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Buchveröffentlichungen  












Manfred Behrend

Rezension

Gerd-Rüdiger Stephan, Andreas Herbst, Christine Krauss, Daniel Küchenmeister, Detlef Nakath (Hrsg.):  Die Parteien und Organisationen der DDR. Ein Handbuch. Karl Dietz Verlag, Berlin 2002, 1488 S.

38 Autoren, vorwiegend solche aus der Ex-DDR und meist Historiker, haben wesentliche Fakten und Vorgänge aus der Geschichte einst mit der SED verbundener Parteien und Organisationen, ihrer Politik und Struktur zusammengetragen und analysiert. Hochgradig auf Archivmaterial basierend, vermitteln sie einen Einblick in wichtige Entwicklungsabschnitte im zweiten deutschen Staat. Der Sammelband ergänzt das 1997 erschienene Handbuch "Die SED" aus demselben Verlag.

Das Entstehen des Parteiensystems der Sowjetischen Besatzungszone und nachmaligen DDR und seine Fortführung bis 1989/90 wird von zehn Autoren beschrieben. Hauptphasen waren die antifaschistisch-demokratische, die Phase der stalinistischen Gleichschaltung samt Liquidation bürgerlicher und anderer oppositioneller Kräfte und die hiermit verknüpfte der Herausbildung eines vom SED-Apparat dirigierten Pseudoparlamentarismus, tatsächlich einer bürokratischen Diktatur, die mit Abstrichen bis zum Ende erhalten blieb. Durch Ungerechtigkeiten und den fortdauernden Widerspruch zwischen Schein und Sein, Fassade und Wirklichkeit stieß das System die Bevölkerungsmassen mit unterschiedlicher Intensität von sich ab. Es ließ soziale Errungenschaften gering erscheinen, die am heutigen Standard gemessen groß waren.

Im zweiten Buchteil vervollständigen fünf Verfasser das Bild durch Berichte über die Blockparteien CDU, LDPD, Demokratische Bauernpartei Deutschlands und NDPD. Außerdem behandeln sie die bis 1961 weiterexistierende SPD Ostberlins und die SED-nahe Sozialdemokratische Aktion. Der Essay des sechsten Autors über die SED birgt  Fehler und hat wenig Aussagekraft.

Teil drei enthält Arbeiten von sieben Verfassern über die in der Volkskammer vertretenen Massenorganisationen FDGB, FDJ, Demokratischer Frauenbund Deutschlands, Kulturbund, Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe und VVN. Gleich allen anderen waren sie im entwickelten politischen System der DDR der SED-Führung untertan, vertraten aber auch Interessen bestimmter Bevölkerungsgruppen. Die Geschichte der Organisationen ist teilweise  spannend. Als einzige von ihnen wurde die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes aufgelöst. Das geschah 1953 auf Ulbrichts Geheiß mit der "Begründung", der Faschismus sei auf DDR-Gebiet ein für allemal besiegt, sie also nicht mehr notwendig.

Der von neun Autoren geschriebene Teil vier gilt mitgliederstarken gesellschaftlichen Vereinigungen, die keine Parlamentsfraktion hatten. – der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft, dem Deutschen Turn- und Sportbund, der Pionierorganisation "Ernst Thälmann", der Gesellschaft für Sport und Technik, dem Deutschen Roten Kreuz, dem Verband der Konsumgenossenschaften, der Volkssolidarität und der sorbischen  Domowina. Die Artikel behandeln auch wichtige damit zusammenhängende Themen, so das Verhältnis Ostdeutscher zu "den Russen" und das Geschick der Vereinigungen nach dem Anschluss an die BRD.

Am Beispiel einiger in Teil drei behandelter Organisationen seien Schwachpunkte angemerkt. Beim FDGB fehlt weithin die Darstellung der fortwährenden Widersprüche zwischen dem Interesse der Beschäftigten an einer echten Arbeiter- und Angestelltenvertretung und deren Verweigerung durch das Regime. Bei der FDJ werden die bemerkenswerten Leistungen Jugendlicher im Kampf gegen Naturschäden und im Talsperrenbau ebenso ausgelassen wie der 1950 während der Weltfestspiele geplante "Sturm auf Westberlin". Zwar hat Honecker ihn damals abgeblasen. Nach Einladungen westlicher Politiker ein Jahr später während der Weltfestspiele an die FDJler, zu Besuch in die Westsektoren zu kommen, schickte aber die SED ganze Marschkolonnen im Blauhemd dorthin, wo sie von der Polizei zusammengeschlagen wurden. Die VVN-Darstellung krankt daran, dass die nach Auflösung der Organisation agierenden Komitees der Antifaschistischen Widerstandskämpfer und ihre Fortdauer nach "Wende" und Anschluss nicht erwähnt werden. Beim Kulturbund wären der Aufschwung seiner Zeitschrift "Sonntag" 1956 und deren trauriges Geschick danach erwähnenswert.

Drei Autoren geben im fünften Teil einen Überblick über 22 weitere DDR-Organisationen von der Liga für Völkerfreundschaft bis zum Kleingärtnerverband sowie über die Wissenschaftlichen Gesellschaften. Der Verfasser von Teil sechs würdigt die ab Mitte der 80er Jahre bzw. 1990 entstandenen kritisch-oppositionellen, z. T. aber auch konservativen Organisationen. Die extreme Rechte bleibt ausgespart. Inhalt von Teil sieben sind die Leitungsgremien der Parteien und Organisationen sowie 666 Kurzbiographien  ihrer Spitzenvertreter.

Der achte Teil enthält 50 Dokumente, wobei sich über die Auswahl streiten lässt. Ausgerechnet die wichtigsten Konflikte und Staatsaktionen – 17. Juni 1953, Entstalinisierungsstreit von 1956/57, Mauerbau 1961, Ulbrichts Neues Ökonomisches System, der 4. und der 9. 11. 1989 – haben keinen Niederschlag gefunden. Begrüßenswert sind der Abdruck des SED-Jugendkommuniqués von 1963, der vom Runden Tisch erarbeiteten Sozialcharta und seines Verfassungsentwurfs. Die DDR-Verfassung von 1949 wird bedauerlicherweise nur auszugsweise wiedergegeben. Dafür findet sich im Text manch weniger wichtiges Dokument.

 Keiner, der sich ernsthaft mit DDR-Geschichte befasst, wird an dem neuen Buch vorbeigehen können. In einigen Fällen bräuchte es Ergänzungen und Korrekturen. Die Verantwortlichen sollten sich u. a. auch darauf einigen, ob die Zahl der Verfasser – wie vorn angegeben – 38 oder - wie das Autorenverzeichnis ausweist – nur 34 beträgt.

Manfred Behrend, Berlin 2002










 

GLASNOST, Berlin 1990 - 2018