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Buchveröffentlichungen  











Manfred Behrend

Rezension

Spaniens soziale Revolution und ihre Widersacher

Heleno Sana: Die libertäre Revolution. Die Anarchisten im spanischen Bürgerkrieg, Edition Nautilus, Hamburg 2001, 319 Seiten


Heleno Sana, Sohn eines Mannes aus wohlhabender Kaufmannsfamilie, der sich zum Proletarier und Anarchisten mauserte, im Bürgerkrieg Direktor der katalanischen Filmindustrie und danach Untergrundkämpfer gegen die Franco-Diktatur war, ist bemüht, die fast vergessenen, zudem oft übel beleumundeten Ansätze zur sozialen Revolution in Spanien ab 1936 darzustellen. Zugleich legt er Wert auf eine exakt wiedergegebene "Rahmenhandlung", d. h. die Schilderung des Krieges. Beginnend mit der Vorgeschichte seit 1931 und ihren Akteuren, dies fortsetzend mit Putsch und Volksaufstand, hat er alle wesentlichen Vorgänge und Gegebenheiten erfasst und bringt sie dem Leser nahe. Ihm sind bemerkenswerte Szenen des Kampfes zwischen Faschisten und Volk  gelungen, ebenso z. B. die Darstellung des Manövers, mit dem der Chef der katalanischen Generalitat, Companys, die als Gegner jeder Regierungsteilnahme bekannten Anarchisten in die Herrschaftsstruktur einband. Der Autor berichtet über den Terror im faschistisch besetzten Teil und die Ordnung in der Spanischen Republik. Er verschweigt nicht, dass es auch dort, allerdings in geringerem Ausmaß, zu illegalen Repressionen kam, die anfangs meist die erzreaktionär agierende katholische Kirche trafen. Das republikanische Spanien war eine belagerte Festung, der demokratisch verfasste bürgerliche Staaten sowie die internationale Sozialdemokratie Unterstützung verweigerten, während Hitlerdeutschland, Mussolini-Italien, Portugal, die US-Erdölindustrie und General Motors Franco trotz Nichteinmischungsabkommen massive Hilfe erwiesen.

Der Verfasser unterbricht die Darstellung politischen Geschehens, indem er ein Kapitel über die iberische soziale Revolution einschiebt, das später vervollständigt wird. Die Revolution, nach ihren anarchistischen Hauptträgern libertär genannt, war effektiv. Mit auf Basis alter Traditionen des "Colectivismo agrario" und des Gemeindeeigentums entstanden vor allem in Katalonien und im Ostteil Aragóns, der den Putschisten abgenommen werden konnte, zahlreiche Kollektivwirtschaften, zudem auch solche in Neukastilien, der Levante und Andalusien. Im Gegensatz zu Stalins Sowjetunion, in der sich nach Zwangskollektivierung die Erträge radikal verminderten, stiegen sie nach der freiwilligen Kollektivierung hierzulande an. Wiederum besonders in Katalonien, dessen Anteil an der spanischen Industrie 75 % betrug, wurden die Fabriken sozialisiert oder unter Arbeiterkontrolle gestellt. Auf dieser Basis wurde eine Rüstungsindustrie errichtet, die 300 Betriebe mit 150.000 Beschäftigten umfasste. Sie produzierten außer Gewehren und Infanteriemunition auch Bomben, Granaten, Panzerwagen und Flugzeuge und waren ein Wirtschaftszweig, ohne den der bewaffnete Kampf der Republik trotz sowjetischer Lieferungen unmöglich gewesen wäre. Aktiv beteiligten sich rund drei Millionen Spanier an der sozialen Revolution. Der Lohn war egalitär statt hierarchisch gestaffelt. In ihrer Blütezeit entwickelte sich Spaniens gesellschaftliche Wirtschaft samt Selbstverwaltungsorganen so erfolgreich, dass man sich die 40-Stunden-Woche, ein entwickeltes Sozial- und Gesundheitswesen, Schulunterricht für alle Kinder Kataloniens und ein reges kulturelles Leben leisten konnte. Gleich ihren Vorgängern in der Pariser Commune schreckten allerdings die Anarchistenführer vor einer Enteignung der Banken zurück. Das wirkte sich durch Kreditsperren gegen sie aus.    
Neben Linken in den anarchistischen Verbänden CNT und FAI und der marxistischen POUM drängten Teile der Sozialistischen Partei und die UGT-Gewerkschafter außerhalb Kataloniens auf Fortführung der Revolution. Ihnen entgegen stand ein antirevolutionärer Block. Er reichte von bürgerlichen Liberalen und Konservativen sowie rechten Sozialisten bis zur stalinistischen KP Spaniens, zur PSUC und zur katalanischen UGT. Auf internationaler Ebene gehörten dieser Interessengemeinschaft Chamberlain, Blum und Stalin gleichermaßen an. Der parteikommunistische Einfluss in Spanien war anfangs gering. Er wuchs in dem Maße, wie Moskau mit Hilfe seines Waffenliefermonopols, seiner Militär- und Geheimdienstkader "mäßigend" auf die spanischen linken Heißsporne einwirkte und bürgerliche wie kleinbürgerliche Kreise im Land in KP und PSUC ihre zeitweiligen politischen Vertreter sahen. Sana zitiert die im französischen Parteiorgan "L’Humanité" vom 3. 8. 1936 abgedruckte Bitte der KP Spaniens, "die öffentliche Meinung davon in Kenntnis zu setzen, dass das spanische Volk in seinem Kampf gegen die Aufständischen nicht beabsichtigt, die Diktatur des Proletariats zu errichten, sondern dass es nur ein einziges Ziel hat: die Verteidigung der republikanischen Ordnung und die Achtung des Privateigentums". (S. 112) Das war kein in irgendeiner Weise sozialistischer Standpunkt, genau so wenig wie es entsprechende Erkenntnisse von SPD- oder maßgeblichen PDS-Politikern heute sind. Es war auch kaum die Meinung der nicht befragten Volksmehrheit. Doch entsprach es Vorstellungen  Stalins und seiner Bürokratenclique über eine Politik zu dem Zweck, die vom deutschen Faschismus drohende Kriegsgefahr möglichst von der Sowjetunion abzuwenden und dazu um die Gunst der imperialistischen Westmächte zu buhlen. Erste größere Folge derartiger "Realpolitik" war neben dem Aushöhlen der spanischen Widerstandskraft das mit gegen die UdSSR gerichtete Münchner Abkommen 1938. Die Stalinbürokratie aber fürchtete die Revolution in Spanien auch unmittelbar. Sie hätte die Proletarier aller Länder, vielleicht gar der Sowjetunion, aufrütteln und zum Kampf gegen sozialismusfeindliche Institutionen  anregen können. Mäßigungsrufe nach Art der "Humanité"-Deklaration gab es in der spanischen Republik massenhaft, meist solche, dass erst der Krieg gewonnen werden müsse, bevor an Enteignungen und Kollektivierung zu denken sei. Die Argumentation diente der Durchsetzung stalinistischer Strategie. Sie dient heute ihrer Rechtfertigung.

Der Autor beschreibt Mittel und Maßnahmen, die zur Eindämmung der sozialen Revolution verwendet wurden. Dazu gehörten bürokratische Destruktion und Dekrete, Sperrung finanzieller Mittel, Verleumdungen und Personalpolitik zur Herausdrängung von Revolutionären aus Machtpositionen, die dann mit ihren Gegnern besetzt wurden. Partiell unterstützt wurde das durch rechtsanarchistische Kreise, die um der antifaschistischen Einheit willen Provokationen hinnahmen und ihre eigenen Anhänger am Eingreifen hinderten. Negativ für die revolutionäre Sache wirkten sich durch den Krieg verursachte Einbußen aus – die Abkommandierung Werktätiger zur Armee, der Verlust landwirtschaftlich genutzter Gebiete und des kohle- und erzreichen Nordspanien, der Zustrom von Flüchtlingen vor dem Faschismus, die nun auf verringertem Raum miternährt werden mussten. Es grenzt an Wunder, dass – wie der Verfasser mehrfach feststellt – Kollektivwirtschaften und Selbstverwaltung fast bis zum Schluss intakt blieben. Zum  Aufschwung reichte es freilich nicht mehr. Stolz auch auf die eigene nationale, familiäre und politische Herkunft konstatiert Heleno Sana, "dass die iberische Revolution trotz ihrer Verfehlungen ideologisch, organisatorisch, ethisch und menschlich ein viel höheres Niveau erreichte, als die Revolutionen, die zuerst in Russland und danach unter dem Druck der Roten Armee in den ‚Volksdemokratien’ Mittel- und Osteuropas zustande kamen". (S. 140 f.)   

Nicht folgen kann ich ihm bei den Passagen, in denen er tendenziell allein die "autoritäre und sektiererische Politik" von Marx und Engels für die Spaltung der I. Internationale in Sozialdemokratie und anarchistische Bewegung verantwortlich macht (S. 117 und 122), "den Kommunisten" alles Böse nachsagt und pauschal vom "Scheitern des Marxismus und seine(r) unwiderrufliche(n) Diskreditierung als emanzipatorische Bewegung" spricht. (S. 126) Tatsächlich trifft das nicht auf den Marxismus, sondern auf dessen Negation durch Stalins "Marxismus-Leninismus" zu. Die Attacken Sanas sind insoweit unqualifiziert. Sie sollten aber ein Anlass sein, sich ernsthafter mit Anarchismus und Anarchosyndikalismus zu beschäftigen. Es gilt auch  Behauptungen rechter PDS-Funktionäre zu widerlegen, sie strebten eine "libertäre Gesellschaft" an. Der Verfasser räumt ein, dass linke Anarchisten, UGT-Gewerkschafter und die POUM in der Sozialismusfrage Verbündete waren. (S. 118)

Die Einmischung Stalins und seiner Clique in die spanischen Ereignisse war sowohl der Revolution, als auch dem Krieg gegen den Faschismus abträglich. Das gilt für die Auslösung des Barrikadenkampfes in Barcelona im Mai 1937, die Unterdrückung der POUM und  Ermordung ihres Führers Andres Nin, die Ablösung des linksstehenden Kabinetts Largo Caballeros, der sich gegen die sowjetische Bevormundung gewehrt hatte, durch das rechtsstehende Kabinett Negrín, auch für die Ausschaltung des rechtssozialistischen Kriegsministers Prieto, der endlich ebenfalls gegen den Druck aus Moskau aufbegehrte. Sana hat die Vorgänge dargestellt. Darin, dass er den Terror unter NKWD-Regie, die Verfolgung der Revolutionäre, die "Tschekas" genannten Folterhöhlen und Morde durch geheime Kommandos, die revolutionsfeindliche Zensur, terroristische Sondergerichte und die Unterbindung von Kritik an der sowjetischen Politik verurteilt, hat er Recht. Keineswegs aber beim Versuch, die unter  Parteikommunisten übliche Minimierung des Anteils der Anarchisten (desgleichen der POUM) am antifaschistischen Kampf durch Herabsetzen der Internationalen Brigaden wettzumachen. Sie waren nicht nur "ein Propagandainstrument Stalins..., um die halbherzige Militärhilfe der Sowjetunion zu kompensieren". (S. 171) Vielmehr stellten sie einen bedeutenden Solidaritätsbeweis für die spanische Demokratie dar und waren trotz geringer Zahl ein ernstzunehmender Faktor, der wichtige Schlachten mitentschieden hat. Übrigens muss bei der sowjetischen Hilfe, die sich Stalin mit Spaniens Goldschatz bezahlen ließ, differenziert werden. Es waren einerseits hochwertige moderne Waffen, die im Kampfe genutzt haben, andererseits aber auch Schrott. Kritikwürdig ist die parteiische Verteilung dieser Waffen. Das Beste erhielten kommunistisch geführte Einheiten, einen geringen Teil und sehr viel Fragwürdiges Anarchisten und POUM, die störrischen Basken u. a. Gewehre aus dem Krimkrieg. Ähnlich war es um die Unterstützung durch Artillerie und Flugzeuge resp. deren Ausbleiben bestellt. Von den sowjetischen Offizieren und solchen aus anderen Komintern-Parteien haben viele vorbildlich ihre Pflicht getan.    

Das Kabinett Negrín, von der KP mit herbeigeführt und als "Regierung des Sieges" gefeiert, leitete die Zeit überwiegender Niederlagen ein. Zugleich war es bemüht, die  Revolution zu ersticken. Letzteres wurde außer durch Anwendung schon erwähnter Mittel auch mit militärischen versucht, besonders in Aragonien. Rechtsanarchistische Führer wiesen die eigenen Divisionen an, nicht zum Schutz ihrer Genossen einzugreifen. (S. 208) Der Staat wurde gleichgeschaltet, die Milizen in ein hierarchisch strukturiertes Heer umgemodelt. Der Verfasser übt am autoritär-destruktiven Charakter vieler Regierungsmaßnahmen und am 1938 nach Moskauer Muster inszenierten Prozess gegen die POUM in Barcelona Kritik, bei dem allerdings die Ankläger genau wie Regierungschef Negrín, der auf ein hartes Urteil drängte, unterlagen. Zuweilen trägt Sana die schwarze Farbe zu dick auf. Zwar ist die Darstellung des Regierungssturzes durch Oberst Casado und eine aus Vertretern aller Republikparteien außer der KP bestehende Junta im Frühjahr 1939 sachlich richtig. Es gibt aber keinen Grund, diesen Vorgang als "Ende eines Albtraums" zu feiern. (S. 252 ff.) Der wirkliche Albtraum kam mit der Franco-Diktatur über ganz Spanien. Es hat keinen Zweck, Negrín wiederholt Verrat vorzuwerfen. Das gilt selbst für den schwerwiegenden Fall, dass er keine Sorge um die Rettung der Flüchtlinge trug, obwohl mehr als genug Transportschiffe zur Verfügung standen. Lag das Versäumnis im Glauben des Ministerpräsidenten begründet, die sterbende Republik könnte durch raschen Ausbruch des zweiten Weltkriegs gerettet werden, so war die Annahme dumm, er aber kein Verräter. (S. 272)

Die Kämpfe vom 6. bis 11. 3. 1939 in Madrid, bei denen von der Front herbeigeeilte kommunistische Regimenter Casado & Co. das Lebenslicht ausblasen wollten, aber selbst geschlagen wurden, begannen in Unkenntnis wichtiger Tatsachen: Erstens hatte das KP-Zentralkomitee am 6. 3. die Weisung erteilt, der Junta nicht bewaffnet entgegenzutreten, zweitens war die Parteiführung gleich darauf außer Landes geflüchtet. (S. 266 ff.)  

"Verzicht auf die Utopie", schreibt Sana, "bedeutet nichts anderes als den inneren Tod zu wählen oder, was auf dasselbe hinausläuft, sich mit der mörderischen Zivilisation abzufinden, die der Weltkapitalismus errichtet hat." (S. 282 f.) Trotz mancher Fehler im Detail hat er ein Buch vorgelegt, das einen ein wichtiges Stück einst gelebter Utopie, die soziale Revolution in Spanien, besser kennen und sie lieben lernen lässt. In der kleinen Schar junger Linker ist das Interesse an dieser Revolution groß. Sie könnte als Ansporn dienen.

Manfred Behrend, Berlin 2001








 

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