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Buchveröffentlichungen  











Manfred Behrend

Rezension

Mathias Wiards: Krise im Realsozialismus. Die Politische Ökonomie der DDR in den 80er Jahren. Argument Verlag, Hamburg 2001, br., 281 Seiten


Die theoretischen Passagen dieses Buchs sind teilweise fragwürdig. Zutreffend weist der Verfasser die verbreitete Manier zurück, "Realsozialismus" – speziell den in der DDR – in Schemata der bürgerlichen Volkswirtschaftslehre zu zwängen, damit die Marktwirtschaft besser wegkommt und Kritik an ihr leichter zurückgewiesen werden kann. (S. 19 f.) Das "realsozialistische" System, stellt er fest, beruhe auf Planung des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses unter der Bedingung zentraler politischer Herrschaft, was zweifellos anders sei als kapitalistisches Planen. (S. 38) Diese richtige Erkenntnis droht u. a. jedoch durch hier überflüssige Darlegungen über Varianten der Volkswirtschaftslehre unterzugehen. Wiards betont andererseits durchgehend den Hybridcharakter des "Realsozialismus", welcher darin bestehe, "eine nichtkapitalistische Ökonomie mit kapitalistischen Zügen" zu sein, was sich auch in einer zwischen der Konzentration auf Markt- bzw. Planelemente schwankenden Generallinie äußerte. (S. 13 und 187)

Der Autor hätte nun zweierlei tun können: erstens konstatieren, dass dies wegen der vorangegangenen historischen Entwicklung und der kapitalistischen Umwelt nicht anders möglich gewesen sei; zweitens an Hand marxistischer "Vorgaben" darlegen, was an sozialistischer Politik und Planung hätte geleistet werden müssen, um den  Hybridcharakter allmählich zu überwinden. Beides geschieht nicht. Stattdessen wirft Wiards den damals Herrschenden, beginnend mit Stalin, vor, Marxsche Begriffe aus dem "Kapital" auf die eigene Planwirtschaft übertragen und eine Fortexistenz des Wertgesetzes "simuliert" zu haben (S. 106 f., 183, 200 und 249) – so als ob dies Gesetz nicht tatsächlich gewirkt hätte. Die Herrschenden hätten versucht, einen Produktivitätsanstieg über den des Kapitalismus hinaus mit dafür wenig tauglichen "ökonomischen Hebeln" zu erreichen. Am Ende seien die "Realsozialismen", in der DDR nach einer scheinbaren Aufschwungphase anschließend an die von F. J. Strauß vermittelten Milliardenkredite und erneutem Abstieg, der kapitalistischen Konkurrenz erlegen. (S. 143 f.)

Dieses Konzept birgt einige reale Elemente, ist aber insgesamt kurzschlüssig und unzureichend. Vor allem fehlt das Faktum, dass es in nominalsozialistischen Ländern außer der Politbürokratie noch andere Schichten und Klassen gab, welche bei Vorhandensein von Demokratie, Meinungsfreiheit und möglicher Mitentscheidung wesentlich zur Wirtschaftsplanung und Steigerung der Arbeitsproduktivität beigetragen hätten. Erst fast am Schluss kommt der Verfasser auf  die ungünstigen Start- und Entwicklungsbindungen der ostdeutschen Wirtschaft, darunter Reparationslasten und sowjetische Sonderanforderungen, zu sprechen. (S. 235 ff.) Nicht minder schwerwiegende Hemmnisse wie die millionenfache Abwanderung von Arbeitskräften, westliche Embargos usw. lässt er außer acht.  

Solider als die abstrakt-theoretischen Teile des Buches sind diejenigen, in denen der Autor  Grundzüge und Mechanismen der DDR-Planwirtschaft – überwiegend leider nur zu Honeckers Zeit – sowie Bemühungen der Parteibürokratie darstellt, mit den aus partieller industrieller Rückständigkeit und der Weltmarktkonkurrenz resultierenden Schwierigkeiten fertig zu werden. Er bleibt dabei einseitig und beschreibt lediglich Differenzen und Aktionen der herrschenden Oberschicht – Vorgänge, die für sich genommen jedoch interessant sind. Stärker ideologisch ausgerichtete Vertreter der Politbürokratie wie Honecker, Krenz und Mittag versuchten demnach, die Bevölkerung mit Hilfe der "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik", durch mehr soziale Leistungen, Konsumtionsmöglichkeiten und Wohnungsbau für ihre Art Sozialismus zu gewinnen, was der skizzierten Handikaps und Außeneinwirkungen wegen immer schwerer wurde und zu wachsender Staatsverschuldung führte. Letztere war an heutigen Maßstäben gemessen gering, für  nichtkapitalistische Verhältnisse aber drückend. Um ihren sozialpolitischen Kurs fortsetzen zu können, verfielen die Spitzenkräfte auf unzulängliche Sparmaßnahmen einerseits, ökonomisch-finanzielle Abenteuer andererseits. Drei der Letztgenannten hat Wiards dargestellt. Es waren erstens die forcierte Produktion von Erdölprodukten, die anfangs auf Grund der damals niedrigen sowjetischen Ölpreise für die DDR profitabel war. Als später die sowjetischen Preise für RGW-Partner anzogen, während die Preise auf dem Weltmarkt sanken, kehrte sich das Verhältnis um, und die DDR musste zuzahlen. Zweitens die teils legalen, teils illegalen Geschäfte von Schalcks "Kommerzieller Koordinierung" im und mit dem westlichen Ausland, die Devisen einbrachten, vielfach aber auch dem eigenen Land schadeten. Drittens der Übergang zur Mikroelektronik. Er kostete Milliarden und führte zur Herstellung maßlos überteuerter Ships. Alles in allem wurde so unter Bruch mit planwirtschaftlichen Prinzipien die typisch "realsozialistische" ökonomische Krise weiter zugespitzt.

Der vorwiegend wirtschaftspolitisch orientierte Flügel der Bürokratie, repräsentiert durch Planungschef Schürer, drängte demgegenüber auf Entwicklung eigenständiger Schlüsselindustrien, besonders des Maschinenbaus, und deren Finanzierung über Preiserhöhungen im Inland. Soweit damit der Abbau wachsender Subventionen zu dem Zweck gemeint war, Preise für Grundbedarfsmittel, Mieten usw. künstlich niedrig zu halten, waren die von den "Ideologen" abgeschmetterten Vorstöße gerechtfertigt, wenn gleichzeitig an einen sozialen Ausgleich für finanziell Minderbemittelte gedacht wurde. Schürers Forderungen gingen wesentlich weiter. In einem Bericht vom Frühjahr 1988 an  Honecker argumentierte er schließlich damit, dass ohne Preissteigerungen, verminderten Lohnanstieg und verdoppelten Export auch eine Halbierung der Ausgaben für Sicherheit und Verteidigung nicht zur dringend nötigen Wende in der Wirtschaft ausreichen würde. (S. 166 und 229)

Schürer und ihm folgend der Verfasser ignorieren sowohl den ökonomischen Synergieeffekt, der sich durch ein demokratisches statt patriarchal-diktatorisches Regime ergeben hätte, als auch das Faktum, dass bei energischer Reduktion aller statt nur einiger entbehrlicher Elemente an Staats-, Parteien- und Organisationsbürokratie weit mehr verfügbare Mittel und zudem Hunderttausende von der Wirtschaft dringend benötigte Arbeitskräfte freigestellt worden wären. Um das zu erreichen, hätte es allerdings einer politischen Revolution bedurft, die 1989 auch in der DDR nur ansatzweise zustande kam. Infolge Unzulänglichkeit ihrer Akteure und massiven reaktionären, besonders altbundesrepublikanischen Drucks wurden die Ansätze bald darauf  erstickt.

Wiards Buch weist Mängel auf, enthält aber zugleich wichtige Fakten und Denkanstöße. Es regt zu weitergehenden Überlegungen über den Nominalsozialismus und die Gründe seines Scheiterns an.


Manfred Behrend , Berlin 2001








 

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