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Manfred Behrend

Rezension

Satelliten nach Stalins Tod. Der "Neue Kurs" in der DDR, Ungarische Revolution 1956. Hrsg. von András B. Hegedüs und Manfred Wilke.


Das Buch ist bedeutsamen Vorgängen im einst sowjetisch beherrschten Teil Europas gewidmet. Es bietet spannende Lektüre. Universitätsdozent Hegedüs, einer der Autoren, war gleich Vorwortverfasser Árpád Göncz am Ungarnaufstand beteiligt. Hegedüs‘ Kollege János M. Rainer steht dem Institut für Geschichte der Ungarischen Revolution 1956 in Budapest vor. Deutsche Buchverfasser sind die Politologen M. Wilke und Tobias Voigt sowie der Literaturhistoriker Bernd-Rainer Barth. Das gemeinsame Projekt, eine komparatistische Analyse des "Neuen Kurses" in der DDR und Ungarn, wurde von der Volkswagenstiftung gefördert.

    Wilke/Voigt stellen im ersten Teil die DDR-Entwicklung im Frühjahr 1953 dar. Sie war durch fortdauernd hohe Reparationen, versteckte Wiederaufrüstung, den 1952 verfügten "Aufbau des Sozialismus unter den Bedingungen des verschärften Klassenkampfes" (S. 30 f.), hierdurch bewirkte Schwächung des Wirtschaftspotentials, große Versorgungslücken, wachsenden repressiven Druck auf alle Volksschichten, den rapiden Anstieg der Flüchtlingszahlen, interne Vorbereitungen auf eine neue "Säuberung" von Partei und Wirtschaftsapparat und gesteigerten Personenkult um Walter Ulbricht charakterisiert. Die Situation wurde, wie die Verfasser verdeutlichen, unhaltbar. Die nach Stalins Tod gebildete sowjetische Führung zwang der SED-Spitze einen "Neuen Kurs" auf. Dieser brachte großen Teilen der Bevölkerung Entlastung, nicht jedoch der angeblich herrschenden Arbeiterklasse, die Lohnabzüge durch eine zehnprozentige Erhöhung der Arbeitsnormen hinnehmen sollte. Damit waren die Voraussetzungen für die Streiks und Demonstrationen um den 17. Juni 1953 herum geschaffen. Zugleich spitzten sich im SED-Politbüro Konflikte um Ulbrichts autoritären Führungsstil zu.

    Die Autoren schildern das Geschehen auf der "Königsebene" ebenso wie das auf der Straße. Sie erhärten die Erkenntnis, daß das Eingreifen der Sowjetarmee Ulbricht den Thron gerettet hat. Danach verstand er es, seine Kritiker an der Spitze zu entzweien, die wichtigsten- ND-Chefredakteur Herrnstadt und Staatssicherheitsminister Zaisser- zu isolieren und wegen angeblicher Fraktionsbildung zu entmachten. In der Republik begann eine Hetzjagd auf "Rädelsführer" der Streiks und Demonstrationen, aber auch auf "knieweich gewordene" SED- und FDGB-Funktionäre. Sie wurde von materiellen Konzessionen an die Arbeiterschaft insgesamt begleitet. Wilke/Voigt sehen darin, nicht erst in Honeckers "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" der 70er/80er Jahre, zu Recht den "Gesellschaftsvertrag zwischen Partei und Volk". Demnach behielt die SED-Spitze das Machtmonopol, berücksichtigte aber die Lebensbedürfnisse der Massen. (S. 101) Gleichzeitig mit der innerpolitischen Innovation billigte die Sowjetunion der DDR mehr Souveränität zu.

    In drei Punkten ist die Darstellung verbesserungsbedürftig. 1. Den Streikenden ging es  nicht, wie die Verfasser suggerieren (S. 19, 66 und 80), gleichermaßen um soziale und nationale Ziele. Sie verlangten nach dem ursprünglichen, hier wiedergegebenen Katalog nur  Rücknahme der Normerhöhung, Senkung der Lebenshaltungskosten, freie Wahlen in der DDR und Garantien gegen nachträgliche Maßregelung. (S. 79) Forderungen nach der deutschen Einheit wurden erst während der Demonstration von einer Minderheit erhoben. 2. Dass die Besatzungsmacht gezwungen war, die Volkserhebung selbst niederzuschlagen (S. 19), ist nicht erwiesen. Durch das strikte Eingreifverbot für die Volkspolizei in Ostberlin blieb deren Einsatzbereitschaft hier unerprobt. Die Sowjetarmee aber riegelte die Grenze ab, um Kriegsgefahr durch Hineinziehung der Westberliner Polizei und der Alliierten in den Konflikt zu vermeiden. 3. Es fehlen Hinweise auf die Ausschreitungen, zu denen es am 17. Juni ebenfalls kam. Sie haben es Hochkommissar Semjonow und der Ulbricht-Bürokratie erleichtert, die Vorgänge als "faschistischen Putsch" zu diskriminieren.

    Der von Rainer geschriebene zweite Teil gilt der Ungarn-Krise 1953. Sie war gleich der ostdeutschen durch überstürzten "Aufbau des Sozialismus" Stalinschen Typs, bei absolutem Vorrang der Schwerindustrie zu Lasten des Konsums, verursacht. Doch gelang es in Budapest den Reformern um Imre Nagy, die Oberhand zu gewinnen und einen "Neuen Kurs" zu steuern, der ernster gemeint als der in der DDR war. Die Staats- und Parteibürokratie um Rákosi sabotierten das, wie hier gezeigt wird, nach Kräften. Da Chruschtschow zwecks Machterhalts seinerseits ein Bündnis mit sowjetischen Altstalinisten einging, konnte Nagy 1955 gestürzt werden. Er verweigerte allerdings jedwede "Selbstkritik". Zudem widersetzte sich Ungarns sozialistische Intelligenz gemeinsam mit Parteioppositionellen der Restauration.  Maßgeblich durch den XX. KPdSU-Parteitag im Februar 1956 mitbedingt, war die ungarische Partei- und Staatsspitze bald zu schwerwiegenden Zugeständnissen gezwungen.

    Der dritte, gemeinsam von Rainer und Barth erarbeitete Teil enthält eine detaillierte Darstellung des Aufstands, den die Führung in Budapest und Sowjettruppen am 23. 10. 1956  provozierten. Parallel dazu skizzieren sie die wechselnden Reaktionen Moskaus, welche von der Zusicherung gleichberechtigter Beziehungen zu allen Satellitenstaaten bis zum erneuten Marschbefehl an die Sowjetarmee reichten. Neben den am Aufstand beteiligten Gruppen von Studenten und Parteireformern um Nagy, Armee-Einheiten und bewaffneten jungen Arbeitern, Verfechtern bürgerlich-liberaler und konservativ-katholischer Standpunkte und  rechten Extremisten sind die Arbeiterräte interessant, die vor allem nach Beginn der zweiten sowjetischen Invasion zeitweilig aktiv waren. Die Autoren würdigen die Kündigung der Mitgliedschaft im Warschauer Pakt durch Ministerpräsident Nagy; sie betonen, daß dieser nicht um das Eingreifen von USA und NATO bat. (S. 265) Das Kriegsabenteuer Israels, Großbritanniens und Frankreichs am Suezkanal erleichterte die Unterdrückung der aufständischen Ungarn. 

    Im vierten Teil schildert Hegedüs die "Pazifizierung" und anschließende Vergeltung. Hierzu zählten die unter Bruch von Versprechungen herbeigeführte Verschleppung einer ungarischen Verhandlungsdelegation unter Maléter und des Nagy-Kabinetts nach Rumänien und der mit Todesurteilen endende Geheimprozess von 1958, die Einführung von Standgerichten und Wiedereinführung der "Internierungslager", die Verfolgung Zehntausender Ungarn durch die Justiz und mittels Berufsverbot sowie die Austreibung von zwei Prozent der Bevölkerung ins Ausland. Exakt stellt der Verfasser dar, wie unter Moskaus Fittichen die neue Regierung um Kádár zustandekam und- später durchaus erfolgreich - Politik betrieb.

    Abschließend fassen die Herausgeber die Analyseergebnisse zusammen. Kritikwürdig sind ihre Thesen, der ostdeutsche "Neue Kurs" habe den Volksaufstand vom 17. Juni ausgelöst, für einen "deutschen Nationalkommunismus" sei damals kein Raum geblieben. (S. 297) Auslöser der Streiks und Demonstrationen war, wie im Buche selbst belegt wird, die Nichtrücknahme  bzw. zu späte Rücknahme der Normerhöhung. Die Chance zu einer sozialistischen statt stalinistisch-reaktionären Entwicklung wurde  durch die Repressionsmaßnahmen wesentlich verringert, nicht aber ganz verbaut. In Sachen Ungarn wäre ein Überblick über Reaktionen in anderen nominalsozialistischen Staaten und die erneuten Auseinandersetzungen mit Jugoslawien sinnvoll gewesen. Sie hätten wiederum auch die Zwiespältigkeit der Strategie und Taktik Chruschtschows und seiner Anhänger erwiesen, die - genau wie später Gorbatschow - einerseits energisch auf Reformen drängten, andererseits viel zu sehr in bürokratische Strukturen verstrickt waren, um die Reformen voll durchsetzen zu können. Das kostete sie am Ende selbst die Macht.

Manfred Behrend


Quelle: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Berlin , 03/2001


Satelliten nach Stalins Tod. Der "Neue Kurs" in der DDR, Ungarische Revolution 1956. Hrsg. von András B. Hegedüs und Manfred Wilke. Akademie Verlag, Berlin 2000.
Studien Des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin. ISBN 33-o5-003541-2, 316 S., 78 DM
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