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Buchveröffentlichungen  











Manfred Behrend

Rezension

Mönninghoff, Wolfgang: Enteignung der Juden. Wunder der Wirtschaft – Erbe der Deutschen. Europa Verlag, Hamburg/Wien 2001 (304 S., geb., 19,90 ¤)


Der Journalist und  Produzent von Fernsehfilmen Mönninghoff hat dieses Buch cum ira et studio geschrieben. Zornig ist er, weil die "Arisierungs"-Taten des deutschen Großkapitals jahrzehntelang verschwiegen oder verharmlost wurden, und über "das Gewürge um Entschädigung der wenigen Überlebenden der Hitler-Tyrannei", obwohl die Wirtschaft prosperierte. (S. 10 und 293) Im Text finden sich noch mehr Gründe für Zorn und Scham. Das Buch indessen weist vier Vorzüge auf: Erstens bleibt es nicht bei der "Arisierung" stehen, sondern beschreibt auch die politischen Rahmenbedingungen. Zweitens würdigt es nächst der "Arisierung" den darauf folgenden industriellen Massenmord am deutschen und europäischen Judentum, und das ohne den ebenso barbarischen Vernichtungskrieg gegen die Sowjetvölker außer Acht zu lassen. Drittens befasst es sich zudem mit der unterschiedlichen Haltung des Hitler-Nachfolgestaates BRD zu den Opfern des Faschismus einerseits, den NS-Tätern andererseits. Viertens geschieht all das in deutlicher Sprache. Das Buch ist mithin Gift für manches deutsche Gemüt.

Mönninghoff geht vom Begriff der "Arisierung" aus, der ebenso Enteignung wie Entfernung von Juden aus dem Wirtschafts- und Berufsleben bedeutete. (S. 12) Er schildert die Evolution vom "Radauantisemitismus" der braunen Basis bis zur staatlich organisierten Vernichtung – einen Prozess, der "von oben" befohlen war, an dem aber auch von Naziorganisationen, Finanzbehörden und Großkonzernen bis zum "kleinen Mann", der billig "Judenhausrat" einkaufte, zum für Auschwitz-Transporte zuständigen Reichsbahner, gemeinen SS- und Wehrmachtssoldaten  Hunderttausende Deutsche beteiligt waren. Es folgen kontrastreiche Darstellungen des April-Boykotts 1933 und der anschließenden schleichenden "Arisierung", der Nürnberger Rassengesetze von 1935 und ihrer Auswirkungen, zu denen der zwangsweise Erwerb bzw. die Zerstörung von Waren- und Modehäusern, Industriebetrieben, Banken und Kunstsammlungen zählten. Gleich den betroffenen Unternehmen werden deren meist noch heute existierende "arische" Nachfolger genannt, die unterschiedlichen Methoden und die sie ausübenden Behörden und Konzerne angegeben. So ist zu erfahren, dass Kaufhof vorzeiten Tietz hieß, wie Horten, Schickedanz, Neckermann und andere dank NS-Herrschaft und "Arisierung", bisweilen gar mit Hilfe der Gestapo damals groß wurden. Der Verfasser behandelt die Expansion von Mannesmann und Flick, der als "SS-Bank" berüchtigten Dresdner und der Deutschen Bank. Bei Letzterer verfällt er in den Fehler, Enthüllungen über ihre Erwerbstätigkeit in Nazi- und Kriegszeiten so darzutun, als wären erst 1998 "in Frankfurt und Berlin... etwa 9,5 Kilometer Akten der Deutschen Bank zusammengetragen worden", deren anschließende Durchsicht "bemerkenswerte Resultate zutage gebracht" habe. (S. 114) Tatsächlich lagerten die meisten und brisantesten Akten seit 1945 in Ostberlin, wo sie nach dem DDR-Anschluss 45 Jahre später der Bank als Beute  zufielen. DDR-Historiker hatten sich leider nur wenig um den Schatz bemüht. Der Ostberliner Eberhard Czichon allerdings nutzte ihn. Er veröffentlichte ab 1969/70 Artikel und Bücher über die Deutsche Bank und H. J. Abs. Das damals in Köln erschienene Buch über Abs nahm die meisten "Entdeckungen von heute" vorweg. Es trug Czichon und dem Pahl-Rugenstein Verlag 1970/72 einen Verleumdungsprozess ein, in dem dank richterlichem Wohlwollen die Bank obsiegte.

Weitere Kapitel in Mönninghoffs Buch sind dem "Schicksalsjahr 1938" und dem zweiten Weltkrieg gewidmet. Der Verfasser stellt detailliert Vorgänge um den Anschluss Österreichs und die "Reichskristallnacht" dar, der neue große "Arisierungen" folgten und nach der Hitler kundtat, "die Judenfrage jetzt... so oder so zur Erledigung zu bringen". (S. 200) Gegenstand des zweiten eben genannten Kapitels ist der Raubkapitalismus der deutschen Großkonzerne im Kriege, verbunden mit millionenfachem Massenmord und dem Schleuderausverkauf vormals jüdischen  Eigentums aus ganz Europa an deutsche "Volksgenossen".

Für den Zeitraum 1945-1949 wartet der Autor mit einer Darstellung der anfangs ernstlich auf Denazifizierung und "Wiedergutmachung" gerichteten Politik der Westalliierten, besonders der USA, und deren Wandlung im kalten Krieg auf. Danach beschäftigt er sich mit der Wiedergutmachungsproblematik, so den Vereinbarungen, welche die BRD 1952 mit dem World Jewish Congress und mit Israel schloss, sowie dem kleingeistigen Bundesentschädigungsgesetz von 1953/56. Nachzutragen ist, dass nicht nur Finanzminister Schäffer (S. 256), sondern auch Großbankier Abs jüdischen Partnern gegenüber "um jeden Pfennig" gefeilscht hat. Der Verfasser stellt klar: Regierung wie Bundestag taten alles, um ehemalige Nazis zu entlasten und zu integrieren. Opfer des Faschismus einschließlich vieler Juden wurden, vor allem wenn sie einfache Leute waren, benachteiligt. Entgegen den im Überleitungsvertrag von 1952 mit den Alliierten übernommenen Verpflichtungen sind Faschismusopfer nicht gleich behandelt worden. Besonders Kommunisten wurden von Amts wegen diskriminiert und ihnen zustehende Bezüge gestrichen.

Das Kapitel "Der ‚Führer’ ging, die Nazis blieben", enthält Karrieren einstiger NS-Verbrecher, die es zuweilen vom  Mitglied im Freundeskreis Reichsführer SS zum Bundesverdienstkreuzträger brachten. Die Schlusskapitel behandeln die "Arisierung" der Arbeitskraft durch Zwangsarbeit und das Gerangel um die im Juli 2000 vom Bundestag beschlossenen 10 Mrd. DM "Entschädigung", die je zur Hälfte vom Bund und von Konzernen gezahlt werden sollten. Der Verfasser hat Recht damit, dass die meisten "Arisierungs-" und Kriegsgewinnler erst dann daran dachten, als Gefahr bestand, dass sie sonst über ihre Tochterfirmen in den USA prozessual hätten belangt werden können. (S. 10) Er zitiert den ostdeutschen Wirtschaftshistoriker Thomas Kuczynski, der auf Hitlers Tischmonolog über die Vorzüge niedrig bezahlter Zwangsarbeit für deutsche Industrielle hin die Differenzen zwischen den Einkünften "freier" und unfreier Beschäftigter im III. Reich berechnete und herausfand, dass NS-Staat und Konzerne aus den Zwangsarbeitern rund 16,23 Mrd. Reichsmark, etwa 75,76 Mrd. DM, zusätzlich herauspressten. (S. 274 ff.)

Das Buch ist ein Erlebnis und in hohem Maße empfehlenswert.

Manfred Behrend, Berlin 2001

(Das Argument, Berlin, Nr. 247, 44. Jg., H. IV/2002)








 

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