Start

Buchver÷ffentlichungen  









Manfred Behrend

Rezension

Spanischer Krieg und KPD-Opposition

Der spanische Bürgerkrieg. Mit Aufsätzen von August Thalheimer, Waldemar Bolze u. a. Hrsg. von der Gruppe Arbeiterstimme. Gegen den Strom, München 2002, br., 236 Seiten.

Als erster Staat trat 1936 die Spanische Republik dem in- und ausländischen Faschismus entgegen. Vor allem anfangs führten Arbeiter und Bauern die Waffen. Traditionen dieses Kampfes wirken auch in Deutschland nach. In der Alt-BRD sind es besonders die der von Hitler entsandten Legion Condor, die an Francos Unterdrückungsfeldzug teilnahm und Guernica verwüstete. In der Ex-DDR dauern Erinnerungen an die Spaniens Demokratie unterstützenden Internationalen Brigaden fort. Doch wurden auch im "Arbeiter-und-Bauern-Staat" jene antifaschistischen Kämpfer ausgegrenzt, die sich zugleich einer Ausdehnung der Stalin-Diktatur auf Spanien widersetzt hatten. Hierzu zählten die KPDO und die Internationale Vereinigte Kommunistische Opposition (IVKO), auf die das vorliegende Buch zurückgeht.

Der Band ist Neuauflage einer lange vergriffenen Broschüre von 1987. Er birgt gleich ihr Artikel aus der Nürnberger "Arbeiterstimme", die Spaniens Entwicklung in der Zeit vor dem Bürgerkrieg bis zu dessen bitterem Ende nachzeichnen, den IVKO-Rundbrief vom 26. 8. 1936, Thalheimers Rapport über seinen Katalonien-Besuch im Spätherbst selben Jahres und Berichte Bolzes (gleichfalls KPDO) über die Huesca-Front und Einkerkerung ausländischer Mitarbeiter einer Flugzeugfabrik im März 1937, durch die ein Prozess nach Moskauer Muster mit vorbereitet werden sollte. Der Zweitauflage wurden u. a. Artikel zur bis heute fortdauernden Auseinandersetzung über den Bürgerkrieg hinzugefügt.

In nazistischen wie stalinistischen Veröffentlichungen wird das damalige Geschehen verfälscht. In Erstgenannten fungieren "Rotspanier" und die, die sie unterstützten, als das Böse. In Letztgenannten sind es neben den Faschisten Trotzki, KPDO-nahe Kommunisten und linke Anarchisten, besonders unter Hinweis auf den angeblich von ihnen inszenierten "Hinterlandputsch" Mai 1937 in Barcelona. Das zu beurteilende Buch enthält keine derartige Fälschung. Zudem würdigt es außer dem Kriegsverlauf die Ansätze zur sozialen Revolution, wozu die Enteignung von Großgrundbesitz und dessen häufig kollektive Bewirtschaftung durch vormals Landlose und -arme, Arbeiterkontrolle über Industriebetriebe und die Übernahme vieler Betriebe in Arbeiterselbstverwaltung, ein progressives Bildungs-, Gesundheits- und Rechtswesen zählten. Linke verschiedener Richtungen unterstützten diese von den Werktätigen selbst ausgegangene Entwicklung, vor allem die KPDO und IVKO nahestehende Arbeiterpartei der Marxistischen Einheit (POUM), die 1935 durch Fusion aus der KP verstoßener Gruppen um Andreu Nin bzw. Joaquin Maurín gegründet worden war. Die POUM propagierte eine von Soldaten mitbestimmte Armee und die Entkolonialisierung Spanisch-Marokkos, die Franco viele seiner maurischen Söldner gekostet hätte.

Den Revolutionären standen bürgerliche Republikaner, die KP und ihr katalanisches Pendant PSUC, rechte Sozialisten und Anarchisten gegenüber. Sie wurden von der Sowjetunion gefördert, seit diese ab Oktober 1936 - nach monatelanger Mitwirkung an der westlichen sogenannten Nichteinmischungspolitik - Waffen, Militärexperten und NKWD-Agenten nach Spanien schickte. Beim Unterdrücken revolutionärer Kräfte leisteten Letztgenannte zusammen mit von ihnen und KP-Amtsträgern beaufsichtigten spanischen Polizisten die Schmutzarbeit, so in den Spezialgefängnissen, durch den Mord an Nin und anderen Genossen. Bis heute hält sich in linken Kreisen die Legende, der Verzicht auf revolutionäre Schritte und Konzentration allein auf den Krieg wären nötig gewesen, um diesen zu gewinnen. Indes ging bekanntlich der Krieg verloren, wozu stalinistischer Terror innerhalb der Republik beitrug, der den Massen Mut und Elan nahm. Statt, wie Stalin bei "Wohlverhalten" seinerseits annahm, Hitler und Mussolini einzudämmen, gaben England und Frankreich Spanien und die Tschechoslowakei gleichermaßen preis.

Gründe für Moskau, revolutionäre Entwicklungen andernorts selbst um den Preis eigener außenpolitischer Misserfolge zu stoppen, gehen aus der Äußerung Nins gegenüber Thalheimer hervor, "dass der Sieg in Spanien, auch über eine Auswirkung auf Frankreich und andere Länder, das innere Regime in der SU ändern könne" oder, wie es in dem Rundbrief der IVKO hieß: "Wächst der Bürgerkrieg in Spanien hinüber zur proletarischen sozialistischen Revolution, so würde das... die tatsächliche Aufhebung der Voraussetzungen für das Monopol der KPdSU in der Führung der Kommunistischen Internationale" bedeuten. (S. 99 bzw. 60) Eben das erklärt die Brutalität Stalinschen Eingreifens und den Versuch, beim Prozess gegen die POUM-Exekutive 1938 in Barcelona Methoden der sowjetischen Terrorjustiz durchzusetzen, was zum Glück nur ansatzweise gelang.

In der Neuauflage enthaltene Artikel über Streitigkeiten der 90er Jahre, so mit Kurt Hager über die von Revolutionsgegnern provozierten Barrikadenkämpfe 1937, mit dem einstigen Offizier der spanischen Volksarmee Fritz Teppich über den Film "Land and Freedom" von Ken Loach und über den in Francos Hände gefallenen POUM-Führer Maurín tragen zum Verständnis dafür bei, warum der "Realsozialismus" so, wie er war, zugrunde gehen musste. Mauríns mit abgedruckte Darstellung des spanischen Anarcho-Syndikalismus belegt wichtige Ursachen für die Degeneration dieser linken Strömung. Hinzu kamen die Loslösung ihrer Führer von den Anhängern, Hierarchisierung und Bürokratisierung. Abschließend stellt sich die Gruppe Arbeiterstimme dem Leser vor. Das ist wichtig für alle, die Kommunisten in der Tradition Brandlers und Thalheimers bisher ungenügend kennen.


Manfred Behrend (analyse + kritik, Hamburg, Nr. 471, 33. Jg., 21. 3. 2003)








 

GLASNOST, Berlin 1990 - 2018