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Buchveröffentlichungen  












Manfred Behrend

Rezension

Amnon Rubinstein: Geschichte des Zionismus. Von Theodor Herzl bis heute. Aus dem Englischen von Elvira Willems. Mit einem Vorwort von Otto Graf Lambsdorff. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2001, 356 S.


Der liberale Zionist Rubinstein war in den 90er Jahren Bildungsminister im Kabinett Rabin. Er hat das Buch diesem israelischen Ministerpräsidenten gewidmet, der am 4. 11. 1995 einem Mordanschlag zum Opfer fiel. Graf Lambsdorff nennt es einen "Leitfaden für jeden, der sich durch die Irrungen und Wirrungen des Friedensprozesses im Nahen Osten hindurchzufinden sucht". Arthur Hertzberg, führender Vertreter der US-Diaspora, meint, der Verfasser habe die "Hauptströmungen des Zionismus für unsere Tage" erklärt (S. 9 bzw. 11). Allerdings bleiben m. E. Probleme offen, die erst mit Hilfe zusätzlicher Literatur geklärt werden können.

In fünf Kapiteln erörtert der Autor den Weg des Zionismus von seiner Gründung in Basel 1897 bis zur Proklamierung des Staates Israel und zum Unabhängigkeitskrieg 1948/49. Schwerpunkte sind die Abkehr von der Judenbefreiung durch Assimilation in europäischen Ländern, besonders nach den Pogromen Ende des 19. Jahrhunderts und der russischen Revolution von 1905, die hierauf einsetzende "Zweite Alija" (Einwanderung) in Palästina, die Balfour-Deklaration mit dem Versprechen einer jüdischen Heimstatt, die sukzessive Besiedlung Palästinas durch osteuropäische Juden, die Vernichtung der Juden Europas durch den deutschen Faschismus und der 1945 beginnende, von der britischen Mandatsmacht bekämpfte Zustrom nunmehr Hunderttausender Einwanderer ins Heilige Land. Rubinstein verdeutlicht die Widersprüche, die sich zwischen ihnen und den Arabern, zwischen politisch und religiös gesinnten Zionisten, Israel und der Diaspora sowie Israel und der Welt ergaben. Er neigt dazu, den "klassischen" Zionismus und die Herrschaft sozialdemokratischer Parteien unter Ben Gurion, später Golda Meir, zu verklären, obwohl deren Kurs ebenfalls auf Ausdehnung - auch mit gewaltsamen Mitteln -  gerichtet war.

Israels 1956 gemeinsam mit England und Frankreich geführter Krieg, den die UdSSR und die USA stoppten, bleibt unerwähnt. Die israelische Kooperation mit konservativen Kräften anderer Länder, darunter Frankreich und der BRD, deutet der Verfasser nur an. Dabei ging es in Sachen Bundesrepublik um kostenlose Waffenlieferungen an Israel einerseits, das Heraushalten Staatssekretär Globkes aus dem Eichmann-Prozess andererseits. Auch der Libanon-Krieg 1982, die von Verteidigungsminister Scharon zugelassenen Massaker christlicher libanesischer Milizen in  palästinensischen Flüchtlingslagern und die damals starke Friedensbewegung Israels werden nicht behandelt.

Ausführlich befasst sich Rubinstein im sechsten Kapitel mit Folgen des Sechs-Tage-Krieges 1967 und des Jom-Kippur-Krieges 1973. Erstgenannter führte zu enormem Landgewinn und brachte, so der Autor, den Glauben an eigene Unbesiegbarkeit, eine Radikalisierung der nationalreligiösen Parteien und die chauvinistische Bewegung "Groß-Israel" mit sich. Das schlechte Abschneiden Israels im Krieg vom Oktober 1973 und seine  Verurteilung in großen Teilen der Welt bis hin zur Gleichsetzung von Zionismus und Rassismus durch die UNO ergab als Trotzreaktion den Machtanstieg religiös-nationalistischer Fanatiker im Land, geführt von der aggressiven Siedler-Bewegung Gusch Emunim, und das Ende der bisherigen Monopolstellung der Mapai (Arbeitspartei) 1977 durch Begins rechtstehenden Likud-Block. Positiv ist zu werten, dass die zuvor grassierende Missachtung der europäischen Juden, die sich gegen den Holocaust "nicht gewehrt" hätten, zurückging. Die hierdurch und durch das nunmehrige Überwiegen orientalischer Juden im Land bewirkten gesellschaftlichen Veränderungen behandelt der Verfasser im achten Kapitel.

In Kapitel sieben kommt Rubinstein auf die Entstehung einer neuen, stärkeren politischen Rechten zu sprechen, die sich aus Anhängern von "Groß-Israel" in der Arbeitspartei, religiösen Fanatikern und alten Nationalisten zusammensetzt. Die Gruppierung strebt Eretz Israel, d. h. alles Land einschließlich Ostjerusalems und der Westbank, des Gaza-Streifens, der syrischen Golanhöhen und Sinais, als den Juden durch die Bibel verbürgtes Territorium an. Zu erreichen sei das durch Verdrängung der Araber mittels rigoroser Siedlungspolitik und religiös motivierten Kriegen, ohne Humanität zu beweisen (S. 166). Ideologisch von rechtsextremen Rabbinern geführt, wandten sich Anhänger dieser Auffassungen auch gegen israelische Regierungen und die Gesetzlichkeit, wenn diese ihnen im Weg standen. Sie eskalierten den Konflikt bis zur Verleumdung liberaler Kabinettsmitglieder als "Volksfeinde",  zur Mordhetze und zum Mord an Rabin. Beweggründe waren die Friedensverhandlungen in Oslo, territoriale Zugeständnisse und eine sich anbahnende Zweistaatlichkeit in Palästina. Resultat der Kampagne war das Kabinett Scharon.

Im neunten Kapitel tritt der Autor ultraorthodoxen und postzionistischen Argumenten entgegen, die sämtlich – von z. T. unterschiedlicher Warte aus – gegen den klassischen Zionismus gerichtet sind. Zu den ärgsten zählt die Behauptung, dieser habe den Holocaust provoziert, indem er nach der Reichspogromnacht 1938 Deutschland den wirtschaftlichen Boykott, ein Jahr später gar den Krieg erklärt habe. Die Lüge von der "Kriegserklärung" ist nicht nur, wie Rubinstein feststellt, durch Ernst Nolte zur teilweisen Rechtfertigung von Auschwitz benutzt worden (S. 243). Sie wurde zuvor auch von der "Deutschen Nationalzeitung" verwendet und entstammt ursprünglich der Goebbels-Propaganda. Weitere Argumente der israelischen Rechten laufen darauf hinaus, die Einzigartigkeit der Schoa zu leugnen und zionistische Manipulationen für den Massenexodus nach Palästina ab 1947/48 verantwortlich zu machen.

Ausgangspunkt des zehnten Kapitels ist die Feststellung, im Jahr 2020 dürften infolge  Einwanderung und Bevölkerungswachstum 41,7 bis 52 Prozent aller Juden der Welt in Israel leben. Der Zionismus hat nicht die Übersiedlung sämtlicher Glaubensangehörigen, aber dennoch Wesentliches erreicht. Rubinstein zufolge droht nun jedoch aus der israelischen Wirklichkeit heraus die Gefahr, dass religiös und politisch Ultraorthodoxe ernsthaft den Kern des aufgeklärten Judentums – eines "humanistischen, friedliebenden und nach Kompromissen suchenden Zionismus" – bedrohen (S. 313 und 325). Vorwärtsweisend sei der unter Rabin eingeschlagene Weg zum Frieden mit den arabischen Ländern und zur Gleichberechtigung der arabischen mit den jüdischen Palästinensern. An dieser Vision gemessen sieht die momentane Lage leider wenig trostreich aus.

© Manfred Behrend  








 

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