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Buchveröffentlichungen  









Manfred Behrend

Rezension

Frank Deppe: Politisches Denken im 20. Jahrhundert. Die Anfänge.


   Den Autor habe ich bisher nur einmal erlebt - als Referenten, der beim Darlegen längst bekannter Dinge vom Hundertsten ins Tausendste kam. Sein Buch hat mich angenehm überrascht. Auf Vorlesungen Mitte der 90er Jahre in Marburg basierend, legt Deppe Anschauungen, z. T. auch Lebensläufe namhafter Philosophen, Soziologen und Politiker aus dem späten 19. und beginnenden 20. Jahrhundert dar. Er konzentriert sich auf das Wesentliche, seine Schreibweise ist kurzweilig und prägnant.

   Im ersten Kapitel gibt der Verfasser einen Überblick über wichtige allgemein- und geistesgeschichtliche Vorgänge des letzten Jahrhunderts, das laut Yehudi Menuhin "die größten Hoffnungen hervorrief... und alle Illusionen und Ideale zerstörte". (S. 11) Dieser Eindruck ist naheliegend, wenngleich er nicht voll zutrifft. Deppe verweist darauf, daß die großen Auseinandersetzungen stets im Schatten von Artikel 1 der französischen Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 standen, wonach die Menschen von Geburt an frei und gleich sind. In wichtigen kapitalistischen Ländern habe zunächst der Liberalismus dominiert, der dann von einem auf sozialdemokratisch-keynesianischen Vorstellungen gründenden Kollektivismus besiegt wurde. Schließlich unterlag dieser dem Neoliberalismus. Francis Fukuyama behauptet nun, das "Ende der Geschichte" sei gekommen. Inzwischen herrschen aber über die Folgen der kapitalistischen "Siegkrise" pessimistische Prognosen vor. (S. 33)

    Inhalt des zweiten Kapitels sind Entwicklungen von der bürgerlichen Belle Epoque um 1900 bis zur Katastrophe im ersten Weltkrieg. Weite Bevölkerungskreise in den kapitalistischen Hauptländern waren anfangs optimistisch gestimmt. Die in scheinbar sicherer Weltmachtposition befindliche englische Bourgeoisie sprach bereits damals vom glückhaften Ende der historischen Entwicklung. (S. 128) Zugleich erschütterte, wie Deppe feststellt, Sigmund Freud mit seinen Forschungen das bürgerliche Selbstbewußtsein. Durch die damalige Nietzsche-Rezeption, Thesen des französischen Lebensphilosophen Henri Bergson und die Ansichten der Bohème gedieh nihilistische Kritik an der Gegenwart. Sie richtete sich gleichzeitig massiv gegen die progressiven Traditionen der Aufklärung. Irrationalismus und Sozialdarwinismus bereiteten den Weg zu neuer, schlimmerer Barbarei vor, dem die ihrerseits siegesbewußte Sozialdemokratie wenig entgegenzusetzen hatte.   

   Das dritte Kapitel ist dem deutschen "Klassiker" der modernen bürgerlichen Sozialwissenschaften, Max Weber, gewidmet. Deppe legt dessen sozialimperialistische, auf elitäre Herrschaft im Innern, gegen Marxismus und revolutionäre Arbeiterbewegung gerichtete Auffassungen ebenso wie sein Drängen nach politischer und wirtschaftlicher Modernisierung dar. Weber plädierte für ein Bündnis mit rechten Sozialdemokraten und Gewerkschaftern. Er übte z. T. berechtigte Kritik an der fortschreitenden Bürokratisierung industriell entwickelter Staaten.

   Im vierten Kapitel erörtert der Verfasser Gedankengebäude der Neomacchiavellisten, die die angebliche Naturnotwendigkeit fortdauernder Ungleichheit der Menschen glaubhaft zu machen versuchten. Um die Ungleichheit sicherzustellen, müßten allerdings entsprechende Instanzen vorhanden sein. Deppe befaßt sich mit Vilfredo Pareto und Georges Sorel. Ersterem huldigte wegen seiner autoritären Haltung Mussolini. Eine italienische Zeitschrift nannte Pareto den "Karl Marx des Faschismus". (180) Sorel war ebenfalls reaktionär, hatte aber vor seiner Liaison mit der Action Francaise eine sozialistische und eine anarcho-syndikalistische Entwicklungsphase. Als "Todfeind des Liberalismus" feierte er 1919 gleichermaßen Lenin, Mussolini und Friedrich Ebert. (222)

   Von speziellem Interesse ist das fünfte Kapitel. Es gilt zwei zeitweise auch politisch einflußreichen Vertretern des amerikanischen Pragmatismus, John Dewey und George Herbert Mead. Der Autor trägt eine plausible Definition der experimentell-pragmatischen Methode vor, die gerade in den  aufstrebenden USA erfolgreich war. Sie steht der europäischen Apriori-Philosophie entgegen. Zwecks Festigung der Zivilgesellschaft traten linksliberale Pragmatiker wie Dewey und Mead für umfassende soziale und Bildungsmaßnahmen ein; sie forderten eine demokratische Außenpolitik und unterstützten Wilsons 14-Punkte-Friedensprogramm von 1918. Daß der USA-Präsident hierzu Anleihen aus Trotzkis Broschüre "Der Krieg und die Internationale" und Lenins Dekret über den Frieden nahm, ist dem Autor  entgangen. Er erwähnt auch nicht, daß Dewey 1937 dem Ausschuß zur Untersuchung der Tätigkeit Leo Trotzkis vorstand. Trotz enormen Gegendrucks von bürgerlicher und vor allem sowjetischer Seite blieben er und die Kommission der Wahrheit verpflichtet. Sie werteten die Tatsachen objektiv und sprachen den großen Revolutionär von Stalins ungeheuerlichen Anklagen frei.

   Kapitel 6 ist eine Studie über den Weg und die theoretischen Leistungen W. I. Lenins. Deppe konstatiert, daß dieser den dogmatisierenden Einflüssen führender Denker der II. Internationale, vor allem Kautskys, gegenüber den Marxismus als Theorie revolutionärer Aktionen und handelnder Subjekte erneuert hat. Er sei aber in den Fehler verfallen, theoretische Fragen zu vereinfachen, und habe mit der Aufstellung von "Grundgesetzen" und Axiomen seinen stalinistischen Nachfolgern die Blockierung marxistischer Forschung erleichtert. In seinem politischen Denken und Handeln blieb Lenin indes flexibel. (S. 273, 281 f., 310 f. und 321 f.)

   Im siebten Kapitel behandelt der Verfasser die politische und soziale Konzeption des chinesischen Nationalrevolutionärs Sun Yat-sen, von der nach meiner Meinung bis heute nicht mit Sicherheit gesagt werden kann, inwieweit sie erfolgreich resp. erfolglos war. Er stellt in großen Zügen Chinas Geschichte seit den "ungleichen Verträgen", die Befreiungskämpfe und die Entwicklung der zunächst pro-, dann antisowjetischen, stets aber  antikommunistischen Kuomintang dar.

   Die wichtigsten Ergebnisse seiner materialreichen Arbeit faßt Deppe im Epilog zusammen. Hier verwendet er auch bisher nicht benutzte Fakten und Zitate. So die grundlegende, vorwiegend auf imperialistische Totalitarismusformen gemünzte Feststellung Hannah Arendts: "Die Tyrannis erzeugt die Ohnmacht, welche die totale Herrschaft ermöglicht. Der Terror konserviert und intensiviert die Entmachtung durch die Atomisierung der Gesellschaft." (S. 374)

   Entgegentreten möchte ich der Ansicht des Autors, die Welle des historischen Optimismus, die nach 1917 zeitweise alle sich als Sozialisten bezeichnenden Akteure erfaßte, sei "letztlich nur Reflex auf die Krise des bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftssystems seit Beginn des Jahrhunderts" gewesen. (373) So übel Stalin und dessen Schergen ihr mitspielten: Die russische Revolution, die Sowjetmacht und die frühe kommunistische Bewegung waren Erscheinungen, die von sich aus Optimismus auslösten. Er wirkt in bestimmtem Umfang selbst heute nach. Die Bedeutung der russischen Revolution geht über die der Pariser Commune von 1871, die ebenfalls unterdrückt wurde, noch hinaus.


© Manfred Behrend, Berlin 2000 


Quelle:  Hintergrund, Osnabrück, III-2000, S. 61-63

Frank Deppe: Politisches Denken im 20. Jahrhundert. Die Anfänge. VSA-Verlag, Hamburg 1999. ISBN 3-87975-747-X, 398 S., 39.80 DM

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