. Für diese Veränderung hat er keine Strategie und kennt keine Akteure. Um der künstlerischen Wahrheit die Ehre zu geben, kann er diese Fragen, wie er es tut, nur offen lassen.

Die Kritik an Tressells Sozialisten


Die Sozialisten unter Tressells Arbeitern zeichnen sich bereits durch ihre Sprache aus. Während ihre proletarischen Kollegen wie Londoner Arbeiter sprechen und auch die Sprache der Bosse durch phonetische und grammatikalische Abweichungen vom Standard Englisch gekennzeichnet ist, die sie als wenig Gebildete ausweisen, ist


„Owens Sprache der Höhepunkt einer Tradition sozialistischer Traktate, Vorlesungen und verschiedener Agitationstätigkeit der vergangenen zwanzig Jahre. In ihrer Klarheit, Wandlungs-, Verallgemeinerungs- und Abstraktionsfähigkeit ist sie ein perfektes Instrument für seine Zwecke. Tressells bewusster Gegensatz zwischen der Sprache der einfachen Arbeiter und der Sozialisten ist ein wichtiges Element seiner Beschreibung des Hauptproblems der britischen Arbeiterbewegung: ihrer theoretische Schwäche, der Kluft zwischen der Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus und den Massen.“ (Mitchell, S. 182)


Diese Kluft sei als Mittel der Satire gerechtfertigt, impliziere aber eine politische Schwäche. Owens Reden wirkten dadurch gelegentlich selbstgerecht und abgehoben. Auch Ashraf zitiert zustimmend Frederick Balls Meinung, es sei nicht gelungen, „die Figur Frank Owens in die Gegenwart zu integrieren“. Es entstehe der „Eindruck, dass Owen und Norah sich von ihren Nachbarn unterscheiden, ihnen gegenüber als höhergestellt erscheinen und so die unrealsten von allen Charakteren sind.“ (Ashraf , S.683). Ashraf sieht dieses Gefälle zwischen den Sozialisten und der Masse der Proletarier ebenfalls als Schwäche der Darstellung,


„der Grund dafür ist in dem unzureichenden Durchdringen des historischen Materialismus zu sehen und in einer doktrinär sektiererischen Art sozialistischer Theorie. ... Die Brücke zwischen Zukunftsvision und Gegenwart muß in der Natur der Prognose liegen, und das Auge des Künstlers ist aufgerufen, den Schnittpunkt zu finden, wo ursprüngliche Organisation, primitives Klassenbewusstsein und Bestrebungen, die dem Proletariat durch seinen Kampf aufgezwungen werden, sich in Richtung wissenschaftlicher Sozialismus umzuwandeln beginnen.“ (ebda, S.683f.)


Ashraf geht, hier dem historischen Determinismus in der kommunistischen Bewegung des 20. Jahrhunderts folgend, davon aus, dass sich das Proletariat „gesetzmäßig“ auf die kommunistische Bewegung zu bewegt. Diese Prognose hat sich als weltgeschichtlich allenfalls als zeitweilig zutreffend, letztendlich aber als falsch erwiesen. Richtig ist jedoch dennoch, dass der Künstler aufgerufen ist, den Schnittpunkt zu finden, wo ursprüngliche Organisation, primitives Klassenbewusstsein und Bestrebungen, die den Ausgebeuteten, Ausgegrenzten, Diskriminierten dieser Welt durch ihren Kampf aufgezwungen werden, sich weiterentwickeln. Das kann in Richtung höherer, effizienterer Organisation gehen, wodurch Situationen entstehen, in denen sich Massen den Visionären anschließen, kann längerfristige Stagnation bedeuten oder auch Fehlentwicklungen in rechtsextreme oder terroristische Richtung. Stets gibt es mehrere Optionen, und nur im Rückblick kann ermittelt werden, warum eine bestimmte und keine andere realisiert wurde. Bei Tressell stehen wahrheitsgemäß wenige einsame Rufer in der Wildnis, die die Vision einer besseren Welt für alle verkünden, der Masse der unorganisierten, bornierten und leidenden Arbeitern gegenüber.

Warum und wo wirkt Owens Sprache, die sowohl „in ihrer Klarheit, Wandlungs-, Verallgemeinerungs- und Abstraktionsfähigkeit ein perfektes Instrument für seine Zwecke“ (Mitchell), d.h. für das Überzeugen seiner Kollegen ist, selbstgerecht und abgehoben? Seine Unterhaltung mit dem Arbeiter Easton zeigt, dass er keine Gelegenheit auslässt, seine Kollegen dafür zu kritisieren, dass sie nicht zu entdecken versuchen, wie das gegenwärtige System abzuschaffen wäre und denen nicht helfen, die versuchen eine bessere Ordnung der Dinge zustande zu bringen. (Tressell 2002, S.143.) Der von Owen belehrte Easton „wusste, das alles [was Owen ihm sagte] war zutreffend. ... Er war sehr gereizt, als er dem anderen zuhörte. Owen spürte es, fuhr aber ungeachtet dessen fort“ (ebda, S.142). Owen warf seinem Kollegen vor, er habe kein Recht, gleichgültig gegenüber dem Schicksal des Kindes zu sein, für dessen Leben auf der Welt er verantwortlich sei. „Wer nicht hilft, für die Zukunft bessere Verhältnisse zustande zu bringen, hilft das gegenwärtige Elend zu verewigen und ist deswegen der Feind seiner eigenen Kinder“ (ebda.). Easton war froh, als der Polier Hunter, Misery genannt, angekündigt und das Gespräch damit beendet wurde. Dennoch nimmt er Owen nicht übel, dass dieser ihn belehrt. Owen konnte sich später sogar herausnehmen, Easton offen zu sagen, dass er ihm und nicht seiner Frau Ruth die größere Schuld am Zusammenbruch ihrer Ehe gab. Ungeachtet der Unterschiede in Allgemeinwissen und sprachlichem Ausdruck, ist Owen kein Außenseiter. Die Arbeiter behandeln ihn als eine Vertrauensperson. Easton erzählt ihm von seinen Geldsorgen und dass er froh ist einen Untermieter gefunden zu haben. Owen, der später gemeinsam mit seiner Frau Norah bereit ist, Ruths aus ihrem Seitensprung mit dem Untermieter Slyme stammendes Baby an Kindes statt anzunehmen, darf Easton ungeschminkt die Meinung sagen. In seiner Familienangelegenheit kann Easton auch Owens Meinung verarbeiten und akzeptieren. In der gesellschaftspolitischen Debatte reicht aber seine Bildung nicht aus, um Owens Denkangebote anzunehmen. Sie beunruhigen ihn aber immerhin.

Auch der kleine Bert bittet Owen, mit ihm zusammen arbeiten zu dürfen. Wenn überhaupt ein Sozialist von den hier geschilderten Arbeitern anerkannt und ihm zugehört wird, dann jemand wie er. Aber Bildung und Verständnis dieser Schicht von Arbeitern reichten damals, in einer Situation wirtschaftlicher Stagnation und politischer Apathie nicht aus, um sich über den theoretischen Einstieg ein Verständnis ihrer Lage zu verschaffen. Nur wenige Arbeiter waren damals bereit und fähig, sich der geistigen Anstrengung zu unterziehen, die politische Bildung ihnen abverlangte. Die von Tressell so realistisch gestalteten „ungebildeten“ Arbeiter gehörten nicht dazu. Sie waren zur selbstverständlichen Anerkennung der bestehenden Verhältnissen erzogen worden und stellten diese und ihren eigenen untergeordneten Status darin nicht infrage, solange sich die Situation nicht auf eine Weise veränderte, die es ihnen ermöglichte, organisiert zu handeln und dabei politische Erfahrungen zu machen, die ihr Verständnis für das Wesen der Gesellschaft erweiterten und damit die Voraussetzung schufen, dass sie ihre Erfahrungen verallgemeinern konnten.

Gerade weil Tressell die negative Reaktion eben jener unaufgeschlossenen Arbeiter auf Owens und Barringtons sozialistische Agitation so ungeschminkt darstellte, war das Buch auch unter wenig aufgeschlossenen, unorganisierten Arbeitern so populär. Sie konnten sich zur Kritik der Figur Frank Owens an ihresgleichen verhalten, wie sie es für richtig hielten. Der Autor Tressell gab auch die Eastons, Harlows oder Philpots nicht preis, ja nicht einmal den Polier Crass. Wie weit sich die Leser der RTP mit den sozialistischen „Vorlesungen“ identifizierten, blieb ihnen überlassen, sie konnten sie auch einfach ignorieren und sich mit den bornierten Gegenargumenten im Buch solidarisieren.

Ashraf und Mitchell übersahen, dass sich Arbeiter mit dem Erwerb von Bildung und Qualifikation gleich welcher Art unvermeidlich dem Habitus nach von der Masse ihrer unqualifizierten, ungebildeten und neuen Erkenntnissen gegenüber nicht aufgeschlossenen Kollegen abzuheben beginnen. Damit setzt aber unvermeidlich ein Prozess der Ablösung von ihrer Ursprungsschicht ein. Auch die von der Arbeiterbewegung vermittelte marxistische Bildung isoliert die solcherart Gebildeten von den nicht gebildeten Arbeitern, auch wenn sie sich nicht wie viele Aufsteiger in die bürgerliche Intelligenz von ihresgleichen abwenden sondern deren Interessen weiterhin vertreten. Sie vertreten diese als Intellektuelle ihrer Klasse.

Antonio Gramsci wies darauf hin, dass


„im historischen Prozeß spezialisierte Kategorien für die Ausübung der intellektuellen Funktion [entstehen], sie entstehen in Verbindung mit allen gesellschaftlichen Gruppen, insbesondere aber in Verbindung mit den grundlegenden gesellschaftlichen Gruppen und erfahren in Verbindung mit der herrschenden gesellschaftlichen Gruppe tiefgreifende und umfassende Veränderungen (Gramsci,226). ... Das Problem der Schaffung einer neuen Intellektuellenschicht besteht folglich darin, kritisch die intellektuelle Tätigkeit herauszuarbeiten, die bei jedem bis zu einem gewissen Grad vorhanden ist, und deren Verhältnis zur körperlichen Arbeit in Richtung auf ein neues Gleichgewicht zu verändern. ... Die Daseinsweise des neuen Intellektuellen ... [muss] im aktiven Eingreifen in das praktische Leben als Erbauer, Organisator mit ‚anhaltender Überzeugungskraft’ [bestehen] ... von der Technik-Arbeit gelangt er zur Technik-Wissenschaft und zur historischen humanistischen Konzeption ...“ (ebda, S. 231f.)


Offenbar ist die Entstehung von Intellektuellen aus der Lohnarbeiterklasse ein Prozess, der zur Zeit Tressells in anderen Schichten dieser Klasse bereits weiter fortgeschritten war. Die Kritik an der Figur des Frank Owen und seiner Sprache geht von einer fiktiven Homogenität der Arbeiterklasse als der sozialen Grundlage gemeinsamer sozialer, politischer und wirtschaftlicher Interessen aus. Gewiss gab es in bestimmten wichtigen Fragen Interessenübereinstimmung zwischen verschiedenen Segmenten der Lohnabhängigen. Eine Interessenidentität zwischen all denjenigen, die im wesentlichen vom Verkauf ihrer Arbeitskraft an die Besitzer der Produktionsmittel ihre Existenz bestritten, bestand aber bereits nicht mehr, wenn sie denn je bestanden hat, als Engels 1892 im Vorwort zur englischen Ausgabe der „Lage der arbeitenden Klasse“ schrieb:


„Zeitweilig gab es Besserung, selbst für die große Masse. Aber diese Besserung wurde immer wieder auf das alte Niveau herbgebracht, durch den Zustrom der großen Menge der unbeschäftigten Reserve, ... Eine dauernde Hebung findet sich nur bei zwei ‚beschützten’ Abteilungen der Arbeiterklasse. Davon sind die erste die Fabrikarbeiter. ... Ihre Lage ist unzweifelhaft besser als vor 1848. ... Zweitens die großen Trade Unions. Sie sind die Organisationen der Arbeitszweige, in denen die Arbeit erwachsener Männer allein anwendbar ist oder doch vorherrscht. Hier ist die Konkurrenz weder der Weiber- und der Kinderarbeit, noch der Maschinerie bisher imstande gewesen, ihre organisierte Stärke zu brechen. Die Maschinenschlosser, Zimmerleute und Schreiner, Bauarbeiter sind jede für sich eine Macht, so sehr, daß sie selbst, wie die Bauarbeiter tun, der Einführung der Maschinerie erfolgreich widerstehen können. Ihre Lage hat sich unzweifelhaft seit 1848 merkwürdig verbessert; ... Sie bilden eine Aristokratie in der Arbeiterklasse; sie haben es fertiggebracht, sich eine verhältnismäßig komfortable Lage zu erzwingen, und diese Lage akzeptieren sie als endgültig. ... sie sind in der Tat sehr nette, traktable Leute für jeden verständigen Kapitalisten im besondern und für die Kapitalistenklasse im allgemeinen. Aber was die große Masse der Arbeiter betrifft, so steht das Niveau des Elends und der Existenzunsicherheit für sie heute ebenso niedrig, wenn nicht niedriger als je.“ (MEW, 22, S.173f.).


Die Krisen um die Jahrhundertwende haben das, was Engels über die Bauarbeiter schrieb, weitgehend modifiziert. Wie die Hafenarbeiter gehörten sie zu Noonans Zeit in Hastings in der Regel zu den befristet tätigen Gelegenheitsarbeitern, deren Arbeitsplatz prekär, ungesichert und schlecht bezahlt war. Inzwischen hat sich die Segmentierung der Lohn- und GehaltsempfängerInnen stark ausgeweitet, neue Gegensätze und Interessenkonflikte sind aufgebrochen und die Gruppe der prekär Beschäftigten ist erheblich gewachsen. Allerdings sind auch neue gemeinsame Interessen zwischen verschiedenen Segmenten von Erwerbstätigen und auch zwischen diesen und sogenannten „Selbständigen“, sowie Klein- und mittelständischen Unternehmern entstanden.

Gleichzeitig mit der Überzeugung von den homogenen Interessen der Arbeiterklasse ging besonders die kommunistische Bewegung davon aus, dass in der Partei eine Avantgarde geschaffen werden müsse, die kraft ihrer „wissenschaftlichen Weltanschauung“ dazu berufen sei, die nicht wissenschaftlich gebildeten und aus ihrer Erfahrung mit entfremdeter Arbeit bestenfalls ihre unmittelbaren gewerkschaftlichen Interessen erkennenden Arbeiter zu führen.

Marx und Engels in Die deutsche Ideologiezufolge, ist diese Entfremdung das gesellschaftliche Phänomen, bei dem


„[d]ie soziale Macht, d.h. die vervielfachte Produktionskraft, die durch das in der Teilung der Arbeit bedingte Zusammenwirken der verschiedenen Individuen entsteht, ... diesen Individuen, weil das Zusammenwirken selbst nicht freiwillig, sondern naturwüchsig ist, nicht als ihre eigne, vereinte Macht, sondern als eine fremde, außer ihnen stehende Gewalt [erscheint], von der sie nicht wissen woher und wohin, die sie also nicht mehr beherrschen können, die im Gegenteil nun eine eigentümliche, vom Wollen und Laufen der Menschen unabhängige, ja dies Wollen und Laufen erst dirigierende Reihenfolge von Phasen und Entwicklungsstufen durchläuft.“ (MEW, 3, S.34) Bei den Proletariern ... ist ihre eigne Lebensbedingung, die Arbeit, und damit sämtliche Existenzbedingungen der heutigen Gesellschaft, für sie zu etwas Zufälligem geworden, worüber einzelne Personen keine Kontrolle haben und worüber ihnen keinegesellschaftliche Organisation eine Kontrolle geben kann, und der Widerspruch zwischen der Persönlichkeit des einzelnen Proletariers und seiner ihm aufgedrängten Lebensbedingung, der Arbeit, tritt für ihn selbst hervor, namentlich da er schon von Jugend auf geopfert wird und da ihm die Chance fehlt, innerhalb seiner Klasse zu den Bedingungen zu kommen, die ihn in die andre stellen“ (ebda, S.77).


In der durch Entfremdung gekennzeichneten Gesellschaft können sich die Arbeiter nicht befreien, wenn sie deren Wesen nicht als entfremdet begreifen. Empirische Widerstandserfahrung allein ohne theoretische Verallgemeinerung nützt ihnen ebenso wenig, wie utopische Visionen ohne praktische Kampferfahrung. Gesellschaftliche Veränderungen sind also ohne Intellektuelle, die auf der Grundlage verallgemeinerter Ausbeutungserfahrungen die Strategie entwickeln, nicht möglich.

Die dafür erforderliche politische Bildung, wird auch manuell Arbeitenden, die Gramsci zufolge alle bis zu einem gewissen Grad ebenfalls intellektuelle Tätigkeiten durchführen, ermöglichen, ihr Verhältnis zur körperlichen Arbeit neu zu gewichten (Gramsci, S. 231); solche Bildung wird ihnen durch Gewerkschaften und Arbeiterparteien ermöglicht. Sie löst einen sozialen Aufstieg aus, der Individuen nicht selten aus der Solidarität mit ihrer Ursprungsklasse herausführte. Und selbst wer wie „Frank Owen, der Facharbeiter, Sozialist, Mitglied der Malergewerkschaft und des örtlichen Trades Council15, Tressells höchster und konzentriertester Ausdruck seines Glaubens an die Humanität der Arbeiter“ (Mitchell, S.122), kein Aufsteiger ist, sondern das Leben und die Interessen der Bauarbeiter in jeder Hinsicht teilt, entfernt sich durch seine durch die politische Bildung erworbene Intellektualität unweigerlich in gewissem Maße von den Lebensgewohnheiten der Kollegen.

Ashraf konstatiert einerseits, dass


„Owens ziemlich fernabgelegener Intellektualismus ... die Dinge beinahe vom Standpunkt eines Außenseiters sieht (Ashraf, S.685)


Andererseits erklärt sie aber, Tressell


„unterwirft die allgemeinen Lebenserfahrungen der Arbeiter einer bewussten Kritik, ... er steht auf keinen Fall außerhalb. Owens Charakter ist niemals überzeugender oder realistische als dann, wenn er trotz seines Sozialismus und seiner geistigen Überlegenheit unter der gleichen primitiven Verzweiflung und Furcht leidet, wie unzählige der am meisten Ausgebeuteten und Zurückgebliebenen.“ (ebda, S,687f.)


Zu seiner Persönlichkeit gehörte notwendigerweise beides: Sein Intellektualismus – Folge seiner Nutzung der Bildungsmöglichkeiten, die ihm die Arbeiterbewegung damals bot – , der es ihm ermöglichte, sich vom naiven Eingebundensein in den Herrschaftsdiskurs zu befreien und seine und die Situation seiner Klasse und Schicht zu reflektieren. Dazu gehörte aber auch sein Eingebundensein in das Elend des Arbeiterdaseins in prekären, schlecht bezahlten, unsicheren Arbeitsstellen. Diese Facette seines Lebens konnte er, anders als die anderen, historisch und politisch reflektieren. er musste sich somit von seinesgleichen unterscheiden. Er verzweifelt an seinen Kollegen, die sich weigern, zu entdecken, wie das gegenwärtige System abzuschaffen wäre und die denen nicht helfen, die versuchen eine bessere Ordnung der Dinge zustande zu bringen. An keiner Stelle des Romans gibt er es auf, für ihre Interessen so gut wie er diese versteht zu kämpfen, aber er kann nicht umhin, sich von seinesgleichen zu unterscheiden. In dieser Beziehung gehört er zu der Minderheit der Intellektuellen aus der Arbeiterklasse, die weiterhin die Arbeits- und Lebensverhältnisse ihrer Herkunftsschicht teilen und nicht als Funktionäre, Abgeordnete, Wissenschaftler oder Beamte diese Arbeits- und Lebensverhältnisse dauerhaft verlassen.

Es gelang Tressell hervorragend, lebensnahe Arbeiter eines ganz bestimmten Segments der Arbeiterklasse zu zeichnen, sowie in den Figuren des Frank Owen und Barringtons Arbeiterintellektuelle seiner Zeit abzubilden. Der von Tressell beschriebene Teil der Klasse war für sich genommen unfähig, die eigene Lage zu reflektieren, geschweige denn die kapitalistische Gesellschaft zu transformieren; die in diesem Milieu vorhandene, eher geringe intellektuelle Potenz wird durch die beiden Figuren Owen und Barrington repräsentiert; sie artikulieren erste, gewiss doktrinäre Überlegungen, wie eine solche Transformation zustande kommen könne. Mit diesen Überlegungen mussten sie bei der subjektiven Befindlichkeit ihrer Kollegen bei diesen auf Widerspruch stoßen.

Mitchell verweist auf Gorkis „Die Mutter“ und bedauert, dass


„Die ‚Menschenfreunde’ die neue revolutionäre Humanität der Arbeiter auf ihrem höchsten und organisiertesten Niveau – des bewussten, organisierten Kampfes – nicht zeigten ...“ (Mitchell, S.122).


Ihnen allen und nicht nur den Sozialisten in RTP eigne vielmehr eine revolutionäre Romantik, die sich in dem im Buch gestalteten Bemühen, das Volk für den Kampf zu bilden, manifestiere. Dieses Bemühen scheint mir weniger einer revolutionären Romantik als vielmehr der Unreife dieses Teils der Arbeiterklasse zur damaligen Zeit geschuldet zu sein. Somit ist der Vergleich zwischen RTP und Gorkis „Mutter“ ahistorisch. Die Verwandlung von Gorkis Wlassowa von einer ihre ständige Demütigung widerspruchslos hinnehmenden unterdrückten Frau zu einer Revolutionärin entspricht der Situation eines bedeutsamen Teils der zahlenmäßig relativen kleinen Industriearbeiterschaft und ihres familiären Umfelds im vorrevolutionären Russland. Gorki geht mit dieser Gestalt aber auch keinen Schritt über das für das im damaligen zaristischen Russland Plausible hinaus. Die Wlassowa erklärt uns nicht, wie der sozialistische Staat errichtet werden und wie das Gemeinwesen organisiert sein würde. Sie schließt sich den Streikenden im Betrieb ihres Sohnes an und fordert zur Teilnahme an dem Streik auf. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ihre Weiterentwicklung entspricht den Entwicklungsmöglichkeiten von Individuen, die in Zeiten des aktiven Widerstands in diesen involviert werden.

Die den Kritiken von Ashraf und Mitchell inhärente Forderung, Tressell hätte die Weiterentwicklung dieser Arbeiter und ihre allmähliche Integration in die revolutionäre Bewegung erkennbar machen sollen, hätte für dieses spezielle Segment der Arbeiterklasse im Widerspruch zur historischen Wahrheit gestanden. Die Forderung an Tressell nach einem Protagonisten, der eine realistische Vision des Sozialismus vertritt, ist unrealistisch, weil es eine einzige allein richtige und „realistische“ sozialistische Vision, die „nur“ verwirklicht zu werden braucht, nicht gibt. Im Mittelpunkt von Tressells Darstellung stehen reale Arbeiter und unter diesen einige wenige ebenfalls wirklichkeitsnahe Gestalten, die ihre Zukunftsvorstellungen ihren Kollegen vermitteln wollen, um diese zu einer anderen Haltung und damit zu anderem Handeln zu bewegen. Ihre Zukunftsvorstellungen sind so defizitär wie es auf andere Weise heute die unseren sind und notwendigerweise sein müssen, da Visionen keine Baupläne sind. Alle bisherigen Vorstellungen und Visionen von der gerechten Gesellschaft haben dazu beigetragen, diejenigen, die sie entwickelten, verbreiteten und durchzusetzen versuchten, von bestimmten veralteten und inhumanen Positionen zu befreien. Dieser Emanzipationsprozess ist niemals ganz ohne Wirkung auf die Gesellschaft geblieben, auch wenn die Weltverbesserer geschlagen wurden und keine der Vorstellungen und Visionen verwirklicht werden konnte.

Wie wir heute wissen, fehlten auch der von Mitchell beschworenen kommunistischen Partei Großbritanniens und nicht nur dort emanzipierte AkteurInnen, die Gemeinschaftlichkeit des Handelns ohne die Reproduktion herrschaftsförmiger hierarchischer gesellschaftlicher Beziehungen hätten organisieren und dauerhaft installieren können. Sie fehlten allen bisherigen Befreiungsbewegungen von Unterdrückten und fehlen bis heute. Dies aber wäre eine wesentliche Voraussetzung für das Gelingen eines sozialistischen Projekts.

Sind die Ragged-Trousered Philanthropists ein gelungenes Kunstwerk?


Die literaturwissenchaftliche Kritik von Ashraf und Mitchell an den RTP, die hier auch für andere, von gleichen oder ähnlichen weltanschaulichen Prämissen urteilenden KritikerInnen stehen, orientierte sich damals noch sehr stark an Georg Lukàcs’ literaturtheoretischer Auffassung von der künstlerischen Widerspiegelung der Wirklichkeit. Diese hat zwar


„die materialistische Basis der marxistischen Literaturtheorie verstärkt. ... Verhängnisvoll muß diese Rolle insofern genannt werden, weil seine Auffassung nicht frei von mechanistischen Zügen war und wirklich neue Lösungsvorschläge aus der poetischen Praxis sozialistische Schriftsteller nicht oder doch nur einseitig berücksichtigte“,


schrieb Werner Mittenzwei 1977 in seinem Vorwort zur Herausgabe von Lukàcs’ Kunst und objektive Wahrheit.


„Indem der Künstler Einzelmenschen und Einzelsituationen gestaltet, erweckt er den Schein des Lebens. Indem er sie zu exemplarischen Menschen, Situationen (Einheit des Individuellen und Typischen) gestaltet, indem er einen möglichst großen Reichtum der objektiven Bestimmungen des Lebens als Einzelzüge individueller Menschen und Situationen unmittelbar erlebbar macht, entsteht seine ‚eigene Welt’, die gerade darum die Widerspiegelung des Lebens in seiner bewegten Gesamtheit, des Lebens als Prozeß und Totalität ist, weil sie in ihrer Gesamtheit und in ihren Details die gewöhnliche Widerspiegelung der Lebensvorgänge durch den Menschen steigert und überbietet.“ (Lukàcs, S.78) „... eine solche Darstellung kann unmöglich die tote und falsche Objektivität einer ‚parteilosen’ Abbildung ohne Stellungnahme, ohne Richtung, ohne Aufruf zur Aktivität sein. ... diese Parteinahme [wird] nicht vom Subjekt willkürlich in die Außenwelt hineingetragen ..., sondern [ist] eine der Wirklichkeit selbst innewohnende treibende Kraft ..., die durch die richtige, dialektische Widerspiegelung der Wirklichkeit bewusst gemacht und in die Praxis eingeführt wird. Die Parteilichkeit der Objektivität muß sich deshalb im Kunstwerk gesteigert wiederfinden. Gesteigert im Sinne der Klarheit und Deutlichkeit; denn das Material des Kunstwerks wird ja vom Künstler bewusst auf dieses Ziel hin, im Sinne dieser Parteilichkeit gruppiert und geordnet. Gesteigert aber auch im Sinne der Objektivität; denn die Gestaltung des echten Kunstwerks geht eben darauf hinaus, diese Parteilichkeit als Eigenschaft der dargestellten Materie selbst zu gestalten, als treibende Kraft, die ihr innewohnt, aus ihr organisch herauswächst.“ ((Lukàcs, S.78-80).


In der Tat ist Lukàcz zuzustimmen, dass es keine ‚parteilose’ Gestaltung von Realität „ohne Stellungnahme, ohne Richtung“ gibt. Das schreibende oder sprechende Subjekt, der Dichter, Schriftsteller oder Wissenschaftler bringt sich und seine Weltsicht unvermeidlich in jeden von ihm produzierten Text ein und dies legt Thema und Herangehensweise fest, „ordnet das Material“ und bestimmt bei Kunstwerken auch die Erzählweise.

Leider hat die Vulgarisierung dieser Überlegungen besonders von den 30er bis Ende der 50er Jahre die Aufnahmebereitschaft der marxistisch orientierte LiteraturwissenschaftlerInnen für neue produktive theoretische Positionen stark behindert. Diese Vulgarisierung führte zu normativen Forderungen an Sujet, Erzählweise, Figurenensemble und dazu, realistische, nicht dem Wunschbild der Verhältnisse, das kommunistische Parteiführungen vertraten, entsprechende Darstellungen zu verketzern, als verstießen sie gegen die „objektive Wahrheit“, weil sie angeblich „untypische“ Erscheinungen in den Mittelpunkt stellten. Als typisch galten Figuren und Situationen nur, wenn sie dem Klischee des „positiven Helden“ entsprachen und die vom Parteiapparat antizipierten Zukunftsvorstellung ebenfalls getreu vorwegnahmen. Für diese Simplifizierung war Lukàcs natürlich nicht verantwortlich zu machen. Jedoch enthielten seine theoretischen Auffassungen von der Widerspiegelung der Realität im Kunstobjekt im Kern eine spezifische Potenz, die sich unter den Bedingungen einer stalinistisch deformierten kommunistischen Bewegung sehr wohl kunst- und wahrheitsfeindlich auswirken konnte. So war für den in Spanien gefallenen englischen Publizisten und Literaturkritiker Ralph Fox (1900-1937), einen der prominentesten englischen Marxisten, ein Held, der


„am Werk ist, seine Verhältnisse zu ändern, mit dem Leben fertig zu werden, den Menschen, der sich in Übereinstimmung mit der geschichtlichen Entwicklung befindet und imstande ist, Herr seines eigenen Schicksals zu werden“ (Fox, S. 124)


das Wesensmerkmal sozialistischer Literatur. Daher war für ihn ein Werk, das die Fremdbestimmtheit des Menschen unter kapitalistischen Verhältnissen zum Gegenstand hatte, kein realistisches und schon gar kein sozialistisches Werk. Übereinstimmung mit der geschichtlichen Entwicklung bedeutete auch für ihn, seine Überzeugung von der historischen „Gesetzmäßigkeit“ des Sozialismus, die letztendlich keine andere Option zuließ, zum Gestaltungsprinzip zu machen .

Ist Tressells Werk künstlerisch unbefriedigend und unwirksam, weil seine Arbeiter borniert waren und seine Sozialisten sie nicht überzeugen konnten? Bedeutete das, dass er unfähig war, „seine positiven revolutionären Ideen durch objektivierte Handlung auszudrücken“? War die Wirkung des Buchs auf das Arbeiterpublikum wirklich durch Noonans ideologische Haltung oder die utopisch-sozialistischen theoretischen Positionen beeinträchtigt, die er vertrat?

Im Roman reflektiert Noonan den tatsächlichen Zustand jener große Masse der Arbeiter, für deren Lebensweise Elend und Existenzunsicherheit charakteristisch sind, dadurch, dass die von ihm realistisch und wahrheitsgetreu geschilderten Arbeitergestalten mehrheitlich entweder angepasste Spießer oder hilflose Opfer des Systems sind, die ihre Befreiung nicht durchsetzen konnten, ja nicht einmal wollten. Aber selbst unter diesen gab es Sozialisten wie Owen und Barrington, gewiss eine verschwindende Minderheit, aber dennoch Teil dieser Schicht. Sie wurden zwar von ihresgleichen entweder als Narren oder Schurken angesehen und dennoch war vor allem Owen bei den meisten seiner Kollegen eine Vertrauensperson, der zugehört wurde. Wahrheitsgetreu lässt Tressell sie unausgereifte, teilweise verworrene, teilweise aber durchaus auch heute noch bedenkenswerte emanzipatorische Ideen äußern. Zu Noonans seinen sozialistischen Helden in den Mund gelegten Vorstellungen gehörten, wie Mitchell richtig vermerkt, Thomas Carlyles Einsichten in die Bedeutung menschlicher Arbeit, John Ruskins Auffassungen über entfremdete Arbeit und William Morris Überlegungen zur Notwendigkeit, die Menschen von entfremdender Arbeit zu befreien und ihnen zu ermöglichen, sich mittels nicht entfremdeter Arbeit zu verwirklichen. Für die politisch gebildeten und engagierten britischen Arbeiter um die Jahrhundertwende waren sie, aber auch Bellamy16und Morris die Autoren, die ihnen Visionen einer alternativen Gesellschaft vermittelten. Morris ist einer der wenigen Schriftsteller, die ein relativ konkretes Revolutionskonzept vorstellen. In seiner Utopie, „News from Nowhere“ (1890), unterstützt eine im Verlauf eskalierender Klassenkämpfe entstandene Übergewerkschaft zunächst staatssozialistische Forderungen, durch deren Realisierung die Organisiertheit der ArbeiterInnen wächst. So können diese die Kapitalisten zwingen, Veränderungen zuzulassen, und sogar in ihren eigenen Reihen „die unvermeidliche Korruption ihrer Führer aufzudecken und abzustellen“ (Behrend, S.66). Schließlich führt ein Generalstreik der inzwischen organisationserfahrenen Ausgebeuteten zur Übernahme der Macht, wobei die Armee auf die Seite des Volkes übertritt.


„Grundsätzlich vertrat Morris wie Marx und Engels die Meinung, dass sich der geschichtliche Transformationsprozeß auf dem Wege sowohl spontaner, ungewollter und ungezielter Handlungen als auch bewusst sozialistisch orientierter Aktivitäten vollziehen würde.“ (Ebda).


In gewisser Weise tragen Frank Owen und George Barrington die mit diesen und anderen emanzipatorischen Ideen verbundene Tradition unter das Volk. Dieses ist wenig aufnahmebereit und ein Wandlungsprozess scheint nicht in Sicht. Gezeigt wird jedoch, dass die Arbeiterklasse imstande ist, aus ihren Reihen Intellektuelle hervorzubringen, die Denkfähigkeit und Engagement für gesellschaftliche Veränderungen entwickeln. Eine Minderheit mit ungenügenden Führungsqualitäten und Überzeugungskraft, gewiss. Die Gestalt des Frank Owen, ausgerüstet mit Herz und Verstand, manifestiert jedoch in jeder Episode seine Lernfähigkeit. Die im Buch gezeigte Zukunftshoffnung besteht in der Existenz und Unermüdlichkeit solcher Gestalten wie Owen und Barrington und in der Fähigkeit zu Solidarität und Mitmenschlichkeit, die selbst unter ungebildeten, spießigen und sogar fremdenfeindlichen Proleten vorhanden ist. Das ist nicht wenig und mehr zu zeigen war mit der Wahrheit nicht vereinbar. Die zeitgenössischen proletarischen Leser und gewiss auch heutige Leser aus den Kreisen der in prekären Billigjobs Arbeitenden können in in Owen und Barrington ihre Kumpel erkennen – keine Apparatschiks. Das fordert ihre Bereitschaft heraus, klüger und einsichtiger als die „Menschenfreunde“ zu sein, über deren Argumente zu lachen und sie in Frage zu stellen. Es ist auch zumindestens strittig ob, wie Ashraf meinte, es den Charakteren wirklich „an individueller Tiefe und Wärme mangelte“.

Tressells Werk hält seinem Publikum, den kaum organisierten, wenig gebildeten, in prekären, unsicheren, befristeten Beschäftigungen tätigen britischen Bauarbeitern der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts den Spiegel in einer Weise vor, die es ihnen ermöglichte, sich darin kritischwiederzufinden. Nicht wenige erkannten durch die Lektüre dieses Werks, dass sie selbst an der verkehrten Stelle philantropisch waren und dass wahre Menschenfreundlichkeit den Kampf gegen ein unmenschliches Gesellschaftssystem erfordere.

Deshalb löst Tressels „burleske und satirische Darstellung der Verzweiflung des Helden angesichts der Dummheit und des Individualismus seiner Arbeitskollegen, einer Verzweiflung, die zuzeiten an Verachtung grenzt, nicht Abneigung, sondern ein starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit und des gemeinsamen Interesses aus“ (Ashraf, S.677f.).

Dass Noonan seine sozialistischen Zukunftvorstellungen in die Schilderung des Arbeiterlebens einbrachte, war seinem ästhetischen Konzept geschuldet. Es ging ihm um die Gestaltung der von ihm damals als nicht lösbaren Widerspruch empfundenen Unfähigkeit der Arbeiterklasse, ihre Klasseninteressen zu erkennen und in diesem Sinne zu handeln. Diesen Widerspruch hat er so gestaltet, dass sein Adressat, die Arbeiter, ihn nicht nur passiv wahrnahmen, sondern sogar, in gewiss unterschiedlichem Maße, für sich zu lösen versuchten. So wie Tom Thomas hat RTP vielen Arbeiterlesern die Augen geöffnet.

Strukturell gehen sowohl der „großartige Money-Trick“ als auch der „Große Diskurs“ durchaus organisch aus der Erzählung hervor, stellen also keinen künstlerischen Bruch dar. Der Vortrag ist für die Zuhörer Unterhaltung. Owen erheitert sie, sie nehmen was er sagt zwar nicht ernst, spielen aber gerne mit. Auch Barringtons „Predigt“ wird als Rednerleistung gewürdigt, nicht, weil alle Zuhörer mit dem Inhalt einverstanden wären. Zur Tradition der englischen Arbeiterbewegung gehören die freie und überzeugende Rede, aber auch die in den Chapels, den Gotteshäusern derNonconformist (nicht mit der englischen Staatskirche konformen) Religionsgemeinschaften, etwa der Methodisten, gehaltenen Predigten. Barrington wird – wie es u.a. im Hyde Park Corner bei den politischen Reden Tradition ist – von „hecklers“ (Zwischenrufern) bedrängt. Einer wirft ihm vor „so geschwollen zu reden, als hätte er die Weisheit mit dem Löffel gefressen“ (Tressell 2001, S.504), aber der Arbeiter Philpot sorgt dafür, dass die Störungen nicht überhand nehmen. Im Buch sorgen die Zwischenrufer dafür, dass die Vorträge nicht zu langweiligen Monologen werden.

Natürlich konnten in einem realistischen Werk die Sozialisten Owen und Barrington ihren Zuhörern keine anderen Zukunftsvisionen vorstellen, als die, welche die kleine Minderheit sozialistisch orientierter Arbeiter damals vertrat. Diese waren geprägt von Robert Owens und gildensozialistischen Ideen, die ihnen Vorstellungen über eine gerechte Gesellschaft vermittelt hatten. Von Marx’ „Lohn, Preis, Profit“ und „Lohnarbeit und Kapital“ hatten sie einiges über das Wesen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung übernommen. Wahrscheinlich kannten sie „Das Kommunistische Manifest“ und hatten ihm entnommen, dass die Arbeiter die Klasse seien, die das kapitalistische System überwinden müsse. Konkrete Vorstellungen, wie die real existierenden Arbeiter sich organisieren und Wege zur Überwindung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung finden würden, gab es in der britischen Arbeiterbewegung allenfalls in rudimentärem Umfang und unter der Masse der Bauarbeiter waren klare Vorstellungen kaum vorhanden. So musste zwangsläufig die Darstellung der sozialistischen Zukunft und des Weges dahin vor allem für diejenigen Kritiker unbefriedigend und lückenhaft bleiben, die „theoretisch klare Vorstellungen“ einforderten. Selbst die schlichte und anschauliche theoretische Begründung ihrer Armut, wie Owen sie seinen Kollegen mit der Darstellung des großen Money-Trick nahe zu bringen versuchte, hat die meisten von ihnen bereits überfordert. Die sozialistische Vision Barringtons schien für seine Zuhörer nur noch eine unterhaltsame Fiktion zu sein, der sie mit ihrem common sense, ihrem Gemeinverstand begegneten. So entsprechen ihre Einwände den bis heute charakteristischen Argumenten gegen gesellschaftliche Veränderungen, die den Besitzlosen zugute kommen:

Gewiss hat vor allem die Wahrhaftigkeit, mit der das Arbeiterleben dargestellt wurde, der völlige Mangel an Schönfärberei bei der Figurengestaltung und die sarkastische Schilderung der gesellschaftlichen Zustände den außergewöhnlichen Erfolg des Buches bedingt. „Die Menschenfreunde“, besonders in der gekürzten Ausgabe, befriedigten wie selten ein Buch die Erwartungen der proletarischen Leser. Es interessierte diese weniger, wie eine gerechte Gesellschaft konstruiert sein müsste, eine solche erwarteten sie jedenfalls nicht zu ihren Lebzeiten. Sie wollten so wenig Predigten hören wie es die „Menschfreunde in zerlumpten Hosen“ im Buch wollten. Sie wollten nicht belehrt, sondern, wenn sie nach ihrem schweren Arbeitstag zu einem Buch griffen, unterhalten werden. Sie fanden sich und ihre Lebensumstände wahrheitsgetreu, ungeschminkt, ohne Pathos und gleichzeitig höchst unterhaltsam in einer ihnen gewohnten und verständlichen Sprache dargestellt wieder. Ein Buch, das sie zum Lachen brachte und erschütterte, unkompliziert zu lesen war, weil es die Geschichte in einfachen, klaren Sätzen mit einem Wortschatz, über den jeder Bauarbeiter verfügte, erzählte.


Quelle:  Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, 2002/III, S.39-59

Literatur


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Anmerkungen:

1 Von trestle: Gerüstbock.
2 R.W. Postgate, The Builders’ History, London 1923 zitiert nach Jack Mitchell, Robert Tressell and The Ragged-Trousered Philanthropists, London 1969, S.8f.
3 Noonan nennt Hastings in seinem Roman Mugsborough. Ein mug ist ein Mensch, der sich alles gefallen lässt.
4 John Nettleton, Robert Tressell and the Liverpool Connection, S.165-171
5 Alle im Original englischen Zitate sind von mir ins Deutsche übersetzt.
6 Mary Ashraf kritisiert völlig zurecht die Bewertung des Selbstmordgedankens als Defätismus durch linke Kritiker während den 30er Jahren: „Die Wahrheit ist jedoch, dass ... niedrigbezahlte Arbeiter und Arbeitslose ... nur zu gut wussten, dass Owens Agonie der Verzweiflung ohne das Spielen mit der Idee ‚des leichten Auswegs’ gar nicht real gewesen wäre. Solch eine allgemeine Erfahrung musste irgendwo im Buch erscheinen. Wenn sie ihrer Wirkung nach defätistisch war, so in der Mitte genauso wie am Ende des Buches, doch in keiner der beiden Versionen ist sie etwas Derartiges. In jedem Falle erregt es beim Leser nur Zorn.“ (Ashraf, S.679).
7 In den früheren deutschen Übersetzungen wird es „De Höhle“ genannt, die von Else Tonke besorgte neue Übersetzung lässt den englischen Begriff stehen, wofür spricht, dass der deutsche Begriff Höhle als ein Zufluchtsort verstanden werden kann und damit eher positive Konnotationen hat, während cave im Englischen mit cave in = einstürzen assoziiert und damit näher an das herankommt, was Noonan gemeint hatte. Die sprechenden Namen der Ausbeuterfirma und deren Aufsehern werden in der Übersetzung von Käte Güsfeld – nicht immer sehr treffend -übersetzt. So nennt sie Mugsborough unzutreffend Schmutzburg und die Firma Rushton Hurtig, das wesentlich verharmlosender als Hetzer klingt, wie Else Tonke die Firma in dem Glossar nennt. In der deutschen Übersetzung von Lore Krüger bleiben die englischen Namen unübersetzt und unerläutert. Auch Else Tonke lässt die englischen Begriffe unübersetzt, erläutert sie aber in einem dem Text vorangestellten Glossar.
8 Joachim Krehayn: „Englisches Frühwerk des sozialistischen Realismus“, Neues Deutschland, 28.2.59
9 Bert Hogenkamp (1979), “’Making Films with a Purpose’: Film-making and the Working Class” in John Clark u.a., Culture and Crisis in Britain in the Thirties, London, S.263
10 Sillitoe beantwortete die ihm 1964 gestellte Frage, welche Bedeutung die RTP heute hätten, folgendermaßen: „Das ist leicht zu beantworten. Seine Bedeutung liegt einfach darin, dass es ein gutes Buch ist, dass man lesen muss. Es ist leicht zu lesen wie alle Reisen durch die Hölle. Es ist auf eigenartige Weise aufregend, hat auf seine Art Harmonie und Pathos. Es ist stachelig, hat Witz und Humor und ist lehrreich“ (Umschlag Mitchell)
11 ebenda.
12 Jon Clark zitiert Tom Thomas (1977) in “Agitprop and Unity Theatre. Socialist Theatre in the Thirties” in Clark, a.a.O., S.225: “1934 gab es einen allmählichen Wandel in der politischen Richtung der Arbeitertheaterbewegung. Es wurde klar, dass die politische Auseinandersetzung zwischen Sozialisten und Kommunisten in Deutschland einem politischen Selbstmord gleichkam und das Überleben im übrigen Europa von einem Bündnis all derjenigen, die vom Faschismus bedroht waren, abhängen würde. ... Die neue Volksfrontlinie eignete sich nicht so einfach für das Volkstheater. Auf der Bühne ist es schwieriger, eine konstruktive Linie wie den Aufbau der Volksfront gegen den Faschismus zu gestalten als Satiren und Angriffe auf den Klassenfeind zu schreiben.“
13 Morning Star, 31 Jan. 1981, S.4
14 Der Rezensent des Internetvertriebes Robert Hull schreibt über RTP: “Die schlichte Geschichte in diesem Buch hat Generationen von Denkern beeinflusst und ist am Vorabend des 21. Jahrhunderts so bedeutsam wie vor 90 Jahren, als es verfasst wurde. Das Buch ist keine politische Agitationsschrift sondern eine Darstellung des Lebens und der Hoffnungen einfacher Menschen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dennoch finden wir in diesem Roman die Grundlegung des Sozialstaats Jahrzehnte vor seiner Einführung. In dem Buch gibt es ein sehr bezeichnendes Kapitel, „Das Terrorregime. Der großartige Money-Trick“, (in der neuen englischen Ausgabe umbenannt Plenty Of Work - Immer genug Arbeit -), das den Konflikt zwischen Arbeit und einem angemessenen Lohn graphisch illustriert. Als das Buch geschrieben wurde, gab Emile Zolas Roman Germinal über das Leben unter Bergarbeitern den Franzosen Denkanstöße. Der große Unterschied zwischen diesem Roman und RTP ist, dass letzterer keine Fiktion sondern die wahre Geschichte seines Autors ist“. Die letzte Bemerkung entspricht allerdings nicht den Tatsachen; der Roman ist eine fiktionalisierte Geschichte des Lebens von Bauarbeitern mit stark autobiographischen Zügen.
15 Regionale Dachorganisation verschiedener Gewerkschaftsverbände.
16 Edward Bellamy (1850-1898): Verfasser des utopischen Romans „Rückblick aus dem Jahr 2000“.










 

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