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Buchveröffentlichungen  












Manfred Behrend

Rezension

Cajo Brendel: Anton Pannekoek. Denker der Revolution. ca ira-Verlag Freiburg 2001  (234 S., br.)

Anton Pannekoek (1873-1960), ein international renommierter holländischer Astronom, war seit 1902 in der Arbeiterbewegung seines Landes, bald auch in der deutschen aktiv. Stets gehörte er dem linken Flügel an. Er war Lehrer an der Berliner SPD-Parteischule und der sozialdemokratischen Bildungsanstalt in Bremen, gab 1916 den "Vorboten" der Zimmerwalder Linken heraus, wirkte bis 1921 in der Komintern, den Kommunistischen Parteien Deutschlands und der Niederlande, danach in den Kommunistischen Arbeiterparteien beider Länder, schließlich in der Gruppe Internationaler Kommunisten, sowohl als Journalist wie als Theoretiker. Inzwischen geriet er vielfach in Vergessenheit. Band  6 von "Meyers Neues Lexikon", Leipzig 1963, erwähnt ihn nur als Astronomieprofessor. Erst das Lexikon "Biographien zur Weltgeschichte", Berlin (DDR) 1989, würdigt auch sein Wirken in der Arbeiterbewegung. Im Brockhaus, Leipzig-Mannheim 1996, steht nichts über ihn.    

Das vorliegende, von einem Anhänger und Schüler verfasste Buch gibt biographisch ebenfalls wenig her. Dafür werden Pannekoeks Theorieleistungen dargestellt. Frühzeitig stand er demnach sowohl der Sozialdemokratie, als auch den Bolschewiki kritisch gegenüber. Im letzterwähnten Fall folgte er Rosa Luxemburg. Er kritisierte aber auch sie wegen ihrer in der "Akkumulation des Kapitals" verfochtenen Ansicht, ohne Absatzmärkte außerhalb der kapitalistischen Länder sei diese Akkumulation unmöglich. Pannekoeks Einwände gegen das Parteiwesen in der Arbeiterbewegung lassen sich dem Buch zufolge so resümieren: Alle auf sozialdemokratischer Grundlage entstandenen Organisationen verwandeln sich wegen ihrer Struktur von Kämpfern für Arbeiterrechte in Garanten zur Aufrechterhaltung des Kapitalismus. Im Hinblick auf die Sozialdemokratie wurde das – auch durch Pannekoek – vielfältig belegt. Es gilt aber nach seiner Meinung auch für kommunistische Parteien. In Russland verhalfen 1917 die Arbeiter der bürgerlichen Revolution zum Sieg. Ansätze zu einer sozialistischen Revolution wurden Pannekoek zufolge durch die Bolschewiki unterdrückt, indem sie die Arbeiterräte entmachteten. Lohnarbeit und Ausbeutung blieben. Die außerrussischen kommunistischen Parteien mutierten zu bedingungslosen Unterstützern dessen, das sich in der Sowjetunion tat.

Meines Erachtens ist dies Forschungsergebnis beachtlich. Russland entwickelte sich in der Tat nicht zu einem sozialistischen Gemeinwesen, sondern über Jahrzehnte hinweg zu einer für die kommunistische Idee verhängnisvollen bürokratischen Macht. Pannekoeks  Resultate kranken aber daran, dass er tiefgehende Gegensätze in der russischen KP und in Lenins Denken, die vom Stalinismus bewirkte Vernichtung der ursprünglichen Partei, die Umwandlung der Klassenverhältnisse "von oben" und die Errichtung einer Despotie außer acht ließ. Zudem ignorierte er das Faktum, dass es ohne Kapitalisten alles Mögliche an Ausbeutung und Unterdrückung geben kann, aber keinen Kapitalismus.

Pannekoeks Lösung für die Menschheitsprobleme liegt bei den Arbeiterräten: Allein durch sie könnten die Arbeiter über den Kapitalismus siegen und die Produktion beherrschen. Parlamentarismus und Parteien verkörperten die Macht der Führer über die Proletarier. Revolutionen würden nicht von Parteien gemacht, sondern brächen "spontan aus den Volksmassen hervor". (43) Während sogenannter Staatssozialismus nur Verfügungsgewalt des Staates über die Produktion bedeute, müssten tatsächlich "die Belegschaften die Betriebe leiten und von unten die höheren und zentralen Organisationen aufbauen". (128) Wie das zu erreichen ist, sagt Pannekoek nicht. Er vertraut auf die zahlreicher werdenden, gegen den Willen der Gewerkschaftsführer ausgelösten Streiks und darauf, dass die Streikausschüsse sich bei längerer Dauer zu Institutionen ähnlich den Arbeiterräten entwickeln würden. Gramscis Ansicht, in der heutigen Periode werde "im Klassenkampf ein neuer Typ der proletarischen Organisation geboren, der sich auf die Fabrik stützt" (190), korrespondiert mit dieser Auffassung. Doch lassen Pannekoek und der ihm folgende Brendel unbeachtet, dass in nichtrevolutionären Zeiten parlamentarische Kämpfe und Parteien unabdingbar sind.

Gleich diesen verdienen andere Buchpassagen unser Interesse. So Pannekoeks Kritik daran, dass Lenin entgegen dem marxistischen am bürgerlichen Materialismus festhielt, welcher unmittelbar auf der Materie als der materiellen Welt gründet. Desgleichen Pannekoeks – hier nur angedeutete - Betrachtungen über das Verdienst Joseph Dietzgens, der zu erklären vermochte, wie sich im menschlichen Kopf Ideen bilden. Insgesamt trägt das Buch dazu bei, einen originellen sozialistischen Denker kennen zu lernen.

 Manfred Behrend








 

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