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Buchver÷ffentlichungen  









Manfred Behrend

Rezension

Als die Revolution Stalin und dem Krieg unterlag

Wadim S. Rogowin: Weltrevolution und Weltkrieg. Aus dem Russ. übersetzt von Hannelore Georgi und Harald Schubärth. Arbeiterpresse-Verlag, Essen 2002, 399 S., geb., 29,90 Euro  

"Weltrevolution und Weltkrieg" ist der sechste Band des siebenbändigen Hauptwerks von Rogowin (1937-1998), der letzte, den er vollständig fertig stellen konnte. Die Originalausgabe erschien in seinem Todesjahr. Im Zyklus über Linksoppositionelle und  die stalinistische Konterrevolution stellt das Werk Vorgänge von 1939/40 dar, reicht aber durch Rückblenden und Ausblicke oft darüber hinaus. Der Verfasser nutzt  Erkenntnisse eines der wichtigsten Zeitzeugen der damaligen Epoche, Leo Trotzkis.

Rogowin beschreibt die UdSSR nach Kollektivierung, beginnender Industrialisierung á la Stalin und der "großen Säuberung". Die Errungenschaften der Oktoberrevolution und das Leben von Millionen werktätiger Menschen, das der wertvollsten Kader der Lenin-Partei war ausgelöscht. Eine neue Bürokratie hatte ihre antisozialistische Herrschaft etabliert. Die auf Förderung der Weltrevolution gerichtete Außenpolitik war durch einen antirevolutionär-nationalistischen Kurs abgelöst worden, der Marxismus durch eine reaktionärer Macht dienstbare Ideologie. Der Autor stellt wachsende soziale Ungleichheit, den Terror nach 1938, die Rückverwandlung zum Völkergefängnis und den Niedergang der Roten Armee dar. Trotzkis Schluss: "Niemand, Hitler inbegriffen, hat dem Sozialismus so tödliche Schläge versetzt wie Stalin" (S. 108), traf vollkommen zu.

 Der zweite, umfangreichste Teil des Buches gilt der Außenpolitik. Vor allem geht es um  das Verhältnis zu Deutschland. Wie nach ihm Lew Besymenski (Stalin und Hitler, Moskau 2000/Berlin 2002) urteilt Rogowin, dass zwar nach Hitlers Machtübernahme die Beziehungen eingefroren wurden, bald aber beide Seiten sondierten, wie das vormals gute Verhältnis wiederherzustellen sei. Trotzki konstatierte seit 1933 wiederholt, Stalin strebe ein Abkommen mit Hitler an, wolle die Sowjetunion aus dem unvermeidlichen Krieg möglichst lange heraushalten und freie Hand in Bezug auf die Staaten an der sowjetischen Westgrenze gewinnen. (S. 136) Die Schritte hin zu den Verträgen von 1939 stellen beide russischen Historiker ähnlich dar. Bei Besymenski finden sich ausführlichere Zitate. Rogowins Gesichtspunkte sind vielgestaltiger, seine Analysen tiefgehender.
  
 Den Bürgerkrieg in Spanien 1936-1939 hat der Autor angemessen geschildert. Es war die erste bewaffnete Auseinandersetzung eines Staates mit dem Faschismus, zugleich ein Vorgang, in dem die Westmächte das demokratisch verfasste Land verrieten, die UdSSR revolutionären Arbeitern und Bauern in den Rücken fiel. Auch das von einem Mitarbeiter Rogowins entworfene Kapitel über die Arbeiterpartei der Marxistischen Einheit (POUM) gibt prinzipiell Geschichte richtig wieder. Doch birgt es gleichzeitig sachliche Fehler, die  bei mehr Sorgfalt vermeidbar gewesen wären. Zum Münchner Abkommen 1938 und zur Tragödie der Tschechoslowakei ist der Nachweis Rogowins wichtig, dass nicht allein England und Frankreich, sondern auch die Sowjetunion das Land im Stich ließ. Moskau negierte Bitten um sowjetische Militärflugzeuge zur Abwehr Hitlerdeutschlands ebenso wie die Zusage Rumäniens, Sowjettruppen auf dem Weg zur CSR durchzulassen. (S. 153 f.)

 Beim 18. KPdSU (B)-Parteitag im März 1939 attackierte Stalin angesichts drohender Weltkriegsgefahr England und Frankreich und ließ die Bereitschaft zur grundlegenden Wende in den sowjetisch-deutschen Beziehungen durchblicken. Andererseits bahnten sich  Verhandlungen der UdSSR mit den Westmächten über einen Pakt zu gegenseitigem Beistand an, der den Schutz Polens einschließen sollte. (S. 183 und 191 f.) Es war ein Vorentscheid zu Deutschlands Gunsten, als der bisherige Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten Litwinow, Verfechter eines Konzepts der kollektiven Sicherheit gegen den potentiellen Aggressor, durch Molotow ersetzt wurde. Entgegen einer bis heute tradierten Version wurden die Verhandlungen mit dem Westen hierauf von der UdSSR blockiert. Stalins Sekretär legte  dem Volkskommissar Woroschilow bei Aussprachen über eine dreiseitige Militärkonvention schließlich die Weisung auf den Tisch, "diesen Leierkasten" abzustellen. (S. 236)

 Inzwischen waren die Verhandlungen mit Deutschland – wesentlich auf Drängen Hitlers und Außenminister Ribbentrops, die beim Angriff auf Polen einen Zweifrontenkrieg vermeiden wollten – vor dem Abschluss. Hitler stimmte dem in einem sowjetischen Memorandum geäußerten Wunsch, insgeheim Interessensphären in Osteuropa festzulegen, in einem Brief an Stalin vom 21. 8. zu. (S. 232 und 235) Ergebnisse der offiziellen Verhandlungen am 23. 8. mit Ribbentrop, die auf sowjetischer Seite vom Diktator selbst geführt wurden, waren sowohl der Nichtangriffspakt, als auch das geheime Zusatzprotokoll. Nach der vierten Teilung Polens wurden sie durch einen Grenz- und Freundschaftsvertrag und weitere vertrauliche Übereinkünfte ergänzt.

 Typisch für den Umgang miteinander ist Stalins Trinkspruch am 23. 8. auf Hitlers Gesundheit: "Ich weiß, wie sehr das deutsche Volk seinen Führer liebt". Er selbst habe diesen "immer außerordentlich verehrt". (S. 264) Sicher war hier Heuchelei im Spiel. Doch hatte ihm Hitler schon 1934 dadurch imponiert, dass er die SA-Führer um Röhm als potentielle Gegenspieler kurzerhand abknallen ließ. Danzigs Gauleiter kam es beim Treffen mit  sowjetischen Partnern so vor, als wäre er "unter alten Parteigenossen". (S. 267) Vor den Männern des Politbüros, die er bei dem Coup genauso wenig wie das ZK, den Obersten Sowjet und die Regierung befragt hatte, prahlte Stalin am 25. 8., Hitler überlistet zu haben, und verwies auf die territorialen Zugewinne. Mussolinis "Popolo d’Italia" lobte den Despoten als "einzige in moralischer Hinsicht hochstehende Persönlichkeit" der UdSSR. (S. 273) Die "Prawda" (Wahrheit) und Molotow in seiner Rede zur Vertragsratifizierung am 31. 8. 1939 feierten den Pakt als Ende der Feindschaft zwischen Deutschland und der UdSSR und "der Sache des allgemeinen Friedens" dienlich. (S. 244 und 275) Hitler löste am 1. 9. den zweiten Weltkrieg aus, während ihm die UdSSR den Rücken freihielt.
 Zur Komintern hatte Trotzki festgestellt, Stalin betrachte ihre Sektionen "als Wechselgeld im Handel mit imperialistischen Mächten". Er konstatierte nun, die KI sei "das erste Opfer des deutsch-sowjetischen Paktes". (S. 141 bzw. 289) Verstörte Mitgliedsparteien brachten die Tage bis Kriegsbeginn damit zu, sich zu blamieren. Um den vorher strikt antifaschistischen Kurs mit dem Pakt in Einklang zu bringen, behaupteten sie, dieser sei nicht nur ein Friedensschritt, er hindere Hitler auch daran, Polen zu überfallen. Am 7. 9. brachte Stalin Konzernchef Dimitroff die neue Linie bei: Kapitalistische Länder dürften nicht mehr in faschistische und demokratische eingeteilt werden; der Krieg sei allseits imperialistisch, weshalb Kommunisten im Westen gegen ihre Regierungen kämpfen müssten; die Vernichtung Polens sei gerecht. Im Oktober komplettierte er das  durch den Satz, England und Frankreich hätten Deutschland angegriffen und wären daher für den Krieg verantwortlich. (S. 284 ff.)

  Rogowin räumt mit der Legende auf, die UdSSR habe durch den Vertrag Raum und Zeit zur Abwehr des Überfalls auf sich selbst gewonnen. Genau wie bei Lügen des Gorbatschow-Vertrauten Jakowlew über den Pakt, darunter der, das Geheimprotokoll habe Hitler faktisch Stalin aufgedrängt (S. 229), hält er sich strikt an Fakten. Sie besagen, dass nach der Annexion Ostpolens die bisherigen sowjetischen Grenzbefestigungen demontiert wurden, während man die neue Grenze nur minimal befestigte, weil Hitler nicht provoziert werden sollte. Der Wehrmacht fiel es im Sommer 1941 auch deshalb leicht, die sowjetische Westfront mit  fünf Millionen Mann bis auf geringe Reste zu vernichten. (S. 248 f.) Der Hauptverursacher des Debakels behandelte den Frontkommandeur so nobel, wie niedere Chargen aus der Diplomatie, die Kontakte mit Deutschland angebahnt hatten: Er ließ ihn erschießen.

 Thema des dritten, kürzesten Buchteils sind Trotzki und die Vierte Internationale. Der Autor behandelt die Bewegung, ihr nahestehende Gruppen und den Gründungskongress am 3. 9. 1938. Am Kapitel über Victor Serge ist dessen Kritik interessant, es sei falsch, ohne vorhandene starke Parteien eine Internationale ins Leben zu rufen und gleich manchen Mitstreitern Andersdenkenden gegenüber intolerant zu sein. (S. 323) Rogowin rapportiert über NKWD-Spitzel, vor allem "Etienne" (Mark Zborowski), an dessen Agententätigkeit weder sein Freund Leo Sedow noch dessen berühmter Vater glauben mochten. Inhaltlich schließt sich der Bericht über Vorbereitungen zur Ermordung Trotzkis an. Stalin motivierte die Untat damit, dass dieser "der Komintern gefährlich" werden könnte, wenn die UdSSR zur Kriegsteilnahme gezwungen sei. (S. 350)

 Der Verfasser geht auf Trotzkis aus exakter Beobachtung und Analyse herrührende Prognosen ein. Er stellt fest, viele seien eingetroffen, nicht aber die Hauptvorhersage, der zweite Weltkrieg werde in die sozialistische Weltrevolution münden. Rogowin führt für deren Ausbleiben Gründe an – die von Isaac Deutscher so bezeichnete "Gestaltlosigkeit des Massenbewusstseins solcherart, dass sich selbst nach dem Tode Stalins von unten her... keine antistalinistische Bewegung entwickeln konnte", und die von Trotzki nicht erwartete Festigung des diktatorischen Regimes durch sein zeitweiliges Bündnis mit den USA und Großbritannien. (S. 341 f.) Es bleibt die Frage, warum das bis heute nachwirkt und warum trotz mancher hoffnungsvollen Ansätze vorerst nicht der antistalinistische Kommunismus, sondern der mit Stalin einst paktierende Imperialismus siegte.

(INPREKORR, H. 380/81, Juli/August 2003)


Manfred Behrend, Berlin 2003








 

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