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Beiträge zur Politik  








Hanna Behrend

Familie in der ZEIT

Deutschland gehen die Kinder aus

Zwischen  1999 und 2002 veröffentlichte “Die Zeit”, eine Stimme der  vielbeschworenen gesellschaftlichen Mitte, Artikel zur Familie, die in der einen oder anderen Weise zeigen, dass es ein einziges, festgefügtes Familienmodell nicht einmal mehr in dieser gesellschaftlichen Mitte gibt. Die AutorInnen der Aufsätze artikulieren ihre Besorgnis darüber, dass das alte Familienmodell, das im Westen Deutschlands so lange als selbstverständlich hingenommen wurde, ohne  brauchbare Alternative unausweichlich zu Ende gegangen ist. Dass in Deutschland immer weniger Kinder geboren werden,  deuten auch diese VerfasserInnen als eine Folge der Inkompatibilität der bestehenden Familienstrukturen mit den realen gesellschaftlichen Verhältnissen. Die Familienform, die den Ehemann als Alleinernährer und die Ehefrau als Versorgerin der Kinder und Hausfrau vorsieht, der allenfalls nach einer “Familienphase” gestattet wird, wieder ins Berufsleben zurückzukehren, falls sich dort eine Nische für sie findet, wird von allen kritisch gesehen, von einigen  als obsolet  bewertet.

Keine/r der AutorInnen geht allerdings auf die eigentlichen Ursachen ein, weshalb dieses Familienmodell in den westlichen High-tech Ländern weitgehend obsolet geworden ist, also auf die Tatsache, dass es inzwischen selbst in den alten Bundesländern nur für eine Minderheit von Männern und eine verschwindende Minderheit von Frauen Arbeitsplätze oder andere Einkommensmöglichkeiten gibt, die es ihnen gestatten würden, “eine Familie zu ernähren”, die aus einer nicht berufstätigen Frau bzw. einem Hausmann, deren resp. dessen PartnerIn und einem oder gar mehreren Kindern besteht. Unerwähnt bleibt auch, dass sich zwar revolutionäre Veränderungen bei der Herstellung der Mittel zum Leben vollzogen haben, für die immer weniger lebendige Arbeit und daher auch immer weniger Erwerbstätige erforderlich sind, sich aber die patriarchal-kapitalistischen Strukturen, unter denen produziert wird und die auch die Geschlechterverhältnisse bestimmen, seit dem Beginn des bürgerlichen Zeitalters nicht wesentlich verändert haben: Immer noch gehören die Tätigkeiten zur Erhaltung des Lebens weitgehend in den Bereich unbezahlter oder unterbezahlter Arbeiten und immer noch wird der gesellschaftliche Bedarf an Gütern überwiegend über profitorientierte Vermarktung befriedigt.

Als irrelevant für das Thema und daher nicht erwähnenswert betrachten die AutorInnen der Aufsätze offenbar auch die Tatsache, dass der Nutzen dieser Produktionsweise für die Allgemeinheit immer geringer wird, während ein ständig wachsender Teil der wegen der eskalierenden Arbeitsproduktivität immer profitableren Warenproduktion und somit des Mehrwerts, für sinnlose oder sogar  zerstörerische Zwecke und lediglich ein schrumpfender Teil für die notwendigen sozialen Bedürfnisse der Allgemeinheit verwandt wird. Daher fehlen zugleich die für eine Veränderung der Familienverhältnisse erforderlichen Mittel. Die AutorInnen vermuten als Ursache für die Familienmüdigkeit die psychische, moralische oder ideologisch determinierte subjektive Unbereitschaft potentieller Eltern zur Verantwortung für Kinder.
 
Die sich aus den genannten Widersprüchen für die Institution Familie ergebenden Probleme stehen im Mittelpunkt der Debatte. Kaum jemals zuvor sind die Folgen dieser ungelösten Dilemmata für die Situation der Familie und für die Bereitschaft der Menschen, Kinder in die Welt zu setzen, so deutlich  wahrgenommen und öffentlich artikuliert worden. Die Frage,  was zu tun ist, wenn die Existenz einer Bevölkerung  bedroht ist, weil immer weniger Menschen Kinder in die Welt setzen, geht über bisherige bevölkerungspolitische (soziale, eugenische, rassistische) Argumente hinaus. Die unausgesprochene Frage: Leben wir in einer sterbenden Gesellschaft? treibt alle AutorInnen um. Sie wurde in den Aufsätzen  unterschiedlich behandelt, durch Verdrängung der eigentlichen Widersprüche, durch Pseudolösungen und durch Reformvorschläge. Neu ist dennoch nicht nur die ungewohnt ungeschminkte Darstellung und Sprache, die sichtbar macht, dass auf einem wesentlichen Feld der Gesellschaft, der Familie, ein krisenhafter Zustand eingetreten ist. Neu ist auch, dass alle AutorInnen die Dichotomie von öffentlich und privat in dieser Frage aufgegeben haben. Auch wenn sie nur ideologische und keine wirtschaftliche, soziale oder politische Intervention fordern, intervenieren soll der Staat als Repräsentant der Gesellschaft. Als erinnerten sie sich an den vergessenen feministischen Kernsatz, dass “das Private das Politische ist”, beschwören Autoren und Autorinnen auf je eigene Weise die Verantwortung der Gesellschaft für das Allerprivateste: das Kinderkriegen und  –aufziehen. 
  
 Im folgenden geht es exemplarisch um einige der Beiträge:
Susanne Gaschke  schreibt : (“Gleichberechtigung allein ist nicht die Lösung. Sozialdemokraten und Union entdecken die Familienpolitik als Wahlkampfthema. Es wird auch höchste Zeit für neue Ideen”  19/1999)

“Beide großen Volksparteien versuchen, eine Politik zu entwerfen, die den Trend zur Kinderlosigkeit, zur immer späteren und spärlicheren Elternschaft aufhalten kann. ... Verschwunden ist die Vorstellung, gute Politik für Familien ergebe sich fast zwangsläufig aus der beruflichen Gleichstellung von Frauen ... . Jetzt heißt es fürsorglich im ersten Satz des Leitantrages: ‚Für uns stehen Kinder im Mittelpunkt.’ Nicht mehr um die rein organisatorische ‚Vereinbarkeit’ von Familie und Beruf soll es gehen, sondern um die ‚Balance von Arbeitsleben und Familie’”.

Gaschke räumt ein, dass der ideale Arbeitnehmer am Ende des 20. Jahrhunderts mobil, flexibel, anpassungsfähig, auslandserfahren, fortbildungshungrig, bereit zur Nacht- und Wochenendarbeit ist und nichts weniger zu ihm und dem flexiblen Kapitalismus der Gegenwart passt als das Zusammenleben mit Kindern. Daher fordert sie zum Kampf gegen den Zeitgeist auf, der die Menschen zu einer Lebensweise nötige, in der Kinder keinen Platz haben. Leider fehlt jede konkrete Angabe, wie denn ein solcher Kampf zu führen sei.

Je mehr sich die Welt verändert, desto mehr soll in der Familie alles beim Alten bleiben

“Wozu noch Familie?” ist der Aufsatz von Jürgen Borchert  (03/2002) betitelt, der das Sozial- und Familienrecht als ein Produkt des von ihm negativ bewerteten Trend zur Individualisierung betrachtet, unter dessen Widersprüchen vor allem Frauen und Kinder zu leiden hätten. Wie aber kommt es  zu einer solchen Diskriminierung der Schwächeren? Borchert sieht den Hauptgrund  darin, “dass man die Frauenfrage von der Kinderfrage” getrennt und Frauen damit “nachgerade zu vermännlichen” versucht habe. Dabei ergibt sich aber auch aus Borcherts Argumentation, dass eine solche Trennung keineswegs erfolgt ist, denn weiterhin werden weder die Eltern noch die Gesellschaft, sondern wie eh und je die Frauen völlig “unvermännlicht” für die Betreuung des Nachwuchses der Gesellschaft verantwortlich gemacht. Der Autor findet  akzeptabel,  dass Frauen auch heute noch wie eh und je entweder keiner Erwerbstätigkeit nachgehen und daher auch weiterhin keinen Anspruch auf selbsterworbene Kranken- und Altersversicherung haben oder schlecht bezahlte Halbtagsjobs annehmen, die ihnen keinen von der Versorgung durch den Gatten unabhängigen und ausreichenden Schutz vor Altersarmut bieten. Er kritisiert auch nicht, dass diese Teilarbeitsverhältnisse nur selten der Qualifikation der Frauen Rechnung tragen,  noch, dass die Frauen auf Grund des Ehegattensplitting meist auch mit der höheren Steuerklasse bedacht werden. Ganz im Gegenteil, er fordert die Erweiterung des Ehegattensplitting zu einem Familiensplitting. “Dieses würde ein Haushaltseinkommen auf alle Personen verteilen, die in diesem Haushalt leben”. Damit verbleibt der Mann als alleiniger oder wesentlicher Beschaffer des Haushaltseinkommens nach wie vor dessen Eigentümer, von dessen Einsicht abhängt, wofür es ausgegeben wird. Der Vorschlag, Steuern und Sozialversicherungsbeiträge nach der Zahl finanziell abhängiger Familienmitglieder zu berechnen,  ist zwar auf alle Fälle gerechter als die jetzige Lösung. Auch bei diesem Modell würde allerdings die Allgemeinheit der SteuerzahlerInnen für die unvermeidliche Differenz zwischen den Kosten dieses und des bestehenden Modells aufkommen müssen. Wessen Einkommen aus Grundeigentum, Profit, Renditen und Aktienspekulationen stammt, das im allgemeinen die Einkommen aus durchschnittlichen Lohn- und Gehaltzahlungen weit übertrifft, brauchte allerdings auch bei diesem Modell nicht adäquat zur Finanzierung gesamtgesellschaftlicher Aufgaben beizutragen. Immerhin: dass Borchert, sicher ohne es zu wissen, an dieser Stelle das familienfreundlichere DDR-Steuermodell propagiert, ist nicht ohne Pikanterie. Auch er übersieht allerdings, dass sein Vorschlag auf dem durch die rasante neoliberale Umgestaltung der Arbeitswelt in Deutschland, auch im Westen, zunehmend obsoleten Familienmodell basiert. Für die eigentlichen Ursachen der bevölkerungspolitischen Probleme hält er das Aufkommen der In-vitro-Zeugung und der Leihmutterschaft,   überalterte Mütter,  Entwicklungen wie der künstliche Uterus oder  das Alterungsgen und das Ersetzen der Ehe durch  “Verpartnerung”. Sie geben die von ihm favorisierte Familienform heute dem Verfall preis. So stellt er die Probleme von den Füßen auf den Kopf.  Erbittert ist er über “Ganztagskrippen und –schulen” und über den Import von “Humankapital von anderswo”. So  verdeutlicht er seinen konservativen Horror vor Familienformen, die private Fürsorge durch beide Eltern und gesellschaftliche Betreuung in Kinder- und Bildungseinrichtungen verknüpft und damit gleiche Entwicklungs- und Aufstiegschancen für die gesamte junge Generation befördert. Das entwertet allerdings seine Kritik an der Vermarktung von menschlichen Tätigkeiten und Gebrauchswerten nicht, die bisher außerhalb von Markt und Profit standen:

Borcherts konservatives Herangehen zeigt sich auch an seiner Kritik an der Rentenreform von 1957,  die Renten seien von einem Taschengeld “auf ein lohnersetzendes Niveau angehoben” worden, was “nur durch eine rabiate Steigerung der Steuer- und Beitragslasten der Nachwuchsgeneration möglich” gewesen sei.  Es entgeht ihm auch, dass die Effizienz und Wirtschaftlichkeit der Kranken- und Pensionskassen überdies durch den überdimensionalen bürokratischen Verwaltungsaufwand eingeschränkt wird. Wie viele Einsparungen wären allein möglich, wenn das komplizierte Rentenberechnungswesen vereinfacht würde, wenn man nicht mehr von den unterschiedlichsten Anwartschaften ausginge, sondern vom Bestandschutz auf den Lebensstandard – also, sagen wir, auf 80 bis 90 Prozent des Lohns/Gehalts  im letzten Arbeitsjahr. Die Renten wären zu zahlen aus einem Fonds, in den Unternehmer und Beschäftigte weiterhin zu gleichen Teilen einzahlen, während der Fiskus die Differenz ausgleicht. Dahinter müsste allerdings ein Steuerkonzept stehen, das ebenfalls der sozial gerechten Konzeption entspräche, dass derjenige, der das höchste Einkommen hat,  zur Finanzierung allgemeiner gesellschaftlicher Aufgaben auch nach den höchsten Steuersätzen bemessene Beiträge zahlen müsse.

Borchert beklagt, dass die „kinderlosen Rentner über Nacht plötzlich lebensstandardsichernde Renten von den Kindern anderer Leute erhielten“ und die „Mütter dieser Kinder durch das neue Recht um ihre originär und genuin erworbenen Unterhaltsansprüche geprellt“ würden. Damit unterstellt er, eine Mehrheit der Bevölkerung, die seit 1957 in Rente ging, habe keine Kinder  gehabt. Wenngleich die Kriegsfolgen in der gestiegenen Zahl  vaterloser Familien sichtbar wurden und einen Geburtenknick verursachten, war dennoch nur eine Minderheit der Familien  kinderlos. Wer aber hat die Mütter, von denen die Rede ist, um ihre Ansprüche geprellt? Das waren doch nicht die Frauen, die der Krieg um ihren Mann und oft genug auch um Kinder gebracht hatte, oder die  jüngeren, die nach 1945 keinen Partner fanden und kinderlos blieben. Von den Männern, die Krieg und Gefangenschaft überlebten, gab es gewiss keine nennenswerte Anzahl, die sich weigerte, eine Familie zu gründen. Wenn die alleinerziehenden Mütter keine angemessene Rente erhielten, war  der Gesetzgeber dafür verantwortlich, der damals wie heute im Wesentlichen von den über Erwerbsarbeit erworbenen Anwartschaften ausging. Bis heute berücksichtigt er nur ungenügend die Lebensleistung von Frauen, die Kinder großgezogen haben  und an einer beruflichen Karriere durch die Verhältnisse gehindert wurden. Er verweigert ihnen dafür eine Anwartschaft auf eine eigene Kranken- und Altersversorgung .
Borchert formuliert:
 
“Solange die Geldleistungen der Sozialversicherung ... nur Taschengeldniveau aufwiesen und damit auch die Beiträge niedrig bleiben konnten, waren die Alten in der Regel bedürftig und ihre Kinder infolge der niedrigen Beitragslasten zugleich leistungsfähig”.

 Was konnte die durchschnittliche Arbeiter- und Angestelltenfamilie der Vorkriegs- und Kriegszeit mit zwei Kindern wirklich zum Lebensabend ihrer Eltern beitragen? So wie Borchert zufolge Frauen keinen selbständigen, durch eigene gesellschaftliche Leistung bezahlter oder unbezahlter Arbeit erworbenen Anspruch auf existenzsichernde Kranken- und Altersversorgung benötigen, wenn nur die Versicherungsbeiträge durch die Zahl der Familienangehörigen geteilt werden, so hält er den Anspruch der Rentner und Rentnerinnen auf Erhaltung ihres durch ihre Lebensarbeit erworbenen  Lebensstandards im Alter für ein nationales Unglück. Er  behauptet,  die Massenarmut alter Frauen und die Deklassierung der Familie als Lebensform seien die Folge der zu üppig gewordenen (“lebensstandardsichernden”) Rentenversorgung gewesen, denn

“je mehr Kinder die Eltern großzogen, desto härter traf sie die Beitragslast der Sozialversicherung, die sich blind am Einkommen orientiert, egal, ob davon ein Single oder eine vielköpfige Familie leben muss. Und umso niedriger fielen in der Regel wegen der Erwerbspause für die Kindererziehung die Renten aus”.

„Die Erwerbspause“ ist der Euphemismus, der verschleiert, dass in Familien mit Kindern ein Elternteil, in der Regel die Mutter, die Fürsorge für diese als unbezahlte Arbeit übernehmen und ihren Anspruch auf Kranken- und Altersbezüge über die Beiträge des Partners erwerben muss, weil sie mangels geeigneter und bezahlbarer Kindereinrichtungen ihre Erwerbstätigkeit nicht oder nur geringfügig ausüben kann und daher keine eigene Anwartschaft auf Existenzsicherung bei Krankheit und im Alter hat. Noch dümmer dran ist sie, wenn sie nicht einmal über einen zahlungsfähigen erwerbtätigen Partner verfügt, sodass sie auf den Staat als ihren und ihrer Kinder Haupternährer angewiesen ist.

 Für besonders verwerflich hält es Borchert, dass das Bundesverfassungsgericht am 16. Juli 1985
„die erwerbsbezogenen Rentenanwartschaften unter den Schutz der Eigentumsgarantie stellte. Dass die Rentenbeiträge nur der sozialisierte und ursprüngliche familiäre Altenunterhalt waren (und somit eine reine Fremdleistung und alles andere als eine eigentumsfähige Vorsorgeleistung), war den Verfassungsrichtern verborgen geblieben“.

Rente eine „Fremdleistung“? Offenbar im Unterschied zu Renditen, die zweifelsfrei unter dem Schutz der Eigentumsgarantie stehen, obwohl sie eine eindeutige Fremdleistung sind, die ohne durch einen einzigen Handgriff des Nutznießers erworben wurde. Borchert zufolge legitimieren die Lebensleistung des/r Erwerbstätigen und sein/ihr Beitrag zu einer Sozialkasse keinen “Eigentumsanspruch”.
 
Seine unausgesprochene Werbung für die Aufhebung des seit Bismarck bestehenden Rentensystems der Teilung der Sozialversicherungsbeiträge zwischen Unternehmer und Beschäftigten, das er als “unerträglich belastend” empfindet, zeigt seine Sympathie für die nicht mehr vom Unternehmer mitfinanzierte “Riester-Rente”. Warum Sozialversicherungsbeiträge eigentlich so hoch sein müssen, fragt Borchert an keiner Stelle. Sicher sind die heutigen exorbitanten Beiträge nicht nötig, nur um den zum Rentner gewordenen Erwerbstätigen ein Einkommen zu ermöglichen, das nicht wesentlich unter seinem letzten Lohn liegt. Die derzeit bezahlten Arbeitsrenten sind, wie Brecht sagte, der Pfennig, doch wo bleibt die Mark – oder heute der Euro?  Bleibt dieser nicht vielleicht doch bei der Pharmaindustrie, den renditenträchtigen Versicherungsgesellschaften und Banken hängen?

Warum sollten wir Kinder haben wollen?


Für Ulrich Greiner  (47/2001) kann man sich erst “in aller Freiheit fragen: Warum Kinder?”, seitdem Frauen fragen dürfen: “Will ich ein Kind und: Welches Kind will ich?” Darauf, meint er, gäbe es keine Antwort, schränkt das aber sogleich mit der Bemerkung ein, es gäbe “jedenfalls keine rationale, und rational musste sie damals sein. Nächtelang warf man sich das Pro und das Contra an den Kopf. In einer Welt sozialer Ungerechtigkeit, imperialistischer Wirtschaftskriege, drohender Umweltkatastrophen und massiver Übervölkerung sei allenfalls Adoption legitim. Zur Adoption allerdings kam es selten, denn inzwischen hatten sich die traditionellen Verhältnisse aufgelöst, und die Paare, die eben noch leidenschaftlich diskutiert hatten, existierten schon nicht mehr. Die neuen, die sich immerfort bildeten, hatten gar keine Zeit, sich der Kinderfrage ernsthaft zu widmen, denn andere Dinge schienen wichtiger, erst mussten die Amis raus aus Vietnam, und danach war man ganz entspannt im Hier und Jetzt. Nach der Phase der Politisierung kam die der Selbstverwirklichung. ... Jahre später, als man spürte, dass Jugend ein vorübergehender Zustand ist, erfüllte man sich, ohne groß darüber zu reden, den lange unterdrückten Kinderwunsch. Oft war das nicht mehr möglich, sei es aus Altersgründen oder unerwarteter Unfruchtbarkeit wegen, und es begann, was heute die Spalten der Zeitungen füllt: die Suche nach Möglichkeiten künstlicher Reproduktion”.

Greiner macht den Widerstand der `68er gegen soziale Ungerechtigkeit, imperialistische Wirtschaftskriege wie den Vietnam-Krieg der USA, und drohende Umweltkatastrophen, den er mit der als „Selbstverwirklichung“ betitelten Phase der Entpolitisierung der Bürgerbewegungen am Ende der 80er und in den 90er Jahren gleichsetzt,  verantwortlich für den Bevölkerungsrückgang. Dieser ist seiner Meinung nach auch die Ursache der Entwicklung der Reproduktionsmedizin. Demnach haben die Frauen aus politischen, ökologischen oder Selbstverwirklichungs- und nicht aus sozialen Gründen auf Kinder verzichtet.

Befindet sich das breite mittlere Spektrum – von den unteren sozialen Ebenen einmal ganz abgesehen - heute wirklich “auf dem Gipfel einer Freiheit, die uns manchmal vorkommt wie ein Supermarkt mit Sonderangeboten”?  In anderen Worten: Kann sich jede qualifizierte Frau – und Frauen aus dem mittleren Spektrum haben in der Regel einen Beruf - wirklich ein Kind, von mehreren Kindern ganz zu schweigen,  leisten, wenn sie auf den Beruf, für den sie sich qualifiziert hat, nicht dauerhaft verzichten möchte?

Akademikerinnen, die nach Graduierung  nicht eine möglichst beamtete und existenzsichernd bezahlte Festanstellung finden, die ihnen einen Mütterurlaub ohne größere Nachteile ermöglicht, sind spärlich und werden zunehmend seltener. Nur sofern sie einen Lebenspartner finden, der eine familienexistenzsichernde feste Beschäftigung hat,  können sie sich den Luxus eines Kindes oder vielleicht sogar mehrerer leisten. Nur dann haben sie wirklich die Wahl, ihren Beruf weiter auszuüben und bezahlte Kinder- und Haushaltsbetreuung in Anspruch zu nehmen oder auf den Beruf zu verzichten und diese Arbeiten unbezahlt selbst zu übernehmen. Nur für diese relativ kleine Gruppe von Frauen gibt es eine reale Möglichkeit, Familie und Beruf zu vereinbaren.  Ob sie selbst unter diesen günstigen immer selteneren Bedingungen in ihrem Beruf auch noch „Karriere machen“, also an die Spitze ihrer Profession gelangen, bleibt fraglich, weil trotz  Kindereinrichtungen und Haushaltshilfen so viel unbezahlte Familienarbeit bleibt, dass allenfalls ein Elternteil (das dann in aller Regel männlichen Geschlechts ist) den zeitlichen und psychischen Ansprüchen einer Topkarriere nachkommen kann.

Die wachsende Zahl der Akademikerinnen, die sich nach Graduierung von Projekt zu Projekt hangelt und deren Lebensgefährten auch nur über ähnlich prekäre Einkommen verfügen, können sich ein Kind – von mehreren Kindern ganz zu schweigen – nur um den Preis des Verzichts auf berufliches Fortkommen bzw. auf ihren Lebensstandard im kinderlosen Zustand leisten.

Wenn Greiner erklärt, “der Markt der Möglichkeiten [ist] gewaltig, und wenn wir den biopolitischen Zukunftsenthusiasten Glauben schenken, dann ist er unendlich, dann kann ein jeder, sei er schwul oder lesbisch, impotent oder eine Greisin, ... jederzeit jedes Kind auf jede Weise kriegen, blond und intelligent, schwarz und stark oder umgekehrt oder alles zugleich”, so läuft seine Kritik an der Biopolitik darauf hinaus, dass es die KonsumentInnen dieses neuen Marktsegments sind, denen die Entwicklung anzulasten ist und nicht diejenigen, die davon profitieren  
Auch Greiner nennt Gründe, ein Leben mit Kindern zu wählen; allerdings beschränken diese sich ausschließlich darauf, die mit der Fürsorge für Kinder verbundene Arbeit und Mühe klein zu schreiben und den finanziellen Aufwand gar nicht zu erwähnen. Dagegen rückt er die mit dem Leben in einer Familiengemeinschaft verbundenen individuellen emotionalen und sexuellen Lustgefühle – den Prinzipien der “Spaßgesellschaft” entsprechend –  in den Vordergrund. Er zitiert den Vater in Peter Handkes Kindergeschichte, der “’Lust [empfindet], es [das Kind] zu verteidigen, und Wildheit: die Empfindung, auf beiden Beinen dazustehen und auf einmal stark geworden zu sein. Später, als er einmal hart und besinnungslos das Kind schlägt, empfindet er sich als ‚Verworfenen’: ... Er hatte das einzige zerstört, das ihm je das Hochgefühl von etwas dauerhaft Wirklichem gegeben hatte; das einzige verraten, das er je zu verewigen und zu verherrlichen wünschte.’ Wie er sich dann zu dem Kind hockt, wie dieses ihm verzeiht, sich seiner ‚erbarmt’, das ist eine der schönsten Szenen aus der Literatur über Kinder”.

Außer Lustgefühlen und  Gelegenheit zu ungestrafter Gewalttätigkeit, nennt er allerdings als Beweggründe fürs Kinderkriegen auch, dass diese ihren Eltern den “Schritt ... heraus aus den planerischen Bedenklichkeiten” nahe legen, den uns die Wissenschaft nun einmal ermöglicht hat, hin zum Wunschkind.
“Leben mit Kindern heißt, des eigenen Werdens und Vergehens wie in einem Spiegel gewahr zu werden. Der mögliche Gewinn an Selbsterkenntnis, Lebenserfahrung und historischer Perspektive ist nicht messbar. Wer selber Leben gezeugt, geboren und verantwortlich begleitet hat, weiß etwas vom Schicksal des Menschengeschlechts, dem es nicht gelingen wird und kann, zu sein wie die Götter: frei von Sorge. Das hieße auch, frei zu sein von Glück”.
Von einer Vielzahl ganz konkreter Sorgen könnte ein weniger ungerechtes Gemeinwesen als das unsere die Menschen durchaus befreien ohne sie auch gleichzeitig „vom Glück“ abzukoppeln. Im Gegenteil: Weniger materielle Sorgen würden ihr Glücksempfinden am  Nachwuchs vermutlich erheblich stimulieren.
Da wir nicht in die Zeit zurück können, in der Kinder ein Schicksal waren und nicht Ergebnis freier Entscheidung, bleibe uns nur, “dass wir vom Baum der Erkenntnis essen und bewusst fortfahren in dem, was wir unbewusst tun, sorgsam die neue Freiheit nutzen, die uns sorglos als Zugewinn erschien”.
Dass es sinnvoll wäre, die „neue Freiheit“ nicht nur individuell zu nutzen sondern global in die Gesellschaftsstruktur zu integrieren, bleibt unerwähnt.

Kleiner ostdeutscher Exkurs über den Kinderwunsch


Die Frage: “Was spricht dafür, Kinder zu haben?” ist überdies eine typisch westliche Fragestellung. Als wir Ostfrauen zum ersten Mal von unseren westlichen Schwestern vorwurfsvoll auf unser unreflektiertes “Muttisein” hingewiesen wurden und sie uns fragten, warum und aus welchen Motiven wir uns alle Kinder angeschafft hätten, überlegten wir verblüfft, warum wir uns das nie  gefragt hatten. War es wirklich unserer Angepasstheit an die demographischen Wünsche des  Systems geschuldet gewesen, dass wir uns allenfalls überlegten: Was spricht zur Zeit gegen einen Kinderwunsch? Wenn es keinen konkreten Grund dafür gab, sich zeitweise oder dauerhaft ein so erregendes Erlebnis wie  Geburt und Großziehen eines Kindes zu versagen, verzichteten wir nicht darauf. Warum sollten wir die Entwicklung eines eigenen Kindes zu einer Persönlichkeit und, wie zu hoffen war, zu einem geliebten, intimen Gefährten nicht erleben wollen? Ohne Frage spielte bei vielen Mädchen auch der Nachahmungstrieb eine Rolle und ermunterte sie dazu, Mutter zu werden, weil es ihre gleichaltrigen Freundinnen bereits waren. Aber die meisten Frauen und viele Männer wünschten sich einfach ein Wesen, das sie lieben und umsorgen konnten und das zu ihnen gehören würde.

Diese “unwestlichen” Fragestellungen waren in der DDR die Regel, weil wir ohne existentielle persönliche, berufliche und finanzielle Einbußen ein Kind  haben konnten, mit und auch ohne leiblichen oder sozialen Vater und ohne deswegen von einem Mann oder dem Staat finanziell abhängig zu werden. So haben wir uns diese Freude bedenkenlos gegönnt. Gewiss, auch bei uns kostete das vor allem die Frauen  “schlaflose Nächte, weil das Kind  im Bett schreit, und es endet mit schlaflosen Nächten, weil das Kind nicht im Bett liegt” (Greiner) . Und auch in der DDR war ein Karriereknick in den seltensten Fällen zu vermeiden. Aber unsere selbständige unabhängige Existenz war durch das Kind nicht gefährdet. Es kam auch niemandem der Gedanke, den Greiner artikuliert, dass ein Kind “ein Störfaktor [ist], sei es im Restaurant oder in der U-Bahn oder im Kreis der früheren Freunde, die abends spontan ins Kino gehen und danach noch ein bisschen beim Italiener hocken”.

Man nahm das Kind/die Kinder entweder zu den FreundInnen mit oder lud seine FreundInnen zu sich ein. Besuche in Gaststätten waren, nicht wegen der Kinder sondern  wegen der vielerorts miserablen Gastronomie eher selten, aber die FreundInnen brachten meist irgendetwas Essbares oder Trinkbares mit. Auch saß “der Vater nicht über der Steuererklärung und wundert sich, dass trotz der Freibeträge und des Kindergeldes das früher reichliche Gehalt immer knapper wird”.

Das Gehalt war früher auch nicht reichlich,  aber Familien mit Kindern hatten eine sogenannte zweite Lohntüte: Kinderbekleidung war billig, Bildung fast oder ganz kostenlos, ebenso wie die Gesundheitsfürsorge inklusive der Prophylaxe und der Zahnmedizin; Ferienlager und alle andere Freizeitgestaltung waren für alle erschwinglich und für die Kinderreichen (d.h. Familien mit mehr als drei Kindern), die auch billiger wohnten und weitere Vergünstigungen in Anspruch nehmen konnten, frei. Eine kinderfeindliche Gesellschaft war die DDR nicht. So musste man nicht dem Ticken der biologischen Uhr lauschen und fürchten, dass die beste Gebärzeit bald vorbei sein würde.
Es wird Zeit, dass sich unsere westlichen Schwestern im Gegenzug  bewusst werden, dass  es systemimmanente sozio-ökonomische Zwänge sind, die sie nötigen, sich ein so erregendes Erlebnis wie  Geburt und Großziehen eines Kindes zu versagen und dass Kinderlosigkeit nicht ihre freie und unabhängige Entscheidung ist.
 

Zum Familienglück durch Verzicht auf Luxus?

Susanne Gaschke schreibt einen weiteren konkreteren Artikel (49/2001).  Eigenverantwortung sei gefragt, denn Familie haben, heiße verzichten. Naiv sei die Vorstellung, mehr Geld vom Staat brächte automatisch mehr Zufriedenheit.  Familie mache nun einmal Probleme, vor allem für die Frau. Diese Probleme stellt sie wie folgt dar:
“’Hast du mal über Kinder nachgedacht?’, fragt sie. Und er antwortet: ‚Ach Gott, Kinder. Ich muss jetzt erst einmal das Buch über O'Neill zu Ende bringen. Das wird nicht von allein fertig.’ Nachwuchsdiskussion in der Woody-Allen-Gesellschaft von Manhattan.

Die WDR-Redakteurin, Mutter einer Vierjährigen, sitzt ohne Handy im Auto. Das Auto steht auf der Autobahn Bonn-Köln im Stau. Es ist zehn vor fünf. Um fünf Uhr schließt der Kindergarten. Um fünf wird niemand da sein, um das Kind abzuholen. Panik.

Marias 69-jährige Mutter muss ins Krankenhaus. Maria und ihr Mann nehmen den pflegebedürftigen Vater zu sich; die jüngere Tochter räumt ihr Zimmer. Ungewohnte Enge, ungewohnte Nähe, normale (also nennenswerte) Anforderungen im Beruf, normal (also nur mäßig) verständnisvolle Kinder, Sorge um die kranke Mutter. Keine leichten Wochen.
Eva, 13, will zu einer Fete. Dort gibt es Übernachtungsmöglichkeiten, sagt sie. Die Eltern finden die Situation unübersichtlich und setzen ein Zeitlimit fürs Nachhausekommen. Geschrei und Türengeknalle das ganze Wochenende.
Gemeinsam ist diesen hier, dass sie mit Geld nicht zu lösen sind“, schreibt Gaschke unzutreffend. Der Autor, der von Buch zu Buch hetzen muss, um seinen Lebensstandard zu halten, wäre im Besitz von Geld zweifellos eher in der Lage, sich anderen Dingen, etwa Familienverpflichtungen zuzuwenden und sich eine Pause zu leisten. Mit Geld ließe sich auch eine Hilfe für die Mutter der Vierjährigen beschaffen, die das Kind pünktlich  abholt und  versorgt, wenn die Mutter nicht bis 17 Uhr in der Kita sein kann. Mit Geld ließen sich auch ein größeres Haus oder eine größere Wohnung kaufen  bzw. mieten, wodurch sich der durch zu große Enge verursachte Familienstress verringerte. Wenn die Mieten  erschwinglicher wären, könnten viele solchen Stress vermeiden. Warum muss es alternativ zur häuslichen Versorgung des pflegebedürftigen Vaters nur  teure und schlechte Pflegeheime geben, statt bezahlbare, die über ausreichend qualifiziertes und engagiertes Personal verfügen? Ist Deutschland wirklich zu arm, um alle seine Pflegebedürftigen menschenwürdig zu versorgen? Nur die letzte Situation ist auf den ersten Blick eine vorwiegend pädagogische. Wie weit beruflicher oder finanzieller Stress dazu beitrug, das geschilderte offenbar gestörte Eltern-Kind-Verhältnis herbeizuführen, sei dahingestellt. Mehr Muße und bessere Vorbereitung auf Elternschaft (beides Dinge, die durch soziale Umgestaltung erleichtert werden würden), könnten auch  dieses Problem beheben. Auch hier sind es die Verteilungs- also die finanziellen Verhältnisse, die verändert werden müssten, wollte man günstigere Bedingungen für den Nachwuchs schaffen.  Gaschke plädiert für familiäre Geborgenheit als Glücksbringerin:
  
“Karriere und Singletum machen nicht immer glücklich, Familie heißt nicht nur Stress und Verzicht. Totale Freiheit kann totale Bindungslosigkeit bedeuten; und Bindung, so ökonomistisch darf man es in diesen Zeiten gewiss ausdrücken, bringt ja, wenn alles gut geht, auch Rendite:  Liebe. Geborgenheit. Einen privaten, vor den Ungerechtigkeiten und Gemeinheiten der Welt geschützten Raum, in dem jede Menge pralles Leben stattfindet”.

Allerdings stellt  in unserer Gesellschaft die durch die Familie eingenommene “Glücks-Rendite” kein gültiges Zahlungsmittel dar. Ohne die “gefühllose bare Zahlung” kann man weder eine Wohnung bezahlen, noch Mahlzeiten bereiten, noch seinen Kindern durch Bildung und kulturelle Freizeitgestaltung eine Lebensperspektive schaffen helfen. Daher helfen Verweise auf den durch die Familie geschaffenen Schutzraum vor der bösen Welt allein nicht, das Projekt Familie in dieser Gesellschaft unter denen, die dadurch etwas Materielles zu verlieren haben, zu popularisieren.
Gaschke  führt das Unbehagen mit der Familie nicht auf die wirtschaftlich und sozial unsichere Situation der Mehrheit der in Deutschland Lebenden sondern wie bereits Ullrich Greiner auf “die dominierende Single-Ästhetik” zurück.

“Soweit die eigene Anschauung reicht, wird das familiäre Zusammenleben offenbar als attraktiv empfunden. Aber in dem Maße, in dem junge Leute in die Gesellschaft hineinwachsen, gewinnen Gegengründe an Boden: ‚Individuelle Handlungs- und Entscheidungsfreiheit nehmen zu’, heißt es in dem just verabschiedeten Leitantrag der SPD zur Familienpolitik: ‚Mit neuen Freiheiten und Chancen der Selbstverwirklichung, bei Betonung des individuellen Nutzens, scheint es unausweichlich, dass die Bereitschaft abnimmt, sich gegenüber anderen zu verpflichten, für andere Fürsorge zu übernehmen, anderen Hilfe zu leisten und sich für das Gemeinwohl zu engagieren.’”.

Warum schließen Selbstverwirklichung und Fürsorge für andere einander aus? Nach Gaschke, weil
“Familienverbände, ... wissenschaftliche Experten, engagierte Journalistinnen und die Zuständigen in den politischen Institutionen ... sich einer Rhetorik befleißigen, die Familienmenschen als zeitgeistentkoppelte Deppen, als Normalitätsspießer dastehen lässt - oder als ewig Hilfebedürftige, als Dauerbenachteiligte, als Loser. Die Profis der Familienpolitik halten es für ihre vornehmste Aufgabe, die vielfältigen finanziellen Notlagen und Ungerechtigkeiten anzuprangern und auf Abhilfe zu pochen - und beschwören so das Familiendasein allein als etwas Defizitäres, das vor allem mit mehr Geld zu heilen wäre”.

Also weil man den jungen Leuten einredet, sie verpassten alle Chancen,  wenn sie eine Familie gründeten, tun sie es nicht. Dann brauchte man im Umkehrschluss ihnen also ab sofort nur einzureden, es sei “in”, Kinder zu haben und schon wäre das bevölkerungspolitische Loch gefüllt.

So einfach ist es aber indessen nicht: In den neuen Bundesländern wünschten sich 2001 46% der Frauen von 18-44 zwei Kinder, 12% wollten ein Kind und 13% drei; nur 2% gaben an, keine Kinder zu wollen (Winkler, S.156). Leider sind auch die finanziellen Notlagen keine Erfindung der “Profis der Familienpolitik” (Gaschke), sondern Realität.  Gaschke will diese Realität nur bei denjenigen gelten lassen, deren Kinder von Sozialhilfe leben müssen, die sie ohne genaue Angaben  auf eine Million beziffert. Allein in Berlin (Ost und West) lebten aber im Jahre 2000 300 000 Personen bzw. 8,9% der Haushalte unter der Armutsgrenze, dazu kamen 46,5 % unterhalb des Äquivalenzeinkommens (prekäres Einkommen). 38,6% realisierten ein überdurchschnittliches Einkommen und nur 6% zählten zu den reichen Haushalten. 61% der Ostberliner und 35% der Westberliner gaben bei einer Befragung an, kein Vermögen zu  haben (über 100 00.-DM besaßen nur 2% der westberliner Haushalte und kein Ostberliner Haushalt). Bereits Ende 1997 bezogen in ganz Deutschland 2,89 Mio. Personen Sozialhilfe, davon waren 56% Frauen; 7,6% der unter 7-jährigen,  5,6% der 7-11 jährigen und ca. 5% der 11-15jährigen Kinder lebten in Sozialhilfeempfängerhaushalten. Bei den Ausländerkindern sind die Zahlen doppelt so hoch (Klammer, S.329).

Ein Großteil der Eltern dieser Kinder seien, so Gaschke, überdies selbst an ihrem Unglück schuld:
“Es gibt Sozialhilfeverhältnisse, die selbst bei sofortiger Verdoppelung der Bezüge desolat bleiben würden, wenn nicht eine ganz andere sozialarbeiterische Intervention, als wir sie kennen, hinzukäme. Es gibt individuelle, zurechenbar herbeigeführte Armut - durch unterhaltssäumige Väter, durch leichtfertig sich trennende Eltern. Die Alleinerziehenden vor allem finden sich bei uns in prekären finanziellen Verhältnissen, und der Staat hat selbstverständlich die Pflicht, ihre Kinder vor den Folgen der Armut zu schützen. Aber auch in diesem Kontext muss es erlaubt sein, über Verantwortung zu reden: Irgendwann sind der Trennung ja einmal die autonomen, von jeder staatlichen Einmischung freien Entscheidungen zweier Erwachsener für ein bestimmtes Familienarrangement vorausgegangen.”

Eifrig arbeitet so auch Gaschke daran, die Frage der nächsten Generation nicht der Gesellschaft, sondern ausschließlich den einzelnen anzulasten und sie moralisch energisch zur Ordnung zu rufen. Wenn sie ein Kind in die Welt setzen, sollten sie auch zusammen bleiben und es groß ziehen. Dies nennt sie dann Verantwortung.
Gaschke zufolge verzichten immer mehr Menschen auf Kinder,
 “weil die Lebenslagen so unterschiedlich sind, eben weil familienbedingter Verzicht häufig gar nicht in erster Linie materieller, sondern ideeller Verzicht ist”, denn die Elterngeneration der jetzigen Kinder, - offenbar die, die Verantwortung wahrnimmt, -  erben wiederum von ihren Eltern satte 4 Billionen Mark. Natürlich bleibt unerwähnt, dass dies nur  eine Minderheit unter 10% betrifft.  Gaschke meint, viel bedeutsamer für die Nachwuchsabstinenz sei es, dass Kindergärten oft nichts taugen, wofür sie keine Beweise beibringt, und dass, wer seine Kinder zu Hause erzieht, anstatt sie “fremdbetreuen” zu lassen, dumm angesehen wird. Dabei werden vielmehr umgekehrt im Westen weiterhin die Ostmütter, die ihre Vorschulkinder selbstverständlich in einen Kindergarten gehen lassen, als Rabenmütter empfunden. Die Abneigung gegen ganztägige öffentliche Vorschuleinrichtungen ist im Westen Deutschlands so lange und intensiv durch alle Medien gepflegt worden, dass selbst die jüngsten durch die PISA Studie ausgelösten Appelle für mehr Geld und bessere Ausstattung für die Kindergärten den ideologischen Widerstand nicht gebrochen haben, den auch diese Autorin artikuliert:

“Selbst wenn eine totale Übernahme sämtlicher Kinderkosten durch den Staat in Aussicht gestellt wäre, würde das nicht alle glücklich machen und vor allem nicht den Trend zur Kinderlosigkeit umkehren”, behauptet sie. Dass dadurch „nicht alle glücklich“ werden würden, ist sicher richtig. Doch haben die Erfahrungen nicht nur in der DDR, sondern auch in skandinavischen Ländern zu familienfreundlicheren Zeiten  bewiesen, dass günstige finanzielle Bedingungen sehr wohl positive demographische Folgen zeitigen. Aus  ihrem Gesichtswinkel heraus lehnt Gaschke  auch das Familiengeld von 1200.- DM (ca. 600 ¤) ab, das die CDU/CSU als Wahlkampfgag verspricht, und empört sich darüber, dass sich  Leute finden, die mindestens 2 000 DM (ca.   1000 ¤) für den Unterhalt einer Familie für zureichend halten und einfordern. Kurz, sie hält eine „gehaltsähnliche Vergütung für die Kindererziehung“ durch den Staat für unangebracht, denn

“Diese Privatheit, dieser Freiraum von staatlicher Intervention und Verrechtlichung ist es doch gerade, der es zumindest auch attraktiv macht, eine Familie zu sein. Würde der Staat zum Beispiel alle Kinderkosten übernehmen, müsste das eigentlich zwangsläufig bedeuten, dass der Staat auch die privaten Erziehungsergebnisse öffentlich unter die Lupe nimmt. Wenn er neue Bürger finanzierte, hätte er das Recht zur Qualitätskontrolle. Dürfte eine Familienkasse der Zukunft das ‚Erziehungsgehalt’, das ‚Familiengeld’ oder wie auch immer der fragliche Transfer schließlich hieße, kürzen, wenn die Eltern ihre Kinder schlagen, fehlernähren, nächtelang Horrorvideos anschauen lassen?”

Ja wäre es denn wirklich so schlecht, wenn der Staat ausreichend kompetente SozialarbeiterInnen beschäftigte, um zu verhindern, dass Eltern ihre Kinder schlagen, fehlernähren oder  Horrorvideos anschauen lassen? Gewiss wäre  die Lösung nicht  Sperrung des Familieneinkommens, sondern die sozialpädagogische Unterstützung der Eltern und äußersten Falls die Versorgung der Kinder in kompetenten Pflegefamilien. Schließlich ist das Recht der Kinder als eigenständige Persönlichkeiten auf Schutz des Staats auch ggf. vor ihren eigenen Eltern  selbst in Deutschland längst  gesetzlich vorgesehen.

Wieso sollte, wie Gaschke erklärt,  „die Fixierung der Debatte auf die geringere finanzielle Beweglichkeit der Familien gegenüber den kinderlosen Verdienern“ irgend jemandem suggerieren, „Elternschaft ohne Verzicht sei möglich“? Kein Familienstatus ist ohne Verzicht auf  das eine oder andere möglich. Wer Single bleiben will, verzichtet auf Partnerschaft, wer Kinder haben will, auf die Freizügigkeit, die in kinderlosen Haushalten möglich ist. Selbst wer ein Haustier hat, muss unter Umständen auf eine last minute-Buchung verzichten.

Was benötigt wird, ist die finanzielle Unterstützung durch den Staat, die gewährleistet,  dass alle Kinder und nicht nur der Nachwuchs der 6% Reichen in den Genuss der bestmöglichen Wohnverhältnisse, Ernährung, angemessener Bekleidung und Bildung,  Gesundheitsfürsorge, Freizeitmöglichkeiten und Zukunftschancen kommen.  Wenn dies gesichert ist, bleibt genügend Raum für  Fürsorgerecht und Fürsorgepflicht der Eltern. Auch wenn der Staat allen Kindern,  darunter dem Nachwuchs wenig betuchter Eltern, durch entsprechende  Einrichtungen diese Bedürfnisse befriedigen hilft, bleibt den Eltern die Pflicht, ihren Kindern Liebe, Zeit und Fürsorge zu widmen und ihnen Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln.  Niemand – auch keine noch so perfekte Kindereinrichtung - kann ihnen das  abnehmen. Der Staat würde also keineswegs “jene Nutzlosigkeiten und Statussymbole für alle sichern, die die überdrehte Single-Gesellschaft sich von ihren freien Einkommensspitzen leistet. BMW-Offroader und Heli-Skiing-Wochenenden im Kaukasus können kein Maßstab sein”.

Kein Politiker hat das jemals gefordert und es wird auch nur angeführt, um der Öffentlichkeit einzureden, wer staatliche Fürsorge fordert, damit die Zahl der unterversorgten, minderbemittelten,  diskriminierten und perspektivelosen Kinder nicht ins Uferlose wächst,  lege nur „auf Luxus, auf Status, aufs Materielle“ Wert und erkenne nicht, dass Familien nicht Geld brauchen, sondern „die anerkannte Überzeugung, dass sie in diesem Land der erstrebenswerte Normalfall“ sind.
Ein familienpolitischer Vorschlag  in 46/2001  der „Zeit“ fordert Susanne Mayer eine bessere Politik für Eltern und Kinder als Ausweg aus der demoskopischen Krise in Deutschland, dem Land mit einer der am schnellsten schrumpfenden Bevölkerungen der Welt. Sie fragt, ob der Kinderwunsch “rein privater Natur” sei oder nicht doch in gesellschaftliche Verantwortung falle. Bedenkt man, wie sehr besonders die Medien der gesellschaftlichen Mitte stets jede “staatliche Einmischung” als Angriff auf das Recht des Individuums auf Selbständigkeit und Selbstverwirklichung  verteufelt haben, was sich auch in den bisher kommentierten Beiträgen aus der “Zeit” widerspiegelt, so setzt eine so konkrete Frage ein deutliches Zeichen.

“Die Arbeitswelt frisst unsere Kraft und Zeit, Kinder zu haben erscheint als geradezu unverantwortlich. Dass es geht, Familie zu leben und die Existenz zu sichern, sieht man selten: Gerade mal 15 Prozent der Mütter von Grundschulkindern sind im Westen der Republik voll berufstätig. Die Gattung Mensch hat sich Wohnorte geschaffen, in denen ihre Kinder sich nur unter Lebensgefahr bewegen. Und welchen Sinn haben Sozialversicherungen, in denen Familien als fremde Elemente gelten, statt dass Einsatz für Kinder extra zählt? ...Wenn beinahe jede dritte Frau keine Kinder mehr bekommt, könne dies nicht als ‚persönliche Entscheidung’ abgetan werden. Nur ein Viertel der Vollzeitmütter ist zufrieden. Ihre Ausbildungen haben sich als Fehlinvestitionen erwiesen, kaum etwas davon fließt an die Gemeinschaft zurück. Sind die Kinder aus dem Haus, rutschen ihre Mütter in Jahrzehnte der Arbeitslosigkeit, abgefertigt mit einem steuerlichen Gnadenbrot, dem Ehegattensplitting, das den Staat billiger kommt als Arbeitslosengeld. Wir zahlen Alleinerziehenden Sozialhilfe, statt ihnen durch gute Kinderbetreuung   Gelegenheit zu geben, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Groteske Fehlinvestitionen all dies”.

Dem ist nichts hinzuzufügen. Susanne Mayers Reformvorschlag zeigt jedoch deutlich, dass ihr Vorstellungsvermögen über den schmalen Sektor ihrer eigenen sozialen Zugehörigkeit nicht hinausreicht:
„Ab 1. 1. 2002 wird der tatsächliche Unterhalt, den Eltern nach dem Grundgesetz ihren Kindern schulden, direkt vom Bruttoeinkommen an den Nachwuchs übertragen und ist von Eltern vorher nicht mehr zu versteuern - nach Vorschlag des ehemaligen Verfassungsrichters Paul Kirchhof 16 000 Mark im Jahr. Ja, genau: Nach Jahrzehnten der Unterfinanzierung darf es jetzt mal etwas mehr sein. Ab 1. 1. 2002 werden Beiträge zur Sozialversicherung nicht mehr wie heute nach dem Bruttoeinkommen berechnet - 12,8 Prozent, egal, ob es für fünf oder einen reichen muss. Sozialverträglich sollte es sein und Freibeträge für alle Familienmitglieder berücksichtigen - und schon ist die monatliche Finanzenge gemildert. Weiter: Bildung, im Kindergarten, an Schulen oder Universitäten, ist Aufgabe der Gemeinschaft. Elternbeiträge betragen, wie es die EU-Kommission vorschlägt, höchstens 15 Prozent des Haushaltsnettos. Und sind steuerlich absetzbar! Eltern brauchen auch Muße, um ihre Kinder aufzuziehen. Stattdessen genießen Senioren üppige Teilzeitangebote: sechs Jahre halbe Arbeitszeit bei 85 Prozent des Gehaltes - das wär's doch, für die Jungen. Und eine Ermutigung, sich auf das Abenteuer Kind einzulassen. Oder auf zwei”.

16 000.- Mark (ca. 8 000 ¤) p.a. ist 1 333.- DM im Monat (ca. 700 ¤) pro Kind. Das setzt bei einer Durchschnittsfamilie mit zwei Kindern ein Bruttofamilieneinkommen von 5 332.- DM (2,6 Tausend ¤) voraus. Nach Gunnar Winkler verfügen jedoch nur 17 Prozent der ostdeutschen Ehepaare mit Kindern und 6 Prozent der Lebensgemeinschaften mit Kindern über ein Haushaltsnettoeinkommen von monatlich über 5 000.-DM. Dagegen haben  79 Prozent der 4- und Mehr-Personen-Haushalte,  83 Prozent der Ehepaare mit Kindern sowie 94 Prozent der Lebensgemeinschaften mit Kindern weniger als 5000 DM zur Verfügung.  95 Prozent der Alleinerziehenden  müssen ebenfalls mit weniger auskommen. 64 Prozent  davon beziehen unter  2 500.- DM (1 250 ¤). Es wird kaum überraschen, dass „Paare ohne Kind am häufigstem überdurchschnittliche und darüber hinaus reichende Einkommen realisieren. Das betrifft in Westberlin 61,6 % dieser Haushalte und in Ostberlin 53,3%“ (Winkler, S.242). Von den Bevölkerungsgruppen in den neuen Bundesländern, die im Alter sind, in dem sie normalerweise ihren Kinderwunsch realisieren würden (den 25-35 Jährigen) leben 12,8  von Arbeitslosengeld oder -hilfe, 9,9 Prozent von Renten u. ä., und 4,3 Prozent werden von ihren Angehörigen unterhalten; Nur 72,9 Prozent verfügen überhaupt über ein Arbeitseinkommen, sei es prekär wie auch immer. In der folgenden Altersgruppe (35-45 Jahre), deren inzwischen meist ältere Kinder wesentlich mehr kosten als die jüngeren, sind es 13,9 Prozent, die von Arbeitslosengeld, und 5,5 %, die von einer Rente u. ä. leben müssen. Da kommt’s auf die Höhe an!  2,1 Prozent  werden von den Angehörigen unterhalten. Für Frauen sind die Zahlen noch weniger erfreulich. In den neuen Bundesländern gab es 1998 41,2 Prozent weibliche und 25,9 % männliche Langzeitarbeitslose. In den alten Bundesländern ist die Relation 37,2 % Frauen und 38,2 % Männer (Klenner, S.328), ein durch die massenhafte Nichtregistrierung arbeitsfähiger erwerbsloser Frauen bedingt  verzerrtes Bild. 
 
Wenn die Forderung, das den Kindern zustehende Einkommen steuerfrei zu machen, Sinn für mehr als eine Minderheit machen soll, dann muss erst einmal das Einkommen der wachsenden Zahl von Männern und Frauen in Deutschland, die von niedrigen Löhnen, in prekären Arbeitsverhältnissen, von Arbeitsamtsmaßnahmen, von Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe leben, so stark erhöht werden, dass sie von einer solchen Vergünstigung Gebrauch machen können.
Sie würden von den Vorschlägen allenfalls profitieren, wenn Bildung im Kindergarten, an den Schulen oder Universitäten wirklich zur Aufgabe der Gesellschaft gemacht und somit Chancengleichheit auch für die Kinder der Armen ermöglicht werden würde. Elternbeiträge müssten dann nach Einkommen gestaffelt und den Eltern mit Bezügen unter 2 500 ¤  erlassen werden. Darunter müssten  auch die Extraausgaben für Schulausflüge, Schülerreisen u. ä. fallen.   Der in der Artikelserie mehrfach eingebrachte  Vorschlag, die Beiträge zur Sozialversicherung nicht mehr wie heute nach dem Bruttoeinkommen zu berechnen - 12,8 Prozent, egal, ob es für fünf oder einen reichen muss -, sondern durch Freibeträge für alle Familienmitglieder sozialverträglicher zu  gestalten ,  würde  für kleine und mittlere Erwerbseinkommen ebenfalls die Finanzenge mildern. Sinn würde, zumindest für qualifizierte Eltern ab Facharbeiterstatus, auch das Angebot machen, sechs Jahre lang für halbe Arbeitszeit 85 Prozent des Lohns oder Gehalts zu  bekommen.  
   

Der neue Blick: Auf einmal sind staatlich geförderte Kindereinrichtungen nicht mehr nur für  Kinder von  Rabenmüttern geeignet


Elisabeth von Thadden schlägt in  „Die Zeit“ 46/01 neue Töne an. Bereits der Titel ihres Beitrags, „Gesucht: Fachkraft mit Familiensinn“, lässt aufhorchen. Am Schluss des Artikels steht der Hinweis auf einen Kommentar dazu von Thomas Paster vom 8. November 2001. Darin erklärt er: „Kinderbetreuungseinrichtungen sind in unserer postindustriellen Welt eine Grundvoraussetzung“. Woher kommt auf einmal die Abkehr vom tradierten Familienbild und sogar die Hinwendung zu staatlich subventionierter Mitbetreuung der Kinder?

“Der alternden Gesellschaft drohen junge Arbeitnehmer auszugehen. Väter und Mütter, die wegen der Kinder zu Hause bleiben, werden bald gebraucht in den Firmen. Doch wo gibt es gute Jobs für gute Eltern?

heißt es eingangs. Diese Einleitung wird gefolgt von der Geschichte einer Führungskraft, eines zweifachen Vaters, dem sein Unternehmen gestattete, für 18 Monate freiwillig in Teilzeit zu arbeiten. Wie Frau von Thadden schreibt, ist es in der Tat eine Rarität, wenn ein Unternehmen  ”begriffen hat, wie kostbar solch eine Eier legende Wollmilchsau sein kann. ... Der 43 Jahre alte, promovierter Ingenieur ist seit drei Jahren Abteilungsleiter Metall im Zentrallabor von VW, Vorgesetzter von 60 Mitarbeitern. ... Seine Frau, ebenfalls Akademikerin, ist gegenwärtig zwei Tage pro Woche berufstätig, er an den anderen Tagen”.

Führungskraft in Teilzeit heißt: Mittwochs und freitags ist er zu Hause, notfalls per Handy erreichbar, aber die Familienpflichten haben an diesen Tagen Priorität.

Von Thadden zitiert die Soziologin Arlie Hochschild aus Berkeley, die in ihrer Studie Time Bind nachwies, dass berufstätige Eltern in Amerika das Angebot familienfreundlicher Arbeitsplätze kaum annehmen, weil sie dem Stress des Hausfrauen/männerdaseins entgehen wollen und lieber voll im Betrieb als zu Hause tätig sind.
Abgesehen davon, dass die Option als “Führungskraft in Teilzeit” zu arbeiten, wahrscheinlich auch in den USA, sicher aber in Deutschland nur von einer verschwindenden Zahl von Unternehmen einer verschwindend kleinen Anzahl von Personen angeboten wird, ist diese Haltung leicht verständlich. So wie die Aufgabenverteilung auf der oberen Management-Ebene derzeit organisiert ist, muss der Stress, sie neben einer 50 prozentigen Beteiligung an der unbezahlten Familienarbeit leisten zu müssen und an zwei Tagen auch noch gleichzeitig, ein ungeheurer sein.
Dennoch propagiert von Thadden die Idee der work-life-balance, der Ausgewogenheit von Arbeit und Privatleben. Gisela Erler brachte aus den USA den family friendly index nach Europa mit, jenes Instrument, mit dem Unternehmen ihre Familienfreundlichkeit der Öffentlichkeit bekannt machen können. Als Chefin der Familienservice GmbH ist sie eine erfolgreiche Unternehmensberaterin, seit Ende Juni auch Direktorin der europäischen "Work-Life-Balance-Konferenz". Die Revolution, die sich nach Meinung von Thaddens vollzieht, ist im Interesse beider Seiten,  der Unternehmen wie der Arbeitnehmer.

Die Frage nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie stelle sich heute vor dem Hintergrund einer alternden Gesellschaft: Unternehmen können nicht mehr auf gut ausgebildete Frauen verzichten, die der Kinder wegen zu Hause bleiben, unter ihnen die wachsende Zahl von Alleinerziehenden. Männer fühlen sich in der Rolle des Familienernährers nicht mehr so wohl wie früher. Nur ein Drittel der Väter in Deutschland verstehen sich als "reine Brotverdiener". Was also tun? Von Thadden schlägt den Beschäftigten vor, aus der eigenen Lebensform kein Geheimnis zu machen. Das bedeute, das Arbeitsleben ständig an die wechselvollen Bedingungen des Privatlebens anzupassen.
“Wenn der Älteste in die Schule kommt, entstehen andere Engpässe, als wenn die alte Mutter Pflege braucht. Wenn sich ein neues Kind ankündigt, ist wieder eine andere Regelung nötig. Es geht also um Millionen von Einzelfällen, und zwar immer von neuem. Die Frage, wie sich beständige Bindungen gegen einen Markt retten lassen, der von Natur aus nicht rücksichtsvoll ist, handelt von einer Quadratur des Kreises, und die reizvolle Antwort lautet, dass es quadratische Kreise geben kann”.

Aber auch von Thadden weiß, dass “das Kunststück bisher vor allem bei den umworbenen gut Ausgebildeten glückt. Wer skeptisch nach den Chancen der einfachen Leute fragt, Beruf und Familie in Einklang zu bringen, der wird um Geduld gebeten: eins nach dem anderen, Unternehmenskulturen ändern sich langsam, ehret die Anfänge. ...VW-Vorstandsmitglied Peter Hartz ... fand sich in schöner Einigkeit mit Klaus Volkert, dem Vorsitzenden des Gesamt- und Konzernbetriebsrates von VW. Auch Volkert forderte, sich von der ‚nahezu unbeschränkten zeitlichen Verfügbarkeit als beruflicher Tugend’ zu trennen.  ... Von Glaxo bis Ford, von Ikea bis zur Commerzbank wurden Führungskräfte eingesetzt, die sich eigens der Vereinbarkeit von Beruf und Familie widmen sowie die Unterschiedlichkeit der Belegschaft fördern sollen. Gleichzeitig gründeten sich Firmen wie Family Horizons oder Ceridian in Großbritannien und - schon 1992 - Gisela Erlers Familienservice GmbH in Deutschland, die Betriebe dabei beraten, wie sie familienfreundlich werden können”.

Allerdings bestehe weiterhin “zwischen der faktischen Arbeitssituation und der erwünschten eine Lücke, die allen Beteiligten, eben auch den Unternehmen, als Nachteil und Kostenfaktor bewusst wird”. So bewirken Zufriedenheit der MitarbeiterInnen mit dem Niveau der Familienfreundlichkeit im Unternehmen eine Senkung der Krankheits- und Fluktuationsquoten ebenso wie eine Steigerung der Produktivität. Zu den günstigen Voraussetzungen gehören vom Unternehmen oder von den Behörden geschaffene Möglichkeiten der Betreuung der Kinder in den Schulferien. Zum ersten und meines Wissens einzigen Mal wird im Zusammenhang mit einer Maßnahme des Thüringer Ministeriums für Soziales, Familie und Gesundheit in Erfurt in einem der “Zeit”-Artikel darauf verwiesen, dass “die neuen Länder, als sie noch DDR hießen, schon einmal weiter waren”. Das Ministerium hatte für die Kinder seiner Mitarbeiter eine Betreuung während der Schulferien organisiert.

Ziemlich  realitätsfern  ist die Feststellung, dass ein Arbeitgeber heute den Verlust kompetenter MitarbeiterInnen fürchten müsse, weil diese aus familiären Gründen ausscheiden oder anderswo anheuern könnten. Bei offiziell über vier Millionen Arbeitslosen, unter denen sich nur der Teil der aus Familiengründen nicht erwerbstätigen hoch qualifizierten Frauen befindet, der sich registrieren ließ, wird die Angst der Unternehmen nicht ausreichen, um familienfreundliche Arbeitsbedingungen für mehr als wenige Sonderfälle einzurichten.  Von Thadden zitiert das Beratungsunternehmen Ceridian in England, das feststellte, dass vier von zehn Befragten, besonders junge, überlastet sind. fast die Hälfte den Job wechseln würde, um Lebensqualität zu gewinnen; fast 80 Prozent wünschen mehr Zeit für Kinder und Partner; die Hälfte der Frauen klagt über mangelnden Schlaf; ein Drittel der Befragten sagt, sie hätten die Kontrolle über ihr Leben verloren. Die Mehrheit der Frauen klagt über Konzentrationsschwierigkeiten am Arbeitsplatz, die mit häuslichen Problemen zusammenhängen.

Es brauche flexible Arbeitszeiten, freiwillige Teilzeitarbeit. Freistellungen bei Krankheit der Kinder, Unterstützung bei deren und der Betreuung der Alten sowie Fortbildung und Information.

Der Personalentwicklungschef von BMW plädiert deshalb dafür, dass statt auf Anwesenheitsstunden auf die Ergebnisse der Arbeit gesehen werden sollte. Stefan Becker, Geschäftsführer der Beruf & Familie GmbH, wird auf Seminaren für Führungskräfte oft damit konfrontiert, dass Teilzeitarbeit und Betriebskindergärten zu teuer seien. Er verweist auf kaum genutzte Alternativen wie Zusammenarbeit mit örtlichen Kinder- oder Alteneinrichtungen.

Zwar gäbe es keine verlässlichen Zahlen über die Familienfreundlichkeit der drei Millionen Unternehmen in Deutschland, aber von Thadden zufolge nahmen nie mehr als 300 Firmen an den Wettbewerben zur Familienfreundlichkeit teil, die allerdings aus Unternehmen jeden Typs stammten. Drunter wurde die Freiburger Holzwerkstatt, ein ökologischer und baubiologischer Schreinerbetrieb mit nur sieben Beschäftigten, vom Familienministerium preisgekrönt für seine Väterfreundlichkeit. Väter arbeiten weniger bei vollem Lohnausgleich.
Wie von Thadden zu Recht einschränkt,

“sind es vor allem die Hochqualifizierten, um die sich die Unternehmen bemühen, noch klagt die OECD, gerade schlecht ausgebildete Frauen mit niedrigem Einkommen würden als Mütter vom Arbeitsmarkt abgehängt, statt in den Genuss familienfreundlichen Beistands zu kommen”.

Bedauerlicherweise wird in dieser optimistischen Studie der weitaus deutlichere Trend der großen Unternehmen zur Fusion mit nachfolgendem Abbau von zahlreichen Arbeitsplätzen nicht gewürdigt; auch die Pleitewelle kleiner und mittlerer Betriebe ganz besonders im Osten und  seit der Implosion des staatssozialistischen Systems spielt für von Thadden keine Rolle. Der besonders seit Beginn des Endloskrieges “gegen den Terrorismus” eskalierende Abbau aller Facetten des Sozialstaats, drunter in erster Linie der Einrichtungen, die Familienfreundlichkeit und Chancengleichheit für die Kinder befördern, wird nicht mit einem Wort erwähnt.. Der von  Thadden beschriebenen Trend zur Familienfreundlichkeit ist dagegen zugegebenermaßen  keine Massenerscheinung .


Schlussfolgerungen

Wenngleich keine/r der AutorInnen die „Balance von Arbeitsleben und Familie“ dadurch herstellen will, dass er/sie an den Grundfesten der patriarchal-kapitalistischen Ordnung rüttelt und Vorschläge zu deren Umgestaltung macht, ist andererseits auch keiner der Beiträge ohne einen Ansatz, der aufgegriffen und als Teil einer längerfristigen Strategie zu einer solchen radikalen Transformation genutzt werden könnte. Grundlegende gesellschaftliche Veränderungen, wenn sie denn Bestand haben und sich die beabsichtigten Ziele nicht in ihr Gegenteil verkehren sollen, haben die vielfältigsten Lern- und Erfahrungsprozesse einer möglichst großen Zahl von AkteurInnen zur Voraussetzung, die solche Veränderungen als in ihrem Interesse liegend herbeiführen wollen. Diese müssen dann ihre je unterschiedlichen Interessenlagen erkennen, miteinander koordinieren und durchzusetzen versuchen. Es wird darauf ankommen, die Ausgangspunkte herauszufinden, die einen wie immer kleinen Schritt weg vom Status quo und hin zu einer menschengerechteren Ordnung darstellen.

Nehmen wir den Reformvorschlag Jürgen Borcherts, der am obsoleten Familienmodell ohne Wenn und Aber festhält, wenngleich er mit Recht das kritisiert, was er den Trend zur Individualisierung nennt, worunter die Egozentrik der nur am eigenen  Fortkommen interessierten intellektuellen Führungsschicht der Gesellschaft gemeint sein dürfte. Sein Vorschlag, die Versicherungsbeiträge durch die Zahl der Familienangehörigen zu teilen, sollte aber auch von denjenigen aufgegriffen und unterstützt werden, die ein Interesse an der grundlegenden Transformation der Familie und der Gesellschaft haben. Einmal realisiert, würde dieser Vorschlag  die derzeit stattfindende systeminhärente Polarisierung in arm und reich etwas verlangsamen.

Auch  Ulrich Greiners Werbung für die Familie sollte nicht völlig verworfen werden. Sein Plädoyer für  den Gewinn an Selbsterkenntnis, Lebenserfahrung und historischer Perspektive, der nur Ergebnis von Verantwortung und Fürsorge für andere sein kann, bereitet den Boden für die unverzichtbare Einsicht, dass wir nur als soziale Wesen unseren Gattungspotenzen gerecht werden können.

Susanne Gaschkes Kritik an den durch die Medien vermittelten Werten der Spaßgesellschaft mit ihren egozentrischen Luxusbedürfnissen ist ebenso berechtigt wie Susanne Meyers Vision von einer Gesellschaft, in der die Familie, was auch heißt die bisher unbezahlte labour of love leistende Frau (oder der Hausmann) privilegiert wird. Auch das würde Veränderungen in Richtung auf eine neue, gerechtere Familienform begünstigen.

Elisabeth von Thaddens Vorschläge führen am weitesten vom gegenwärtigen Familien- und Gesellschaftsmodell weg und zeigen, dass es an unerwarteten Stellen beachtliche Teileinsichten in die Notwendigkeit einer grundlegenden gesellschaftlichen Transformation gibt. Weit mehr als bisher sollte die Öffentlichkeit über die 300 Unternehmen, die sich an den Wettbewerben zur Familienfreundlichkeit beteiligen,  und die sozialen Veränderungen, die  der dort praktizierten Ansätze zu einem ganzheitlichen Leben zu beobachten sind, informiert werden.

Es ist jedoch sicher kein Zufall, dass das für seine „Väterfreundlichkeit“ preisgekrönte Unternehmen ein kleiner Betrieb ist, der auf ein Wesensmerkmal der Kapitallogik verzichtet, die Es ist jedoch sicher kein Zufall, dass das für seine “Väterfreundlichkeit” preisgekrönte Unternehmen ein kleiner Betrieb ist, der auf ein Wesensmerkmal der Kapitallogik verzichtet, die größtmögliche Rentabilität. Wenn das Unternehmen seinen Arbeitern gestattet, ihre Arbeitskraft auch für (familiäre) Tätigkeiten einzusetzen, die außerhalb der Warenproduktion liegen, verstößt es gegen das der kapitalistischen Produktionsweise zugrundeliegende Wertgesetz. Es schenkt den Arbeitern Arbeits- und damit Lebenszeit und tritt damit in die Sphäre alternativer Lebens- und Arbeitsweisen ein. Im Einzelfall kann ein solcher Kleinbetrieb wie andere gemeinnützige Einrichtungen auch überleben. Um diese Praktiken zu verallgemeinern braucht es aber mehr als die lineare Vermehrung solcher Einzelbeispiele.

Ohne Zweifel finden derzeit an den unterschiedlichsten Orten, in den Unternehmen, in der Politik, in der Verwaltung, in der Wissenschaft, in der Bildung, in der Kultur, privat und öffentlich tiefgreifende Veränderungen statt, die das Ende der seit dem Ende des 18. Jahrhunderts in Europa und den USA bestehende Familienform und damit der Geschlechterverhältnisse ankündigen. Noch ist aber die Tatsache, dass diese Veränderung langfristig nicht ohne eine radikale Transformation der Produktionsweise erfolgen kann, nicht ins öffentliche Bewusstsein gelangt. Die mehr als 200 jährige Geschichte der bürgerlichen Hausfrauenehe, erhalten durch den Ehemann mit dem lebenslangen sicheren Einkommen geht sehr langsam  zu Ende.  Das Verschwinden des bürgerlichen Familienmodells wird mehr als die Geschlechterverhältnisse in seinen Abgang mitreißen. Das Ausmaß der durch diese Transformation ausgelösten gesellschaftlichen Veränderungen ist jedoch bisher nur einer Minderheit bewusst. Das macht die Agonie des alten Modells besonders schmerzhaft und widersprüchlich. Seine VerteidigerInnen wehren sich hartnäckig gegen das Unvermeidliche und die GegnerInnen haben noch keine Alternative entwickelt, die die bestehenden Ansätze bündelt und mehrheitsfähig ist.      



Literatur


Borchert, Jürgen: “Wozu noch Familie?”, Politik „Die Zeit“, 03/2002

Gaschke, Susanne: “Gleichberechtigung allein ist nicht die Lösung. Sozialdemokraten und Union entdecken die Familienpolitik als Wahlkampfthema. Es wird auch höchste Zeit für neue Ideen”,  „Die Zeit“  19/1999

Dieselbe: „Familie haben heißt verzichten. Naiv ist die Vorstellung, mehr Geld vom Staat brächte automatisch mehr Zufriedenheit“, Politik „Die Zeit“ 49/01

Greiner, Ulrich: „Warum wollen wir Kinder? In den alten Zeiten kamen sie von selber, heute können wir darüber bestimmen. Das ist für manche ein Segen, für andere ein Fluch. Für die Zukunft unserer Gesellschaft ist die Antwort von entscheidender Bedeutung“, „Die Zeit“
47/01

Klammer, Ute u.a. : WSI FrauenDatenReport, Berlin 2000

Mayer, Susanne: „Jetzt bitte: Ein Ruck für die Familien.Wir brauchen eine bessere Politik für Kinder und ihre Eltern“, „Die Zeit“ 46/01

Thadden, Elisabeth von: „Gesucht: Fachkraft mit Familiensinn“, „Die Zeit“ 46/01

Winkler, Gunnar: „Sozialreport 2001. Daten und Fakten zur sozialen Lage in den neuen Bundesländern“, Berlin 2001


Quelle: Das Argument, Nr. 247, Heft 4/2002, S.473-486








 

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