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Buchveröffentlichungen  











Manfred Behrend

Rezension

Leo Trotzki: Schriften 3. Linke Opposition und IV. Internationale. Teilband 3.3 (1928-1934), Hrsg. von Helmut Dahmer u. a. im Auftrag des Vereins zur wissenschaftlichen Erfassung und Aufarbeitung historischen Kulturguts e. V. Neuer ISP Verlag, Köln 2001, geb., 668 Seiten


Mit diesem Viertelband kam die deutsche Ausgabe der Trotzki-Schriften wieder ein Stück voran. Sie ist für Marxisten ähnlich bedeutsam wie die zweite MEGA, auch die Geschichte beider Editionen weist Ähnlichkeiten auf. Wurde die russischsprachige erste Ausgabe von Trotzkis Werken nach dem KPdSU-Ausschluss des Verfassers 1927 gestoppt, so brachte es die erste Marx-Engels-Gesamtausgabe ebenfalls nur auf sieben Text- und vier Briefbände, bis Stalin ihr und bald danach Chef-Editor Rjasanow das Lebenslicht ausblies. Mit Trotzki traf der Diktator seinen ärgsten kommunistischen Widersacher. An Marx/Engels dürften ihn Texte gestört haben, die unter Verhältnissen des entfalteten Stalinismus ketzerisch und blasphemisch erschienen. Der zweiten, Ende der 70er Jahre gestarteten MEGA hätte der Einbruch kapitalistischer Zustände nach dem "Realsozialismus" fast das Leben gekostet. Trotzkis umfangreiche deutsche Werkausgabe wurde 1988 mit den Bänden 1.1 und 1.2 über Sowjetgesellschaft und stalinistische Diktatur eröffnet, 1990  mit 2.1 und 2.2 über China fortgesetzt. Auch sie geriet durch Mangel an Betriebskapital mehrfach ins Stocken, besonders nachdem 1994 der Sponsor Reemtsma abgesprungen war.

Bei Rasch und Röhring in Hamburg, einem mittlerweile bankrott gegangenen Verlag, kamen 1999 die ersten zwei Viertelbände der Trotzki-Schriften 3, "Linke  Opposition und IV. Internationale", heraus. Sie enthalten Texte von 1923-1928. Wer gleich dem Rezensenten  durch die stalinistische "Geschichte der KPdSU (B). Kurzer Lehrgang" verbildet worden war, entdeckte in den Bänden, dass nicht sogenannte Parteifeinde, sondern ehrenwerte  Apparatschiks reaktionäre Ziele mit illegalen Methoden angesteuert hatten; dass die Linke Opposition auch auf theoretischem Gebiet keine Sabotage betrieb, sondern Alternativen zur Entwicklung von Industrie, Landwirtschaft und Gesellschaft erarbeitete, die die UdSSR schneller und weit weniger opferreich vorangebracht hätten; dass ein weiterer gravierender Unterschied zwischen ihr und Stalin in der konsequent internationalistischen statt nationalistischen Haltung bestand, die sie einnahm.
 
Band 3.3 der Schriften enthält eine Einführung von Pierre Broué, 53 Arbeiten Trotzkis, einige unter dem Pseudonym G. Gurow, und drei Anhänge. 24 Arbeiten und zwei Anhänge erscheinen erstmals oder zum ersten Mal vollständig in Deutsch, so Kamenews Bericht über seine geheime Zusammenkunft mit Bucharin im Juli 1928. Zum Verständnis der Texte trägt eine Vielzahl Anmerkungen mit biographischen und historischen Details bei. Erfasst sind Vorgänge vom Juli-Plenum des ZK der KPdSU und vom VI. Kominternkongress 1928 bis zum Ende der illegalen Opposition in der UdSSR resp. zur tödlichen Niederlage der Arbeiterbewegung Deutschlands und Österreichs 1933/34.

Die Vorgänge in und außerhalb der Sowjetunion sollen hier getrennt behandelt werden. Das ZK-Plenum vom 4. bis 12. 7. 1928 war mit Beschlüssen zur Erhöhung der einzelbäuerlichen Produktivität statt zwangsweisen Getreideeinziehung, für ausschließlich freiwilligen Zusammenschluss in Kolchosen und strikte Einhaltung der sozialistischen Gesetzlichkeit ein Pyrrhussieg der Parteirechten, gegen den sogleich die Stalin-Fraktion mobil machte. Kamenews Aufzeichnung über sein Gespräch mit Bucharin am 11. 8. 1928 dokumentiert, dass Letztgenannter sich der vom Generalsekretär drohenden Gefahr bewusst war. Das galt vor allem für Stalins These, je weiter der Sozialismus voran komme, desto mehr wachse der Widerstand gegen ihn, bedürfe es ergo einer "festen Führung". (S. 628)  Hinter den Kulissen begann die "feste Führung" in spe zugunsten ihres neuen Konzepts, das plötzliche überstürzte Industrialisierung und eine Kollektivierung mittels Druck und Gewalt bei Liquidierung der Kulaken "als Klasse" vorsah, die Rechte zu entmachten. Bucharin, Rykow und Tomski legten im Januar/Februar 1929 Protest ein. Sie kritisierten die "militärisch-feudale Ausbeutung der Bauern", die "Züchtung des Bürokratismus", Abschaffung jedweder Parteidemokratie und faktische "Auflösung der Komintern". (S. 168) Das geschah fern von der Mitgliedschaft im Politbüro, welches die Kritiker ausschloss. Die Linke Opposition verkannte die Lage in wesentlichen Punkten. Sie sah die Hauptgefahr in der Rechten, die mittels kulakenfreundlicher Politik dem Kapitalismus den Weg bahnen werde, wogegen die Stalin-Bürokratie nur eine Form des Zentrismus sei, mit dem man – bei Bekämpfung seiner Fehler – gegen die Rechte zusammengehen könne. (S. 82 ff.) Allerdings lehnte Trotzki "die empörenden, willkürlichen, prinzipienlosen, bürokratischen, rein stalinistischen Methoden der Abrechnung mit den Rechten" ab und forderte gleich diesen die Wiederherstellung innerparteilicher Demokratie. (S. 313) Eine Kooperation beider Richtungen kam hierbei nicht zustande. Stalins blutige Abrechnung mit allen wirklichen und vermeintlichen Gegenspielern in den 30er Jahren hat niemand vorausgeahnt. Der "stählerne Splitter der Opposition", meinte Trotzki, könne "von keinem Chirurgen aus dem Körper der Partei entfernt werden". (S. 86)

Weitere in Band 3.3 abgedruckte Arbeiten gelten Entwicklungen innerhalb der linken KPdSU-Opposition, die sich überwiegend in Gefängnissen oder der Verbannung befand. Mit als erster ließ sich 1934 Karl Radek durch wachsenden Druck und Stalins scheinbare Linkswendung dazu verleiten, den Generalsekretär zu hofieren. Vorwand für den hierzu nötigen Bruch mit Trotzki war, dass dieser nach Ausweisung aus der UdSSR seine Auffassungen auch in bürgerlichen Presseorganen vertrat – wo sonst hätte er das tun können, um ein größeres Publikum zu finden? Die parteikommunistischen Blätter blieben ihm auch im Westen verschlossen. Trotzki setzte sich gegen die Anwürfe – nun auch Radeks – vehement zur Wehr. Wegen Unterbindung des Briefverkehrs erreichte er aber kaum noch jemanden in der Sowjetunion. Vage und bruchstückhaft wie die des Autors sind bis heute unsere Kenntnisse über den kurzeitigen Aufschwung der illegalisierten Opposition ab 1931 und die sich anbahnende Zusammenarbeit verschiedener Gruppen, darunter einer vorher stalinistischen, die vom Geheimdienst jedoch rasch zerschlagen wurden. Hier liegt eine  Forschungslücke vor, die vielleicht mit Hilfe von NKWD-Akten einmal geschlossen werden kann. Die Stalin-Bürokratie verschwieg damals oppositionelle Aktivitäten. Die Kapitulation des letzten großen Mitstreiters Trotzkis, Christian Rakowskis, im Frühjahr 1934 vor Stalin vermeldete sie lautstark und triumphierend.  

Texte zu Vorgängen in ausländischen Kominternparteien und der III. Internationale weisen aus, dass der Verfasser rasch und meist treffend reagierte. Die weltweite revolutionäre Ebbe und wütende Abwehrreaktionen der Komintern, aber auch der II. Internationale gegen linke Kommunisten verhinderten nennenswerte Erfolge in deren Aufklärungsarbeit. Theoretische Auseinandersetzungen führte Trotzki nach dem X. Plenum des Exekutivkomitees der KI 1929 sowie dem XIII. EKKI-Plenum Ende 1933. Im ersterwähnten Fall polemisierte er gegen die Linie der "dritten Periode", d. h. den von der Komintern geweissagten unmittelbar bevorstehenden Untergang des Kapitalismus. Er widerlegte die zur Stützung dieser These von Molotow verbreitete Legende, die Massen würden allenthalben radikaler, und stellte dem u. a. den Rückgang der KI-Mitgliedschaft dank Stalinisierung auf zehn Prozent des Bestandes in ihren besten Zeiten gegenüber. Die Kapitulation der deutschen Arbeiterbewegung vor Hitler 1933, die von der Komintern und Stalin maßgeblich mitverursacht worden war, besonders durch den sinnlosen Kampf gegen den "Sozialfaschismus" als Hauptfeind, wertete Trotzki in Erinnerung an das Ja der Sozialdemokratie zum ersten Weltkrieg als  4. August der KI. Das sture Beharren des EKKI auf der bisherigen, eklatant als falsch erwiesenen Linie und die völlige Unfähigkeit zur Analyse dessen, was geschah, wertete er als Zeichen dafür, dass die III. Internationale genauso wie die II. tot war. Die Haltung zum bevorstehenden zweiten Weltkrieg nannte der Verfasser 1934 die zentrale Frage proletarischer Politik. Er sagte voraus, der Krieg zwischen Großmächten werde kein Zusammenstoß zwischen Demokratie und Faschismus sein, sondern wieder ein Kampf von Imperialisten um die Neuaufteilung der Welt. Seine Annahme eines internationalen proletarischen Aufstands traf leider genauso wenig zu wie die, dass der Stalinismus in Deutschland 1933 sein Ende gefunden habe. (S. 588 bzw. 399)

Der Komintern und deren Sektionen, besonders der KPdSU gegenüber drängten Trotzki und seine Anhänger auf Wandlung durch fraktionell betriebene Überzeugungsarbeit. Die verheerende Niederlage von 1933 veranlasste sie jedoch, Kurs auf eine neue Internationale und neue kommunistische Parteien zu nehmen. Verbündete suchten sie erst nur bei linken Kommunisten, dann auch bei Sozialisten, die sich von der Sozialdemokratie abgewandt hatten. Die Kooperationsbemühungen schlugen fehl, teils an hier wie dort vorhandenen Sektierer-Tendenzen, teils an Meinungsverschiedenheiten vornehmlich über die Haltung zur UdSSR, die Trotzki weiter für einen – freilich degenerierten – Arbeiterstaat hielt, während er die bürokratische Reaktion im Land entschieden bekämpfte. Konkurrenten wie die Brandlerianer beurteilte er auf Basis der Gegenseitigkeit oft ungerecht, und das trotz sachlicher Übereinstimmung in manchen wichtigen Fragen. Zeitweise, zuerst in Frankreich 1934, erprobten seine Anhänger den Entrismus, Beitritt zu sozialdemokratischen Parteien unter strikter Beibehaltung des eigenen Standpunkts. Trotzki begründete das damit, dass mit sektiererischen Überbleibseln aus der Zeit rein propagandistischer Tätigkeit aufgeräumt werden müsse, um stets Verbindung zur organisierten Arbeiterschaft zu halten. (S. 615)

Manfred Behrend, Berlin 2001








 

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