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Buchveröffentlichungen  











Manfred Behrend

Rezension

Jan Foitzik (Hrsg.): Entstalinisierungskrise in Ostmitteleuropa 1953-1956. Vom 17. Juni bis zum ungarischen Volksaufstand. Politische, militärische, soziale und nationale Dimensionen. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn-München-Wien-Zürich 2001, 393 S..

15 Wissenschaftler aus sechs Ländern befassen sich mit politischen Entwicklungen in Polen, Ungarn, der DDR und der CSR nach Stalins Tod und dem XX. KPdSU-Parteitag, z. T. auch mit  Reaktionen der sowjetischen Führungsmacht. Die Autoren nutzten neben älterem seit kurzem zugängliches Material. Zu bedauern ist, dass wichtige Akten immer noch oder schon wieder gesperrt sind.

Die Vorgänge liefen in den Staaten oft zeitlich versetzt ab. So rebellierten tschechische Arbeiter mit ihrem Protest gegen die durch hohe Rüstungen bedingte asoziale Währungsreform vom 1. 6. 1953 als erste. Das Regime antwortete mit Gewalt, aber auch mit sozialen Zugeständnissen. Ähnlich wie in der DDR war die Folge, dass sich an den Unmutsäußerungen von 1956 über den fortdauernden Stalinismus zwar viele Intellektuelle, aber nur wenige Proletarier beteiligten. Im zuvor besonders intensiv ausgepressten Ungarn nahm der 1953 von der Sowjetführung verordnete "Neue Kurs" unter Ministerpräsident Nagy ernste Formen an, während er in der DDR mit Ausnahme des sozialen Bereichs bereits abgeschwächt und revidiert wurde. Zur Jahreswende 1954/55 gelang es der Gruppe um Rakosi, Nagy zu entmachten und auch hier das Rad zurückzudrehen. Das erhöhte zugleich die Explosionsgefahr im Land. In Polen wurde 1953/54 die Repressionspolitik u. a. durch Verfolgung katholischer Bischöfe fortgesetzt, bis der frühere Geheimdienstoffizier Swiatlo in Radio Free Europe über Einzelheiten und Hintermänner dieses Kurses berichtete und die polnische Parteiführung sich zu Korrekturen gezwungen sah. 1956 stand sie, bei harter Auseinandersetzung mit dem prosowjetischen Flügel, an der Spitze der Reformer. Die PVAP veröffentlichte als einzige Ostblock-Partei Chruschtschows Geheimrede über Stalin, diskutierte sie und gab weitgehend die Medien frei. Zum 8. ZK-Plenum im Oktober selben Jahres rückte die sowjetische Partei- und Regierungsspitze an und verlangte, den Reformkurs zu stoppen sowie den jahrelang verfemten früheren Parteichef Gomulka nicht wieder einzusetzen. Gleichzeitig rückten Einheiten der Roten Armee auf Warschau vor. Die PVAP, vom polnischen Volk, großen Teilen der Streitkräfte und den Einheiten des Innenministeriums unterstützt, widersetzte sich der Sowjetführung. Deren Nachgeben verhütete eine noch schlimmere Katastrophe, als es die Tage später in Ungarn war.

 Die Verfasser haben darin recht, dass die ungleichmäßige Reife der oppositionellen Bewegungen in Osteuropa es dem Kreml erleichterte, "das sowjetische Imperium ohne wesentliche Modifizierungen über Jahrzehnte zu erhalten" (S. 238). Ihren Arbeiten ist manche kaum bekannte Tatsache zu entnehmen. So die, dass Ende Oktober 1956 Außenminister Dulles erklärte, die USA seien an der aktuellen Entwicklung in Polen und Ungarn nicht interessiert; Washington würde sich über keine Regierung mit feindlichen Beziehungen zur Sowjetunion freuen (S. 49 und 131). Aufschlussreich sind andererseits die Motive der sowjetischen Parteispitze für ihre Abneigung gegenüber Rakosi. Sie war gegen ihn nicht deshalb, weil er und seine Clique ein Bollwerk des Stalinismus darstellten, sondern weil sie vorwiegend jüdischer Herkunft waren. Aus ähnlichen Gründen argumentierte der Kreml 1956 gegen eine öffentliche Erörterung des Antisemitismusproblems in Polen (S. 56 bzw. 346). Das Täuschungsmanöver Ungarn gegenüber, einerseits zu erklären, alle sozialistischen Staaten seien in ihren Entscheidungen souverän, andererseits aber eine zweite Invasion gegen das Land vorzubereiten, weil es sein Recht wahrnehmen wollte, war  doppelzüngig und zynisch. Derartige Tatsachen erschütterten aber auch den von vielen gehegten Glauben, es stünden  einander nur redliche Reformer und üble Stalinisten  gegenüber.

Im Artikel Stefan Wolles über die DDR ist der Abschnitt über den Studentenaufruhr 1956 interessant. Vornehmlich wegen des reichhaltigen Faktenmaterials, aber auch wegen dessen Quelle. Es stammt aus Berichten des Ministeriums für Staatssicherheit, für die in der damaligen Atmosphäre charakteristisch war, Fakten und Vorgänge nüchtern wiederzugeben. Diesen Rapporten gegenüber weist bereits die Stasi-Studie zum 33. ZK-Plenum der SED im Oktober 1957 einen Unterschied auf, indem sie Oppositionelle diffamiert und unsinnige Behauptungen wie die aufstellt, westliche Geheimdienste hätten an der Berliner Humboldt-Universität ein Komplott organisiert, um unter dem Vorwand studentischer Forderungen nach freier Diskussion Zersetzungsarbeit gegen die DDR zu leisten und "freie Hand für die (englisch-französisch-israelische) Aggression am Suezkanal zu behalten" (S. 320 ff.). Mit in den Zusammenhang gehört der tatsächlich Unruhe auslösende Artikel Ulbrichts im "Neuen Deutschland" vom 4. 3. 1956, von dem Foitzik meint, er habe das Stalinismusproblem "nur diskret gestreift". (S. 43) In Wahrheit streifte der bisherige Einpeitscher des Stalinismus das Problem gar nicht, sondern verlautbarte Knall und Fall, Stalin sei "kein Klassiker" des Marxismus-Leninismus mehr. Durch höhnische Anmerkungen über junge Genossen, die an Stalins Weisheit  geglaubt hatten, hat er das später komplettiert.

Der Sammelband bereichert unsere Kenntnis über einen wichtigen Abschnitt der Geschichte Ostmitteleuropas, dessen Auswirkungen z. T.  bis heute reichen. Die Autoren berichten Wesentliches, oft auf spannende Art. Sie haben sich vielfach allerdings zu stark auf die "Königsebene" konzentriert.

Manfred Behrend, Berlin 2001










 

GLASNOST, Berlin 1990 - 2018