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Hanna Behrend

Rezension

"Nie hört das auf": Günter Grass: Im Krebsgang. Eine Novelle, Steidl Verlag Göttingen 2002, ISBN 3-88243-800-2


Getroffen von drei Torpedos eines sowjetischen U-Boots sank das ehemalige KdF-Schiff "Wilhelm Gustloff", inzwischen ein "der Kriegsmarine unterstelltes, bewaffnetes Passagierschiff" (104) in der Ostsee am 30. Januar 1945.   Der weitaus größte Teil der Passagiere, deutsche Flüchtlingen aus dem Osten, Frauen und die meisten der viertausend Säuglinge und Kleinkinder, aber auch verwundete Soldaten, U-Boot Besatzungen und Marinehelferinnen, ertranken im eisigen Wasser; es gab nur wenige Hunderte Überlebende – meist Männer, "weil der Befehl ‚Nur Frauen und Kinder in die Boote!’ nicht befolgt wurde" (137). Es fehlten ausreichend Rettungsboote, die wenigen waren nicht ordnungsgemäß gewartet worden, die verfügbare Mannschaft war im Umgang mit Havarien unerfahren und die "Schiffsleitung, [war] nur noch auf sich bedacht" (ebda).

Indem Günter Grass mit bewundernswürdiger Sachkenntnis diese Schiffskatastrophe und die Geschichte des 1895 in Schwerin geborenen und in der Schweiz für die Nazis tätigen Wilhelm Gustloff schildert, dessen Karriere durch die Schüsse des jüdischen Studenten David Frankfurter ein jähes Ende fand, und das Weiterwirken des Nationalsozialismus in der Gegenwart aus den je unterschiedlichen Interpretationen der Ereignisse um die "Gustloff" durch die Hauptfiguren sichtbar macht,  enthüllt er: "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem dies kroch" (Brecht).

Die aus einer Danziger Vorstadt stammende Tulla Pokriefke, Überlebende der Schiffskatastrophe, wurde nach ihrer Flucht in Schwerin (DDR) ansässig. Sie ist die ledige Mutter des Erzählers, den sie nach ihrer Rettung auf dem Torpedoboot "Löwe" gebar. In der DDR wurde sie Tischlermeisterin. Obwohl sie mühelos von der Nazi- zur SED-Ideologie wechselte und nach 1990 ebenso problemlos für die bürgerliche Demokratie optierte, hinderte sie ihr Opportunismus nie zu sagen, was andere ungern hören wollen (40). Der Schiffsuntergang ist ihr unverarbeitetes Trauma, dessen Aufarbeitung sie erst dem Sohn Paul, dann dem Enkel Konrad immer wieder aufzudrängen versucht.
Der Erzähler Paul Pokriefke ging als Jugendlicher nach dem Westen. Er wurde Journalist, arbeitete für die Springer-Presse, dann für die taz, heiratete die "linkslastige" Lehrerin Gabi, mit der er einen Sohn hatte und trennte sich von ihr. Sein Sohn Konrad, ein überdurchschnittlich intelligenter Außenseiter, Anfang der 80er Jahre geboren, lebte nach der Trennung der Eltern zunächst bei seiner Mutter in Mölln, dann bei der Großmutter in Schwerin.  Weder seine Angehörigen, noch seine schulische Umgebung hatten ihm einen Lebenssinn vermittelt oder Vorbilder geboten;  die Nazizeit und die "Gustloff"-Kartastrophe, über die die Großmutter immer wieder berichtete, faszinierten und veranlassten ihn, Kontakt mit den "Nationalen", d.h. der rechten Skinhead-Szene aufzunehmen. Auch dort blieb er Außenseiter. Er stellte eine Website ins Internet, auf der er seinen Kult mit Wilhelm Gustloff und dem nach ihm benannten Schiff trieb und Nazi-Propaganda verbreitete. Wider besseres Wissen verkündete er, dass die "Gustloff" ein reines Flüchtlingsschiff war, auf dem sich nur Mädchen, Frauen, Mütter und Kinder, "die vor der russischen Bestie" (103) fliehen mussten, befanden.
Paul entschließt sich über die Katastrophe zu berichten, der seine Mutter und damit auch er nur knapp entronn. Bei seinen Recherchen stieß er 1996  auf die Website eines "Blutzeugen". Als ihm klar geworden war, dass sein eigener Sohn im Internet Nazi-Sprüche verbreitete und den Mythos Wilhelm Gustloff wieder zu beleben suchte, setzte er seine Ex-Frau von seinem Verdacht in Kenntnis. Gabi wies diesen empört zurück und auch Großmutter Tulla war nicht bereit, seine Befürchtungen ernst zu nehmen. So geschah nichts und das Verhängnis nahm seinen Lauf.

Konrad hatte in seinem Chatroom eine Kontroverse mit einem jungen Mann, der sich als Jude ausgab und David nannte, aber eigentlich Wolfgang Stremplin hieß und Sohn eines Atomphysikers und einer Musikpädagogin aus westdeutschem Pfarrers- bzw. Bauernmilieu war. Hatte der Außenseiter Konrad den Weg aus der von Grass höchst überzeugend gestalteten politischen und moralischen Beliebigkeit und Unverbindlichkeit seiner Eltern in die Scheingewissheiten des Rechtsextremismus genommen, so hatte sich der Sonderling Wolfgang Stremplin mit den jüdischen Opfern des NS-Regimes so stark identifiziert und sich "derart in Sühnegedanken gesteigert, dass ihm schließlich alles Jüdische irgendwie heilig gewesen sei" (185). Im Internet konfrontierte er Konrad mit stets "gleichbleibenden antifaschistischen Sprüchen" (117). Die beiden Jungen, in ihren politischen Wahnbildern seitenverkehrte Spiegelbilder,  trafen sich schließlich in Schwerin. Nach einem friedlichen Stadtbummel gelangten sie zum Fundament der ehemaligen Wilhelm-Gustloff-Ehrenhalle. Wo einst der Gedenkstein gestanden hatte, spuckte David-Wolfgang aus tiefster Überzeugung als "Jude" dreimal auf das Fundament und Konrad gleichermaßen zwanghaft zog seine russische Pistole, ein Geschenk der Großmutter, und erschoss den "Feind", der das Mahnmal "entehrt" hatte. Unverzüglich nach der Tat meldete er sich bei der Polizei mit den Worten: "Ich habe geschossen, weil ich Deutscher bin" (175). In der Jugendhaftanstalt einige Zeit später zerstörte Konrad sein Modell des Unglücksschiffs, so leidenschaftlich und irrational wie er es bis dahin als Kultobjekt verehrt hatte. Die Zufriedenheit des Vaters  über diese jähe Wendung war von kurzer Dauer: Im Internet fand er eine Website, auf der die "Kameradschaft Konrad Pokriefke" "für jemanden warb, dessen Haltung und Gedankengut vorbildlich seien, den deshalb das verhasste System eingekerkert habe" (216).

Welche Gründe gibt Grass dafür an, dass ein intelligenter, nachdenklicher, physischer Gewalt abholder junger Mann aus dem intellektuellen Mittelstand, ohne materielle Sorgen und keiner Repression ausgesetzt, in eine irrationale, längst widerlegte, menschenfeindliche Ideologie flüchtet und ein anderer, in vielem sein Zwillingsbruder,  in das nicht minder irrationale seitenverkehrte Spiegelbild dieser Ideologie?

Die Figur des Konrad wie auch des Dialogpartners kommen nur vermittels des einen Nazi-Sprüchen und des anderen antifaschistischen Phrasen zu Wort. Ihre "innersten Peinkammern" (176) werden nicht aufgeschlossen. Ohne Pathos und Zeigefinger macht Grass den Anteil sichtbar, den der latente Antisemitismus, die political correctness des Philosemitismus und des Tabus, Israel zu kritisieren, und die mangelnde Bereitschaft, weltanschauliche Probleme Heranwachsender ernst zu nehmen, daran hat, dass es zu dieser Tragödie kommen konnte. Er macht in erster Linie Angehörige und Lehrer für ihre Beliebigkeit und ihr mangelndes Engagement dafür verantwortlich, dass "das nie aufhört" (216). Der Lehrer aus dem Osten wie der aus dem Westen erklären einvernehmlich vor Gericht, weshalb sie einen von Konrad angebotenen Schulvortrag, in dem er den Nazifunktionär Gustloff als "großen Sohn" der Stadt Schwerin vorstellen wollte, nicht zulassen konnten. Der Schweriner Lehrer betonte die antifaschistische Tradition seiner Schule, "dem westdeutschen fiel nur die ziemlich abgenutzte Formel ‚Wehret den Anfängen!’ ein" (ebda). Aber keiner tat mehr als ein Verbot zu erlassen.

Mit Ausnahme der politisch und ethisch-moralisch defizitären Angehörigen und Lehrer gibt es bei Grass nichts und niemanden, der Schuld an der Tragödie haben könnte. Wie in unseren Medien bei ähnlichen Vorkommnissen, spielt der allgemeine Zustand der Welt, in der Konrad und Wolfgang aufwachsen, keine Rolle. Auch "Im Krebsgang" wird ausgeblendet, welche Wirkung nicht nur die Vergangenheit sondern unsere Gegenwart mit Massenarbeitslosigkeit und Sozialabbau auf die junge Generation ausübt, der sich u.a. auch in immer weniger Mittel für die Volksbildung und damit immer weniger Möglichkeiten für Lehrer und Erzieher, ihre erzieherischen Aufgaben zu bewältigen, manifestiert. Auch dass die mit verlogenen Motivationen geführten Kriege Auswirkungen auf die moralischen und ethischen Prinzipien der jungen Generation haben könnten, erwähnt Grass nicht. So bleibt bei aller Bewunderung für die "Im Krebsgang" vermittelten Wahrheiten über die NS-Zeit und die gnadenloser Kritik an denen, die diese immer noch nicht wahrhaben wollen, unerklärt, warum ein Teil der Jugendlichen von der NS-Vergangenheit schwärmt und glaubt, dass es damals andere und zumindest für die "Volksgenossen" bessere Verhältnisse gegeben habe. Während die politische Klasse und die Medien gründlich dafür sorgten, dass vom untergegangenen Realsozialismus kein Mythos zurück blieb, der jungen Menschen seine Wiederkehr wünschenswert erscheinen lassen könnte, wurde das NS-Regimes in Ost und West nur formal und öffentlich demontiert. Sein Alltag kann daher perspektivlosen und unzufriedenen Jugendlichen bis heute als Alternative zur neoliberalen Realität vermittelt werden.


Hanna Behrend, Berlin 2002 








 

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