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Beiträge zur Theorie  









Hanna Behrend

Rezension

Andreas Hepp und Carsten Winter (Hrsg.): Die Cultural Studies Kontroverse. Klampen Verlag, Lüneburg 2003, 233 S.

Seit der Klampen Verlag vor vier Jahren1 Grundlagentexte der Cultural Studies herausbrachte, ist nicht nur die Welt erheblich weiter aus den Fugen geraten, auch die Cultural Studies haben sich, vor allem in Großbritannien und anderen englischsprachigen Ländern verändert. Im etablierten deutschen Universitätsbetrieb führen sie weiterhin eine Randexistenz, wie der einleitende Beitrag der Herausgeber einräumt. Wie bisher sind es in Deutschland nicht LehrstuhlinhaberInnen, sondern vorwiegend AssistentInnen oder wissenschaftliche MitarbeiterInnen, die sich von den Cultural Studies für ihre Forschungen der Alltags-, Jugend- und Populärkultur inspirieren lassen. Auf Arbeitsgebieten wie der Rassismus-, Identitäts, Nationen-, Migrations-, Minderheiten-, Medienforschung, ist im Zusammenhang mit der Diskussion um Globalisierung und transkulturelle Kommunikation die klassische Tradition der Cultural Studies in gewissem Umfang auch an deutschen Hochschulen zur Kenntnis genommen und gepflegt worden. Dort stimulierten "die wirklichkeitsaufmerksamen Darlegungen von Vertreterinnen und Vertretern der Cultural Studies"(S.26) die theoretische Auseinandersetzung. So profitiert besonders die (britische) Landeskunde in der Anglistik von ihrem Mangel an Berührungsängsten mit den Cultural Studies. Das ändert aber nichts daran, dass weiterhin die etablierten Disziplinen Inter- und Transdisziplinarität als unwissenschaftlich ausgrenzen ganz zu schweigen von ihrem ungebrochenen Abscheu vor jeder Wissenschaft, die sich als interventionistisch versteht, was als überholt disqualifiziert wird. Cultural Studies bleiben den etablierten Disziplinen suspekt, obwohl einige deren Repräsentanten von der engen Bindung an das linke, mit Gramsci .verknüpfte interventionistische Konzept abgerückt sind.

Die Mehrzahl der von Hepp und Winter in den Sammelband aufgenommenen AutorInnen. betonen allerdings, dass die Cultural Studies nichts von ihrem Geist des Aufbegehrens verloren hätten, mit den Beiträgen von Colin Mercer und Chris Barker, die unmissverständlich vorschlagen, sich von interventionistischer Kulturkritik zu Gunsten angepasster sozialdemokratischer Kulturpolitik zu verabschieden, setzen sich weder die Herausgeber noch die anderen AutorInnen auseinander. So scheint die Berufung auf die interventionistische linke Tradition der Cultural Studies ein Fall von, wie Shakespeare sagte, The lady doth protest too much, methinks (Shakespeare, Hamlet III/2, l.) zu sein.

Von meiner Behauptung von 2001, dass die Cultural Studies stets "neue Facetten ihrer Themen, neue Standpunkte und Methoden … in ihr progressives Grundkonzept integrierten und immer wieder dogmatische Ausschlusspraktiken und Einseitigkeiten vermieden bzw. überwanden" will ich mich nach der Lektüre des vorliegenden Berichts über die Kontroversen vor allen in Großbritannien, Australien und den USA zwar nicht verabschieden, so vorbehaltlos vertreten kann ich sie aber auch nicht mehr.

Auch in diesem Band kommt nach den Herausgebern der Altmeister Stuart Hall mit einem Bericht über die Geschichte des Cultural Studies-Projekts, seine Kontroversen und Diskussionsfelder zu Wort. Der inzwischen 71-Jährige, der seit den 90er Jahren für die Open University tätig ist, wo er über Culture, Media, and Identity liest und dazu auch eine Schriftenreihe im Sage Verlag herausgibt, wurde 1995 zum Präsidenten der British Sociological Association gewählt – ein deutliches Zeichen, dass die Cultural Studies im britischen Wissenschaftsestablishment angekommen sind. Sein Beitrag stammt aus 1990 und beschreibt die ursprüngliche politische Funktion des Projekts – das er als von jeher uneinheitlich bezeichnete – folgendermaßen: Es ging darum, das "offensichtliche Zerbrechen … der traditionellen Klassenkulturen" und der "sehr hierarchischen Pyramidenstruktur" (S.34) der britischen Gesellschaft und damit ihren Wandel unter dem Einfluss der "neuen Formen des Wohlstands und der Konsumgesellschaft", sowie der "zersetzenden Wirkung der Massenmedien und einer entstehenden Massengesellschaft" zu untersuchen. Dies geschah im Umkreis der ersten Welle der Neuen Linken nach 1956. Die führenden Autoren waren damals durchwegs außerhalb des Wissenschaftsestablishment angesiedelt; so waren Raymond Williams und Edward P. Thompson Volkshochschuldozenten, Richard Hoggart und Stuart Hall waren Erwachsenenbildner, die mit interventionistischen Texten wie The Uses of Literacy (Hoggart), Culture and Society (Williams) und The Making of the English Working Class (Thompson), Encoding and Decoding (Hall)an die Öffentlichkeit traten. Mit der Gründung des Centre for Contemporary Cultural Studies an der Universität Birmingham errangen sie und damit das Projekt zwar den Zugang zu einer Universität, letzteres blieb aber lange Zeit ein marginales Unternehmen und ist auch heute noch "gegenüber der Massenausbildung (S. 48)" sehr in der Minderheit. Zu den wichtigsten Leistungen des Projekts gehörten die Herausarbeitung eines komplexen Kulturbegriffs und die Entwicklung neuer Formen der Interdisziplinarität. ("Wir hatten eine Soziologie zu lehren, die wir für nützlich hielten, um die Kultur zu studieren, und das war von selbsternannten Soziologen nicht zu bekommen" Hall, S.40f.)

Die Öffnung des Projekts und seiner Mitarbeiter kontinentaleuropäischen marxistischen Autoren gegenüber wäre ohne das Übersetzungsprogramm der New Left Review in den 70er Jahren nicht zustande gekommen, meint Hall. Dieser Durchbruch ist seinerseits der zwar kurzlebigen, aber einflussreichen Intellektuellenbewegung der Neuen Linken in Großbritannien geschuldet – in vieler Hinsicht GesinnungsfreundInnen der deutschen und französischen `68er - . So kamen die Projektmitarbeiter mit Gramsci, Walter Benjamin, der Frankfurter Schule u.a. in Berührung, die auf die weltanschauliche Richtung der Cultural Studies einen großen Einfluss ausübten. Der Einfluss dieser Autoren, insbesondere Gramscis bewirkte die Stärkung des damaligen politischen Engagements der Cultural Studies. ("Wir nahmen das gramscianische Gebot ernst, dass die Praxis eines organischen Intellektuellen darin bestehen muss, für das philosophische Ziel des Unternehmens zu arbeiten, mit dem obersten Prüfstein der Erkenntnis… Wir haben gewusst, dass die Fragen, die wir stellen, von zentraler Bedeutung für die Fragen sind, durch die Hegemonie hergestellt oder in Frage gestellt wird" (S.43). Es sollte sich um eine Praxis handeln, "die Theorie und Praxis zusammenbringt" (S.44).

Anders als die meisten der anderen BeiträgerInnen räumt Hall ein, dass in den Cultural Studies eine Kontroverse im Gange ist zwischen denjenigen die "den Menschen ein Verständnis der Vorgänge vermitteln und insbesondere Denkmethoden, Überlebensstrategien und Widerstandsmöglichkeiten für alle diejenigen bereitstellen [wollen], die heute ökonomisch, politisch und kulturell von allem ausgeschlossen sind, was man den Zugang zur nationalen Kultur der nationalen Gemeinschaft nennen könnte" (S.48) und denjenigen, die "in der elegantesten Manier formelle Dekonstruktion betreiben, [sich]zwar an der vordersten Front theoretischer Arbeit [befinden], aber [deren] Beitrag zur Lösung der von mir genannten kulturellen Krise man vergessen kann." (S.49). Hall plädiert dafür, dass "die neuen theoretischen Techniken und die von Feminismus und Black Studies eröffneten neuen Positionen, ebenso wie diejenigen, die uns die postmodernistischen und poststrukturalistischen Debatten eröffnet haben … in ein Verständnis des umfassenderen historisch-politischen Projekts eingehen" müssen, sonst könnte "der Postmodernismus leicht zu einem Abgesang" werden mit dem Ziel, "sich vom Zentrum der Welt zu entfernen" (ebda).


Die übrigen AutorInnen sind alle um ca. zwanzig Jahre jünger als Hall, die SchülerInnengeneration der Gründer des Projekts und inzwischen alle Lehrstuhlinhaber oder Direktoren von Forschungseinrichtungen; allerdings hat nur die Hälfte in Großbritannien einen Lehrstuhl gefunden und auch sie sind nicht nach Oxford oder Cambridge, sondern an das Goldsmith College in London, bzw. an die Nottingham Trent und Sunderland Universitäten berufen worden. Die übrigen AutorInnen gingen an zwei Hochschulen in Australien und an eine Universität in Hongkong.

Anders als die Gründungsväter der Cultural Studies haben sie reine Universitätskarrieren hinter sich und waren zu keiner Zeit im Volkshochschulwesen oder der Erwachsenenbildung tätig. Das brachte es wohl mit sich, dass die meisten Beiträge auch sprachlich weit weniger transparent sind – was sich an einigen Zitaten unten zeigt - als es die der Gründerväter waren.


Die Australierin Meghan Morris schreibt über "Das Banale in den Cultural Studies". Dieses Banale und zugleich Fatale sieht sie, gestützt auf Baudrillards Wiederentdeckung des "Banalen als Rahmenkonzept einer Medientheorie" (S.51), darin, dass die Medien, speziell das Fernsehen heute Realität hervorbringen bzw. simulieren, wodurch es nicht mehr wie zuvor ein mehr oder minder reales Ethos des Kalten Krieges gibt, das individuelle Entscheidungen von. Bedeutung ermöglicht, sondern ein Ethos des reinen Krieges oder simulierten chronischen Kalten Krieges, in dem es gleichgültig ist, wofür man sich entscheidet. Das Dilemma bestehe im "Widerspruch zwischen Spaß, Faszination, Spannung, dem ‚Leben’ … in der Populärkultur und den tödlichen Schatten von Krieg, Invasion, Notstand, Krise und Terror, der ständig über den Medien liegt" (S. 61). Diese kulturpessimistische Struktur hält Morris für eine "’fatale’ Travestie" oder für "eine Verführung der Begriffe althusserianischer Epistemologie und ihrer Theorie des beweglichen Objekts. Wir durchleben die Ekstase der permanenten Katastrophe, die sich mit zunehmender Dichte verlangsamt … bis sich die Supereignishaftigkeit des Ereignisses der Ereignislosigkeit absoluter Inertie annähert und die alltägliche Katastrophe von uns als ein endloser toter Punkt oder als völlig erstarrte Ordnung erlebt wird." (S.63). Ohne Zweifel spiegelt diese sehr akademisch formulierte Beschreibung bestimmte Facetten der medial produzierten "Realität" adäquat wieder, der real existierenden Dynamik der weltpolitischen Entwicklung unserer Dekade wird der Begriff der Inertie allerdings kaum gerecht.

Morris kritisiert linke Autoren, die Subversivität in "jedem Stück Alltagskultur vom Street Style bis zur Seifenoper" (ebda) entdecken und dabei versäumen, das Banale im Untersuchungsobjekt kritisch zu erfassen. Es gebe einen Boom der Cultural Studies in Australien, worunter sie ein Modespektakel versteht, das der Wissenschaft zwar Vermarktungszwänge auferlege, sie aber nicht völlig unmöglich mache. Zwar gebe es die Tendenz, "einen bestimmten theoretischen Stil der Alltagsanalyse – und dementsprechend eine bestimmte … banale Äußerungsposition für den Theoretiker der Populärkultur - zu vermarkten"(S.55), aber "Commodify or die" sei weniger heuchlerisch als so zu tun, als käme es darauf an, was man veröffentlicht Dem sehr verführbaren "Mythos des Fatum, Schicksalhaften, der Ordnung ‚radikaler Dekadenz’" (ebda) gegenüber sei es die Aufgabe der Cultural Studies, "kulturelle Demokratie [zu fördern] … die Differenz [zu respektieren] und die Massenkultur nicht als gigantische Banalisierungsmaschinerie [zu betrachten], sondern als das Material für eine Vielzahl populärer Praktiken" (S.66). So seien KonsumentInnen aktiv-kritische NutzerInnen der Massenkultur, deren Praxis sich nicht auf eine ökonomische Aktivität reduzieren lasse, sondern sich auch um "Träume und Tröstungen, Kommunikation und Konfrontation, Bilder und Identitäten" drehe. Dies ist eine wichtige und richtige aus der ursprünglichen Tradition der Cultural Studies stammende Position. Unter den gegenwärtigen Bedingungen neoliberalen Angriffs auf die Existenzbedingungen dieser KonsumentInnen könnte der Stellenwert der Konfrontation und des Widerstandes den der Tröstungen bald hinter sich lassen. In diesem Zusammenhang kritisiert Morris die theoretischen Positionen von John Fiske und Iain Chambers; sie gingen zwar von einem Subjektbegriff als "einem dynamischen Feld" aus, "in dem sich zu verschiedenen Momenten, in einem unablässigen Produktions-, Konfrontations- und Reproduktionsprozess sozialer Identitäten alle möglichen Permutationen einstellen können", am Ende kennen sie aber doch nur einerseits die Hegemonie ausübenden herrschenden Klassen und andererseits "’die Leute’, die ihre eigenen Bedeutungen schaffen und die in der und manchmal gegen die ihnen dargebotene Kultur ihre eigene Kultur konstruieren" (S.67f.). Fiske, Chambers und andere legten dem Kollektivsubjekt, also "den Leuten" gegenüber, nicht die erforderliche kritische Distanz an den Tag; hinter diesem "textuell beglaubigten allegorischen Sinnbild der kulturtheoretischen Tätigkeit" (S.69) verberge sich somit am Ende nur der Ethnograph. Auf diese Weise kehre lediglich das Postulat des cultural dope zurück. Zu den problematischen Positionen der heutigen Cultural Studies rechnet Morris auch die Betrachtung der Konsumtion als quasi-autonome, von der Produktion abgehobene Realität, anstatt sie "als eine der notwendigen, komplexen und variablen Phasen im Produktionsprozess zu begreifen" (S.76f.).

Morris moniert, dass es angesichts der "krisengeschüttelten Gesellschaft" unter den Projekten der Cultural Studies keinen "Raum für ein unmissverständlich leidendes, eindeutig unzufriedenes oder aggressives Theoriesubjekt gibt" (S.73). Das ist wenig verwunderlich, wenn man entweder davon ausgeht, dass die alltägliche Katastrophe von uns als ein endloser toter Punkt oder als völlig erstarrte Ordnung erlebt wird oder den aktiv-kritischen NutzerInnen der Massenkultur Subversivität bei der Rezeption "jedes Stücks Alltagskultur vom Street Style bis zur Seifenoper" (ebda) bescheinigt wird. Morris hält die Diskreditierung solcher Stimmen zu Recht für eine Folge der Vermarktung und des kulturellen Booms der Cultural Studies. Auf das, was geschehen müsse, um diesen Stimmen Gehör zu verschaffen, was ursprünglich ein prioritäres Anliegen der Cultural Studies war, oder wie es kam, dass diese Stimmen nicht mehr wahrgenommen werden, geht die Autorin nicht ein.


Ien Angs Thema ist das globale Dorf und die kapitalistische Postmoderne als ein Reich der Ungewissheit. Unter dem globalen Dorf versteht die aus Indonesien stammende Autorin die Domestizierung nicht-westlicher Anderer im Namen der kapitalistischen Modernität, ihre globale soziale und kulturelle Integration. Dabei geht sie davon aus, dass "der Kapitalismus nicht mehr durch die gewaltsame Unterwerfung kolonisierter Völker…, sondern durch die liberalen Institutionen der Demokratie und des souveränen Nationalstaats aufrechterhalten werde und sich Macht daher nicht einfach mit Unterdrückung gleichsetzen lasse" (S.88) Diese Feststellung, die in den 90er Jahren vielleicht noch in gewisser begrenzter Weise zugetroffen haben mag, erweist sich heute als zunehmend obsolet, worin sich die Dynamik unserer Zeit ebenso spiegelt wie die Kurzlebigkeit solcher theoretischer Verallgemeinerungen. Unverändert geblieben ist die von der Autorin unter Berufung auf Wallerstein festgestellte Häufung von Konflikten, Antagonismen und Widersprüchen, aus denen sich ein "wahres Reich der Ungewissheit" entwickelte. Ang sieht diese Ungewissheit aber vorrangig in der schwindenden Wirksamkeit der Kontrollmacht der Medien, seitdem die Hegemonie der USA "Beulen und Risse" bekam. So kommt sie zu der Schlussfolgerung, das globale Dorf sei ein "totalisiertes und doch grundlegend zerstreutes Weltsystem kapitalistischer Postmodernität, [charakterisiert] durch die radikale Ungewissheit und Indeterminiertheit des Sinns" (S.92). Sie wendet sich aber auch gegen die Auffassung, es gäbe keine herrschende Ideologie oder die Diversität der Lesarten von Medientexten bedeute die Freiheit und Unabhängigkeit des Publikums.

Die kapitalistische Postmoderne ist für Ang ein chaotisches System, in dem "jede Identität einer ‚Kultur’, einer ‚Gesellschaft’ und jeder anderen sozialen Einheit … bloß die konjunkturelle Artikulation ständig wechselnder Positionierungen, eine prekäre Gegebenheit [ist], die aus einer vorübergehenden Bedeutungsfixierung innerhalb des kapitalistischen Weltsystems entsteht, [und das] trotzdem instabil ist und nie zum geschlossenen System wird (S.105). … Es gibt in diesem Weltsystem immer noch dominante Kräfte, … es ist aber nie garantiert, dass ihre Versuche, Ordnung zu schaffen …, Erfolg haben. … Ebenso wenig bedeutet die Tatsache, dass es nicht durchweg gelingt, Ordnung zu schaffen, dass die Herrschenden weniger mächtig sind – im Gegenteil(S.107)".

So zutreffend dieses Bild der kapitalistischen Postmoderne ist, so wenig schlüssig ist ihre Folgerung daraus: "Es bedeutet nur, dass die Wirksamkeit ihrer Mittel und ihrer Formen der Machtausübung ungewiss ist. … Doch wenn die Ordnungskräfte permanent zum Einsatz kommen, ohne dass sie die Ordnung … restlos herstellen können, dann rücken auch die chaotisierenden Kräfte dem System permanent auf den Pelz, ohne dass das Chaos … komplett ausbricht. … In diesen Grenzen findet der ‚Widerstand’ gegen das Herrschende statt" (S.107). Möglichkeiten, aus diesem ewig ungebrochenen und unbrechbaren Kreislauf von Konflikten, Antagonismen und Widersprüchen, aus dem "wahren Reich der Ungewissheit" auszubrechen und seine Blockaden zu überwinden, werden von vorn herein gar nicht erst in Betracht gezogen.


David Morley verteidigt die Cultural Studies gegen Kritik, die sich sowohl gegen deren in der emanzipatorischen Tradition stehenden Strang richtet, wie auch gegen Kritik des neuen relativistisch-postmodernen Trends innerhalb der Cultural Studies, den er nicht für den heute allein bestimmenden hält, sowie gegen solche "linke politökonomische oder soziologische" Kritik, die Untersuchungen populärkultureller oder die Konsumtion betreffender Phänomene grundsätzlich für unangebracht hält. Er wendet sich dabei gegen Angriffe aus der britischen Presse, den Medienbetrieben und der (konservativen wie Labour-)Regierung, die den Druck im Hochschulbereich vor allem bei der Mittelvergabe verstärkten, "von den interdisziplinären Experimenten der letzten dreißig Jahre abzurücken und sich auf die herkömmlichen und nunmehr vielleicht ‚seriöseren’ Einzeldisziplinen zurückzuziehen" (S.113). Einige Kritiker der Cultural Studies, die Morley zufolge aber lediglich auf deren postmodernen, relativistisch-textualisierten Variante zutreffen, beanstanden, dass das Projekt sich damit begnüge, die zeitgenössische Kultur impressionistisch zu beschreiben statt zu erklären, indem … die Pluralität kultureller Stile festgestellt, aber auf deren moralische Bewertung verzichtet werde, und indem eine aktuelle Kulturszene angesprochen, aber ihre Analysen aus Angst vor fachlicher Verallgemeinerung nicht ernsthaft theoretisch oder politisch begründen werden, weil ihre ‚Theorie’ nur spätkapitalistische Konsumleitbilder simuliere (S. 115f.). Die Einwände, die Cultural Studies hätten "sich dem Konjunkturellen und Besonderen so sehr verschrieben, dass sie jede auch nur begrenzte Form von Einordnung oder Verallgemeinerung implizit oder ausdrücklich ablehnen" (S.116) seinen unbegründet, treffen sie doch ebenso auf postmoderne Varianten anderer Disziplinen zu, so der Soziologie. Es komme daher darauf an, am multidisziplinären Charakter der Cultural Studies festzuhalten. Morley zitiert aus einer Studie von Greg Philo und David Miller (1997), die den Cultural Studies anlasten, sich zu sehr auf das Studium der Populärkultur zu konzentrieren So beanstanden diese Autoren, dass in einer Arbeit aus 1995 über junge Londoner aus dem Punjab zwar die symbolische Funktion von Kommerzsphären wie McDonald’s als Freiräume gegenüber der Elternaufsicht untersucht wurde, nicht aber die Mcdonald’sche Niedriglohnpolitik oder deren Bezug zu Fragen der Tierethik. Sehr zurecht weist Morley daraufhin, dass diese Fragen zweifellos bedeutsam sind, aber nicht Thema dieser Untersuchung waren und dass auch andere als ökonomische Fragen von politischer Relevanz sind. Einen "notwendigen Zusammenhang zwischen der Arbeit ‚im’ Bereich der Cultural Studies und der Arbeit mit einer relativistischen Epistemologie und dem entsprechenden Postmodernismus" weist er zu Recht entschieden zurück. Diese relativistische Position sei zwar zeitweise vor allem in den nordamerikanischen Cultural Studies dominant gewesen, das bedeute aber nicht, dass es keine anderen Positionen in den Cultural Studies geben könne oder gibt. (S. 125). Angesichts der Fortschritte, durch die die Cultural Studies in den vergangenen zwanzig Jahren das Forschungsfeld grundlegend veränderten, sei es weder wünschenswert noch möglich, zu den "bewährten Methoden und ewigen Wahrheiten" von damals zurückzukehren. Während in der Entwicklungsphase der Cultural Studie "ein handfestes politisches Bedürfnis [bestand] …, unsere Auffassungen von Macht und Politik zu erweitern", bestünde jetzt "in der Konzentration auf das Kulturelle auch auf Kosten anderer Machtformen … in diesen Jahrzehnten eine vernünftige Priorität" zitiert er Richard Johnson. (S.136). Jetzt gehe es vor allem darum, die Kulturtheorie wieder in größere soziale Erklärungszusammenhänge einzubetten.


John Storey ist wie Barker ein Autor, der in der Hochphase des CCCS in Birmingham studierte. Sein Anliegen in Cultural Studies und Populärkultur Oder: Warum sind Cultural Studies keine Politische Ökonomie ist ähnlich wie das Morleys, den Vorwurf auszuräumen, die Cultural Studies seien so populär geworden, weil sie sich entpolitisiert haben. Dabei setzt er sich mit verschiedenen Ansätzen dieser Kritik auseinander, u.a. mit dem Vorwurf, Cultural Studies -Arbeiten zur Populärkultur und ihrem Konsum seien unpolitisch. Er schließt sich der Auffassung von David Morley an, der (in dem im Buch veröffentlichten Aufsatz) es für falsch hält, wenn man "in Gesellschaften wie der unseren, wo die offiziellen politischen Vorgänge, auf die das ‚seriöse Fernsehprogramm’ abstellt, immer mehr Menschen fremd geworden sind, das Feld der Populärkultur, wo die Menschen ihre Bindungen und Identitäten tatsächlich finden, nicht ernst nimmt" (S 168). Gegen die Kritik, die Konsumforschung habe "die Macht der Konsumenten maßlos überschätzt, weil sie die ‚determinierende’ Funktion der Produktion außer Acht gelassen hat" führt Storey Stuart Hall ins Feld, der die Zugangsmöglichkeiten des Publikums "als ökonomische Determination in erster Instanz" bezeichnete und den Zugang als Abschluss des einen Prozesses der Produktion und den Beginn eines anderen (der Konsumtion) (S.169).

Storey betont zurecht, dass "der Kapitalismus nicht nur ein Wirtschaftssystem [ist], sondern auch eine Kultur- und Gesellschaftsformation, in dem die Macht zwar in letzter Instanz ökonomisch bedingt ist, "aber gelebt wird sie immer kulturell, was bestimmte Konsumpraktiken grundlegend mit einschließt" (S.170). Daher müsse man auch begreifen, "auf welch vielfältige Weisen die Menschen sich diese Waren aneignen, bedeutsam machen und verwenden, sie in den gelebten Alltagspraktiken zu Kultur machen. Deshalb sei es eine "grobe Vereinfachung" zu glauben, "dass die Wirkungen der Konsumption die Absichten der Produktion widerspiegeln" (S.172). Hier greift Storey die seit Beginn der Cultural Studies bestehende Kontroverse mit – wie er es nennt - der politischen Ökonomie, de facto aber simplifizierenden marxistischen Auffassungen auf und wendet sich gegen "die Reduktionismen eines Marxismus, der als harter ökonomischer Determinismus aufgefasst wurde" (S.174). Er zitiert Hall, der deutlich machte, dass es "nie einen Augenblick [gab], in dem Cultural Studies und Marxismus theoretisch perfekt zusammenpassten. … die Dinge über die Marx nicht sprach … und die unsere bevorzugten Untersuchungsobjekte waren: Kultur, Ideologie, Sprache, das Symbolische"(ebda). Es gehe also um das Bestehen auf der fundamentalen theoretischen Orientierung der Cultural Studies: deren Bindung an Gramscis Konzept von Hegemonie basierend auf der Dialektik zwischen den Prozessen der Produktion und den Aktivitäten der Konsumtion. Dass diese Orientierung keineswegs im Gegensatz zu dem steht, was Marx dazu schrieb, darauf verweist auch Morley in seinem Beitrag (S.132), wo er auf Stuart Halls Interpretation der Marxschen ‚Einleitung von 1857 zu den Grundrissen’ verweist; Hall betont, dass "die Konsumtion für Marx kein zweitrangiger oder untergeordneter Bestandteil einer linearen Erzählung nach dem Motto ‚Am Anfang war die Produktion’" ist. Storey weist aber auch zurück, dass die Cultural Studies die Analyse der Produktion jemals abgelehnt hätten. "Was sie abgelehnt haben, sind reduktionistische und reflektionistische Untersuchungsmethoden, die a)nur die Produktionsweise und eine vermännlichte Öffentlichkeit, b)die Konsumtion als bloße Widerspiegelung der Produktion und c) die Konsumenten als ‚Konsumidioten’ betrachten" (S.177) Es ginge den Cultural Studies" um das von Marx gelernte gramscianische Insistieren … dass wir die Kultur schaffen und von ihr geschaffen werden. … Wir müssen das dialektische Spiel von Widerstand und Einordnung im Auge behalten" (S.179). Das gehöre zu den besten Traditionen der Cultural Studies. Storey fordert, dass sich Cultural Studies-Ethnographie und politische Ökonomie "als Beiträge zum gleichen Projekt auffassen … , dass sie sich als zwei Seiten derselben Medaille begreifen, unterschiedlich platziert, aber zwangsläufig vereint im gleichen Projekt, nämlich die Beziehungen von Kultur und Macht begreifen und dekonstruieren zu wollen. Dazu dürfen sie aber nicht, wie bestimmte Kritiker fordern, "den Feminismus, die Diskurstheorie, die Queer-Theorie, die Arbeiten zu Ethnizität und und ‚Rasse’ aufgeben und zu einem primären Moment reiner Klassenunterdrückung zurückkehren, ohne irgendwelche Komplikationen durch Sexualität, Geschlecht, Ethnizität oder ‚Rasse’" (ebda.). Bereits 1998 erläuterte die amerikanische Feministin Judith Butler, die Bedeutung und Aktualität der Anerkennung dieser pluralistischen Sicht für jegliche politischen Bündnisse der Linken: "Wenn die Unterscheidung von Kultur und Ökonomie taktisch gehandhabt wird, um den diskreditierten Begriff der sekundären Unterdrückung wieder einzuführen, dann wird dies nur neuen Widerstand gegen die Durchsetzung von Einheit hervorrufen und den Verdacht bestärken, dass Einheit durch gewaltsamen Ausschluss erkauft wird. … Diese Weigerung, erneut einer Einheit untergeordnet zu werden, die Differenz karikiert, herabgewertet und domestiziert wird zur Basis für einen expansiven und dynamischeren Impuls. Dieser Widerstand gegen ‚Einheit’ trägt in sich das Zeichen einer demokratischen Vision der Linken." (S.180)


Während diese vier der sechs jüngeren AutorInnen wesentliche methodologische Zugänge der ursprünglichen Cultural Studies vertreten und besonders Storey auch deren kultur- und systemkritische Inhalte und Zielstellungen weiterhin vertritt, nehmen die beiden folgenden Beiträger eine andere Position ein. Mit den ursprünglichen Cultur Studies verbinden sie Themen und Methoden, nicht aber Fragestellungen, die denjenigen, die "heute ökonomisch, politisch und kulturell von allem ausgeschlossen sind", erklären könnten, "wodurch Hegemonie hergestellt oder in Frage gestellt wird" und die sie mit "Denkmethoden, Überlebensstrategien und Widerstandsmöglichkeiten" (Hall, S.43) ausrüsten würden.


In seinem Beitrag über Konvergenz. Kreative Industrien und Zivilgesellschaft. auf dem Weg zu einer neuen Agenda definiert Colin Mercer die Cultural Studies auch als Studien zum Verhältnis von Regierung und Kultur. Ihm gehe es um Kultur als praktische Orientierung, worunter er praktische, im Auftrag der Regierung. betriebene Kulturpolitik versteht. Dabei handle es sich "um die Bereiche von Kulturplanung und Cultural Mapping, von Kultur, Citizenship und Identität und um das Gebiet kultureller Indikatoren. Der Professor für Kulturpolitik und Direktor der Forschungsabteilung für Kulturpolitik und –planung fordert auf, sich auf "die wirklichen kulturellen Implikationen und Komplikationen der Beziehung von Arbeit, Land und Leuten einzulassen, indem man die ‚ökologische’ Vielschichtigkeit von soziokulturellen Governance-Verhältnissen anerkennt", was sich aus der Realität einer "Kultur als Governance" ergebe. Zu dieser Form der Kulturpolitik als Regierungspolitik gehören Schlüsselkompetenzen auf den Gebieten der Anthropologie und Ethnologie der Gemeinschaft, bei der Bewertung und Einschätzung von absoluter und relativer "Lebensqualität", in der Verwaltung und Pflege ökologischer, sozialer, ökonomischer, infrastruktureller und kultureller Ressourcen. Erstaunlicher Weise hält der Autor sowohl den Besitz wie die Verfügung oder Kontrolle über Ressourcen und Macht für verzichtbar. Nach Meinung des Autors sei vielmehr für "die Entwicklung des Zusammenhangs von Rechten und Verantwortlichkeiten durch das Citizen-Konzept auf kulturellem Gebiet … die Entwicklung von Programmen und Projektlogiken des Ressourcen-Managements"(S.164) entscheidend. Wie aber die Verwirklichung solcher Programme und Projektlogiken ohne Verfügung oder Kontrolle über Ressourcen geschehen soll, bleibt jedoch vom Autor unbeantwortet.


Der abschließende Beitrag von Chris Barker, Associate Professor (entspricht etwa einer C3-Professur) für Communications and Cultural Studies an der Wollongong-Universität in Australien, über Kaleidoskopische Cultural Studies. Fragen von Politik und Methode definiert den Gegenstand der Cultural Studies als das Studium von Kultur, Macht und Politik, wobei die Erkenntnisse positionsbestimmt und die Absichten parteilich seien, d.h. für gesellschaftliche Veränderungen und kulturellen Wandel eintreten. Darunter versteht der Autor die Akzeptanz eines "kaleidoskopischen Spektrums von Strategien, was die Entwicklung ‚neuer Sprachen’, die symbolische Politik der neuen sozialen Bewegungen und eine Kulturpolitik einschließt. Durch den Charakter der Politik in den westlichen Demokratien macht es der soziale und kulturelle Wandel auf institutioneller Ebene außerdem nötig, dass man sich auf sozialdemokratische Politik einlässt" (S.182). In Übereinstimmung mit Derridas Differenztheorie, ist für Barker Bedeutung grundsätzlich instabil. Kultur ist daher ein Feld, "auf dem konkurrierende Bedeutungen und Weltauffassungen miteinander um Macht und pragmatische Wahrheitsansprüche kämpfen. Bedeutung und Wahrheit konstituieren sich in Machtverhältnissen. … Die ‚Politik der Differenz’ vollzieht sich … durch Dekonstruktion, Entmythologisierung und Entmystifizierung". Wie er im Sinne der Differenz "positionsbestimmte Erkenntnisse" gewinnen und "parteiliche Absichten" durchsetzen will, wenn er die Anpassung an eine sozialdemokratische Politik fordert, die die realen Machtverhältnisse verschleiert und eine pluralistische Kulturpolitik immer weniger zulässt, erläutert Storey nicht. Er bedauert, dass sich aus der Anbindung der Cultural Studies in den 70er und 80er Jahren an das gramscianische Modell der organischen Intellektuellen als konstitutivem Bestandteil der Arbeiter-, feministischen, postkolonialen, afroamerikanischen etc. Kämpfe, die als "die denkenden und organisierenden Elemente der gegenhegemonialen Klassen und ihrer Verbündeten" angesehen wurden "romantisch-heroische Auffassungen" in den Cultural Studies entwickelt hätten, die diese als "Teil einer intellektuellen Guerillabewegung" ansahen, "die an den Grenzen der offiziellen Wissenschaft herumballert". Solche Auffassungen seien endgültig passé, "nicht zuletzt des schieren Erfolgs wegen, den [die Cultural Studies] allen Obstruktionen zum Trotz in der Lehre und auch in der Forschung gehabt haben" (S.186). Aus dem erfolgreichen Weg einiger ProjektmitarbeiterInnen durch die Institutionen ergibt sich für Barker also die Legitimation, die kulturkritischen und interventionistischen Wurzeln des Projekts zu kappen. Von der tatsächlich durch die Entwicklung des High-Tech Kapitalismus bewirkten strukturellen Transformation der klassischen Arbeiterklasse des Fordismus und der weitgehenden Anerkennung solcher feministischer Erkenntnisse wie der Gleichrangigkeit von Klasse, Rasse und Geschlecht ausgehend, gießt Barker das Kind mit dem Badewasser aus und erklärt, dass Kultur eine eigene Logik unabhängig von den Klassen habe, dass Klasse keine Bestimmungsgrößen der Politik, der Überzeugungen und der kulturellen Verhaltensweisen mehr sei: "Der Zerfall der Arbeiterklasse als einer zahlenmäßig bedeutsamen politischen Kraft bezeichnet zusammen mit der Degeneration des Sozialismus als ein alternatives Weltanschauungssystem das Ende einer revolutionären Klassenpolitik" (S.187). Der Klassenkampf sei nicht mehr der primäre Motor radikalen Wandels oder das Vorgefecht zur allgemeinen Befreiung. Vielmehr lieferten den Cultural Studies die neuen sozialen und politischen Bewegungen der Bürgerrechtskämpfe, des Feminismus, der Umweltpolitik, der Friedensbewegung, der Jugendbewegungen und die Politik kultureller Identität ihre neue Klientel. Dass diese AkteurInnen zwar tatsächlich wie Barker schreibt, ihre Basis außerhalb des Arbeitsplatzes haben, und es wirklich einen wachsenden Vertrauensverlust in die großen politischen Parteien gibt, der mit dem Interesse an direkteren Formen politischen Handelns verknüpft ist, ändert nichts an der Tatsache, dass die AkteurInnen der neuen Bewegungen alle zugleich Objekte und Opfer neoliberalen Abbaus des Sozialstaats sind und als Lohnabhängige oder Arbeitslose, als kleine Handwerker oder Ladeninhaber, prekär Beschäftigte, "Ich-AGs" oder SozialhilfeempfängerInnen um ihr existenzielles.Überleben kämpfen müssen. Barker zufolge, der sich darin Giddens (1992) anschließt, hat sich politisches Handeln von emanzipatorischer Politik, "der es um die Befreiung von Ausbeutung und traditionellen Zwängen ging" (S.188) hin zum Interesse an Selbstverwirklichung, Entscheidungsfreiheit und Lebensstilen verschoben". Nur für eine Minderheit und vorübergehend trifft das – wie der Protest gegen den Irak-Krieg und die Proteste gegen den Sozialabbau zeigen – in solcher Ausschließlichkeit zu. Immer stärker ist der Kampf um "Selbstverwirklichung, Entscheidungsfreiheit und Lebensstilen" ganz eng mit dem Kampf gegen Krieg und Sozialabbau verknüpft und stellt heutige Formen des "Klassenkampfes" dar. Nach Meinung des Autors attackieren die neuen sozialen Bewegungen "die kulturellen Kodes institutionalisierter Machtverhältnisse mit symbolischen Ereignissen und mit einer evozierenden Sprache, die ihnen die kohärente Form einer ‚vorgestellten Gemeinschaft’ gibt. Die von ihnen generierten Bilder stehen im Zentrum ihrer Aktivitäten und verwischen die Grenzen von Inhalt und Form. Viele ihrer Aktivitäten sind in der Tat Medienereignisse." (ebda) Das mag durchaus die gewandelte Form des Agierens dieser Bewegungen sein, ihr Inhalt wird auf diese Weise keineswegs beschrieben. Die von Barker stipulierte Aufgabe der Cultural Studies, "den politisch Aktiven bei der intellektuellen ‚Aufklärung’ ihres Vorgehens [zu] helfen". (S.189) werde durch viele Cultural Studies-Autoren durch ihre "radikale Gefühlsstruktur" behindert, die, sich nicht "für ein gradualistisches Reformkonzept … erwärmen" (S.190) können. Dieses aber hält der Autor für unerlässlich, weil in den westlichen Ländern die Politikformen der liberalen Demokratien die einzigen seien, die strukturelle Veränderungen herbeiführen können und so bleibe den Cultural Studies nur, sich von ihrer "radikalen Rhetorik" zu verabschieden und das "Spektrum demokratischen Handelns im liberaldemokratischen Rahmen" auszuweiten, was heißt, sich in den sozialdemokratischen Parteien zu engagieren, was mit den neuen sozialen Bewegungen durchaus kompatibel sei.

Für Barker ist Kulturpolitik ein "besonderes Gebiet der Regierung" (S.197) und der "sozialen Regulation", also ein "funktionaler Bestandteil der kulturellen Technologien, die soziales Leben gestalten und menschliches Verhalten formen. Kultur ist somit für ihn nicht Repräsentation sondern institutionelle Praxis, Verwaltungstätigkeiten und räumliche Anordnungen. Er hält daher auch "Policy"(behördliche Kulturpolitik) und "Cultural Criticism" für kompatibel, weil für ihn heutzutage "weder Intellektuelle noch neue soziale Bewegungen für sich genommen grundlegende Veränderungen herbeiführen" können. Das Fehlen von Anzeichen für Rückhalt in der Bevölkerung für grundlegende politische Veränderungen und der Umstand, dass wir in einer "galoppierenden Welt" leben, "die sich dem kontrollierenden Zugriff entzieht" lasse uns nur die Konstruktion des Zweifelhaften basierend auf der Ausweitung gesellschaftlicher Selbstreflexivität, die Anerkennung der Begrenztheit menschlicher Perfektibitlität und der ausgedehnten Einflüsse nicht-intendierter Handlungsfolgen (Giddens)(S.199). Abschließend enthüllt der Autor, dass seiner Meinung nach die "kulturelle Politik [der Cultural Studies], als Form politischer Intervention nicht besonders effektiv war" und man sich daher in Zukunft von "textbezogenen Politikformen" (worunter vermutlich die Anbindung an Marx, Gramsci und die Altväter der Cultural Studies gemeint sein dürften) und "revolutionärer Rhetorik" verabschieden und einen "pragmatischeren Zugang zur kulturellen Politik gewinnen möge. Die Bedeutung von (Regierungs-)Kulturpolitik und die von dieser gebotenen Eingreifmöglichkeiten inklusive der Schwierigkeiten ihrer Durchsetzung müsse endlich als entscheidende Aufgabe anerkannt werden.


Auch wenn bei den Cultural Studies die Erfolge beim Marsch durch die Institutionen dazu geführt haben, dass eine gewisse Zahl von AutorInnen es für angebracht hält, sich in den Dienst der Kulturpolitik des Establishments zu stellen und sich von den ursprünglichen emanzipatorischen Positionen zu verabschieden, sind die interdisziplinären methodologischen Ansätze und die mit dem realen Leben immer noch eng verknüpften sozio kulturwissenschaftlichen thematischen Zugänge der Cultural Studies noch immer bestimmend. Sie leisten ihren Beitrag dazu, dass die etablierten Geistes- und Gesellschaftswissenschaften nicht in die Bedeutungslosigkeit versinken.


Hanna Behrend, Berlin 2003

1 dazu vgl. meine Besprechung von Roger Bromley, Udo Göttlich, Carsten Winter (Hrsg.) (1999): Cultural Studies. Grundlagentexte zur Einführung in Hintergrund II/2001, S.43-57











 

GLASNOST, Berlin 1992 - 2017