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Beiträge zur Theorie  










Martin Blumentritt

Die Diktatur der Idee des Proletariats - Differenzen in der Hegelkritik des Jungen Lukacs und Adorno

Vortrag in Wroclav (Polen) Hegelkongreß 1990

In "Spengler nach dem Untergang" kritisiert Adorno die Vertreter materialistischer Dialektik, sie hätten "nicht die Ideen der Menschlichkeit, Freiheit, Gerechtigkeit in Frage gestellt, sondern den Anspruch der bürgerlichen Gesellschaft, die Verwirklichung dieser Ideen darzustellen. Ihnen war die Ideologie Schein, aber doch der Schein der Wahrheit. Versöhnender Abglanz fiel damit wenn nicht auf das Bestehende, so zumindest auf dessen »objektive Tendenzen«."(P, 71))

In der englischsprachigen Urfassung benannte er noch Lukács als zu den Wenigen gehörig, die der Frage nachgingen, wie ausgerechnet diejenigen, die die ganze Last zu tragen haben, das Bestehende zu verändern in der Lage sein sollen. Bei der Beantwortung dieser Frage galt Lukács als auch Adorno Hegels Theorie des Geistes, dem einen eher affirmativ, dem anderen negativ, als Bezugspunkt ihrer Gesellschaftskritik. Das ihnen gemeinsame - sei's heimliche sei's offene - Mißtrauen gegenüber dem revolutionären Potential des Proletariats führte indes zu unterschiedlichen theoretischen Konsequenzen.

Der Sachverhalt, daß "das Proletariat häufig eine viel geringere Einheitlichkeit und Geschlossenheit in seinem Handeln zeigt als es der Einheit der objektiv-ökonomischen Tendenzen entsprechen würde"(GUK, 86f), verführte Lukács dazu, dem Klassenbewußtsein einen gegenüber der Empirie tranzendenten Status einzuräumen: Es ist "nicht das psychologische Bewußtsein einzelner Proletarier oder das (massenpsychologische) Bewußtsein ihrer Gesamtheit (...), sondern der bewußt gewordene Sinn der geschichtlichen Lage der Klasse."(GUK, 86)

Lukács gerät so in die Aporie, einerseits zu unterstellen, daß das Proletariat keine Wahl hätte als "die ökonomische Notwendigkeit seines Klassenkampfes zum bewußten Wollen, zum wirksamen Klassenbewußtsein (zu) erheben"(GUK, 89), auf der anderen Seite zu fordern "den Abstand, der den Bewußtseinszustand selbst der revolutionärsten Arbeiter vom wahren Klassenbewußtsein des Proletariats trennt, (nicht zu) übersehen".(GUK, 93)

Daß die objektiv-ökonomische Tendenz diesen Abstand vergrößerte) und nicht - sollizitiert durch die ökonomische Krise, wie Lukács erwartete - dem Proletariat im Westbereich revolutionäre praktische Konsequenzen aufnötigte, erfordert, die Prämisse, aus der Krisentheorie Marxens lasse eine Revolutionstheorie sich entwickeln, zu hinterfragen. Denn diese steht im Widerspruch dazu, daß bei Marx genau umgekehrt jene als eine Theorie der Selbstregulation, nicht als Zusammenbruchstheorie konzipiert war:

"Die Krisen sind immer nur momentane gewaltsame Lösungen der vorhandnen Widersprüche, gewaltsame Eruptionen, die das gestörte Gleichgewicht für den Augenblick wieder herstellen."(MEW 25, 259) Die Krise erscheint als katastophale Herstellung einer notwendigen Einheit zusammengehöriger Momente: "Da sie nun doch zusammengehören, so kann die Verselbständigung der zusammengehörigen Momente nur gewaltsam erscheinen, als zerstörender Prozeß. Es ist die Krise, worin ihre Einheit sich betätigt, die Einheit der Unterschiedenen. Die Selbstständigkeit, die die zueinander gehörigen und sich ergänzenden Momente gegeneinander annehmen, wird gewaltsam vernichtet. Die Krise manifestiert also die Einheit der gegeneinander verselbständigten Momente"(MEW 26.2, 511).

Unschwer läßt hier die Hegelsche Reflexionsbestimmung des Widerspruchs sich entdecken, der "Einheit von solchen, die nur sind, insofern sie nicht eins sind, - und der Trennung solcher, die nur sind als in derselben Beziehung getrennte"(HW, 65). In der Krise manifestiert sich also ein Widerspruch im Sinne Hegels und begründet eine neuen Stufenleiter der gesellschaftlichen Produktion. Dabei wird das Bewußtsein der Autonomie durch die Erfahrung der eigenen Heteronomie erschüttert: "Unsere Warenbesitzer entdecken (...), daß dieselbe Teilung der Arbeit, die sie zu unabhängigen Privatproduzenten, den gesellschaftlichen Produktionsprozeß und ihre Verhältnisse in diesem Prozeß von ihnen selbst unabhängig macht, daß die Unabhängigkeit der Personen voneinander sich in einem System allseitiger sachlicher Abhängigkeit ergänzt."(MEW 23, 122)

Marx hat im Kapital das ökonomische Bewegungsgesetz entfaltet, dem gemäß die Möglichkeit der Krise zur Wirklichkeit sich entfalten muß und gezeigt, wie das Kapital immer wieder an seine eigene Schranke stößt, um sie auf höherer Stufenleiter zu überwinden. Etwas verkürzt zusammengefaßt: Die einzelnen Betriebe müssen bei Strafe des Untergangs, die Produktivkräfte der Arbeit vermehren, um gegenüber den Konkurrenten Extra-Profite, die aus temporären Produktivitätsvorteilen gegenüber den Konkurrenten resultieren, zu erwirtschaften. Was die Konkurrenz den Einzelnen aufzwingt, führt gesamtgesellschaftlich aber zur Abnahme der Profitrate, infolge der allgemeinen Steigerung der Produktivität sinkt der Wert (nicht der Gebrauchswert) der Produkte.

D.h. die gesamtgesellschaftliche Steigerung der Produktivkräfte hat die Zunahme der Investitionen in Produktionsmittel zuungunsten der zahlungskräftigen Nachfrage nach Konsumtionsgüter, steigende organische Zusammensetzung des Kapitals, zur Voraussetzung, falls dies nicht durch eine überproportionale Verbilligung der Investitionsgüter kompensiert wird. Die sinkende Nachfrage nach Konsumgütern führt zur Senkung der Nachfrage nach Investitionsgütern. Die Überakkumulation von Produktionsmitteln und die Senkung der Durchschnitts-Profitrate löst den Krisenmechnismus aus, der durch Entwertung des überproduzierten Kapitals, m.a.W. durch den Niedergang einiger Konkurrenten, wieder zur Erhöhung der Profitrate führt.

Die permanente Bedrohung der Lohnarbeiter mit Arbeitslosigkeit führt in der Krise zur antagonistischen Zersetzung der Arbeiterklasse). Da deren Reproduktion die des Kapitals immer schon einschließt, setzte die Abschaffung des Kapitals die Unterbrechung des Arbeitsprozesses voraus, vor der die Einzelnen in der Form von Arbeitslosigkeit sich fürchten. Historisch reifen so allenfalls die objektiven Bedingungen, keinesfalls zureichende Gründe) der Überwindung kapitalistischer Produktionsverhältnisse:

"Die Entwicklung der Produktivkräfte der gesellschaftlichen Arbeit ist die historische Aufgabe und Berechtigung des Kapitals. Eben damit schafft es unbewußt die materiellen Bedingungen einer höheren Produktionsform."(MEW 25, 269)

Hieraus ist zu ersehen, daß der Begriff der Arbeit bei Marx dialektisch bestimmt ist, sie hat die Potenz sich selbst als notwendige aufzuheben und damit die Menschen aus der Verstrickung mit der Naturnotwendigkeit, aus dem "Reich, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigweit bestimmt ist,"(MEW 25, 828) zu befreien. Bereits der Lob der Arbeit und der Industrie als dem "aufgeschlagenen Buch der menschlichen Wesenkräfte" ist in diesem Sinne zu verstehen, nicht die notwendige, sondern die freie Arbeit könnte "erste(s) Lebensbedürfnis" und nicht bloß "Mittel zum Leben"(MEW 19, 21) sein. Dies gilt auch dann, wenn Arbeit als "ewige Naturnotwendigkeit" nicht vollends zu beseitigen wäre, sondern nur ihre gesellschaftliche Form als abstrakte Arbeit, die die Produktion im Reiche der Notwendigkeit als Selbstzweck impliziert.

Die Potenz der Arbeit zur Negation ihrer selbst verkehrt sich indes in ihr Gegenteil, da die Objektivation der Produktivkräfte in der Form der reellen, die konkrete Arbeit selbst verändernde, Subsumtion unter das kapitalistische Produktionsverhältnis erfolgt und lediglich der Produktion von Mehrwert dient. Die Arbeiter, wie alle mittelbar Beteiligten am Produktionsprozeß, verwandeln sich im Rahmen ihrer reellen Subsumtion unter das Kapital zu einem Anhängsel einer gigantischen Maschinerie, außerhalb der sie ohnmächtig sind. Über das Maß hinaus, das Marx sich eingestand, hat sich dies als ein Moment der Integration der Arbeiter in das System erwiesen.

Über den Verlauf einer möglichen Revolution gibt es bei Marx nur wenige Aussagen. Die Periode zwischen der kapitalistischen und kommunistischen Gesellschaft, der Aufhebung "der knechtenden Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit" und des Gegensatzes von geistiger und körperlicher Arbeit, sollte Marx zufolge eine politische Übergangsperiode, deren Staat er in der Kritik des Gothaer Programms als "revolutionäre Diktatur des Proletariats" bezeichnete, entsprechen. Sie war keinesfalls als eine dauerhafte gedacht, da sie nicht auf eigener Grundlage stünde, sondern so beschaffen sei, wie sie aus der kapitalistischen hervorging: es ist die Herrschaft von Gleichheit und Gerechtigkeit, des "bürgerlichen Rechtshorizonts":

"Das Recht der Produzenten ist ihren Arbeitsleistungen proportionell; die Gleichheit besteht darin, daß an gleichen Maßstab, der Arbeit, gemessen wird."(MEW 19, 20)

Die politische Revolution sollte indes bloß Mittel der sozialen Revolution sein, die die bestehende Organisation der Arbeit beseitigen sollte.

In dem Land der Oktoberrevolution, in der trotz politischen Erfolgs die soziale Revolution mißlang, weil weder die von Marx als Voraussetzung angebenen Bedingungen vorhanden waren, noch ihre angemessene Reflexion überhaupt erwartet werden konnte, verkehrte das Mittel sich zum Zweck. Das Kapital hatte noch nicht alle Elemente der Gesellschaft unter sich als Totalität subsumiert; die sog. ursprüngliche Akkumulation des Kapitals, die terroristische Trennung der Arbeiter von den Produktionsmitteln, war noch nicht vollendet. Die Revolution konnte daher nur eine politische keine soziale sein. Eine blanquistische Clique eroberte die Staatsgewalt und setzte damit eine zwangsläufige) Entwicklung mit mörderischen Konsequenzen in die Welt, die als evolutionäre Sackgasse sich erwiesen hat: eine Gesellschaft, nicht kapitalistisch genug um die materiellen Bedingungen des Sozialismus zu schaffen, aber auch nicht sozialistisch genug, die Unterordnung der Einzelnen unter die abstrakte Arbeit aufzuheben.

Theoretisch reflektierte dies sich darin, daß die Dialektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen, zu einer Dialektik von Produktionsmitteln und der Distributionsverhältnisse verfälscht wurde, und die Kritischen Theorie Marxens in eine bloß juristische und politizistische verwandelt wurde. Praktisch herrschte die Partei in der Form des Staates ohne Ansehung der Person, über die vor ihm Gleichen, die Republik des Marktes wurde gestürzt, die Despotie der Fabrik, damals noch in statu nascendi, wurde als Prinzip auf die Gesamtgesellschaft erweitert. Dies hat Lenin in "Staat und Revolution", in seiner Deutung des Begriffs der Diktatur des Proletariats bereits antezipiert:

"Wir sind keine Utopisten. Wir »träumen« nicht davon, wie man unvermittelt ohne jede Verwaltung, ohne jede Unterordnung auskommen könnte (...) Nein wir wollen die sozialistische Revolution mit den Menschen, wie sie gegenwärtig sind, den Menschen die ohne Unterordnung, ohne Kontrolle, ohne »Aufseher und Buchhalter« nicht auskommen werden."

"Alle Bürger werden zu Angestellten und Arbeitern eines das ganze Volk umfassenden Staats"syndikats". Alles handelt sich darum, daß sie gleichermaßen arbeiten, das Maß der Arbeit richtig beachten und den gleichen Lohn bekommen. (...)

Die ganze Gesellschaft wird ein Kontor und eine Fabrik mit gleicher Arbeit und gleicher Bezahlung sein."(LAS II, 358, 402, 403)

Marx selbst ging es nicht um die Veränderung bloß der Distributionsweise (vgl. MEW 3,69f), im Sinne der Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln und eine staatliche oder gesellschaftliche Verteilung als Suspension oder Eliminierung der Marktmechanismen, sondern um die Beseitigung der Herrschaft abstrakter Arbeit, welche zwar unter Marktbedingungen entstanden war, aber - einmal etabliert - auch im verstaatlichten Kapitalismus fortbesteht und die Unterordnung eines jeden unter die Arbeitsteilung nicht bloß des Betriebs, sondern auch der Gesamtgesellschaft zur Folge hat. Die Post als staatskapitalistisches Monopol war bekanntlich Vorbild für Lenin.

Zu keinem Zeitpunkt hat irgendeine Gesellschaft den bürgerlichen Rechtshorizont überschritten). Trotz all seiner Warnungen vor der Loslösung der politischer Kategorien vom ökonomischen Grund ihrer Existenz bleibt auch Lukács in der Organisationsfrage im bürgerlichen Rechtshorizont befangen. Die Amphibolie des Totalitätsbegriffs als Begriff negativer Vergesellschaftung und als affirmativ-utopischer, des Proletariats als identisches Subjekt-Objekts, dessen ihnen zugerechnetes Klassenbewußtsein, "der bewußt gewordene Sinn der geschichtlichen Lage der Klasse", nicht das der Proletarier sei, sondern wie die Rickertsche Wertsphäre, ihnen transzendent, belegt dies. Dadurch verfällt Lukacs genau der Antinomie, die er an Hegel kritisierte:

"Wohl hat Hegel für die so vorgefundene Struktur der Geschichte, die seine realistische Genialität weder verleugnen konnte noch wollte, eine Erklärung in der »List der Vernunft« gesucht. Es darf aber nicht übersehen werden, daß die »List der Vernunft« nur dann mehr als eine Mythologie sein kann, wenn die wirkliche Vernunft aufgefunden und wirklich konkret aufgezeigt ist. (...) Hier ist der Punkt, wo die Philosophie Hegels mit methodischer Notwendigkeit in die Mythologie getrieben wird. Denn indem es ihr unmöglich geworden ist, das identische Subjekt-Objekt in der Geschichte selbst aufzufinden und aufzuzeigen, ist sie gezwungen über die Geschichte hinauszugehen und jenseits der Geschichte jenes Reich der sich selbst erreichten Vernunft zu errichten, von dem aus dann die Geschichte als Stufe, der Weg als »List der Vernunft« begriffen werden kann."(GUK, 162) "Die Fortsetzung jener Wendung ihres Weges, die wenigstens methodisch über diese Schranken hinauszuweisen begann, die dialektische Methode als Methode der Geschichte ist jener Klasse vorbehalten geblieben, die das identische Subjekt-Objekt, das Subjekt der Tathandlung, das »Wir« der Genesis von ihrem Lebensgrund aus in sich selbst zu entdecken befähigt war: dem Proletariat."(GUK, 164)

Daraus, daß das Proletariat die Reproduktion des Kapitals unterbrechen kann, erschließt Lukács, daß es das "gefesselte und vorerst unbewußte - Subjekt des Prozesses ist"(GUK, 198)

Zu diesem Zweck muß es jedoch Klassenbewußtsein nicht bloß an sich, sondern für sich selbst entwickeln, zunächst einmal negativ als "das Selbstbewußtsein der Ware; oder anders ausgedrückt: die Selbstenthüllung der auf Warenproduktion, auf Warenverkehr fundierten kapitalistischen Gesellschaft."(GUK, 185) Aus dem bloß negativen Totalitätsbewußtsein folgt für Lukács bereits der Umschlag in die Affirmation des Begriffs des Proletariats.

"Die Selbsterkenntnis des Arbeiters als Ware ist aber als Erkenntnis: praktisch. D.h. diese Erkenntnis vollbringt eine gegenständliche, struktive Veränderung am Objekt ihrer Erkenntnis."(GUK, 185f)

Er zitiert in diesem Zusammenhang Hegels Religionsphilosophie: "Denn die Wahrheit ist, sich im Gegenständlichen nicht zu verhalten als zu einem Fremden." Dies gilt ihm als revolutionäres Desiderat des Proletariats als identisches Subjekt-Objekt. Bei Hegel geht es wie folgt weiter:

"Die Freiheit drückt dasselbe, was die Wahrheit ist, mit einer Bestimmung der Negation aus. Der Geist ist für den Geist: dies ist er; er ist also seine Voraussetzung; wir fangen mit dem Geist als Subjekt an. Er ist identisch mit sich, ist ewige Anschauung seiner selbst; er ist so zugleich nur als Resultat, als Ende gefaßt. Er ist das Sichvoraussetzen und ebenso das Resultat und ist nur als Ende. Dies ist die Wahrheit, dies Adäquatsein, dies Objekt- und Subjektsein. Daß er sich selbst der Gegenstand ist, ist die Realität, Begriff, Idee, und dies ist die Wahrheit."(HW 17, 203)

Was Hegel nur dem absoluten Geist zumutet, wird dem Proletariat zur historischen Mission. Wie dem Geist alle Gegenstände Geist sind - in seinem Anderssein -, so ist dem klassenbewußten Denken des Proletariats sein Denken gleichzeitig die Selbstkritik seines Objekts, der bürgerlichen Gesellschaft. Zuletzt traut Lukács dem Braten dann doch nicht:

"Denn es ist klar, daß eine noch so richtige Einsicht in den prozeßartigen Charakter der gesellschaftlichen Phänomene, eine noch so richtige Enthüllung des Scheins ihrer starren Dinghaftigkeit die »Wirklichkeit« dieses Scheins in der kapitalistischen Gesellschaft nicht praktisch aufheben kann. (...) So ist das proletarische Denken vorerst bloß eine Theorie der Praxis, um erst allmählich (...) sich in eine die Wirklichkeit umwälzende praktische Theorie zu verwandeln."(GUK, 225)

Das proletarische Denken ist also nicht das Denken des Proletariats, sondern das der Idee des Proletariats. Daraus folgt, daß die praktische Konsequenz der Diktatur des Proletariats auch nicht die Proletarisierung des Staates, sondern die Verstaatlichung des Proletariats war.

Die Kritische Theorie Adornos hat immer - sogar zu Zeiten des kalten Krieges und der Verfolgung von Kommunisten in Westdeutschland - Marx gegen seine Liebhaber verteidigt:

"Der Sinn eines jeglichen ihrer Sätze wird um so gründlicher ins Gegenteil verkehrt, je starrer sie nachgebetet werden. (...)Immer wieder hat sich gezeigt, daß gerade die, welche aus Marx schluckten, als wäre er nicht der Kritiker der politischen Ökonomie sondern der Erfinder einer Weltformel, am ehesten bereit sich zeigten, »umzufallen«, sobald sie einmal entdeckten, daß das Dasein sich nicht in seinen Kategorien erschöpft."(AGW, 20, 391f)

Diese Umfallsucht, die heute mittlerweile auch diejenigen befällt, die einst im Namen Marxens zum sog. realen Sozialismus kritisch sich zu verhalten anstrengten, wirft ein Licht darauf, daß sie etwas zu bereuen haben. Sie geben den Anspruch einer Gesellschaftstheorie auf, d.h. den Begriff der Totalität, ohne den nach Adornos Worten "nichts Gesellschaftliches zu denken ist"(PS, 42). "Totalität ist keine affirmative, vielmehr eine kritische Kategorie. Dialektische Kritik möchte retten oder herstellen helfen, was der Totalität nicht gehorcht, was ihr widersteht oder was, als Potential einer noch nicht seienden Individuation, erst sich bildet."(PS, 19) Was bleibt ist ein negativer Totalitätsbegriff, der zwar eine adäquate Erkenntnis, das Selbstbewußtsein der Epoche, in seiner praktischen Affirmation aber keine wirkliche, sondern nur "erpreßte Versöhnung"(Adorno) ermöglicht. Das Proletariat als Subjekt-Objekt verbleibt in den Schranken der bloßen Emanzipation, des bürgerlichen Rechtshorizonts, von dem die Welt noch zu emanzipieren wäre. Dennoch ist das Subjekt-Objekt, der Geist Hegels Adorno zufolge nicht ein Hirngespinst, sondern erweist sich als durchaus reales gesellschaftliche Wesen der Arbeit:

"Indem aber von Hegel Erzeugen und Tun nicht mehr als bloß subjektive Leistung dem Stoff gegenübergestellt, sondern in den bestimmten Objekten, in der gegenständlichen Wirklichkeit aufgesucht sind, rückt Hegel dicht ans Geheimnis, das hinter der synthetischen Apperzeption sich versteckt und sie hinaushebt über die bloße willkürliche Hypostasis des abstrakten Begriffs. Das jedoch ist nichts anderes als die gesellschaftliche Arbeit. (...) Das Moment der Allgemeinheit des tätigen transzendentalen Subjekts gegenüber dem empirischen, vereinzelten und kontingenten ist so wenig bloßes Hirngespinst wie die Geltung der logischen Sätze gegenüber dem faktischen Verlauf der einzelnen individuellen Denkakte. Diese Allgemeinheit vielmehr ist der zugleich genaue und, um der idealistischen Generalthesis willen, sich selbst verborgene Ausdruck des gesellschaftlichen Wesens der Arbeit, die zur Arbeit überhaupt erst als ein Für anderes, mit anderen Kommensurables; als ein Hinausgehen über die Zufälligkeit des je einzelnen Subjekts wird."(3STH, 30)

Die von der Postmoderne angekündigte Dekomposition von Sinnsystemen wird von Adorno nicht als "Große Erzählung" (Lyotard) denunziert, sondern als Aufweis der abstraktesten philosophischen Gedanken als heteronome eingelöst. Die Negation der Negation kann ihm zufolge theoretisch nicht so vollzogen werden, daß sie das Positive bereits wäre. Das Denken kann nur ein vorbereitendes Denken der Revolution sein, nicht diese selbst. Noch die konkrete Totalität bleibt - dem jungen Lukács und Hegel entgegen - negativ, d.h. auf etwas verwiesen, was sie nicht ist:

"Wäre es erlaubt, über die Hegelsche Spekulation zu spekulieren, so könnte man in der Ausweitung des Geistes zur Totalität die auf den Kopf gestellte Erkenntnis vermuten, der Geist sei gerade kein isoliertes Prinzip, keine sich selbst genügende Substanz, sondern ein Moment der gesellschaftlichen Arbeit, das von der körperlichen getrennte. Körperliche Arbeit aber ist notwendig auf das verwiesen, was sie nicht selbst ist, auf Natur. Ohne deren Begriff kann Arbeit, und schließlich auch deren Reflexionsform, der Geist, so wenig vorgestellt werden wie Natur ohne Arbeit: beide sind unterschieden und durcheinander vermittelt in eins. (3STH, 35)

Adorno bewahrt den Wahrheitsgehalt der frühen Spekulationen von Lukács, ohne in dessen Idealismus zurückzufallen. Der Arbeit "übernatürliche Schöpfungskraft" anzudichten hatte Marx bereits als im bürgerlichen Rechtshoriziont angesiedelt denunziert. Adorno zitiert diese berühmte Stelle aus der Kritik des Gothaer Programms(MEW 19, 15) und ergänzt:

"Darum aber darf Hegel um keinen Preis die Trennung von körperlicher Arbeit Wort haben und dechiffriert nicht den Geist als isolierten Aspekt der Arbeit, sondern verflüchtigt umgekehrt die Arbeit in ein Moment des Geistes (...). Die über die Arbeit anderer verfügen, schreiben ihr Würde an sich, jene Absolutheit und Ursprünglichkeit zu gerade weil die Arbeit nur eine für andere ist. Arbeitsmetaphysik und Aneignung fremder Arbeit sind komplementär. Dies gesellschaftliche Verhältnis diktiert die Unwahrheit an Hegel, die Maskierung des Subjekts als Subjekt-Objekt, die Verleugnung des Nichtidentischen in der Totale, wie sehr jenem auch in der Reflexion jeden partikularen Urteils das Seine wird."(3STH, 36)

In der Urfassung des Spengler-Essays bezog Adorno seine Kritik an Hegel auch auf Lukács, indem er aufwies, daß noch die radikalsten Kritiker nicht begriffen haben, daß die Ideen, in ihrer abstraktesten Form, keine Vorstellungen eines Wahren sind, das künftig sich realisieren werde, sondern selber an dem Unrecht kranken, unter dessen Bann sie gedacht sind und verstrickt sind mit der Welt, der sie sich entgegensetzten.) Wenn, wie angedeutet worden ist, die sozialistischen Revolutionen von Ideen geprägt gewesen sind, die in den Bedingungen bürgerlicher Herrschaft ihren Entstehungskontext haben, so ist es nicht verwunderlich, daß ihre Verwirklichung eben Varianten dieser Herrschaftsformen reproduzierten. Den Reformern im Ostbereich ist hoch anzurechnen, daß dies dort offen diskutiert werden darf. Damit wird ein Desiderat eingeholt, das Adorno und Horkheimer zu der der Zeit als in Frankfurt das Institut für Sozialforschung neu errichtet wurde, aufstellten:

"Das Potential einer besseren Gesellschaft wird eher dort bewahrt, wo die bestehende ohne Rücksicht analysiert werden darf, als dort, wo die Idee einer besseren Gesellschaft verderbt ward, um die schlechte bestehende zu verteidigen."(GS 20, 393)

Dieser rücksichtslosen Kritik am Bestehenden sollte die Philosophie verpflichtet bleiben.



© Martin Blumentritt, Hamburg 1990





Anmerkungen

1) Adorno negiert hier nicht abstrakt die Reflexionsformen des Tausches: Freiheit, Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Gleichheit, sondern weist auf, daß sie - in einem dialektischen Sinne - falsch sind. Er ist eingedenk des Resultats der bisherigen Weltgeschichte, daß die Befreiung im Sinne der Herstellung wesentlicher Freiheit, die über die bloße Emanzipation hinausginge, nur durch den "zivilisatorischen Zwang hindurch"(ND, 148) sich vollziehen könnte: "Kritik am Tauschprinzip als dem identifizierenden des Denkens will, daß das Ideal freien und gerechten Tausches, bis heute nur Vorwand, verwirklicht werde. Das alleine transzendierte den Tausch."(ebenda) Die "Kritik der Ungleichheit in der Gleichheit (zielt) auch auf Gleichheit, bei aller Skepsis gegen die Rancune im bürgerlichen Egalitätsideal, das nichts qualitativ Verschiedenes toleriert. Würde keinem Menschen mehr ein Teil seiner lebendigen Arbeit vorenthalten, so wäre rationale Identität erreicht, und die Gesellschaft wäre über das identifizierende Denken hinaus."(ebenda) Diese Formulierungen scheinen darauf hinzudeuten, daß doch die bürgerlichen Ideen als zu verwirklichende zu betrachten seien und Adorno einem formallogischen Widerspruch begehe. Eine solche Argumentation übersieht, daß Adorno keine festen normativen Standpunkt einnimmt (wie etwa Habermas oder Apel), der wie jeder Punkt einen Horizont mit dem Radius Null haben müßte, sondern negierend am Kritisierten partizipiert, da "Tradition der Erkenntnis selbst immanent ist als das vermittelnde Moment ihrer Gegenstände"(ND 61). Auch nimmt er nicht eine Perspektive der "Versöhnung" im Sinne der Identitätsphilosophie ein, gegen die als eine "erpreßte Versöhnung" seine Philosophie sich explizit richtet, wie von Seiten der als "postmodern" gescholtenenen Autoren eingewandt wird. Adorno praktiziert nur das bewußt, was bei aller Ablehnung von Dialektik Autoren wie Lyotard oder Derrida, auch tun müssen, wie sehr sie es ableugnen mögen, eine "dialektische Hermeneutik" zu praktizieren, die negativ gebunden bleibt an ihren Gegenstand. Die Konsequenz der Auslöschung einer negativen Dialektik oder negativen Metaphysik, liefe auf die Verewigung der Barbarei hinaus: Die Identifizierung der Menschen als Angehörige der Gattung Mensch, eine Substanzbestimmung also, reduziert die Einzelnen zwar auf ihren Allgemeinbegriff, ist also repressiv, auf der anderen Seite bewahrt sie immerhin davor, Legitimationsgründe dafür zu liefern, irgendwelche Menschen als Nichtmenschen zu behandeln, d.h. akzidentelle Bestimmungen für ihren Begriff adäquat zu halten, wie es in den Konzentrationslagern geschah. Daß allerorts, wo keine Demokratie westlichen Musters existiert, sie sehnlichst herbeigewünscht, wenn sie dann da ist, als perfide Form bürokratischer Unterdrückung und Unterordnung unter einen Staatsapparat, erlebt wird, dessen Personal austauschbar geworden ist, zeugt für dieselbe negative Dialektik, aus deren Aporien nur eine über die bloße Emanzipation hinausgehende Befreiung hinausführte.

2) Dies ist ein ihm selbst verborgene Erfahrungsgehalt der Lukácschen Klassentheorie, der sich in einer Ehe von Hegelianismus und Neukantianismus ausdrückt, d.h. zur hegelschen Identität von Sein und Sollen hatte Lukács eine uneindeutige Beziehung.

3) Daß die Klasse nur die negative Einheit aller ihrer Mitglieder darstellt, nicht eine positive, so daß nicht die Fetischisierung des Klassenkampfes, sondern die Aufhebung der Klassen daraus folgt, war Marx schon bewußt: "Die einzelnen Individuen bilden nur insofern ein Klasse, als sie einen gemeinsamen Kampf gegen eine andere Klasse zu führen haben; im übrigen stehen sie einander selbst in der Konkurrenz wieder feindlich gegenüber."(MEW 3,54)

4) Ich sehe davon ab, daß es bei Marx Formulierungen gibt, die idealistisch von einer Negation der Negation sprechen, die wie ein Naturgesetz sich durchsetzt. (vgl. MEW 23, 790f, MEW 19, 108ff) Gegen diesen Strang der Argumentation ist die Adornosche Marxkritik gerichtet. Ähnlich auch: Sonnemanns Negative Anthropologie.

5) Die Zwangsläufigkeit der Entwicklung entschuldigt niemanden, ohne die bolschewistische Revolution wäre diese Entwicklung niemals angefangen. Nach einer Phase des "Kriegskommunismus" folgte die Neue Ökonomische Politik", die marktwirtschaftliche Elemente wieder einführte, von denen der Mittelstand der Bauern profitiert hatte, gegen den Stalin später aggressiv vorging. Die Einführung einer geplanten Marktwirtschaft war funktional notwendig aufgrund des parzellierten Eigentums der Bauern als auch der Arbeiter an ihrer Arbeitskraft. Hier ist der Keim der Zusammenbrüche des Ostbereichs zu erblicken. Eine geplante Marktwirtschaft (Kommandowirtschaft) muß an der Komplexität der gesellschaftlichen Prozesse scheitern. Eine Planwirtschaft ohne Selbstregulation der Subsysteme ist daher nicht möglich, ein Sozialismus bisher also noch gar nicht versucht worden, was sich daran zeigt, daß das System, das sich so nannte, "realer" Sozialismus nennen mußte, weil sonst niemand darauf gekommen wäre,es überhaupt für Sozialismus zu halten.

6) Die Diktatur des Proletariats im Ostbereich war Rosa Luxemburg zufolge ihrem Begriff nicht adäquat, sondern eine jakobinische, d.h. bürgerliche Diktatur gewesen: "Das öffentliche Leben schläft allmählich ein, einige Dutzend Parteiführer von unerschöpflicher Energie und grenzenlosem Idealismus dirigieren und regieren, unter ihnen leitet in Wirklichkeit ein Dutzend hervorragender Köpfe, und eine Elite der Arbeiterschaft wird von Zeit zu Zeit aufgeboten, um den Reden der Führer Beifall zu klatschen, vorgelegten Resolutionen einstimmig zuzustimmen, im Grunde also ein Cliquenherrschaft - eine Diktatur allerdings, aber nicht eine des Proletariats, sondern die Diktatur einer handvoll Politiker, d.h. Diktatur im rein bürgerlichen Sinne, im Sinne der Jakobinerherrschaft..."(LuW 4, 362) Bei aller Berechtigung greift die Kritik Luxemburgs zu kurz, bereits die sozialistische Demokratie (=Diktatur des Proletariats) bleibt in der Sphäre bürgerlichen Rechts befangen. Nicht erst das Zerrbild, sondern bereits das Original implizit eine Subordination der Arbeiter unter ihren Begriff. Der Versuch, Sozialismus durch eine Durchstaatlichung der Gesellschaft zu erzwingen, verfehlt den Zweck und endet in der Nivellierung der Differenz von sozialistischer und bürgerlicher Gesellschaft. Das Citoyenideal sollte durch Angleichung der Gesellschaft an die Ideale der im Staat inkorporierten Ideen verwirklicht werden.

7) "Above all the leftist critics failed to notice that the »ideas« themselves, in their abstract form, are not merely images of the truth that will later materialize, but that they are ailing themselves afflicted with the same injustices under which they are conceived and bound up with the world against which they are set."(ZFS 9,1941. p. 319)


LITERATURVERZEICHNIS

ADORNO, Theodor W.: Gesammelte Schriften (AGS), Frankfurt 1970ff
ders.: Prismen (P), Frankfurt 1955
ders.: Drei Studien zu Hegel(3STH), Frankfurt 1963
ders. u.a.: Der Positivismusstreit in der Soziolgie(PS), Darmstadt und Neuwied 1972

HORKHEIMER, Max (Hrsg): Zeitschrift für Sozialforschung (ZFS), Reprint München 1980

LENIN, Wladimir Iljitsch: Ausgewählte Werke in drei Bänden (LAS), Berlin 1961

LUKACS. Georg: Geschichte und Klassenbewußtsein (GUK), Berlin 1923

LUXEMBURG, Rosa: Gesammelte Werke (LuW), Berlin 1984

MARX, Karl, Engels Friedrich, Werke (MEW), Berlin 1953ff

HEGEL, G.W.F., Werke in zwanzig Bänden (HW), Frankfurt 1969




Unser Buchtipp:










 

GLASNOST, Berlin 1992 - 2017