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Manfred Behrend

Rezension

Prokop, Siegfried: Intellektuelle im Krisenjahr 1953. Enquete über die Lage der Intelligenz der DDR. Analyse und Dokumentation. Schkeuditzer Buchverlag 2003, 348 S.,

Der Verfasser hat zuvor wichtige Arbeiten zur DDR-Geschichte und zur Biographie Wolfgang Harichs veröffentlicht. Hier analysiert er auf Basis einst geheimer Akten Lage und Wirken der Intelligenz 1952/53 und publiziert erstmals einen Teil dieses Bestands.

Zur Vorgeschichte des 17. Juni 1953 ist Prokops Feststellung wesentlich, dass der von Walter Ulbricht auf der II. SED-Parteikonferenz Juli 1952 proklamierte "Aufbau des Sozialismus" kein Geniestreich zur Verhinderung des DDR-Ausverkaufs an den Westen war, wie neuerdings u. a. Ex-Kulturminister Bentzien behauptet. Vielmehr wurde das Aufbau-Konzept, nachdem im März Stalins Plan für ein neutrales Gesamtdeutschland am westlichen Nein gescheitert war, von sowjetischen und SED-Vertretern erarbeitet und durch die KPdSU-Spitze gebilligt. (16) Zusätzlich zu den harten Reparationen und zur beginnenden Remilitarisierung bürdete das Projekt der DDR eine weitere große Last auf, die im Zeichen "verschärften Klassenkampfs" durch höhere Abgaben und Preise bei verminderter Sozialleistung tragbar gemacht werden sollte. Der Autor geht nach Darstellung der 1953 von Moskau verordneten Kehrtwende "Neuer Kurs" auf die doppelgleisige Politik Innenminister Berijas ein und konstatiert. Einesteils sondierte das NKWD, ob der zweite deutsche Staat nicht doch noch gewinnbringend veräußert werden könne. Andernteils befahl dessen Chef am 17. 6. 1953 den Einsatz der Sowjetarmee gegen rebellierende ostdeutsche Arbeiter, um dem Westen die Illusion zu nehmen, "die sowjetische Herrschaft lasse sich durch einen Volksaufstand vertreiben". (81 bzw. 86 f.)

Aus Prokops Bericht über die DDR-Intellektuellen geht die vorwärtsweisende Rolle des Kulturbundes (KB) und seines Präsidenten Johannes R. Becher hervor. Die KB-Präsidialratstagung am 15. 7. 1952 galt formell dem Zweck, Konsequenzen aus der II. Parteikonferenz zu ziehen. Becher, der Präsident der Kammer der Technik und der Leiter des Büros des Förderungsausschusses für die deutsche Intelligenz polemisierten dabei jedoch gegen Dilettantismus von SED-Kulturfunktionären, "unziemliche Behandlung" der Ingenieure und Techniker und willkürliche Verhaftungen. (22 ff.) Später, in der Zeit finsterster Reaktion nach dem Slánskř-Prozess und der Festnahme jüdischer "Mörderärzte" in Moskau, der Liquidierung von Volksbühnenorganisation und VVN in der DDR brachte der Kulturbundpräsident die Enquete über die Lage der Intelligenz auf den Weg. Sie belegt nicht nur Auswirkungen der Gesellschaftskrise auf diese Schicht (S. 49), sondern auch Differenzen mit der Partei- und Staatsführung. Bei einer Zusammenkunft in Jena und der Zentralen Intelligenzkonferenz am 27. 5. 1953 in Berlin meldeten führende Wissenschaftler Widerspruch gegen die Verkürzung der Oberschuldauer von 12 auf 10 Jahre und die Überlastung der Universitäten an. Andere verwiesen auf überhöhte Gerichtsurteile wegen Nichteinhaltung betrieblicher Sicherheitsvorschriften, die auf Grund der forciert bei unzureichender Technik gesteigerten Produktion unmöglich einzuhalten waren. Der im Politbüro seines autoritären Kurses wegen bedrängte Ulbricht gab der Intelligenz damals recht. Auch stellte er ihr nach dem 17. Juni das Zeugnis aus, "in den Tagen der faschistischen Provokationen loyal gearbeitet" zu haben. Er versuchte, wie Prokop anmerkt, hierdurch einen Keil zwischen Intellektuelle und Arbeiter zu treiben. (85 f. und 93) Doch ist die Loyalität der Erstgenannten m. E. keine Legende. Das Gros der Intelligenz kritisierte teilweise den bisherigen Kurs der Regierung, stand aber hinter ihr.

Die Präsidialratstagung des KB am 3. 7. 1953 markierte einen Höhepunkt an Aktivität. Becher verlangte, der Bund müsse zur überparteilichen Organisation der Intelligenz werden. Er solle vornehmlich auf Einhaltung der Gesetzlichkeit achten; Justizminister Fechners Hinweis auf das geltende Streikrecht sei richtig Weitere Ratsmitglieder bekundeten Misstrauen gegenüber den nach wie vor Regierenden. Theodor Brugsch und Ernst Niekisch verurteilten die offizielle Verfälschung des 17. 6. zur faschistischen Aktion. Der Präsidialrat berief sich in seiner Resolution außer auf die Intelligenzkonferenz vom 27. 5. auch auf den 17. Juni. Er forderte Freiheit der Meinungen, von Forschung, Lehre, Kunstschaffen und Schullehrertätigkeit, verwandte sich für wahrheitsgetreue Information und Berücksichtigung sozialer Belange. (103 ff.) Gleichartiges verlangte die Akademie der Künste. Brecht und Harich polemisierten erfolgreich gegen Zensurpraktiken der staatlichen Kunstkommission.

Auf diese Vorstöße, die dem Politbüro der SED als konterrevolutionär erschienen, wurde mit bestellten Leserbriefen und einem Protestartikel des beamteten Kunstkritikers Besenbruch im ND geantwortet. Am 24. 9. ging der KB-Präsidialrat auf Rückwärtskurs und stufte die Berufung auf den 17. Juni zum Missverständnis herab. Gleichzeitig schätzte allerdings Ernst Bloch den weiter propagierten Neuen Kurs treffend so ein, dass sich damit nur der alte "ein paar Phrasen zugelegt, nichts erfüllt" habe. (131 f.) Bei einem Gespräch des Ministerpräsidenten mit Intellektuellen am 19. 10. kanzelte Otto Grotewohl emanzipatorische Forderungen als "faulen Liberalismus" ab und verteilte zugleich Zuckerbrot: Brechts Berliner Ensemble erhalte ein eigenes Haus, die Altersversorgung für Künstler werde kommen, Möglichkeiten zum Austausch Kunstschaffender mit dem Westen würden erhöht. (133 ff.) Wie Arnold Zweig blieb sein Kollege Stefan Heym kritisch. Auf die Frage, ob er über den 17. Juni die Wahrheit schreiben dürfe, antwortete Grotewohl mit: "Bitte schön". (140) Der betreffende, auch dem Westen gegenüber kritische Roman konnte erst nach Ende des SED-Regimes im Osten erscheinen.

Prokop bewertet die Forderungen der Intelligenz von 1953 als theoretisch gehaltvoller, gesellschaftlich bedeutsamer und emanzipatorischer als die der streikenden Arbeiter. Seinem Urteil, dass sich beide Gruppen nur durch Zerbrechen des "Regimes der Funktionäre" (148 f.) hätten durchsetzen können, ist ebenfalls richtig. Schuld an ihrem Misserfolg war auch, dass sie getrennt marschierten und daher getrennt geschlagen werden konnten.


Manfred Behrend (Berlin)








 

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