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Beiträge zur Theorie  










Martin Blumentritt

Die verlorene Unschuld der Utopie

"...Utopisches auf die Thomas Morus-Weise zu beschränken oder auch nur schlechthin zu orientieren, das wäre, als wollte man die Elektrizität auf den Bernstein reduzieren, von dem sie ihren Namen hat und an dem sie zuerst bemerkt worden ist. Ja, Utopisches fällt mit dem Staatsroman so wenig zusammen, daß die ganze Totalität Philosophie notwendig wird (...), um dem mit Utopie Bezeichneten gerecht zu werden."(1)

Dem, was Bloch hier sagt, könnte die Kritische Theorie mit Sicherheit zustimmen. Utopie hat in der heutigen Zeit ihre Unschuld verloren.

In einer Welt, die zugleich die reale Möglichkeit einer Welt des Glücks und Friedens wie die des Endes von Möglichkeit überhaupt in sich birgt, kann man nicht mehr hemmungslos - usurpiert von seinen Wünschen -, eine ideale Welt sich vorstellen. Die Träume wirken Adorno zufolge, wenn sie erfüllt werden, so als ob das Beste darin fehlt und schnell eine Ernüchterung eintritt in dem Sinne,

"daß man sich dann fast immer durch die Erfüllung der Wünsche um den Inhalt der Wünsche betrogen sieht, wie in dem Märchen, wo dem Bauern drei Wünsche freigegeben sind und er .. seiner Gattin eine Wurst an die Nase wünscht und einen zweiten Wunsch dazu benutzen muß, diese Wurst von der Nase wieder wegzuwünschen. "(2)

Der Inhalt der Utopie wird also flüchtig, weil die Entzauberung der Welt die Wunschbilder der Vergangenheit in die Wirklichkeit unlängst umgesetzt hat, ohne daß das mit ihnen Intendierte sich einlöste.

Daher ist _der_ Begriff der Utopie zu problematisieren, der meistens unterstellt wird, nämlich der als der Utopie als einem Entwurf. Diese Vorstellung geht im Grunde auf Platon zurück. Die Kritische Theorie prohlematisierte dies folgendermaßen:

"Platons Konzeption hat in aller späteren Gesellschaftsphilosophie, auch der antiplatonischen, nachgewirkt. Wie Platon ging man jeweils aus von den gegebenen gesellschaftlichen Verhältnissen, und das Denken wirkte auf diese zurück. Die Entwürfe der idealen Gesellschaft blieben stets abhängig von der bestehenden. Auch dort, wo die Philosophie vorgibt, das Verhältnis von Macht und Recht nach abstrakten Prinzipien zu konstruieren, gehen positiv oder negativ Kategorien der bestehenden Gesellschaft in sie ein."(3)

Das hat nun für die Erkenntnistheorie der Utopie die Konsequenz, daß man über die Utopie nur negativ reden kann, nicht in dem abwertenden Sinne negativ, sondern im Sinne der bestimmten Negation dessen, was ist. Das Konzept gilt sowohl für die Kritische Theorie als auch für Blochs Utopie als konkreter Utopie, die mit einer "Abschlagzahlung", wie Bloch das ausgepinselte Bild der Utopie nennt, sich nicht zufrieden gibt. Gegen die Bilderverehrer gerichtet wandte Bloch in einer Diskussion mit Adorno folgendes ein:

"Man ist.. betrogen. Es ist entspannt worden, und es gibt eine Verdinglichung von ephemeren (d.h. kurzfristigen/M.B.) oder nichtephemeren Tendenzen, als wäre es schon viel mehr als In-Tendenz-Sein, als wäre der Tag da. Also Bilderstürmerei gegen solche Verdinglichung ist jetzt in dem Zusammenhang völlig richtig. Und das Ungenügen muß wachgehalten werden ."(4)

Die wesentliche Funktion der Utopie ist demnach die Kritik im Sinne der bestimmten Negation. D.h. an dem Falschen konkretisiert sich die Utopie, dort wird sie inhaltlich. Adorno formuliert dies in Anklang an Spinoza: "Falsum est index sui et veri" (Das Falsche ist Zeichen seiner selbst und des Wahren). Vom Falschen, der Realität, ausgehend bestimmt sich das Wahre. Es läßt sich aber nicht hinreichend begründen, weil der menschlichen, endlichen Erkenntnis ein Zugang in das Reich der Freiheit und des Glücks solange versperrt bleibt, wie es nicht auf Erden verwirklicht ist.

Mit Recht muß man unzufrieden mit einem rigorosen Bilderverbot sein, das betont Adorno selbst: "diese Sache hat auch ihr Vertracktes, denn dadurch, daß es uns verboten ist, das Bild zu machen, passiert auch etwas sehr Schlimmes, nämlich daß man zunächst einmal sich unter dem, was da sein soll, je mehr es nur als Negatives gesagt werden kann, um so weniger Bestimmtes mehr vorstellen kann."(5)

Das rigorose Bilderverbot tendiert Adorno zufolge dahin, utopisches Bewußtsein selber zu diffamieren und droht den Willen zur Veränderung selbst zu verschlucken. In den sozialistisch sich nennenden Gesellschaften sei das der Fall, da die Utopielosigkeit in eine Herrschaftsideologie sich verwandelte.

"Demgegenüber", so sagt Adorno an Bloch gerichtet."sollten wir eines festhalten: Wenn es wahr ist, daß ein Leben in Freiheit und Glück heute möglich wäre, dann wäre die eine der theoretischen Gestalten der Utopie.... daß man konkret sagen wurde, was bei dem gegenwärtigen Stand der Produktivkräfte möglich wäre - das läßt sieh konkret und das läßt sich ohne Willkür sagen. Wenn das nicht gesagt wird, wenn dieses Bild nicht auch, fast möchte ich sagen: handgreiflich erscheint, dann weiß man im Grunde nicht, wozu das Ganze eigentlich da ist, wozu die ganze Apparatur in Bewegung gebracht wird."(6)

Bloch und Adorno halten an der utopischen Intention fest, ohne in ein wishful thinking zu regredieren. Damit stehen sie in der Tradition von Hegel und Marx, ohne die Erwartung einer unmittelbar bevorstehenden Revolution mehr teilen zu können.

Die Marxsche Revolutionstheorie basiert in den Frühschriften an die knüpft vor allem Bloch an - auf einer scheinbar materialistischen Transformation der Hegelschen Geschichtsphilosophie, der zufolge die Erbärmlichkeit der Verhältnisse nur die Oberfläche einer substantiellen Wirklichkeit sind:

"An der Oberfläche balgen sich die Leidenschaften herum; das ist nicht die Idee. Das Zeitliche .. ist.. keine wahre Wirklichkeit, wie auch nicht die Partikularität, seine Wünsche Neigungen."(7)

Die Arbeitsmetaphysik des jungen Marx, in die zeitbedingt die Dialektik von bürgerlicher und proletarischer Revolution sich niederschlug unterstellt der Arbeiterklasse eine naturwüchsig sich entwickelnde Radikalität, wie sie sich jedoch nur im Manufakturkapitalismus noch entwickeln konnte, in dem die Arbeit nur formell unter das Kapital untergeordnet war, der konkrete Arbeitsprozeß also noch vorkapitalistisch organisiert war. Die Entfremdung und Ausbeutung erschien daher gegenüber dem Arbeitsprozeß bloß äußerlich: die Welt des Privateigemtums galt als bloßer Schein, hinter dem das Wesen, das in einer Negation der Negation zu sich selbst zurückkehrende Gattungssubjek sich verbirgt.

Der späte Marx erkennt, daß der Kapitalismus erst im kapitalfixierten Maschinensystem seinem eigenen Begriff adäquat wird. An die Stelle der Besonderheit und Geschicklichkeit der Arbeiter tritt ein beseeltes Ungeheuer, das die wissenschaftliche Arbeit objektiviert und die lebendige Arbeit züm isolierten Zubehör degradiert. Eine Radikalität als systembedingte läßt aus der "Logik des Kapitals" sich nicht mehr begründen. Die Geschichtsphilosophie, die der Selbstkritik verfällt, kann nicht mehr Basis der Revolutions theorie mehr sein. Daß Marx trotzdem an eine naturwüchsig sich entwickelnde Negation der Negation, d.h. daran glaubte, daß der Kapitalismus "mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses" seine Negation erzeuge, läßt allenfalls aus seinen Revolutionserwartungen sich erklären. Daß ausgerechnet die Schwachstelle Marxens im Vulgärmarxismus verabsolutiert wurde und zur Legitimationsideologie neuer Herrschaft wurde, sollte bedenklich stimmen.

Adorno knüpft hier an und vollendet die marxsche Kritik der bürgerlichen Geschichtsphilosophie. Hatte Marx den Kapitalismus noch für vernünftig gehalten, weil er die notwendigen Voraussetzungen für die freie Assoziation der Individuen produziere, so führt die Falsifikation der Revolutionserwartungen Marxens zu der Einsicht, daß man dasjenige, was nun existiert, nicht mehr als notwendige Voraussetzung interpretieren darf. Ausschwitz ist nicht die notwendige Voraussetzung für den Kommunismus. Die Nichteinlösung der Marxschen Hoffnungen bedeutet den Rückfall in Barbarei. Heute noch von einem bloß drohenden Rückfall in Barbarei zu sprechen ist demnach euphemistisch, das hat Adorno keinesfalls übersehen.

"Man spricht vom drohenden Rückfall in die Barbarei. Aber er droht nicht, sondern Ausschwitz war er; Barbarei besteht fort, solange die Bedingungen, die jenen Rückfall zeitigten, wesentlich fortdauern. Das ist das ganze Grauen. Der gesellschaftliche Druck lastet weiter, trotz aller Unsichtbarkeit der Not heute. Er treibt die Men- schen zu dem Unsäglichen, das in Ausschwitz nach weltgeschichtlichem Maß kulminierte."(8)

Das Mißlingen der Kultur, der Rückfall in Barbarei läßt sich nicht ausschließlich aus der Kritik der politischen Ökonomie ableiten. Die Gesellschaft ist daher auch in ihrem metaökonomischen Sinn zu erschließen, denn der Faschismus, aber auch der autoritäre Wohlfahrtsstaat, bedeutet einen Übergang in unmittelbare Herrschaft.

Bloch und Adorno geben darauf verschiedene Antworten. Explizit haben sich jedoch hauptsächlich Adorno und Horkheimer zu dem Problem geäußert. Adorno bezog sich auf dem 16.Soziologentag 1968 auf eine von ihm und Horkheimer veröffentlichten Schrift:

"Es will mir scheinen, als ob die Wideraufnahme der Kategorie der Herrschaft ..auf die Dialektik der Aufklärung von Horkheimer und mir zurückgeht. Dabei hat schwerlich die Theorie bloß sich zurückgebildet ... Vielmehr drückt darin sich etwas sehr Reales und Ernstes aus, das im übrigen ja in den bisherigen Beiträgen immer wieder zur Sprache gekommen ist; die Tendenz, daß die gegenwärtige Gesellschaft, wenn, ihre politischen Formen sich unter Zwang radikal an die ökonomischen anschließen sollten, unmittelbar im prägnanten metaökonomischen, nämlich nicht mehr durch den klassischen Tauschmechanismus definierten Formen zusteuert. Daß derartige Tendenzen bestehen, darüber dürfte wenig Kontroverse unter uns herrschen. Dann gewinnt aber tatsächlich der Begriff der Herrschaft eine gewiße Präponderanz gegenüber den rein ökonomischen Prozessen."(9)

"Gewiße Präponderanz": d.h. eine relative Autonomie gegenüber den ökonomischen Prozessen. Hier drückt sich eine Korrektur gegenüber der in der Dialektik der Aufklärung und in den "Reflexionen zur Klassentheor" vertretenden Theorie des Staatskapitalismus, die von einer Liquidierung der Zirkulationssphäre ausgeht bzw. der Ersetzung ihrer Funktionen durch ein System direkter Kontrollen. Der späte Adorno geht dem gegenüber von der These einer relativen Entkopplung von den ökonomischen Prozessen aus, die mit einer langfristig notwendigen Rückkopplung des Entkoppelten, einer Einheit von Trennung und Beziehung (dialektischer Widerspruch) von Gesellschaft und Staat verbunden ist. Damit vermeidet er den Fehler idealistischer politischer Theorien, die von der Autonomie der politischen Sphäre ausgehen. Denn die relative Autonomie ist von den ökonomischen Prozessen gesetzt.

"Strukturell" - so Adorno - "scheinen durch eine immanente sozial-ökonomische Bewegung Formen gezeitigt zu werden, die dann ihrerseits aus dem Determinationszusammenhang der reinen Ökonomie und der reinen gesellschaftlichen Dialektik heraustreten und bis zu einem gewissen Grad sich verselbetständigen, und keineswegs. zum Guten."

Adorno kommt dann zu dem Schluß, daß Herrschaft immer etwas Furchtbares an sich hat:

"Muß man heute zu einer radikalen Kritik von Herrschaft schreiten, so ist der Grund davon nicht der Kindertraum eines seligen Zustan- des unter Palmen, sondern einfach der, daß Herrschaft in sich selbst heute, um sich als Herrschaft zu erhalten, die Tendenz zur Totali- tät ausartet Und was totalitäre Herrschaft bedeutet, wisseA5"Das ist der Grund, warum wir mit dem Begriff der Herrschaft nicht so zimperlich umgehen, nicht auch an seine guten Seiten denken sollten, die sie sicherlich zuzeiten gehabt hat. Gegenüber dem Potential des absoluten Grauens, dem wir nach wie vor gegenüberstehen, können sie ernsthaft nicht ins Gewicht fallen."(10)

Bei Ernst Bloch steht nicht die Kritik der Herrschaft im Vordergrund, sondern die Rekonstruktion des von Herrschaft zerstümmelten Potentials an Tendenzen zur Abschaffung von Herrschaft. Man könnte das Fragment B18 Heraklits als Motto der Blochschen Philosophie vorranstellen: "Wenn das Unerwartete nicht erwartet wird, wird man es nicht entdecken, da es dann unaufspürbar ist und unzugänglich bleibt."(Ubers.Mansfeld)

Die Potentiale von Hoffnung und Erwartung, die - wie trügend sie Bloch zufolge auch sein mögen - nicht restlos durch Herrschaft unterdrückt werden können, macht Bloch zum Thema.- Erwartung, Hoffnung,Intention auf noch ungewordene Möglichkeit: das ist nicht nur ein Grundzug des menschlichen Bewußtseins, sondern, konkret berichtigt und erfaßt, eine Grundbestimmung innerhalb der objektiven Wirklichkeit insgesamt."(11)

Die Hoffnung hat Bloch zufolge unabgeschlossene Daseinsbestimmtheiten zum epistemologischen Korrelat. Hoffnung ist nicht Sache einer objektlosen Innerlichkeit, sondern fundiert in der realen Möglichkeit der Sache selbst, die eine Totalität von Möglichkeiten in sich birgt und mit der Zukunft schwanger geht.

"Trotz des Akzents auf subjektive Intentionsforschung der Erscheinungsformen von Hoffnung und Utopie bildet die objektive Trieblehre die Basis des Prinzips. Marxens Satz aus den Pariser Manusskripten, die Weltgeschichte sei das Werden der Natur für den Menschen, nimmt Bloch wörtlich. Anthropologie und Geschichtephilosophie verbinden sich dergestalt mit Naturspekulation. Die Gleichung Humanismus=Naturalismus, wahre Resurrektion der Natur gehe einher mit durchgeführten Naturalismus des Menschen, bleibt konstitutiv für die Blochsche Philosophie. Mit der Qualifizierung von Matur zur natura naturans, deren Entfaltung zum Utopicum strebe - auch die anorganische habe ihre Utopie -, versucht eine 'breitere Physik' Natur und Geschichte zu vereinen, materialistisch jenen Dualismus der bürgerlichen Geschichtsauffassung aufzuheben."(12)

In letzter Instanz widersteht Bloch nicht der Gefahr den marxschen Begriff revolutionären Praxis zu einer Logik der Materie zu revozieren, der die Geschichte sich unterordnet. Die Mitproduktivität der Materie sei erforderlich, damit Revolution nicht zu einer Donquichoterie werde. Der dialektische Materialismus wird zur metaphysischen Totalitätskategorie aufgebläht, weil der Faschismus der Arbeiterklasse die Reste von Klassenbewußtsein ausprügelte und alle Hoffnung auf das Proletariat allein liquidierte.

Die Kritische Theorie gibt aUf die selben Fragen Antworten wie die Blochsche Philosophie. Die Differenz der Antworten liegt wie immer in der Philosophie in den Nuancen. Und letzlich lohnt es nur über solche zu streiten.

Der Herrschaftsbegriff der Dialektik der Aufklärung

Die "Dialektik der Aufklärung" knüpft, wie oben bereits gesagt, an der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie an. Daß die Autoren dieses Buches anstatt von Produktion oder gesellschaftlicher Arbeit meistens von Tauschgesellschaft sprechen, hat zu Mißverständnissen geführt und häufig wird in der Deutung der Texte der Kritischen Theorie die Kontinuität zur marxistischen Theorie verleugnet. Im Folgenden soll diese Kontinuität herausgestellt werden. In seiner Vorlesung "Zur Einführung in die Soziologie" versucht Adorno den Begriff der Dialektik der Aufklärung auf eine Formel zu bringen:

"Wenn ich Ihnen gesagt habe, daß die gegenwärtige Gesellschaft nur durch die Individuation hindurch vermittelt ist, dann hat das in dem kritisch Sinn zu bedeuten, daß dadurch, daß in den herrschenden Gesellschaftsformen die je einzelnen Menschen ihren je einzelnen Vorteil, den Profit suchen, daß gerade durch dieses Beharren auf dem Individuationsprinzip das Ganze Oberhaupt sich stöhnend, ächzend und unter unaussprechlichen Opfern am Leben erhält und sich Oberhaupt reproduziert. Ich möchte dem noch hinzufügen, daß aber gerade darin, daß die Ganzheit und die Totalität der Gesellschaft sich nicht solidarisch aus einem gesellschaftlichen Gesamtsubjekt am Leben erhält, sondern nur durch die antagonistischen Interessen hindurch, daß dadurch in diese rationale Tauschgesellschaft, konstitutiv von ihrem Wurzelpunkt aus, ein Moment der Irrationalität hineingerät, das allerdings sie in jedem Augenblick zu zersprangen droht. Wenn Sie - auf eine Formel gebracht - erfahren möchten, was unter "Dialektik der Aufklärung" überhaupt real geschichtlich zu verstehen ist, dann ist es eben dieses Moment."(13)

Unter "rationaler Tauschgesellschaft" ist die kapitalistische Form der Produktion als eine strukturelle Einheit von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, Arbeit in einer historisch bestimmten Form der Vergesellschaftung zu verstehen. Die einzelnen Produktionsprozesse sind einerseits über den Markt miteinander verbunden, indem die Arbeitskraft, Rohstoffe und Maschinen gekauft werden, andererseits schließen sie sich durch die Konkurrenz gegenseitig aus, in der Weise, daß über den Mechanismus des Extraprofits, der aus technologisch bedingten Produktivitätsvorsprüngen resultiert, die Einzelbetriebe gezwungen sindpermanent die Technologisierung voranzutreiben. Die dabei implizierte Erweiterung des Wissens, das ermöglicht die Zwänge der Natur zu durchschauen, um sie im Produktionsprozeß anzuwenden, nennen Adorno und Horkheimer mit Weber die "Entzauberung der Welt" oder Aufklärung. Die - wie Marx es nennt zivilisatorische Wirkung des Kapitalismus, die Entwicklung der Produktivkräfte ist das, was Adorno das Rationale an der Tauschgesellechaft nennt. Daß sie in der spezifisch kapitalistischen Arbeitsteilung in Destruktivkräfte sich verwandeln können, wenn die durch das Kapital geschaffen reale Möglichkeit einer freien Assoziation der Individuen nicht in Wirklichkeit sich verwandelt, ist das Moment der Irrationalität.

Der Rückfall in die Barbarei, den die Geschichte zeitigte - das indiziert der Begriff "Dialektik der Aufklärung" - hatte seinen Grund in der Notwendigkeit der erneuten Erhebung der außerökonomischen Zwangsgewalt zur ökonomischen Potenz. Der Ubergang zum, Aktienkapital, der vom Kapitalismus der freien Konkurrenz zu dem des Monopole und daraus resultiernd einer staatsinterventionistisch vermittelten Zirkulationssphäreibeschreibt Marx folgendermaßen:

"Es ist die Aufhebung der kapitalistischen Produktionsweise innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise selbst und daher ein sich aufhebender Widerspruch, der prima facie als bloßer Ubergangspunkt zu einer neuen Produktionsform sich darstellt. Als solcher Widerspruch stellt er sich dann auch in der Erscheinung dar. Er stellt in gewissen Sphären das Monopol her und fordert die Staatseinmischung heraus."(14)

Hier setzen Horkheimer und Adorno an. Ihre Fragestellung ist folgende: Warum fällt das kapitalistische System in dem Moment, in dem das Ausbeutungsverhältnis unverschleiert hervortritt, in die Mythologisierung des Tauschverkehrs mittels der außerökonomischen Zwangsgewalt zurück.

Die Beantwortung der Frage erzwingt eine geschichtsphilosophische Konstruktion, wie sie Marx bereits hinsichtlich der Beurteilung der vorkapitalistischen Produktionsweisen entworfen hatte. Wie die Anatomie des Menschen Marx zufolge die des Affen erklärt, so erklärt die historisch spätere Entwicklung die frühere. Aus der Perspektive der Gegenwart läßt die Mannigfaltigkeit historischer Daten erst zu einer Identität und Kontinuität konstituieren. Aus der Perspektive der Autoren der Dialektik der Aufklärung wird Herrschaft zur Universalie, deren Geneais und den - aus der Kenntnis der Gegenwart begründeten - notwendigen Verlauf zu hinterfragen ist.

Es ist erstens der Begriff der Herrschaft zu exponieren, wie er aus der Analyse der Gegenwart sich ergibt, um zweitens die geschichtliche Genesis von Herrschaft nachzuvollziehen.

Der Begriff der Herrschaft

Zunächst einmal ist Herrschaft in der Kritischen Theorie eine Relation des Allgemeinen zum Individuellen, Besonderen, Einzelen in der das allgemeine Relatum das besondere in einer Weise bestimmt, durch die das Besondere in seinen eigenständigen Entwicklungsmöglichkeiten behindert wird. Wenn einzelne Menschen die Chance haben, Gehorsam bei einem anderen Individuum zu finden, dann nur aufgrund eines Allgemeinen, d.h. einer spezifischen Arbeitsteilung. Die Dialektik der Aufklärung hebt dabei vier Momente hervor, die wir im Anschluß an das Zitat näher erläutern werden:

"Die Arbeitsteilung, zu der sich die Herrschaft gesellschaftlich entfaltet, dient dem beherrschten Ganzen zur Selbsterhaltung. Damit wird notwendig das Ganze als Ganzes, die Betätigung der in ihm immanenten Vernunft, zur Vollstreckung des Partikularen. Die Herrschaft tritt dem Einzelnen als das Allgemeine gegenüber, als die Vernunft in der Wirklichkeit ... Was allen durch die Wenigen geschieht, vollzieht sich stets als Überwältigung Einzelner durch Viele: stets trägt die Unterdrückung der Gesellschaft zugleich die Züge der Unterdrückung durch ein Kollektiv. Er ist die Einheit von Kollektivität und Herrschaft und nicht die unmittelbare gesellschaf tliche Allgemeinheit, Solidarität, die in den Denkformen sich niederschlägt. (15)

Herrschaft und Arbeitsteilung

Herrschaft konkretisiert sich zu einer bestimmten, historisch spezifischen Arbeitsteilung. Sie ist vermittelt durch die jeweiligen Eigentumsverhältnis. Marx bestimmt den Begriff des Eigentums folgendermaßen:

"Eigentum meint .. ursprünglich nichts als Verhalten des Menschen zu seinen Produktionsbedingungen als ihm gehörigen, als den seinen, als mit seinem eignen Dasein vorausgesetzten; Verhalten zu denselben als natürlichen Voraussetzungen seiner selbst, die sozusagen nur seinen verlängerten Leib bilden."(16)

Herrschaft liegt dann vor, wenn die Individuen nicht über die Beziehung zu ihrem verlängerten Leib verfügen, sondern nur unter bestimmten Bedingungen, die von dem Herrscher oder dem herrschende System gesetzt sind, in Beziehung zu ihren Existenzbedingungen treten können. Diese Bedingungen sind historisch spezifiziert: Abgaben, Naturalleistungen, Dienste etc. die ohne Vergütung einem Herrn geleistet werden, Äquivalententausch oder Mehrwert. Nur weil die Arbeitsteilung die Naturbeherrschung den Stoffwechselprozeß des Individuums mit der Natur vermittelt, ist vermittels von Arbeitsteilung Herrschaft möglich. Daher setzt Herrschaft "unversöhnte Natur" voraus.

Herrschaft als unversöhnte Natur

"Die Herrschaft bis ins Denken selbst hinein als unversöhnte Natur zu erkennen aber vermochte jene Notwendigkeit zu lockern, welcher als Zugeständnis an den reaktionären common sense der Sozialismus selbst vorschnell die Ewigkeit bestätigte."(17)

Dialektik der Aufklärung spürt die Herrschaft bereits im Denken auf, wobei mit Denken die gesellschaftliche Organisation des Denkens mitgemeint ist. Das naturwissenschaftliche Denken dient als Beispiel dafur, wie allgemeingültige Erkenntnisse zustande kommen. Um die intersubjektive Gültigkeit zu erreichen muß der Wissenschaftler von seiner Individualität abstrahieren. Nicht das besondere Individuum ist Subjekt der Forschung, sondern das einzelne, d.h. das durch eine allgemeine Logik bestimmte Individuum. Die Kritische Theorie reflektiert also den Zusammenhang zwischen Psychologie und Erkenntnistheorie. Das Transzendentalsubjekt Kantens wird historisch geortet in der auf Geldwirtschaft basierenden gesellschaftlichen Arbeit. Bei Adorno heißt es:

"Das Tauschprinzip, die Reduktion menschlicher Arbeit auf den abstrakten Allgemeinbegriff der durchschnittlichen Arbeit, ist Urverwandt mit dem Identifikationsprinzip. Am Tausch hat es sein gesellschaftliches Modell, und es wäre nicht ohne es; durch ihn werden nichtidentische Einzelwesen und Leistun- gen kommensurabel, identisch"(18)

Und an anderer Stelle heißt es:

"Jenseits des identitätsphilosophischen Zauberkreises läßt sich das transzendentale Subjekt als die ihrer selbst unbewußte Gesellschaft dechiffrieren. Ableitbar ist noch solche Unbewußtheit."(19)

Die gesellschaftliche Arbeit erscheint als Inbegriff geistiger Faktoren, dem die Natur als chaotische Mannigfalltigkeit gegenübersteht. In der Tat gibt es in der Natur an sich keine im strikten mathematischen Sinne gesetzmäßige Verlaufsform, Beobachtungen oder Wahrnehmungsurteile liefern keine objektive Erkenntnis. Da tritt die Störfaktorentheorie in den Vordergrund. (20) Sie behauptet, daß die Gesetzmäßigkeiten durch Störungen bloß verdeckte und wir eine Gesetzmäßigkeit supponieren müssen oder in Kants Worten: Kausalität ist weder beobachtbar noch bloße Gewöhnung, sondern wir setzen sie immer schon voraus als Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung und deren Gegenstände. Durch das Experiment werden tendenziell die Störfaktoren beseitigt, einzelne Funktionszusammenhänge isoliert. Der größte Störfaktor ist der Forscher, von allen qualitativen, individuellen, sinnlichen Momenten muß er abstrahieren. Das ist das, was die Dialektik der Aufklärung Selbstbeherrschung nennt. Im Experiment wird dann durch die bestimmte Anordnung steuerbarer Faktoren versucht, durch Kontrolle dieser Faktoren die wiederholbare Herstellung von gewünschten Effekten.zu erreichen. Diese Wiederholbarkeit ist die Bedingung der Möglichkeit der technologischen Anwendung.

Die Anwendung setzt die Koordination verschiedener Einzeluntersuchungen voraus, denn jeder Wissenschaftler hat es mit partikuliren Zusammenhängen zu tun und weiß gar nicht, was sein Kollege tut. Die einzelnen Untersuchungen sind 1) über den Markt verbunden und 2) über die technische Anwendung, die durch den Automatismus der Produktivkraftanwendung immer neue Innovationen benötigt.

Der Gesamtprozeß, der gar nicht Gegenstand wissenschaftlicher Forschung sein kann, entzieht sich der Begreifbarkeit, der vollständigen Kontrolle, so daß Nebenfolgen aufgrund der Arbeitsteilung nicht immer abschätzbar sind. Das führt zur Unsicherheit und deren Kompensation durch Kontrollen. Sämtliche Bereiche müssen bürokratisiert und verwaltet werden.

Die Naturbeherrschung schließt demnach bisher Menschenbeherrschung ein, was in die Begrifflichkeit der Wissenschaften eingewandert ist.

Die Herrschaft drückt sich aus 1) als Selbstbeherrschung, Kontrolle des Körpers, Abstraktion von den Bedürnissen usw. 2) in der Déformation professionelle, die aus der Spezialisierung resultiert:

"Eine gewisse geistige und körperliche Verkrüpplung ist unzertrenn- lich von der Teilung der Arbeit."(21) als Sicherung vor Störungen:

"Die konkreten Arbeitsbedingungen in der Gesellschaft erzwingen den Konformismus und nicht die bewußten Beeinflussungen, welche zusätzlich die Menschen dumm machten und von der Wahrheit abzügen."(22)

Einheit von Kollektivität und Herrschaft

Die Überwältigung Einzelner durch Viele ist eine Erscheinungsform von Herrschaft. Selbst das drohende Kollektiv gehört nur zur trügenden Oberfläche, unter der die Mächte sich bergen, die es als gewalttätiges manipulieren. Das Kollektiv ist die Summe aller Einzelnen, deren Individuationsprinzip überindividuell sich konstituiert. Die Genese der Neigung des Individuums zur Identifikation mit der Masse entwickelte Freud individualpsychologisch, so daß er die massenpsychologischen Eigenschaften nicht an rätselhaften Qualitäten festmachte. Die Manipulation setzt nämlich die Manipulierbarkeit der Individuen voraus. Die Manipulation reproduziert und erweitert bloß präexistente Bereitschaft des Individuums. Diese Bereitschaft hat ihren Grund in den Versagungen, die die moderne Gesellschaft den Individuen aufbürdet; dies führt zur Entindividualisierung und Ich-schwäche. Denn das Ich hat Freud zufolge eine Kehrseite:

"Das Ich ist doch nur ein Stück vom Es, ein durch die Nähe der gefahrdrohenden Außenwelt zweckmäßig verändertes Stück. In dynamischer Hinsicht ist es schwach, seine Energien hat es dem Es entlehnt ... Man könnte das Verhältnis des Ichs zum Es mit dem des Reiters zu seinem Pferd vergleichen. Das Pferd gibt die Energie für die Lokomotion her, der Reiter hat das Vorrecht, das Ziel zu bestimmen, die Bewegung des starken Tiers zu leiten. Aber zwischen Ich und Es ereignet sich allzu häufig der nicht ideale Fall, daß der Reiter das Roß dahin führen muß, wohin es gehen will."(23)

Die Sonderung von Ich und Ich-Ideal, das ist die Summe der Einschränkungen, dem das Ich sich fugen soll, findet bei den meisten Individuen gar nicht statt. Die Einziehung des Ideals ist jedoch Freud zufolge nicht ein großes Fest, sondern umgekehrt ist das Zusammenfallen von Ichideal und Ich ein Triumpf. Das Mimikry-Verhalten, das das Ich, das Realitätsprinzip inthronisiert, wiederholt sich in der "Identifikation mit dem Angreifer"(A.Freud). Die Identifikation ist ambivalent, "sie kann" - so Freud "sich ebenso zum Ausdruck von Zärtlichkeit wie zum Wunsch der Beseitigung wenden."(24) Die Führer von Massenbewegungen können ihre aggressiven Wünsche, die die nach außen hin Friedlichen haben, leicht nach außen wenden. Le Bon, der solche Phänomene beschrieb, weist darauf hin, daß man mit Vernunft und Argumenten nicht gegen gewisse Formeln und Worte ankämpfen kann, ja sie unter einem mythisch anmutenden Bann stehen.

Genesis und Selbstdementierung der Aufklärung

Die Aufklärung verfolgt das Ziel, den Menschen die Furcht zu nehmen. Ihr Motiv ist jedoch die Angst vor der Übermacht der Natur. Die Menschen hatten nur die Wahl zwischen der Unterwerfung der Natur oder Unterwerfung unter die Natur. Die Aufklärung vollzieht drei Schritte in der Unterwerfung der Natur, wobei der letzte die ersten dementiert: 1) die Genesie des Mythos als Aufklärung; 2) der Prozeß der Aufklärung als Entmytholoäisierung; 3) die Mythologisierung der Aufklärung als deren Selbetzerstörung.

Mythos als Aufklärung

Der Übergang von der Stufe der Jäger- und Sammlerkultur zu der der Ackerbauern führt von der präanimistischen Magie zum Mythos. Der Animismus unterscheidet bereits zwischen Wesen und Erscheinung, zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt. Die Zauberer oder Priester verwandeln sich in Herren:

"Bald bevölkern die Zauberer jeden Ort mit Emanationen und ordnen der Vielfalt der sakralen Bereiche die der sakralen Riten zu. Sie entfalten mit der Geisterwelt und deren Eigenheiten ihr zünftiges Wissen und ihre Gewalt. Das heilige Wesen überträgt sich auf die Zauberer, die mit ihm umgehen..Wenn der nomadische Wilde bei aller Unterwerfung auch an dem Zauber, der sie begrenzte, noch teilnahm und sich in Wild verkleidete, um es zu beschleichen, so ist in späteren Perioden der Verkehr mit Geistern und die Unterwerfung auf verschiedene Klassen der Menschen verteilt."(25)

Die vertikale Arbeitsteilung ist von Anfang an vermittelt über die Naturbeherrschung, deren Wissensformen von der herrschenden Klasse - die Priesterkönige, später orientalische Despoten - usurpiert werden. Die Klassenspaltung setzt die Befreiung des Herrn von der Arbeit und damit die Freiheit des Denkens von der Naturverflochtenheit. Odysseus, der Grundherr braucht z.B. nicht arbeiten und kann auf die Abenteuerfahrt gehen.

Aufklärung als Entmythologisierung

Der Mythos hatte die eigentliche Aufklärung vorbereitet, der die Mythen zum Opfer fallen: "In der wissenschaftlichen Kalkulation des Geschehens wird die Rechenschaft annulliert, die der Gedanke in den Mythen einmal vom Geschehen gegeben hatte."(26)

Wenn der Mythos in Aufklärung übergeht, geht die Natur in bloße Objektivität über. Nicht die Sache selbst, sondern was man mit ihr machen kann, ist das Interesse und die menschliche Tätigkeit kann nur raum-zeitliche Veränderungen hervorbringen, so daß letztlich die mathematische Methode über die Wissenschaft siegt. Die Natur gilt ihr als bloßes Substrat von Herrschaft. Da schließt die Beherrschung des Selbst ein: "Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische zweckgerichtete Charakter des der Menschen geschaffen war, und etwas davon wird noch in jeder Kindheit wiederholt."(27)

Die Kritische Theorie ist jedoch weit davon entfernt die Aufklärung - das gilt auch für die neuzeitliche bloß zu verurteilen; sie ist ein notwendiger Schritt.

"In der Tat war es notwendig, daß die Vernunft sich von den gegenständlichen Momenten ablöste und selbständig machte, um dem blinden Naturzwang sich zu entwinden und die Natur in jenem Maße zu beherrschen, das uns freilich heute in Schrecken versetzt...Nicht in dem, was Vernunft vollbringt, sondern in ihrer Selbstinthronisierung lag das Unheil, das die Selbstzerstörung nach sich zog."(28)

Selbstzerstörung der Aufklärung

Die Anwendung der Ergebnisse der Aufklärung nimmt in der bestehenden Arbeitsteilung eine unvernünftige Form an. D.h. der Verwendungszusammenhang der Wissenschaften impliziert das Leiden der Subjekte. Die Aufklärung hatte das Selbst von der Triebhaftigkeit des Menschen losgelöst. Das Selbst, das erhalten wird, ist eines, das sich durch die Abstraktion von innerer und äußerer Natur konstituiert, aber dennoch die Energie von der inneren Natur sich borgt. Die Aufklärung wird damit ziellos: Selbsterhaltung ohne Selbst. Das führt zur Regression: der Rationalismus kippt um in Irrationali@smus, weil die Vernunft aus lebenspraktischen GrÜnden suspendiert wird. Vernunft scheint unmittelbar mit den Destruktivkräften identisch geworden zu sein. Die Kritische Theorie - von strukturalistischen Varianten der Interpratation wird sie gerne auf diese Position reduziert - will die Vernunft nicht suspendieren, sondern ihre Selbstbesinnung, die im modernen Positivismus i.w.S. verloren ging, vorantreiben. Selbst die instrumentelle Vernunft stellt der Kritischen Theorie zufolge den Anspruch auf Allgemeingültigkeit und Wahrheit der Erkenntnisse.

"Die Instrumente der Herrschaft, die alle erfassen sollen, Sprache, Waffen, schließlich Maschinen, müssen sich von allen erfassen lassen. So setzt sich in der Herrschaft das Moment der Rationalität als ein von ihr verschiedenes durch. Die Gegenständlichkeit des Mittels, die es universal verfügbar macht, seine 'Objektivität' für alle, impliziert bereits die Kritik von Herrschaft, als deren Mittel Denken erwuchs ... in der Gestalt der Maschinen aber beweist die entfremdete Ratio auf eine Gesellschaft sich zu, die das Denken in seiner Verfestigung als materielle wie intellektuelle Apparatur mit dem befreiten Lebendigen versöhnt und auf die Gesellschaft selbst als reales Subjekt bezieht. Seit je war der partikuare Ursprung des Denkens und seine universale Perspektive untrennbar."(29)

Das führt dazu. daß Denken überhaupt als Ideologie verleugnet wird. Adorno machte in seiner Vorleaung "Einleitung in die Soziologie" die Feststellung, daß die Vernunftspotentiale derart angewachsen sind, daß "die Möglichkeit, daß man ..der gesellschaftlichen Vorgänge sich bewußt wird, anstatt sie einfach zu akzeptieren, derart gewachsen, daß mit restaurativen Argumenten jedenfalls nicht mehr durchzukommen ist, und daß das Zurückgebliebene sich selber nur rechtfertigen kann dadurch, daß es sich als das Fortgeschrittene apostrophiert."(30)

Zusammenfassung

Herrschaft besteht In der Abstraktion von den Glücksansprüchen der Individuen, deren Einlösung durch die jeweils historisch spezifische Organisation des Verhältnisses des Menschen zur Natur bisher verhindert wurde. Die Aufklärung, die zum Anwachsen der Mittel zur Befriedigung der Glücksansprüche beigetragen hatte, die Vernunftspotentiale überhaupt verkehren sich aufgrund undurchschauter Abstraktionen In die Objektivierung der Vernunft in einer irrationalen Weise. Die lnstrumentelle Vernunft widerspricht ihrem eigenen Begriff, insofern sie in der bestehenden Arbeitsteilung sich zum Selbstzweck generlert und sich gegen den unhintergehbaren Anspruch auf Glück wendet. Da die materiellen Produktivkräfte derart sich entwickelt haben, daß materielle Not nicht mehr nötig und die Abschaffung der Arbeit tendenziell möglich wäre, läßt das bestehende kapitalistische System nur durch die Ergänzung der ökonomischen Formen der Herrschaft durch meta-ökonomische sich aufrechterhalten. Über bestimmte psychologische Mechanismen, wie sie in Massenphänomenen auftreten, vollzieht Herrschaft sich in der Form der Herrschaft des Kollektiv über den Einzelnen, die durch Verinnerlichung zum Konformitätszwang wird. Aufgrund dieses Sachverhalts verlieren die Vernunftspotentlale - inklusive des Zwangs des besseren Arguments - Ihre Wirksamkeit. Das Ziel der Kritischen Theorie ist ein vorbereitendes Denken für eine Welt in der "keiner ohne sinnvollen Grund zu Leiden hat; denn vor der Vernunft bedarf nicht das Glück, sondern nur das Elend eines Grundes."(31)


Ernst Blochs Konkrete Utopie

Prinzip Hoffnung als Ontologie des Noch-Nicht-Seins

Die traditionelle Ontologie, die das Seiende als Seiendes reflektierte, fundierte die Erkennbarkeit des Seienden im objektiven Logos des Seins. Die Leugnung der konstitutiven Funktion des erkenntnisbemühten Subjekts für die Gegenständlichkeit und Logizität der Erkenntnisobjekte zog die nominalistische Kritik und die kopernikanische Wende Kants nach sich, der zufolge das Objekt dasjenige ist, in dessen Begriff das Mannigfaltige einer Anschauung vereinigt ist. Die Synthesis ist als alleinige Leistung des Subjekt interpretiert, während dem Denkfremden, das unter dem Titel des Dings an sich keineswegs geleugnet wird, keine konstitutive Funktion für den Erkenntnisprozeß zugestanden wird. Dies tut erst Hegel, der davon ausgeht, daß im Erkenntnisprozeß das Denken in der Relation zum Gegenstand erst seine eigene Bestimmung erfährt. Das Denken und dasjenige,worauf es sich bezieht, stehen sich nicht mehr gleichgültig als selbständige Entitäten gegenüber. Hegel bringt damit sowohl die Kantische Transzendentalphilosophie als auch die Aristotelische Ontologie zum Ausdruck, welche damit kein unvermittelter Realität mehr ist. Die kantischen - bloß subjektiven - Kategorien gewinnen Hegel zufolge, weil sie aus dem Objektiven ihre Kraft gewinnen, absolute Bedeutung, indem gelungene Erkenntnis Sein und Denken in der Weise synthetisiert, daß sie als Momente eines Ganzen, Absoluten sich erweisen. Nur im System ist das Telos Hegel zufolge zu erreichen. Der menschliche Intellekt erkennt das Absolute, das identische Subjekt-Objekt, indem das Absolute, Gott selbst es ist, der sich mit sich zusammenschließt.

Die Blochsche Ontologie greift diesen Gedanken auf, um ihn zu transformieren:

"Der Dialektiker Hegel ließ durch die Idee geschehen, was einzig durch Körper und Menschen geschah , doch oft ließ er auch in der Idee nur reflektieren, was sich in konkreten Daseinsverhältnissen zutrug. Diese durchgängige dialektische Gesetzmäßigkeit haben Marx und Engels.. 'in die materialistische Geschichtsauffasssung hinübergerettet'.(...) Was bei Marx aufhört, ist Hegels Dialektik als bloße Hin- und Widerrede eines Weltgesprächs, gar reines Weltbildners mit sich selbst: das ist das falsche Geistsubjekt bei Hegel, das von Marx völlig aufgegebene. Aber Dialektik als reeler Prozeß wird nach Wegfall des idealistischen Scheins erst recht sichtbar; sie ist das Bewegungsgesetz der Materie."(32)

Aus dem geistigen Subjekt-Objekt Hegels wird das materielle. Die Materie ist Bloch zufolge "kein toter Klotz", wie die mechanischen Materialisten sie bestimmten, sondern das Substrat realer Möglichkeit, in dem das utopische Totum bereits impliziert ist, deren Zielinhalt das "Verum Bonun' ist, das in der Geschichte sich entfaltet, indem die unabgeschlossenen Möglichkeiten zu einem konkret-utopischen Ganze sich entfalten:

"Die Materie stellt hierbei die Substanz dar, die in der 'Arbeitsteilung' Subjekt-Objekt gemeinsam enthaltene, welche in und durch die tätig-gegenständliche Dialektik zwischen Subjektund Objekt erst zu ihren unabgeschlossenen Möglichkeiten, vielmehr: möglichen Wirklichkeiten sich entwickelt."(33)

Der aristotelische Möglichkeitsbegriff bzw. Materiebegriff wird bei Bloch zur natura naturans, zum Natursubjekt, umgedeutet, deren Finalität die menschliche Praxis nicht entfliehen kann bei Strafe des Sichverwandelns der Praxis in Donquichoterie.

Eine Ontologie nicht des Seienden als Seienden, sondern als des Noch-Nicht-Seinenden ist die Blochsche Utopie, insofern der Prozeß, der im Utopicum resultiert,als auch verfehlbar gedacht ist. Herrschaft und Ideologie sind Bedingungen des Mißlingens von Geschichte, die Marx Bloch zufolge in der Kritik der politischen Ökonomie als "Berichtigungen" der Antezipation der Utopie analysiert. Die Materie hat also amphibolischen Charakter: sie ist

"sowohl das Nach-Möglichkeit-Seiende (kata to dynaton), also das, was das jeweils geschichtlich erscheinende bedingungsmäßig, historisch- materialistisch bestimmt, wie das In-Möglichkeit-Seiende(Sein) (dynamei on), also das Korrelat des objektiv-real-Möglichen.. Die Materie ist bewegt, indem sie in ihrem zu sich offen Möglichen ein ebenso unausgetragenes Sein ist, und sie ist nicht passiv wie Wachs sondern bewegt sich selber formend, ausformend. Und der Geist ist darin kein Triumpf gegen sie ... sondern ihre eigene Blüte, aus dem Substrat keineswegs herausfallend."(34)

Die Verabsolutier@aungen entweder des subjektiven Faktors (Anarchismus) oder des objektiven (Sozialdemokratismus) führen entweder in Amoklauf oder verschworene Duldsamkeit, die bloß "die bestehende Gesellschaft ohne ihre Mißstände"(Engels) will. Der subjektive Faktor kann Bloch zufolge nicht gegen die objektive Gesetzmäßigkeit handeln, insofern ist Freiheit Einsicht in die Notwendigkeit. Die objektive Gesetzmäßigkeit ist jedoch nicht vollständig ausdeterminiert, d.h. offen für objektiv-reale Möglichkeit, Veränderung. Geschichte schreitet demnach nicht automatistisch voran, es sei denn aufgrund mangelnder Einsicht in die Notwendigkeit der Freiheit.

Die in der Geschichte auftretenden objektiven Widersprüche sind daher ein subjektives Ungenügen am Bestehenden. Die Aktivität der Subjekte hat ihre Möglichkeit des tätigen Eingriffs aufgrund dieser Widersprüche:

"In die Bruchstelle objekthafter, im Objekt sich entwickelnder Widersprüche (Krise, Krieg, Mißverhältnis zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen) kann der aktive Widerspruch einhaken. Kann das Fallende auch noch gestoßen werden, die Negation homogen zum Austrag kommen, zur revolutionären Konsequenz ."(35)

Bloch nimmt also die endlich-teleologische Praxis des Menschen mit hinein in die Dialektik der Materie. Weltgeschichtliches Telos ist dann das Zusammenfallen von Denken und Sein, von Begriff und Klassenbewußtsein i.S. der Klassentheorie G.Lukacs, das Bloch - den jungen Marx wörtlich nehmend - Humanisierung der Natur und Naturalisierung des Menschen nennt und verabsolutiert zum Subjekt-Objekt der Geschichte:

"Die Aufhebung des Proletariats ist die Verwirklichung der Philosophie, die Aufhebung der Philosophie ist die Verwirklichung des Proletariats; mit anderen Worten: das (aufgehobene) Proletariat ist das wahre Wir der Geschichte, ihre Materie zugleich, ist das endlich sich antreffende identische Subjekt-Objekt der Geschichte."(36)

Zum Schluß ist noch zu bemerken, daß Bloch nicht auf den systematischen Gedanken seiner Philosphie zu reduzieren ist. Sein eigenes - kämpferischen Lleben, weniger seine Leiden, gehen in sein Werk ein. Das entscheidene an seinem Werk ist die Verknüpfung von Philosophie und Revolution eingedenk der Tatsache, daß die Verhältnisse nur begreifbar erscheinen, wenn man sie verändern will. Sein Realitätssinn hat indes aus seiner Hoffnung niemals blinden Optimismus, d.h. Zynismus werden lassen, so daß man sagen kann, daß seine Philosophie zwischen Eschatologie und Verzweiflung angesiedelt scheint.


© Martin Blumentritt, Hamburg 1995



Anmerkungen

Einleitung (Die Verlorene Unschuld der Utopie)

1) E.Bloch, Prinzip Hoffnung, p.14

2) Etwas fehlt ... Über die Widersprüche der utopischen Sehnsucht Ein Gespräch mit Theodor W. Adorno 1964, in R.Traub/H.Wieser(Hrg) Gespräche mit Ernst Bloch; cit. Traub p.58

3 Institut für Sozialforschung: Soziologische Exkurse (unter An- leitung von Adorno und Horkheimer p.10f

4) Traub p.69

5) Traub p.7@0f

6 )Traub p.71

7) Hegel Werke in zwanzig Bänden p.111

8) Adorno, Erziehung nach Ausschwitz, in: Stichworte p.85

9) Adorno, Gesammelte Schriften p.583 £7S-L9)

10) ebenda P.584

11) E.Bloch Prinzip Hoffnung p.5

12) H.Reinicke, Materie und Revolution p. III f.

Der Herrschaftsbegriffin der Dialektik der Aufklärung

13) Adorno, Vorlesungen zur Einleitung in die Soziologie P.47

14) K.Marx, Das Kapital III, MEW25, p.454

15) Horkheimer/Adorno, Dialektik der Aufklärung(DA) p.23

16) Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie p@.391

17) DA P.40

18) Adorno, Negative Dialektik p.147

19) ebenda p.177

20) vgl. B.v@.Greiff, @Gesellschaftsform und Erkenntnisform; W.Müller, Geld und Geist; P.C.Seel, Erkenntniskritik als Ökonomiekritik; P.Bulthaup, Zur gesellschaftlichen Funktion der Naturwissenschaften; K.D.Oetzel, Erfahrung und Wertabstraktion; K.H.Haag, Fortschritt der Philosophie; G.Mensching, Zum historischen Ursprung des Marxschen Arbeitsbegriffs in: Krise und Kritik hrg. G.Schweppenhäuser unter dem Titel: Nominalistische und realistische Momente des Marxschen Arbeitsbegriffs; J.Pukies, Das Verstehen der NaturwissenschaftE Die Autoren reflektieren das Verhältnis von Denken und Gesellschaftsform von einem von der Kritischen Theorie beeinflußten Ansatz her.

21) K.Marx, Kapital I MEW23, p.384

22) DA P.36

23) S.Freud, Studienausgabe I. p.513f

24) S.Freud, Studienausgabe IX. p.98

25) DA p.22

26) DA p.11

27) DA p.33

28) Horkheimer Zum Begriff der Vernunft, in :Sozialphilosophische Schriften ;.56

29) DA p@.37

30) Adorno, Vorlesungen ... p. 49

31) Horkheimer, Krtische Theorie I, 215

Ernst Blochs Konkrete Utopie

32) Bloch, Subjekt-Objekt p. 409

33) Bloch, Subjekt-Objekt p. @438

34) Bloch, Tübinger Einleitung in die Philosophie, p.234 (TE)

35) TE 315

36) Bloch, Gesamtausgabe X. p.615


Quelle: cl, Message-ID: <5xVpkFsYfCB@p-mbl.cl-hh.comlink.de>, 08.11.1995









 

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