Start

Buchveröffentlichungen  












Manfred Behrend

Rezension

Bernie Taft: Diesseits von Gut und Böse. Erinnerungen eines roten Weltbürgers. Mit einem Vorwort von Wolfgang Leonhard. edition ost im Verlag Das Neue Berlin 2002, 320 S.

Laut Vorwort riet Leonhard nach Ralph Giordano auch Bernie Taft zum Aufzeichnen seiner Erinnerungen. Mehr noch als im ersterwähnten Fall tat er gut daran. Nicht nur weil dieser Autor der einzige sein dürfte, der gleichermaßen die chinesische und die sowjetische Parteihochschule von innen kennen lernte. Als langjähriger Spitzenfunktionär der KP Australiens teilt er zudem über seine international wenig bekannte Partei und die parteikommunistische Weltbewegung Wichtiges mit.

Taft wurde 1918 unter dem später "australisierten" Namen Bernhard Tugendhaft als erstes Kind aus Polen zugewanderter jüdischer Geschäftsleute in Hannover geboren. Sein Vater war  Sozialdemokrat. Er selbst sah in den Kommunisten die einzigen ernsthaften Gegner der Hitlerbewegung und schloss sich ihrem Jugendverband an, bevor er 14 war. Mitte 1933 emigrierte die Familie. Zeitweise von den Seinen getrennt, dann wieder mit ihnen zusammen gelangte Bernhard über Haifa, Wien, Krakau, Bukarest, Tahiti und Neukaledonien nach Australien. Seit 1945 hauptamtlich in der dortigen KP tätig, stieg er vom Leiter einer Parteischule in Melbourne bis zum stellvertretenden Vorsitzenden auf.  Interessant sind seine Mitteilungen über Konflikte mit der konservativen Regierung und dem Geheimdienst im kalten Krieg und über den lange Zeit sektiererischen Kurs seiner Partei, der genau wie andernorts Isolierung und schwere Mitgliederverluste brachte. Taft neigte zu politischem  Realismus.  Tatsachen über Stalins Terror lösten in ihm Zweifel aus. Der Besuch der Pekinger Parteihochschule 1955/56, welche damals zu freimütiger Diskussion und selbständigem Denken anregte, half ihm darüber hinweg. Dies war vor allem 1956 wesentlich, als Chruschtschows Geheimrede über Stalins Verbrechen in der ganzen Welt stürmische Debatten auslöste. Eine Ausnahme machten u. a. die israelische und die australische Parteispitze, die in noch höherem Maße Schlussfolgerungen zu unterbinden suchten, als das in Ulbrichts SED der Fall war. In einem Punkt irrt der Verfasser – darin, dass seine Zeit in Peking mit Maos "Hundert-Blumen-Kampagne" zusammenfiel (S. 100); dieser hielt seine berühmte Rede erst 1957. Tafts Schweigen über Polen und Ungarn ist verwunderlich.

Der in der eigenen Partei herrschende autoritäre Führungsstil stieß den Autor ab. Doch brachte ihn nun ein Besuch der Moskauer Parteihochschule 1961/62 in andere Gesellschaft. In der KP Australiens, deren Zentralkomitee er seit 1964 angehörte, nutzte er seine Kenntnisse und Erfahrungen nachher dazu, die auf Abkehr von stalinistischen Methoden und Einsatz für die Demokratie ausgehende Richtung zu unterstützen. Er hatte großen Anteil an einer grundlegenden Kurskorrektur und der "Charta der demokratischen Rechte", die schon 1967, ein Jahr vor dem "Prager Frühling", von  Australiens KP verabschiedet wurde. Gegenüber Führern anderer kommunistischer Parteien, bei den Vorbereitungskonferenzen zum Weltkongress 1969 und diesem selbst wirkte er auf einen Reformkurs, Toleranz der Parteien untereinander und darauf hin, dass die – von der australischen KP verurteilte – sowjetische Intervention in der Tschechoslowakei kritisch erörtert statt generell gutgeheißen oder totgeschwiegen wurde. Mit seiner Parteiführung legte Taft Protest gegen die Verfolgung Oppositioneller und gegen antisemitische Exzesse in "realsozialistischen" Ländern ein. Er hielt mit Moskau unbequemen Führern wie Dubcek, Berlinguer, Tito und Ceausescu Kontakt, desgleichen zu Georg Lukács, Stefan Heym, Jewgenia Ginzburg, Jiri Pelikan und dem Österreicher Franz Marek. In einem nach Lukács’ Tod veröffentlichten Interview mit ihm berichtete der Philosoph erstmals über seine Haft unter Stalin 1941, aus der ihn Kominternchef Dimitroff befreite.

Interessant sind auch die folgenden Passagen. Sie gelten einerseits Konflikten zwischen KPdSU-Spitze und der australischen KP um deren Unabhängigkeit und der neuerlichen Wendung der eigenen Partei nach ultralinks, die 1984 den Austritt Tafts und seiner Genossen sowie die Bildung des "Socialist Forum" gemeinsam mit linken Sozialisten zur Folge hatte. Andererseits gelten sie internationalen Entwicklungen, mit denen sich der Kollaps von Ende 1989 anbahnte, ohne dass er vorausgeahnt werden konnte. Gleich vorangegangenen Gesprächen sind die des Verfassers mit Krenz, Schabowski, Axen und Stefan Heym 1991 aufschlussreich. Taft analysiert die "realsozialistische" Ära, mit ihr den "Traum, der sich in einen Albtraum verwandelte". (S. 310) Er ist überzeugt, dass wieder für eine bessere Welt gekämpft werden wird. Neben dem Papst zitiert er den Dalai Lama, der 1993 konstatierte: "In Moskau ist ein totalitäres marxistisches Regime zusammengebrochen, nicht die Ideologie des Marxismus. Ich habe auch jetzt noch großen Respekt für die marxistischen Ideale des Internationalismus und der sozialen Gerechtigkeit." (S. 319)

Zutreffend hebt Leonhard hervor, dass der Verfasser Begebenheiten plastisch und lebensnah zu schildern weiß. (S. 9) In Australien, England, den USA und Kanada wurde das  Ende 1995 ersterschienene Buch zum Bestseller. Hoffen wir, dass Ähnliches in Deutschland geschieht. Kritikwürdig sind einige Nachlässigkeiten und Übersetzungsfehler. So wird der Name des Kominformorgans "Für dauerhaften Frieden, für Volksdemokratie!" unexakt wiedergegeben, mausert sich Heyms DDR-Igel, der von der bundesrepublikanischen Schlange geschluckt wird und ihr Verdauungsprobleme bereitet, zum von der Schlange herabgewürgten Adler.

Manfred Behrend   








 

GLASNOST, Berlin 1990 - 2018