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Beiträge zur Theorie  










2001-02-09

Hanna Behrend

Die andere Tradition des Nationalen aus marxistisch-feministischer Sicht

Beitrag zur Internationalen Tagung "Strategien neoliberaler Hegemonie – Kritische Erneuerung emanzipatorischer Standpunkte" - Hamburg HWP 9.-11.2.2001

Die Begriffe Nation, Nationalität, Nationalismus, Heimat, Vaterland, Deutschland, die Deutschen stehen wieder einmal im Mittelpunkt einer Debatte nicht nur zwischen Konformen und SystemkritikerInnen, auch innerhalb der deutschen Gegenöffentlichkeit. Sie sind mit einer wichtigen Facette der Identität jedes Individuums vor allem in den Industriestaaten verknüpft. Gravierende Meinungsverschiedenheiten in einer so bedeutsamen Frage blockieren solidarisches Handeln in einem Lande, innerhalb einer Nation, eines Volkes, einer Bevölkerung und lassen auch Kooperation über staatliche oder nationale Grenzen hinweg nicht zustande kommen.

Zweifellos sind Nationen, Nationalitäten oder das Volk sind überall hierarchisch strukturierte, Machtverhältnisse verkörpernde Gemeinschaften. Herrschende Nationen unterdrücken beherrschte, patriarchale Verhältnisse sorgen dafür, dass Geschlechtergleichstellung in ständigem Kampf möglichst weitgehend durchgesetzt werden muss, die männlich bestimmten Interessen der herrschenden Klasse werden als "nationale" Interessen über den Herrschaftsdiskurs auch von denjenigen verinnerlicht, in deren objektivem Interesse das keineswegs ist. Dennoch brauchen wir einen emanzipatorischen Standpunkt zu dieser Frage und  da scheint mir lohnend, dass wir uns auf unsere emanzipatorische Tradition besinnen und uns  bereits vorhandene Erkenntnisse  vergegenwärtigen.

Wenn Hannah Arendt sagt: "Der Begriff des Menschen, wenn er politisch brauchbar gefasst sein soll, [muss] die Pluralität des Menschen stets in sich einschließen." (a.a.O., 604), dann treffen sich ihre Überlegungen mit der feministischen Differenztheorie. Differenz darf  keineswegs auf Geschlechterdifferenz eingeengt werden. In der patriarchal-kapitalistischen Gesellschaft ist jede Differenz hierarchisch strukturiert und stellt ein Machtgefüge dar. Die feministische Differenztheorie geht davon aus, dass die Geschlechter-, Klassen, ethnischen, nationalen, religiösen und anderen Differenzen gleichrangige Teile eines komplexen Gefüges werden müssen, dessen Prioritäten sich aus den konkreten aktuellen Lebensbedingungen der betreffenden Menschen ergeben.  Erst wenn Differenzen aller Art kein hierarchisches Gefüge mehr darstellen, wenn diejenigen, die in welcher Weise auch immer anders sind als die jeweils dominanten Gruppen, nicht mehr als Ausgegrenzte behandelt werden und um ihr Überleben kämpfen müssen, wenn Differenzen als eine Bereicherung aller zelebriert werden, kann von wirklich demokratischen Verhältnissen gesprochen werden. Diese theoretische Ansatz könnte wesentlich zu einer neuen Sicht auf die nationale Frage beitragen. Wir müssten  die Anerkennung der Gleichrangigkeit von Differenzen auch in der nationalen Frage zu unserem Anliegen machen und fordern, dass. Bevölkerungsteile unterschiedlicher ethnischer, nationaler oder regionaler Zugehörigkeit als gleichrangige Teile der Zivilgesellschaft behandelt,  Staatsangehörige gleichgestellt werden, ohne Rücksicht auf Geschlecht,  Klasse, ethnische, nationale oder regionale Herkunft, Religion oder sexuelle Neigung. Eine Gesellschaft, in der dies verwirklicht wäre, würde eine wahrhaft emanzipierte Nation, ein wirkliches Vater- oder Mutterland darstellen, in dem sich alle dort lebenden Menschen sicher, zu Hause und geborgen fühlen können. Nationalismus und Rassismus sind Ausgrenzungsdiskurse zum Zweck der Machtbeschaffung oder –erhaltung. Mit dem Abbau hierarchischer und Machtstrukturen werden weder die Nation, das Volk oder andere Gemeinschaftsformen verschwinden; vielmehr könnten alle diese Gemeinschaftsformen beginnen, sich zu öffnen, Ausschließungsmechanismen zu eliminieren und damit erstmals menschengerechte Gestalt annehmen.

Dazu müssten sich die heute Marginalisierten zu Wort melden und diejenigen, die zu den privilegierten Gruppen gehören, sich ihrer strukturellen Vorrechte und der damit verbundenen Ungerechtigkeit bewusst werden.

Als Arbeiterin muss frau sich gegen Unternehmerwillkür, aber auch gegen Gewerkschaftsmachismo wehren, als schwarze oder asiatische Frau in Europa oder den USA gegen die Arroganz der weißen Dominanz, im Trikont gegen Neokolonialismus, aber auch gegen alte frauenfeindliche indigene Sitten und Gebräuche. Gehört sie zu den Privilegierten, so muss dies in ihr Bewusstsein treten und ihre Wahrnehmungsfähigkeit für Ungleichheit und Ungerechtigkeit schärfen und sie muss lernen, den Nichtprivilegierten zuzuhören. Anerkennung der Gleichrangigkeit von Differenzen heißt für die nationale Frage, dass Bevölkerungsteile unterschiedlicher ethnischer, nationaler oder regionaler Zugehörigkeit als gleichrangige Teile der Zivilgesellschaft behandelt werden müssen,  Staatsangehörige müssen gleichgestellt werden, ohne Rücksicht auf Geschlecht,  Klasse, ethnische, nationale oder regionale Herkunft, Religion oder sexuelle Neigung. Eine Gesellschaft, in der dies verwirklicht wäre, würde eine wahrhaft emanzipierte Nation, ein wirkliches Vater- oder Mutterland darstellen, in dem sich alle dort lebenden Menschen sicher, zu Hause und geborgen fühlen können. Nationalismus und Rassismus sind Ausgrenzungsdiskurse zum Zweck der Machtbeschaffung oder –erhaltung. Mit dem Abbau hierarchischer und Machtstrukturen werden weder die Nation, das Volk oder andere Gemeinschaftsformen infrage gestellt; vielmehr könnten alle diese Gemeinschaftsformen beginnen, sich zu öffnen, Ausschließungsmechanismen zu eliminieren und damit erstmals menschengerechte Gestalt annehmen. Eine solche Nation herzustellen, wäre ein wahrhaft emanzipatorisches Projekt.

"AntinationalistInnen" berufen sich oft auf  Marx und Engels und zitieren dann den berühmten Satz aus dem "Kommunistischen Manifest", wo es heißt: "Die Arbeiter haben kein Vaterland. Man kann ihnen nicht nehmen, was sie nicht haben." Aber selbst an dieser Stelle gehen die Verfasser des "Manifests"  davon aus, dass das Proletariat die Potenz habe, sich zur Nation zu konstituieren, ihm werden nationale Potenzen zugeschrieben, "wenn auch keineswegs im Sinne der Bourgeoisie" (M-E Werke 4, 479).

"Unser Internationalismus geht aus der Liebe zu unserem Heimatboden hervor und aus dem festen Willen, uns das Vaterland zu bauen, das wir lieben können", sagte August Bebel 1907. Unter Deutschland verstand er "den Boden, auf dem wir leben, dessen Sprache wir sprechen, dessen Sitten wir besitzen". Clara Zetkin meinte, nur im Klassenkampf  werde der Arbeiterklasse das Vaterland zuteil, das auch ihr teuer ist.

Es ist unbestritten, dass seit Bebel und Zetkin im Namen Deutschlands grauenhafte Verbrechen geschahen und bis heute weitere Untaten verübt werden und nicht nur durch jene, die "ich bin stolz, Deutscher zu sein" grölen.

Für den französischen Philosophen Etienne Balibar und den amerikanischen Soziologieprofessor Immanuel Wallerstein weisen alle Nationen, Völker und Ethnien ambivalente Züge auf. Für Balibar zielt das Verhältnis Nationalismus-Nation im Kern darauf ab, "einer ‚Realität’, der Nation, eine ‚Ideologie’, den Nationalismus gegenüberzustellen" (Argument Hamburg 1990, 59). Auch er geht wie schon Engels von "gutem" und "schlechtem" Nationalismus aus.  Das Volk betrachtet Wallerstein als ein vielschichtiges und formbares Produkt der kapitalistischen Weltwirtschaft, das den antagonistischen Kräften als Kristallisationspunkt ihrer Kämpfe und Auseinandersetzungen dient." (106) Es müsse sich permanent als nationale Gemeinschaft schaffen.

Für Balibar und Wallerstein ist der Nazismus ein  Ausnahmephänomen, das nur aufgrund "außergewöhnlicher Verkettung von inneren und äußeren Konflikten" möglich wurde (66).

Die politische Philosophin Hannah Arendt, erläutert im Kapitel mit dem beziehungsvollen Titel "Völkische Verbundenheit als Ersatz für nationale Emanzipation" von "Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft" die historischen Ursachen für die rassistische Spezifik des deutschen Nationalismus:

Erst die Enttäuschung darüber, dass der Sieg über die Franzosen nicht zur Befreiung der deutschen Nation führte,  hatte nationalistische bzw. rassistische Folgen. Die Folge sei gewesen, dass es dem deutschen Volk zur nationalen Emanzipation an einem "echt historisch begründeten Nationalbewusstsein und zur nationalstaatlichen Organisation an klar erkennbar geographischer Begrenzung seines Territoriums fehlte" (Arendt, 375) Deshalb war es in Deutschland zur Ausbildung eines völkisch bestimmten Nationalgefühl gekommen. In ihrem Kapitel "Der Niedergang des Nationalstaates und das Ende der Menschenrechte" erläutert Arendt, dass nach 1914 in Deutschland das Prinzip siegte, "dass Staatsbürgerschaft und nationale Zugehörigkeit nicht zu trennen sind, dass nur die nationale Abstammung den Gesetzesschutz wirklich garantiert" (ebda, 575). Arendt bezeichnete diese Entwicklung die Transformation des Staates aus einer auf dem Recht in eine auf den "nationalen Interessen" basierenden Institution. Das lief darauf hinaus, dass ‚Recht ist, was dem deutschen Volke nützt’" (ebda, 575).  Damit begann die Zersetzung des nationalen Rechtsstaats und in ihrem Gefolge die völlige Entwertung der Menschenrechte.[1]

In der Zeit des Faschismus und den ganzen Zweiten Weltkrieg hindurch bekannte sich der größte Teil der deutschen AntifaschistInnen zu dem "anderen" Deutschland. Noch vor der Machtergreifung der Nazis, im Jahre  1929 hatte Tucholsky ein politisch-satirisches Bilderbuch unter dem beziehungsvollen Titel "Deutschland, Deutschland über alles" veröffentlicht, in dessen letztem Kapitel "Heimat"  folgende Sätze stehen: "Ja, wir lieben dieses Land. ... Es ist ja nicht wahr, dass jene, sich sich "national" nennen und nichts sind als bürgerlich-militaristisch, dieses Land und seine Sprache für sich gepachtet haben. ... Wir sind auch noch da. ... Im Patriotismus lassen wir uns von jedem übertreffen – wir fühlen international. In der Heimatliebe von niemand. ... Und so widerwärtig mir jene sind, die – umgekehrte Nationalisten – nun überhaupt nichts Gutes an diesem Lande lassen ... – so scharf verwahren wir uns dagegen, nun etwa ins Vaterländische umzufallen.". (Volk & Welt, Berlin 1967, 226-231)

Eine von einer Anzahl deutscher Schriftsteller im Exil entworfene Erklärung vom 1. August 1943 betonte, dass diese "es für notwendig [halten], scharf zu unterscheiden zwischen dem Hitlerregime und den ihm verbundenen Schichten einerseits und dem deutschen Volk andererseits"[2]. (Zur Tradition der deutschen sozialistischen Literatur, Bd.4, 272)

Ihre Haltung zu Deutschland äußerte mehrfach sehr bestimmt die deutsche Schriftstellerin Anna Seghers. 1941 schrieb sie in ihrem Exil in Mexiko ("Deutschland und wir" in Zur Tradition der deutschen sozialistischen Literatur, Bd.3, 69-75): "Wo darüber [über das nationale Gefühl] hinweggegangen wird, da ist der Feind, der Faschismus zur Stelle, der diese Leere ausfüllt, der dieses Gefühl auf seine Art ausbeutet. ... das hindert nicht, dass der Grund des Gefühls echt ist.  Denn alle Menschen unserer Zeit ... arbeiten mit an der Lösung von zwei Grundfragen: der sozialen und der nationalen... Es gibt keine Volkslosigkeit, so wenig wie es ein Weltbürgertum gibt". (ebda, 69) Volk ist für Seghers "nicht Blut und Boden", sondern "durch gemeinsam erlebte gesellschaftliche Vorgänge, durch seine Arbeit, seine Kultur, seine Sprache" geschaffene Gemeinschaft.

In ihrem Aufsatz "Vaterlandsliebe", der in den "Neuen deutschen Blättern" am 6. August 1935 erschienen war (ebda, Bd.1, 881-884), heißt es: "Fragt erst bei dem gewichtigen Wort `Vaterlandsliebe`, was an eurem Land geliebt wird. Trösten die heiligen Güter der Nation die Besitzlosen? ... Tröstet die `heilige Heimaterde` die Landlosen? Doch wer in unseren Fabriken gearbeitet, auf unseren Straßen demonstriert, in unserer Sprache gekämpft hat, der wäre kein Mensch, wenn er sein Land nicht liebte" [3]. (ebda, 883).

Lion Feuchtwanger erklärte im November 1944 in der Zeitschrift "Freies Deutschland", es müsse um die "Austilgung des Nationalsozialismus" gehen, die Schuldigen müssen bestraft werden. "Leute von Einfluss ... werden versuchen, durch eine milde, aufweichende Ausdeutung des Begriffs Nationalsozialismus die Zahl derjenigen zu beschränken, die als Nazi anzusehen seien... Unwillentlich und unwissentlich wirken in dieser Richtung auch alle diejenigen, die Deutsche und Nazi gleichsetzen[4]. ... Es ist viel die Rede in der Welt von der Notwendigkeit der deutschen ‚Wiedererziehung’. Man tut, als sei die deutsche Kultur unter den zwölf Jahren Nazi-Herrschaft für immer verstorben. ... Unter Grund ist sie gegangen während dieser zwölf Jahre. Und auch hier bedarf es nur einer entschiedenen Maßnahme: man vernichte den Nationalsozialismus. ... Die deutsche Kultur, ihrem tiefsten Wesen nach demokratisch, antiimperialistisch, humanistisch, bedarf keiner fremden Leitung. Was an Fremdem wertvoll war, hat sie von jeher mit Eifer und organisch aufgenommen". (Ebda,  Bd.3, 274-277).

Geduldete Flüchtlinge, nahmen bedeutende deutsche ExilschriftstellerInnen Stellung gegen nationalistische Auffassungen einflussreicher Persönlichkeiten im Lager der Alliierten zur deutschen Frage. Dabei waren sie sich über die verbrecherische Rolle, die Deutschland spielte, stets im Klaren. Bereits 1933 hatte Brecht beklagt: "Deutschland, bleiche Mutter!/ Wie sitzest du besudelt/ Unter den Völkern/Unter den Befleckten/Fällst du auf./".  Sein Zorn  galt denjenigen, die "ihre Brüder, der Mutter beste Söhne,  erschlagen hatten", die die Wahrheit unterdrückten. und ein System errichtet hatten, das "ringsum die Unterdrücker" lobten, die Nachbarn aber "nach dem Messer" greifen lässt "wie beim Anblick einer Räuberin".

Für die antifaschistischen SchriftstellerInnen galt, was Anna Seghers in dem oben zitierten Aufsatz "Deutschland und wir" so zusammengefasst hatte: "Nicht unser Land ist wild und barbarisch, wild und barbarisch in unsrem Land ist nur der Faschismus, und in welchem Land ist der Faschismus nicht wild und barbarisch?" (in Zur Tradition der deutschen sozialistischen Literatur, Bd.3, 74 f.).

Liegt unser aller Zukunft in einem bindungslosen "Weltbürgertum" oder nicht vielmehr in einem Internationalismus in der hier skizzierten antifaschistischen und feministischen Tradition? Der Antinationalismus,  der aus einigen Aussagen neuerer linker und feministischer KritikerInnen spricht, ist, wie Tucholsky sagte, die andere Hälfte des janusköpfigen deutschen Nationalismus, nicht minder ausgrenzend als dieser.  Wer nirgends dazugehört, kann sich nur noch um sich selbst kümmern, wer keine Bindung zu denjenigen hat,  mit denen er oder sie "durch gemeinsam erlebte gesellschaftliche Vorgänge, durch seine Arbeit, seine Kultur, seine Sprache" verknüpft ist, der wird auch für das Glück der Menschheit nicht kämpfen. Anbiederung an den Mainstream ist in meinen Augen nicht das Zugehörigkeitsgefühl zum eigenen Volk, sondern der Verzicht auf verpflichtende Bindungen zur Familie, zum eigenen Volk, zur eigenen Nation. An deren Stelle tritt dann in der geringen Freizeit, die bei der immer mehr zeitliche und persönliche Opfer fordernden Erwerbstätigkeit übrig bleibt, die zu nichts verpflichtende Teilnahme an der globalisierten  "Spaßgesellschaft".  Gesellschaftliche Selbstbestimmung bedarf eines konkreten Orts. Sie dort zu verorten, wo man lebt, und diesen Ort umgestalten zu helfen, so dass er allen anderen, die dort leben, Heimat sein kann, macht diese Forderung erst zu einer emanzipatorischen. Maßgebliche Kreise in unserem Land setzen zwar nicht auf die nationale, wohl aber die nationalistische, chauvinistische und rassistische Karte dadurch, dass sie das bestehende antinationalistische und antifaschistische Recht nur inkonsequent und widersprüchlich durchsetzen. Wer, wenn nicht die SystemkritikerInnen, müsste gegen diese Halbherzigkeiten mobilisieren? Das geht überzeugend aber nur, wenn wir uns auf die antifaschistische Tradition und eine wirklich alternative Haltung zur nationalen Frage besinnen und auf dieser Grundlage politisch handeln.



© Hanna Behrend, Berlin 2001





Anmerkungen:

[1] Diese waren im 20. Jahrhundert "zu einer Art zusätzlichen Ausnahmerechts für die Unterdrückten" geworden, auf das sich ihre Beschützer beriefen; jedermann behandelte die Menschenrechte, als stellten sie ein Minimum an Recht für die Entrechteten dar... Als [im 20. Jh.] zum ersten Mal große Gruppen von Menschen auftauchten, die in eklatanter Weise aller Rechte beraubt sind, [fand] sich keine liberale oder radikale Partei bereit ..., eine neue Proklamation der Menschenrechte in ihr Programm aufzunehmen." Aber die Menschenrechte waren keineswegs der Grundstein von nationalstaatlichen Verfassungen. Es gab keine unabdingbaren, einklagbaren Rechte von Menschen, die"unabhängig von Staatsbürgerschaft und nationaler Differenz konzipiert"  und in Gesetzen verkörpert waren. "Die Paradoxie, die von Anfang an in dem Begriff der unveräußerlichen Menschenrechte lag, war, dass dieses Recht mit einem ‚Menschen überhaupt’ rechnete, den es nirgends gab... der Begriff des Menschen, wenn er politisch brauchbar gefasst sein soll, [muss] die Pluralität des Menschen stets in sich einschließen." (Arendt, 604)

[2] Brecht notiert in seinem Arbeitsjournal am 2.8.1943, dass Thomas Mann, einer der Unterzeichner dieser Erklärung, seine Unterschrift zurückgezogen habe, weil er "den Alliierten nicht in den Rücken fallen" wolle. Er finde es nicht unbillig, wenn die Alliierten Deutschland zehn oder zwanzig Jahre züchtigten. Provokativ legte Brecht seine Gegenmeinung dar: "Wenn man beklagt, das deutsche Volk lasse zu, dass seine Regierung einen schrecklichen Angriffskrieg führt, dann beklagt man in Wahrheit, dass das deutsche Volk keine gesellschaftliche Revolution durchführt. Für wessen Interessen wird der Krieg geführt? Eben für die Interessen jener, die nur durch eine gesellschaftliche Revolution gigantischen Ausmaßes aus ihren hohen Stellungen entfernt werden können. ... Aber wie steht es mit Rest des deutschen Volkes, den neunundneunzig Prozent?  ... Die Wahrheit ist, dass der Krieg in ihrem Interesse liegt, solange sie nicht das System, unter dem sie leben, abschütteln können oder wollen. Als Hitler an die Macht kam, standen sieben Millionen Familien, das ist ein Drittel der Bevölkerung, vor dem Hungertod. Das System konnte keine Arbeit für sie finden, es konnte ihnen nicht einmal hinreichende Wohlfahrtsunterstützung gewähren. Als dann Arbeit für sie gefunden wurde, bestand sie nur in industriellen Kriegsvorbereitungen. Inzwischen war der sogenannte Mittelstand ruiniert und in die Munitionsfabriken getrieben worden. Hunderttausende von Geschäften und Werkstätten wurden geschlossen, und zwar für immer- ... Auch die Bauern wurden ruiniert, sie sind jetzt reine Pächter, die auf Befehl handeln. ... So haben alle ein Interesse am Krieg. Alle. ... Für das Individuum ist es leichter, der Gruppe zu folgen, als selbst zu denken. ... Wenn das Geschick von so vielem und so vielen betroffen ist, dann fällt es schwer zu glauben, nur die Führenden seien für den Krieg verantwortlich. Es fällt leichter anzunehmen, dass die Führenden nur für den verlorenen Krieg verantwortlich sind. ... Das Regime musste den Krieg wählen, weil das ganze Volk den Krieg brauchte; doch das Volk brauchte den Krieg nur unter diesem Regime und muss deshalb eine andere Lebensform suchen. Das ist eine ungeheuerliche Folgerung. Und selbst, wenn die Hand am Zügel unsicher wird, ist der Weg zu dieser Folgerung weit. Denn es ist der Weg zur gesellschaftlichen Revolution. Die Geschichte zeigt, dass Völker nicht leichtfertig radikale Änderungen des ökonomischen Systems vornehmen. ... Nur wenn die Ordnung, unter der sie bisher lebten, sich in unbezweifelbare und unerträgliche Unordnung verwandelt, wagt das Volk ... die Situation zu ändern. ... Was das deutsche Volk aus blutigen Niederlagen, Bombardements, Verarmung und aus den Bestialitäten seiner Führer innerhalb und außerhalb Deutschlands nicht gelernt hat, wenn dieser Krieg vorüber ist. das wird es auch nicht aus Geschichtsbüchern lernen. Völker können sich nur selbst erziehen; und sie werden eine Herrschaft des Volkes nicht errichten, wenn ihre Hirne, sondern nur, wenn ihre Hände sie ergreifen." ("Das andere Deutschland", geschrieben ca.1943, rückübersetzt aus dem Englischen in Zur Tradition der deutschen sozialistischen Literatur, Bd.3, 262-270; Bd.4, 271)

[3] "Selten entstand in unserer Sprache ein dichterisches Gesamtbild der Gesellschaft. Große, oft erschreckende ... Einzelleistungen, immer war es, als zerschlüge sich die Sprache selbst an der gesellschaftlichen Mauer ... [D]eutsche Dichter schrieben Hymnen auf ihr Land, an dessen gesellschaftlicher Mauer sie ihre Stirnen wund rieben. Sie liebten gleichwohl ihr Land. Sie wussten nicht, dass das, was an ihrem Land geliebt wird, ihre unaufhörlichen, einsamen, von den Zeitgenossen kaum gehörten Schläge gegen die Mauer waren. Durch diese Schläge sind sie für immer die Repräsentanten ihres Vaterlands geworden. Entziehen wir die wirklichen nationalen Kulturgüter ihren vorgeblichen Sachwaltern." (ebda, 883f).   

[4] "Da gibt es Leute, die mit blindem Eifer und mit siebenhundertsiebenundsiebzig fadenscheinigen Argumenten beweisen wollen, dass die achtzig Millionen Deutschen infolge ihrer Geburt, ihrer Geschichte und der Lage ihres Landes von der Vorsehung zu Nationalsozialisten bestimmt seien. Solche Behauptung erschwert nur die Bestrafung der wirklichen Nazi. Denn da es offenbar unmöglich ist, achtzig Millionen Menschen unschädlich zu machen, können die Heißsporne ... letzten Endes nur erreichen, dass mit den Deutschen auch die Nazi verschont werden. ... Von der deutschen Wirtschaft wird ... mit Recht verlangt werden, dass sie ihr Möglichstes dazu beitrage, wiederaufzubauen, was die Nazi überall in der Welt zerstört haben. ... Andernteils aber verlangen viele eine Drosselung der deutschen Wirtschaft. Sie wollen zerstören oder beschlagnahmen, was nach dem Kriege noch an deutschen Fabriken und Maschinen vorhanden sein sollte. Sie argumentieren, diese Maschinenstürmer, ein wirtschaftlich starkes Deutschland sei eine Bedrohung des Weltfriedens. ... Solche Behauptungen aufstellen, heißt das Kind mit dem Badewasser ausschütten. Man kann die deutsche Industrie erhalten auf eine Art, dass sie der Welt nur nützlich und niemals schädlich werden kann. Es gibt da ein sicheres Mittel. Man kontrolliere diejenigen welche die deutsche Wirtschaft kontrollieren. Man schalte alle diejenigen aus, die ein Interesse daran haben könnten, das Reich von Neuem aufzurüsten, die Großagrarier, die Monopol-Industriellen, die mit ihnen versippten Militärs, welche dem Nationalsozialismus zur Macht verholfen haben. Und man verhüte, dass sie unter irgendeiner ausländischen Maske von neuem Einfluss auf die deutsche Wirtschaft erlangen". (ebda,  Bd.3, 274-277)











 

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