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Buchver÷ffentlichungen  









Anregung zu marxistischem Denken: Eine Neuausgabe von Kofler-Schriften


Leo Kofler (1907-1995) zählt zu jenen unbestechlichen Wissenschaftlern, die lebenslang um den revolutionär-humanistischen Grundgehalt des Marxismus bemüht waren. Sie propagierten und verteidigten dies Gedankengut, suchten es auszubauen und machten sich bei den Herrschenden damit unbeliebt. Ihre Leistungen dienten dem Fortschritt. Sie wurden selten anerkannt und honoriert.

Manfred Behrend


In seiner Einführung zeichnet Herausgeber Christoph Jünke Koflers Weg von Ostgalizien über das sozialdemokratisch regierte Wien und die Schweizer Emigration bis Halle (Saale) und Bochum nach. Er skizziert die wichtigsten Werke seit der 1944 unter Pseudonym erschienenen "Wissenschaft von der Gesellschaft" und dem 1948 herausgebrachten Buch "Zur Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft", mit dem sich der Gelehrte habilitierte und Professor wurde. Gleich anderen Angehörigen der fortschrittlichen Intelligenz sah er in der Ostzone und späteren DDR die Chance, am Aufbau eines durchweg demokratischen Gemeinwesens mitzuwirken. Er wurde jedoch 1949 wegen seines nichtstalinistischen Standpunkts von Karrieresüchtigen als zum philosophischen Idealismus neigend angegriffen, ein Jahr später durch den SED-Chefideologen Oelßner zum "Trotzkisten" deklariert, hierauf ausgegrenzt und zur Flucht veranlaßt. In der Bundesrepublik legte sich Kofler durch Vorträge und Schriften weiter mit dem Stalinismus, vor allem aber mit rechtem Reformismus und  bürgerlichen Ideologien an. Durch Publikationen in der Hamburger "Anderen Zeitung" ab 1955 ist er auch Ostberlinern bekannt geworden. Linksstehenden Studenten, Gewerkschaftern und Sozialdemokraten der BRD lehrte er auf unkonventionelle Weise Marxismus. Den Ruf an die Bochumer Universität haben progressive Studierende und Dozenten ertrotzt. Ab 1985/86 sah Kofler in Glasnost und Perestroika eine Chance, die Entwicklung zur Barbarei zu stoppen und Fundamente für den Sozialismus zu legen. Dann verwandte er sich für Deng Xiaopings "Marktsozialismus" und geriet so auf Abwege, hielt aber bis zum Ende seiner Schaffenskraft an einer marxistischen, gegen den Sozialdarwinismus gerichteten Humanphilosophie fest.

    Für das Buch hat Jünke 21 meist weniger bekannte Zeitschriftenbeiträge und ein Gespräch ausgewählt. Sie belegen das Bestreben Leo Koflers, den Kern des Marxismus und seiner  Anthropologie, die Lehre von der Selbstverwirklichung des Menschen in der Geschichte, herauszuarbeiten. Als Triebkraft sieht der Verfasser das in der Sprache der griechischen Mythologie apollinisch genannte Prinzip des Tätigseins und das dionysische Lustprinzip an. "Wie die große Französische Revolution durch die Enzyklopädie eingeleitet wurde, so ist die Enzyklopädie unserer Zeit der dogmenfreie Marxismus, ohne den kein einziger Schritt auf dem Wege der gesellschaftlichen Veränderung getan werden kann", lautet sein Credo  (S. 227) Kofler übt Grundsatzkritik am Stalinismus, der als Ideologie einer bürokratischen Schicht die marxistische Lehre zu vulgärem Ökonomismus entstellt und Menschen zum Objekt quasi naturgesetzlicher Abläufe degradiert. Der Autor vernachlässigt etwas die subjektive Seite - Unterwerfung der betroffenen Völker unter die Oligarchie und deren kultisch gefeierte Führer - sowie Terror und Geschichtsfälschung als Mittel zum Zweck. Kofler kritisiert sowohl die durch Teilfreiheiten gekennzeichnete Bourgeoisieherrschaft mit ihrer Elite, Intelligenz und Bürokratie sowie das sozialdarwinistische Yuppietum, als auch die Frankfurter Schule, die aus Pessimismus über den rückläufigen gesellschaftlichen Trend zu politischer Passivität und "Marxo-Nihilismus" neigt. Er  kontert Klagen über den Erfolg der Realitäten verschleiernden Ideologie mit der Frage, ob dies auch dann gelänge, "wenn die oppositionellen Parteien und Gewerkschaften ihre gewaltigen Energien in den Dienst der Aufklärung stellen würden, wozu sie durch Kritik zu zwingen die Aufgabe der kritischen Theorie wäre". (S. 185) Ohne dabei zu übertreiben, hat er nach dem Versagen der sozialdemokratisch und stalinistisch geführten Arbeiterbewegung auf die progressive Intelligenz gehofft, die "dem geltenden Nihilismus eine humanistische Perspektive" entgegensetzte. (S. 200) Der an Lukács und Brecht Orientierte befaßt sich intensiv mit Kunstauffassungen. Alle echte Kunst sei volkstümlich-demokratisch, die dekadente, bürgerlich-aristokratische Kunst aber eine, die das "Seelische" verselbständige und vor den wahren Problemen der Zeit fliehe. Koflers Ansicht, die Verhaltensweise des Menschen bei Kafka widerspreche der Wirklichkeit, da sich der Mensch nicht aufgebe (S. 128), wirkt nach den durch stalinistische, sozialreformistische und bürgerliche Ideologie angerichteten Schäden kurzschlüssig. Auch in den Fällen aber, in denen er Irrtümern unterlag, regt sein Werk hochgradig zu exaktem marxistischem Denken an.


Leo Kofler: Zur Kritik bürgerlicher Freiheit.
Ausgewählte Texte eines marxistischen Einzelgängers.
Hrsg. von Christoph Jünke im Auftrag der Leo-Kofler-Gesellschaft.
VSA-Verlag Hamburg 2000. ISBN 3-87975-769-0, 240 S., 29,80 DM
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Aus: INPREKORR , Köln, 352, Febr. 2001, S. 24








 

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