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Beiträge zur Politik  









Hanna Behrend

Die Tradition des Nationalen aus marxistisch-feministischer Sicht


Die nationale Frage: ein Kampffeld der Auseinandersetzung mit dem deutschen Nationalismus


Eine erste Fassung des Vortrags, den ich in stark gekürzter Form auch vor Ihnen hier halten möchte, habe ich im Februar ds. Jahres auf einer Tagung an der Hamburger Hochschule für Wirtschaft und Politik anlässlich der Verabschiedung von Frigga Haug gehalten. Zur Unfreude der zahlreichen Anwesenden, die meinen Standpunkt nicht teilten. Der zur Vertiefung meiner Thesen überarbeitete Beitrag wurde von den HerausgeberInnen des Tagungsbandes abgelehnt. Hier einige der Gründe: „Was wurde bisher über Nation geregelt und wollen wir das wirklich weiterhin über Nation regeln? Nation kann nicht ohne weiteres die oder eine wesentliche Perspektive sein. So ein Vorschlag müsste sich ja immer auch mit den möglichen Übereinstimmungen mit rechten Standpunkten auseinandersetzen und die Möglichkeit, sich gegen diese konkret abzugrenzen und ein anderes Nationenkonzept als hegemonial durchzusetzen, an den konkreten Verhältnissen diskutieren. Auch das Weltbürgertum kann nicht ohne weiteres als "bindungslos" begriffen werden.“. So weit die Meinung meiner Kontrahentinnen.


Ungeachtet des massiven Widerspruchs, auf den ich seitens meiner linken FreundInnen gestoßen bin - scheint es mir lohnend die theoretischen Ansätze von Marxismus und Feminismus zur nationalen Frage zu skizzieren und zu erörtern, ob und in welcher Weise beide theoretischen Ansätze auch unter den heutigen, durch die radikalen Veränderungen der Produktionsverhältnisse bestimmten Existenzbedingungen der Menschen, widerständige Praxen befördern können.

Zweifellos sind Nationen, Nationalitäten und Völker überall hierarchisch strukturierte, Machtverhältnisse verkörpernde Gemeinschaften. Herrschende Nationen unterdrücken beherrschte, patriarchale Verhältnisse sorgen dafür, dass die männlich bestimmten Interessen der herrschenden Klasse als „nationale“ Interessen über den Herrschaftsdiskurs auch von denjenigen verinnerlicht werden, zu deren objektivem Interesse das konträr ist.

Nicht nur Nationen, sondern auch der Völker und Ethnien tragen ambivalente Züge. Das Volk sei ein vielschichtiges und formbares Produkt der kapitalistischen Weltwirtschaft, das den antagonistischen Kräften als Kristallisationspunkt ihrer Kämpfe und Auseinandersetzungen dient“1 (Balibar/Wallerstein, 106). Es müsse sich permanent als nationale Gemeinschaft schaffen, meinten Etienne Balibar und Immanuel Wallerstein in den 90er Jahren.



Die antinationalistische Tradition in Deutschland


Die Gegnerschaft zum deutschen Nationalismus, einem wichtigen Bestandteil des Herrschaftsdiskurses in Deutschland seit der Niederschlagung der Revolution von 1848, war ein gemeinsames Wesensmerkmal der deutschen humanistischen und sozialistischen Gegenöffentlichkeit, darunter auch der humanistischen und sozialistischen ersten deutschen Frauenbewegung.

Die politische Philosophin Hannah Arendt begründet im Kapitel mit dem beziehungsvollen Titel „Völkische Verbundenheit als Ersatz für nationale Emanzipation“ von „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“2 die historischen Ursachen für die rassistische Spezifik des deutschen Nationalismus damit, dass es nach dem Sieg über die Franzosen nicht zur Befreiung der deutschen Nation kam, weshalb dem deutschen Volk ein echt historisch begründetes Nationalbewusstsein und zur nationalstaatlichen Organisation eine klar erkennbar geographische Begrenzung seines Territoriums fehlte (Arendt, 375).


Deshalb sei es in Deutschland zur Ausbildung eines völkisch bestimmten Nationalgefühl gekommen. Aus einer auf dem Recht basierenden sei der Staat zu einer auf den „nationalen Interessen“ gegründeten Institution geworden, so dass ‚Recht ist, was dem deutschen Volke nützt’“ (ebd., 575). Mit der Zersetzung des Rechtsstaats war der Boden für die völlige Entwertung der Menschenrechte bereitet.

Dadurch wurde besonders, aber keineswegs nur in Deutschland die nationale Frage zu einem Kernstück jeder emanzipatorischen Bewegung, die sich stets gegen den hegemonialen nationalistischen Diskurs zu Nation, Volk, Ethnie, Heimat positionieren musste.

Bereits in und nach dem Ersten Weltkrieg, als in Deutschland ein aggressiver chauvinistischer und rassistischer Nationalismus eskalierte, spaltete sich die systemkritische Öffentlichkeit in „antinationale“, die Nation auf das nationalistische Konzept der Reaktion einengende und diese damit ausschließlich als repressives Konstrukt betrachtende, und antinationalistische, einen emanzipativen Nationenbegriff vertretende Gegner des deutschen Nationalismus.



Von Marx und Engels bis Bebel und Zetkin: Ihr Internationalismus ging aus ihrer positiven Haltung zur Nation hervor


Für die Verfasser des „Kommunistischen Manifests“ hatte das Proletariat die Potenz, sich zur Nation zu konstituieren (Marx-Engels-Werke, 4, 479). Die von ihnen prognostizierte Revolution und die neue sozialistische Gesellschaft würde nicht die Nation als einen Bestandteil historisch gewachsener menschlicher Identität, wohl aber das antagonistische Gegeneinander der Nationen und den die Hegemonialansprüche einer Nation über andere legitimierenden nationalistischen Diskurs beseitigen.

Enrico Traverso zufolge werde aus der Gesamtheit der Schriften von Marx und Engels „eine strategische Sicht des Rechts von Nationen auf Selbstbestimmung sichtbar, das auf zwei grundlegenden Ideen basiert: der Idee, dass eine Nation nicht frei sein kann, wenn sie eine andere unterdrückt, und dass folglich die Befreiung der unterdrückten Nation eine wesentliche Bedingung für jede revolutionäre Umgestaltung im Innern der herrschenden Nation selbst ist.“ ((Utopie kreativ, Dez.1995, 57).

Für den Marxisten August Bebel war Deutschland 1907 der „Boden, auf dem wir leben, dessen Sprache wir sprechen, dessen Sitten wir besitzen. ... Unser Internationalismus geht aus der Liebe zu unserem Heimatboden hervor und aus dem festen Willen, uns das Vaterland zu bauen, das wir lieben können“3, war Bebels damals in der Sozialdemokratie allgemein akzeptierte Auffassung.

Clara Zetkin meinte, dass dieses Vaterland „im Kampf für einen proletarischen Patriotismus Besitz des Proletariats werden müsse“4. Lenin sagte 1908: „Das Vaterland, d.h. das gegebene politische, kulturelle und soziale Milieu, ist der stärkste Faktor im Klassenkampf des Proletariats. ... Dem Proletariat können die politischen, sozialen und kulturellen Bedingungen seines Kampfes nicht gleichgültig sein“ (Lenin, Werke, 15, 190.). Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges waren somit Auffassungen in der Arbeiterbewegung dominant, die die nationale Frage als Kampffeld der Arbeiterklasse verstanden, die sich dafür engagieren müsse, ihren nationalen Diskurs zum dominanten zu machen. Als die Mehrheit der Sozialistischen Parteien durch ihre Zustimmung zur Kriegspolitik „ihrer“ Regierungen ihren nationalen Diskurs aufgab und sich mit dem nationalistischen Herrschaftsdenken identifizierte, trug sie wesentlich dazu bei, den Ausbruch des Ersten Weltkrieges zu ermöglichen.



AntifaschistInnen haben das andere Deutschland nie aufgegeben


Es ist unbestritten, dass seit Bebel und Zetkin von deutscher Seite grauenhafte Verbrechen geschahen und bis heute weitere Untaten verübt werden - nicht nur durch jene, die „ich bin stolz, Deutscher zu sein“ grölen. Das hat die überwältigende Mehrzahl marxistisch und bürgerlich-humanistisch gesinnter AntifaschistInnen vor 1945 nicht dazu veranlasst, den eigenen emanzipatorischen nationalen Diskurs aufzugeben, den Tucholsky in seinem politisch-satirischen Bilderbuch unter dem beziehungsvollen Titel „Deutschland, Deutschland über alles“ noch vor der Machtergreifung der Nazis im Jahre 1929 bezog5.


Einer Erklärung deutscher Schriftsteller im Exil vom 1. August 1943 zufolge hielten diese „es für notwendig, scharf zu unterscheiden zwischen dem Hitlerregime und den ihm verbundenen Schichten einerseits und dem deutschen Volk andererseits“6 (Tradition, 4, 272).

Ihre Haltung zu Deutschland äußerte mehrfach sehr bestimmt die sozialistische deutsche Schriftstellerin Anna Seghers, die erklärte, „ wer in unseren Fabriken gearbeitet, auf unseren Straßen demonstriert, in unserer Sprache gekämpft hat, der wäre kein Mensch, wenn er sein Land nicht liebte“ (ebd., 1, 883).

1941 in ihrem Exil in Mexiko („Deutschland und wir“, ebd., 3, 69-75) warnte sie vor einer antinationalen Haltung, die nur der faschistischen Reaktion zugute kommen würde7

Volk ist für Seghers „nicht Blut und Boden“, sondern „durch gemeinsam erlebte gesellschaftliche Vorgänge, durch seine Arbeit, seine Kultur, seine Sprache“ geschaffene Gemeinschaft. Für sie und ihre marxistischen Landsleute im Exil waren Nation, Volk, Heimat Teile der aus marxistischer Einsicht in die in Klassen gespaltene Gesellschaft emanzipativ zu interpretierenden Realität. Auf der praktisch-politischen Ebene bedeutete das, dem nationalistischen Konzept ein nationales entgegenzustellen, das den Interessen der Ausgebeuteten und Unterdrückten entsprach.

Auch Lion Feuchtwanger erklärte im November 1944 in der Zeitschrift „Freies Deutschland“, es müsse um die „Austilgung des Nationalsozialismus“, nicht um die Vernichtung der Nation gehen, die Schuldigen müssten bestraft werden8.

Geduldete Flüchtlinge, protestierten deutsche ExilschriftstellerInnen gegen nationalistische Auffassungen einflussreicher Persönlichkeiten im Lager der Alliierten zur deutschen Frage. Dabei waren sie sich über die verbrecherische Rolle, die das faschistische Deutschland spielte, stets im Klaren9.

Die nationale Frage im geteilten Deutschland


Im Ergebnis der in der Nachkriegszeit erfolgten Spaltung Deutschlands und Europas gehörten die beiden Deutschländer den einander antagonistisch gegenüberstehenden Blöcken an.. In der Bundesrepublik blieb ein nicht unbeträchtlicher Teil der Eliten der Nazizeit in Machtpositionen und die Eigentumsverhältnisse wurden nur vorübergehend und geringfügig angetastet. In Ostdeutschland fanden ein radikaler Elitenwechsel und tiefe Eingriffe in die Eigentumsverhältnisse statt. Daraus ergaben sich auch für die nationalen Diskurse beachtliche Folgerungen. In dem Maße, in dem die politische Klasse in der Bundesrepublik ihr Selbstbewusstsein wiedergewann, wurden Nationalismus, Chauvinismus und allmählich auch Rassismus wieder in gewissem Maß Teil des öffentlich zugelassenen Herrschaftsdiskurses. Es war das Verdienst der 1968er StudentInnenbewegung, diese Zusammenhänge aufgedeckt und gegen die unbeseitigten nationalistischen Traditionen und ihre Träger in hohen Ämtern protestiert zu haben. Dass ein beträchtlicher Teil der westdeutschen marxistisch orientierten Gruppen bis heute keinen eigenen nationalen Diskurs entwickelt hat, sondern dem nationalistischen Herrschaftsdiskurs lediglich ihren Antinationalismus entgegenstellen, der die Nation als ein homogenes, repressives, patriarchales Konstrukt betrachtet, ist gewiss auch diesen historischen Zusammenhängen geschuldet.

Im Osten Deutschlands waren, von Ausnahmen abgesehen, Repräsentanten des NS-Regimes

nicht an exponierten Stellen der Exekutive, Legislative oder Judikative präsent. Der antifaschistische Diskurs wurde zunächst von großen Teilen der DDR-BürgerInnen akzeptiert, obwohl er von Anbeginn zwar Kontinuität der emanzipatorischen Tradition beinhaltete, jedoch gleichzeitig Teil des repressiven Herrschaftsdiskurses unter totalitären Strukturen war. Er gewährleistete das Verbot nazistischer, rassistischer, chauvinistischer, nationalistischer Literatur und eine nach strengen Ausschlusskriterien entwickelte antifaschistische Volksbildung und Medienpolitik, verengte sich aber immer stärker zur von der SED-Führung als Marxismus-Leninismus ausgegebenen machtpolitisch motivierten Ideologie. Daher begann sich in der DDR allmählich eine kritische Distanz zu dieser Interpretation des Antifaschismus herauszubilden.

In Kontinuität mit der von der Kommunistischen Partei Deutschlands bereits im Exil vertretenen Auffassung, dass diejenigen, die unter ihrer Führung ein besseres Deutschland erstrebten, die eigentlich legitimen Repräsentanten der Nation seien, ging die offizielle politische Linie der SED zur nationalen Frage nunmehr davon aus, dass die DDR dies bessere Deutschland sei. Später ging die politische Führung sogar von zwei voneinander unabhängigen Nationen und von einer selbständigen sozialistischen Nation der DDR aus. Dieser Nationenbegriff wurde dem ursprünglich antifaschistischen immer unähnlicher und nahm häufig nationalistische Züge an.

Opposition zur SED-Führung äußerte sich damals auch als Bestehen auf der Zugehörigkeit zu einer einzigen deutschen Nation. Wo diese Opposition sozialistisch geprägt war, orientierte sie sich an nationalen Befreiungsbewegungen, in denen sie die antiautoritären, bürgerbewegten nationalen Gemeinschaften vermutete, die sie in der DDR so schmerzlich vermisste10.


Nation und Geschlecht


Die neue Frauenbewegung, die sich aus den USA und Großbritannien kommend nach 1969 auch in der Bundesrepublik eigenständig entwickelte, übernahm eher unreflektiert den Antinationalismus der (west)deutschen Linken. Zwar akzeptierten die westdeutschen Feministinnen mit der von den schwarzen Amerikanerinnen entwickelten Differenztheorie, dass in der patriarchal-kapitalistischen Gesellschaft jede Differenz hierarchisch strukturiert ist und ein Machtgefüge darstellt und sie als weiße, christlich sozialisierte Deutsche zu den Privilegierten unter den Frauen der Welt gehörten. In der politischen Praxis gelang es nur einer kleinen Minderheit, sich selbst als Angehörige der dominanten Gruppe in Deutschland und die nichtdominanten Gruppen, ehemalige MigrantInnen und nach 1990 die Ostdeutschen als gleichwertige Teile der Nation und nicht nur als Andersartige, Auszugrenzende oder Opfer wahrzunehmen. Die kulturellen Differenzen wurden keineswegs als eine Bereicherung aller zelebriert, sondern im Allgemeinen als Rückständigkeit und von daher als Veränderungsbedürftigkeit bewertet. In den spärlichen theoretischen Arbeiten zur nationalen Frage aus feministischer Sicht ging es daher auch bisher nicht um ein neues Selbstverständnis der Deutschen als Angehörige einer Nation, die sich aus gleichberechtigten StaatsbürgerInnen verschiedener Herkunft und Kulturen zusammensetzt, sondern immer nur um die kritische Auseinandersetzung mit den nationalistischen, chauvinistischen oder rassistischen Diskursen in der Bundesrepublik, die allein als der nationale Diskurs galten. Anders als Feministinnen aus anderen Nationen, Ethnien oder in anderen Teilen der Welt war die Nation für die deutschen, vor allem westdeutschen Feministinnen ein ideologisches Konstrukt, ein Mythos, dem kein gesellschaftliches Phänomen in der Realität entsprach. Ein Beispiel für die Beschränkung deutscher Feministinnen auf die antinationalistische Kritik stellt Nora Räthzels Aufsatz „Nationalism and Gender in West Europe: the German Case“11 dar, in dem das Konzept der Nation fast ausschließlich aus der Sicht verschiedener Nationalismen behandelt wird. Für sie gibt es zwei Schlüsselmomente bei der Bestimmung der Nation: den deutschen Faschismus und die 80er Jahre, in denen, wie sie meint, neue Konstruktionen der deutschen Nation in Abgrenzung von den „Ausländern“ formuliert wurden (Räthzel, 161f). Zwar sieht sie Gramscis Frage „Wie können die unterdrückten Schichten ihre Hegemonie etablieren, d.h. eine nationale Einheit herstellen?“ (ebda, 163) als relevant an, nimmt sie aber nicht zum Anlass, auf den in der Auseinandersetzung mit dem deutschen Faschismus entwickelten, auf marxistischer Tradition beruhenden emanzipativen Nationenbegriff einzugehen. Für Räthzel ist die Nation kein historisches Phänomen, sondern ein Prozess, der eine „Form der ‚Sozietalisierung“ ist und sich aus Fremd- und Selbstvergesellschaftungen entwickelt. Räthzel untersucht die Frage, wie man überhaupt von einer deutschen Nation sprechen könne angesichts des deutschen Faschismus, jener zu verurteilenden Periode der deutschen Geschichte einerseits, und der langjährigen Teilung Deutschlands andererseits (ebda.171)12. Sie demonstriert die in den bundesdeutschen Medien und von renomierten westdeutschen Publizisten vertretene dualistische Auffassung zur Nation, die dem Muster folgt, die Bundesrepublik sei freiheitlich, demokratisch, reich, modern, technisch auf der Höhe, individualistisch, während die DDR totalitär, unterdrückt, arm, technisch rückständig, sozialistisch, altmodisch, familienorientiert, wenig selbstbewusst sei. Diese Dichotomie – die mit umgekehrten Vorzeichnen dem Nationenverständnis der DDR-Führung entsprach - sei, meint Räthzel, verantwortlich für die Ungewissheit darüber, was die nationale Identität der Deutschen ausmache und die zur stillschweigenden Übereinkunft geführt habe, dass Deutsche nur durch ihre „Blutbande“ miteinander verknüpft seien. Zum Verhältnis von Nation und Gender geht die Autorin davon aus, dass Frauen in den 80er Jahren keine entscheidende Rolle im nationalistischen Diskurs gespielt haben, möglicherweise, weil der Westen in der Auseinandersetzung mit dem Osten in der Frauenfrage nicht allzu viel zu bieten hatte. Erst in der Konfrontation mit AusländerInnen sei auf die modernere, emanzipiertere Lebensweise der deutschen Frauen gegenüber etwa den Türkinnen verwiesen worden. Dieser interessanten Skizzierung des nationalistischen westdeutschen Herrschaftsdiskurses stellt Räthzel allerdings nur insoweit eigene emanzipative Vorstellungen zur Nation zur Seite, als sie zur Überwindung des homogenen biologisch konstruierten Nationenbegriffs ein Konzept der Vielfältigkeit vorschlägt. Aber auch das könne Herrschaftsstrukturen befestigen und habe das in der Vergangenheit auch getan. Die Frage, wie sich die Nation so konstituieren könnte, dass sie sexistische und rassistische Strukturen abbauen und sich Gemeinschaftlichkeit, Zugehörigkeits- und Heimatgefühle der hier Lebenden entwickeln können, lässt sie offen.


Schlussfolgerungen


Somit wurden in beiden Deutschländern die theoretischen Ansätze, die der Marxismus und der Feminismus zu einem emanzipatorischen Herangehen an die nationale Frage boten, in der Regel von den linken und feministischen Bewegungen und Gruppierungen im Westen bzw. von oppositionellen Gruppen außerhalb und in der SED im Osten nur sehr unzureichend produktiv genutzt, und das hat sich auch im wieder gemeinsamen Deutschland nicht wesentlich geändert13. Der Nationenbegriff des Marxismus, der den nationalen und internationalen Interessen der arbeitenden Klassen dienen sollte und daher mit dem Nationalismus der Wirtschaft, der offiziellen Politik und des Militärs“ inkompatibel war, entspräche den aktuellen emanzipatorischen Bedürfnissen besser, würde er auch die feministische Differenztheorie konsequent mit einbeziehen. Ein solcher marxistisch-feministischer Nationenbegriff sieht in der Nation keinen Mythos, kein Konstrukt der herrschenden Ideologie sondern ein interaktives Konzept, aus dem sich die politische Forderung ergibt, alle Männer, Frauen und Kinder, die ihren ständigen oder längerfristigen Lebensmittelpunkt in Deutschland haben, als gleichrangige Teile der Zivilgesellschaft zu behandeln, sie also als Staatsangehörige ohne Rücksicht auf Geschlecht, Klasse, ethnische, nationale oder regionale Herkunft, Religion oder sexuelle Neigung gleichzustellen. Eine solche Strategie bezüglich der nationalen Frage bedarf, um Aussicht auf Realisierung zu haben, einer Gegenöffentlichkeit, die einen emanzipatorischen Standpunkt zur Nation entwickelt hat. Dieser müsste zugleich die historische Gewordenheit der deutschen Nation und die damit verbundene Verantwortung der Deutschen für ein nichtnationalistisches und antirassistisches Deutschland anerkennen und mit der Akzeptanz der Gleichrangigkeit von Differenzen auch in der nationalen Frage alle Angehörigen der deutschen Zivilgesellschaft in die Nation einbeziehen. Ein Deutschland, in dem dies verwirklicht wäre, in der aus der Türkei stammende MitbürgerInnen ebenso als gleichberechtigte Staatsangehörige anerkannt würden wie BürgerInnen, deren hugenottische Ahnen aus Frankreich stammen oder im 19. Jahrhundert aus Polen ins Ruhrland einwanderten, in der nicht nur die Kochkünste von aus anderen Teilen der Welt Eingewanderten, sondern auch andere Teile ihrer Kultur als Teil der Kultur Deutschlands angesehen würden, wäre eine wahrhaft emanzipierte Nation, ein wirkliches Vater- oder Mutterland, in dem sich alle hier lebenden Menschen sicher, zu Hause und geborgen fühlen und gemeinsame widerständige Praxen entwickeln könnten.

Zu feministischen theoretischen Erkenntnissen, die den klassenbezogenen marxistischen Diskurs einbeziehen und erweitern, gehört, dass Nationalismus und Rassismus Ausgrenzungsdiskurse zum Zweck der Machtbeschaffung oder –erhaltung sind, . Mit dem Abbau hierarchischer und Machtstrukturen werden weder die Nation, das Volk oder andere Gemeinschaftsformen verschwinden; vielmehr könnten alle diese Gemeinschaftsformen beginnen, sich zu öffnen, Ausschließungsmechanismen zu eliminieren und damit erstmals eine vollinhaltlich menschengerechte Gestalt annehmen.

Wenn es nicht zur Ausbildung eines Konzepts des Nationalen und des Internationalismus in der hier skizzierten marxistischen antifaschistischen und feministischen differenztheoretischen Tradition kommt, dann bleibt uns in Zukunft nur ein bindungsloses „Weltbürgertum“. Der Antinationalismus ist, wie Tucholsky sagte, die andere Hälfte des janusköpfigen deutschen Nationalismus, nicht minder ausgrenzend als dieser. Wer nirgends dazugehört, wird sich auch nur um sich selbst kümmern, wer keine Bindung zu denjenigen hat, mit denen er oder sie „durch gemeinsam erlebte gesellschaftliche Vorgänge, durch seine Arbeit, seine Kultur, seine Sprache“ verknüpft ist, der wird auch als WeltbürgerIn nicht für das Glück der Menschheit kämpfen. Ein Zugehörigkeitsgefühl zur eigenen Nation, der Verzicht auf verpflichtende Bindungen zur Familie, zum eigenen Volk ist nicht Anbiederung an den Mainstream. Gesellschaftliche Selbstbestimmung bedarf eines konkreten Orts. Sie dort zu verorten, wo man lebt, und diesen Ort umgestalten zu helfen, so dass er allen anderen, die dort leben, Heimat sein kann, bleibt ein auch heute noch entscheidendes emanzipatorisches Projekt. Mit seiner Einsicht in die in der Klassendifferenz begründeten Inkompatibilität von Nationalismus und einem emanzipativen Nationenkonzept hat der Marxismus einen unverzichtbaren Schritt zur Entwicklung eines solchen Konzepts getan. Mit der Ablösung des fordistischen Kapitalismus durch den Hightech-Kapitalismus und mit den sich daraus ergebenden tiefgreifenden Veränderungen der Produktionsweise hat sich vor allem die Funktion des wesentlichen Teils der Produktivkräfte, des Menschen in der Produktion, grundlegend verändert. Der historische Akteur des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Industriestaaten, der weiße, männliche Industriearbeiter, dessen Familieneinkommen die unbezahlte Reproduktionsarbeit seiner Frau unsichtbar machte, hat seinen Status eingebüßt. Dem höchst differenzierten Bild der modernen Arbeitsgesellschaft wird die feministische Differenztheorie besser gerecht als das marxistische Klassenkonzept. Ein Nationenkonzept, das die marxistische Position zur nationalen Frage mit differenztheoretischen Erkenntnissen bereichert, würde an die Stelle eines monolitischen Antinationalismus ein historisch determiniertes und daher veränderliches, multiples, d.h. die differenten Interessen aller Teile der Bevölkerung als gleichwertig betrachtendes Konzept der nationalen Gemeinschaft zu setzen. Nur ein solches Konzept kann die Basis des heute mehr den je notwendigen gemeinsamen widerständigen Handelns aller Teile der Ausgegrenzten, Minderprivilegierten und Ausgebeuteten sein.

© Hanna Behrend, Berlin 2001




Anmerkungen:

1 Etienne Balibar/Immanuel Wallerstein: Rasse Klasse Nation. Ambivalente Identitäten, Argument, Hamburg 1990

2 Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Pieper München-Zürich 1986

3 Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der SPD in Essen vom 15.-21-September 1907, Berlin 1907, 255.

4 Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der SPD in Essen vom 15.-21-September 1907, Berlin 1907, 249-251

5 Im letztem Kapitel „Heimat“ schreibt er zur nationalen Frage: „Ja, wir lieben dieses Land. ... Es ist ja nicht wahr, dass jene, die sich „national“ nennen und nichts sind als bürgerlich-militaristisch, dieses Land und seine Sprache für sich gepachtet haben. ... Wir sind auch noch da. ... Im Patriotismus lassen wir uns von jedem übertreffen – wir fühlen international. In der Heimatliebe von niemand. ... Und so widerwärtig mir jene sind, die – umgekehrte Nationalisten – nun überhaupt nichts Gutes an diesem Lande lassen ... – so scharf verwahren wir uns dagegen, nun etwa ins Vaterländische umzufallen.. ( Kurt Tucholsky: Deutschland, Deutschland über alles, Berlin 1967, 226-231)

6 Zur Tradition der deutschen sozialistischen Literatur, 4 Bde., 1926-1949, Aufbau Verlag Berlin-Weimar 1979.

7 Wo darüber [über das nationale Gefühl] hinweggegangen wird, da ist der Feind, der Faschismus zur Stelle, der diese Leere ausfüllt, der dieses Gefühl auf seine Art ausbeutet. ... das hindert nicht, dass der Grund des Gefühls echt ist. Denn alle Menschen unserer Zeit ... arbeiten mit an der Lösung von zwei Grundfragen: der sozialen und der nationalen . ... Es gibt keine Volkslosigkeit, so wenig wie es ein Weltbürgertum gibt. (ebda, 69)


8 „Leute von Einfluss ... werden versuchen, durch eine milde, aufweichende Ausdeutung des Begriffs Nationalsozialismus die Zahl derjenigen zu beschränken, die als Nazi anzusehen seien... Unwillentlich und unwissentlich wirken in dieser Richtung auch alle diejenigen, die Deutsche und Nazi gleichsetzen. ... Es ist viel die Rede in der Welt von der Notwendigkeit der deutschen ‚Wiedererziehung’. Man tut, als sei die deutsche Kultur unter den zwölf Jahren Nazi-Herrschaft für immer verstorben. ... Unter Grund ist sie gegangen während dieser zwölf Jahre. Und auch hier bedarf es nur einer entschiedenen Maßnahme: man vernichte den Nationalsozialismus. ... Die deutsche Kultur, ihrem tiefsten Wesen nach demokratisch, antiimperialistisch, humanistisch, bedarf keiner fremden Leitung. Was an Fremdem wertvoll war, hat sie von jeher mit Eifer und organisch aufgenommen“. (Ebda, 3, 274-277).„Da gibt es Leute, die mit blindem Eifer und mit siebenhundertsiebenundsiebzig fadenscheinigen Argumenten beweisen wollen, dass die achtzig Millionen Deutschen infolge ihrer Geburt, ihrer Geschichte und der Lage ihres Landes von der Vorsehung zu Nationalsozialisten bestimmt seien. Solche Behauptung erschwert nur die Bestrafung der wirklichen Nazi. Denn da es offenbar unmöglich ist, achtzig Millionen Menschen unschädlich zu machen, können die Heißsporne ... letzten Endes nur erreichen, dass mit den Deutschen auch die Nazi verschont werden. ... Von der deutschen Wirtschaft wird ... mit Recht verlangt werden, dass sie ihr Möglichstes dazu beitrage, wiederaufzubauen, was die Nazi überall in der Welt zerstört haben. ... Andernteils aber verlangen viele eine Drosselung der deutschen Wirtschaft. Sie wollen zerstören oder beschlagnahmen, was nach dem Kriege noch an deutschen Fabriken und Maschinen vorhanden sein sollte. Sie argumentieren, diese Maschinenstürmer, ein wirtschaftlich starkes Deutschland sei eine Bedrohung des Weltfriedens. ... Solche Behauptungen aufstellen, heißt das Kind mit dem Badewasser ausschütten. Man kann die deutsche Industrie erhalten auf eine Art, dass sie der Welt nur nützlich und niemals schädlich werden kann. Es gibt da ein sicheres Mittel. Man kontrolliere diejenigen welche die deutsche Wirtschaft kontrollieren. Man schalte alle diejenigen aus, die ein Interesse daran haben könnten, das Reich von Neuem aufzurüsten, die Großagrarier, die Monopol-Industriellen, die mit ihnen versippten Militärs, welche dem Nationalsozialismus zur Macht verholfen haben. Und man verhüte, dass sie unter irgendeiner ausländischen Maske von neuem Einfluss auf die deutsche Wirtschaft erlangen“. (ebd., 3, 274-277)

9 Bereits 1933 hatte Brecht beklagt: „Deutschland, bleiche Mutter!/ Wie sitzest du besudelt/ Unter den Völkern/Unter den Befleckten/Fällst du auf./“. Sein Zorn galt denjenigen, die „ihre Brüder, der Mutter beste Söhne, erschlagen hatten“, die die Wahrheit unterdrückten und ein System errichtet hatten, das „ringsum die Unterdrücker“ lobten, die Nachbarn aber „nach dem Messer“ greifen lässt „wie beim Anblick einer Räuberin“.

10 Das Lied des christlich-sozialistischen ostdeutschen Liedermachers Gerhard Schöne, „Mit dem Gesicht zum Volke“, mit dem er zu DDR-Zeiten das nicht herrschaftsförmige Verhältnis zwischen dem Volk von Nikaragua und seiner (Sandinista-) Regierung zelebrierte, ist eines der bekanntesten Beispiele für den Wunsch nach einer nicht hierarchischen, nicht ausgrenzenden nationalen Gemeinschaft.

11 „Crossfires“ , Pluto Press London 1995, S.161-188

12 Diese Frage haben sich polnische HistorikerInnen und PublizistInnen niemals gestellt, obwohl Polen bekanntlich mehrmals geteilt war.

13 Als die Kandidatin für den Vorsitz in der PDS Gabriele Zimmer in ihrer Rede auf dem Cottbuser Parteitag erklärte: „Deutschland könnte schön sein. Ich liebe es und hasse zugleich die Dinge, die es arrogant, laut und hässlich erscheinen lassen. Ich bekämpfe nicht Deutschland, sondern weil ich es liebe, weil ich möchte, dass es ein menschliches, kulturvolles, gebildetes Land auch in den Augen anderer wird, bekämpfe ich das, was Deutschland nicht als gutes Deutschland blühen lässt“, gab es lautstarke Proteste aus Ost und West. „Man könne die deutsche Kultur, die deutsche Sprache, die Heimat und die deutschen Lande, den deutschen Wald, die deutsche Musik lieben. Nur ‚Deutschland’ kann man nicht lieben“ (ND, 23.11.00) ; „Ich habe ... etwas dagegen, dass die PDS ein Vokabular von Deutschlandliebe oder Vaterland, das für 80 Prozent meiner Generation keine Rolle mehr spielt, einfach übernimmt und damit zumindest für Verwirrung sorgt.“ (ND, 9.11.00); „Gabi Zimmer ... begreift ganz offensichtlich nicht, dass sie mit dieser ‚Arbeit’ am vergifteten Angelhaken der CDU hängt.“ (ND, 6.11.00) „Die Nation kann aus meiner Sicht in keiner dieser Fragen [Sozialpolitik, Ökologie, Migrations- und Wirtschaftspolitik - HB] ein Bezugspunkt für zukunftsfähige linke Politik sein. ... Welche Form von Identität leitet Zimmer aus Formeln wie ‚Ich liebe Deutschland’ ab?“ Anbiederung an den Mainstream wird diagnostiziert.

Auch prominente PDS-PolitikerInnen reagierten scharf abweisend. Für Angela Marquardt kämpften Linke im Gegensatz zu Rechten für gesellschaftliche Selbstbestimmung, nicht für nationale. ... Nationale statt gesellschaftliche Identität sei „die Büchse der Pandora, aus der völkisches Denken und Rassismus erwachsen“. Eine Debatte über Patriotismus sei „ein Schlag ins Gesicht aller Linken, die sich von der PDS eine Stimme gegen deutschen Größenwahn und Kriegstreiberei erhofften“. (ND, 30.10.00). Sahra Wagenknecht meinte, „die aktuelle Deutschland Debatte sei der sicherste Weg, die PDS im Westen von zwei auf 0,2 Prozent zu bringen.“ (Zitiert nach Wolf in j.W., 4./5.11.00).

Die umfassendste Gegenposition stammt von Winfried Wolf. In einer Stellungnahme zum Cottbuser Parteitag vom 26.0.00 in der „Soz“ schrieb er, die Erklärung Zimmers, sie liebe Deutschland, „wiese in eine falsche Richtung, die die PDS verwechselbar mit rechten Parteien macht und ihr – auch bei Wahlen – schaden muss“. „Der Halbsatz ‚... dass ein gutes Deutschland blühe’ könnte ... auch für andere Parteien einschließlich solcher, die rechts stehen, werben.“ Als Brecht 1950 das Gedicht schrieb, aus dem der Halbsatz „... dass ein gutes Deutschland blühe“, stammt, der das Motto des PDS Parteitags war, stand der Westen für die Spaltung Deutschlands und SED und KPD hätten auf Stalins Direktive hin einen sehr problematischen nationalen Kurs verfolgt. Mit diesem Kurs [nicht etwa wegen der damaligen stalinistischen Praktiken der kommunistischen Parteien – HB] habe sich die KPD isoliert und kam 1953 nicht mehr über die 5 Prozent-Hürde. Daher sei sie 1956 auch widerstandslos verboten worden. Linken Patriotismus könne es nicht geben. „In der aktuellen Situation“, meint Wolf, „spiele eine ‚Vaterlandslosigkeit’ des Kapitals keine große Rolle. ... Mein Eindruck ist eher, dass maßgebliche Kreise in unserem Land wieder die nationale Karte spielen... So dann weiß ich nicht richtig, was eine von Linken vertretbare ‚Vaterlandsliebe’ sein soll.“ Seit Bebels Zeiten „geschahen aber all diese Verbrechen im Namen von ‚Deutschland’“. Und auch heute geschähen sie durch jene, die „ich bin stolz, Deutscher zu sein“ grölen. ( j.W., 4./5.11.00)










 

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