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Buchveröffentlichungen  









Manfred Behrend

Rezension

Oleg Dehl, Natalja Mussienko, Ulla Plener, Simone Barck (Hrsg. U. Plener:) Verratene Ideale. Zur Geschichte deutscher Emigranten in der Sowjetunion in den 30er Jahren. Schriftenreihe des Vereins „Gesellschaftswissenschaftliches Forum“,

Bd. 25. trafo verlag dr. wolfgang weist, Berlin 2000, 393 S.


Das Buch informiert über deutsche Arbeiter, die seit Ende der 20er Jahre in sowjetischen Produktionsbetrieben und auf Großbaustellen mitwirkten, und über die kleinere Schar politischer Emigranten. Zugleich wird über das tragische Geschick berichtet, dem beide Kategorien während der „Großen Tschistka“ (Säuberung) 1936-1938, ansatzweise schon davor, unterlagen. Die oftmals ungeheuerlichen Tatsachen sprechen für sich. Entgegen den Behauptungen prostalinistischer Schönredner vermitteln sie den Eindruck, dass das bürokratisch-terroristische Regime in der UdSSR weder imstande noch willens war, seine Selbstverpflichtung zum „Aufbau des Sozialismus“ einzulösen und die Menschheit dauerhaft voranzubringen.

Im ersten Teil befasst sich der Russlanddeutsche Dehl auf Basis seiner 1995 verteidigten Dissertation mit den Bedingungen, unter denen Wirtschafts- und Politemigranten aus Deutschland lebten. Ausgehend von der Erwägung Lenins, Arbeitskräfte industriell entwickelter Länder für den Aufbau Russlands anzuwerben, damit sie unmittelbar die Produktion und in Verbindung damit das einheimische Proletariat durch Weitergabe ihrer Erfahrungen und Methoden voranbrächten, würdigt er den Enthusiasmus vieler westlicher Arbeiter, der dem entgegenkam, und die dem Projekt häufig im Weg stehenden Zustände und Unzulänglichkeiten. Verschiedentlich warben ungeschulte Funktionäre für den auszuübenden Beruf nicht geeignete, reaktionäre oder kranke Arbeiter an, wurden Versprechungen nicht eingehalten, war vor allem die russische Provinz nicht auf Zugänge vorbereitet, wurden der Arbeitsbeginn erschwert, ein geregelter Ablauf unmöglich gemacht, galten Deutsche der hungernden Sowjetbevölkerung oft als Leute, die auf ihre Kosten leben wollten, waren neue Arbeitsmethoden und Verbesserungsvorschläge vielfach bei russischen Proleten und deren Natschalniks unbeliebt. Daneben gab es Großbaustellen im Land und Werke in Moskau, wo deutsche Arbeiter und Spezialisten wichtige Beiträge zu qualitativ und quantitativ höherer Produktion leisten konnten, sich wohlfühlten, weiterbildeten und politisch betätigten. Sowjet- und Kominterninstanzen waren um geeignete Bedingungen bemüht. Diverse Forderungen „von oben“ und massives Drängen auf Annahme der sowjetischen Staatsbürgerschaft, der Fortfall des für Familienangehörige bestimmten Valutaanteils am Lohn und das für stalinistische Herrschaftsformen typische Misstrauen Fremden gegenüber trugen zur Verschlechterung der Lage und Stimmung bei, weshalb selbst zur NS-Zeit manche in die Heimat zurückkehrten.

Die politischen Emigranten waren zunächst angesehen. Doch wurde schon seit 1924 darauf geachtet, dass trotz weitgehender Asylrechte im „Vaterland aller Werktätigen“ nicht zu viele dorthin kamen. Unter denen wurde nochmals streng gesiebt. Als die Hitlerdiktatur Ströme von Verfolgten ausser Landes trieb, ließ sich die Sperre zeitweise so nicht aufrechterhalten. Doch wurden schon 1935/36 die Aufnahmebedingungen erneut verschärft. Die zur selben Zeit einsetzende Verfolgung von „Volksfeinden“ und Pseudo-Agenten verschiedenster Art, vor allem Linken und Kommunisten, aber auch in Rüstungsbetrieben beschäftigter Ausländer, die Drangsalierung ihrer Angehörigen, Entlassung aus Betrieben und Wegnahme der Personaldokumente hatten oft lebensbedrohliche Zustände zur Folge. Zudem wurden wiederholt deutsche und österreichische Kommunisten – schon vor dem Hitler-Stalin-Pakt, erst recht danach – ins Deutsche Reich abgeschoben, also zur Haft in NS-Konzentrationslagern freigegeben. Dem Anheizen fremdenfeindlicher Pogromstimmung dienten Parolen wie die in russischen Funktionärskreisen im Schwang befindliche, die im offiziösen „Journal de Moscou“ am 12. 4. 1938 sogar abgedruckt wurde: „Es wäre keineswegs übertrieben zu sagen, dass jeder ausserhalb Japans lebende Japaner ein Spion ist, ebenso wie jeder deutsche Bürger, der im Ausland lebt, ein Agent der Gestapo ist.“ (S. 99) Kominternchef Dimitroff legte gegen die Behauptung Protest ein und verlangte, dass sich das zentrale Parteiorgan „Prawda“ davon distanziere. (S. 173) Er hatte keinen Erfolg. Intern wirkte die der Parole zugrunde liegende, durch geheime KPdSU- und NKWD-Direktiven bestärkte Einstellung im Unterdrückungsapparat weiter fort. Der deutsche Vertreter bei der Komintern-Exekutive Dietrich konstatierte Ende April 1938 in einem vertraulichen Bericht ans ZK seiner Partei, wenn die Verfolgung so anhalte, werde in drei Monaten kein KPD-Mitglied mehr übrig sein. (S. 101 und 143 ff.)

Dehl, Mussienko und Plener gehen im zweiten Teil des Buches auf die vom NKWD konstruierte „Hitlerjugend“ in der Sowjetunion ein. Die angebliche „konterrevolutionäre faschistische Spionageorganisation“ (S. 174) bestand aus 71 untereinander generell nicht verbundenen Personen, meist jungen Kommunisten, von denen viele gleichzeitig auf der „Sonderfahndungsliste UdSSR“ der Gestapo standen. Sie wurden geschlagen und gefoltert, um wahnwitzige „Geständnisse“ zu erpressen. 40 der 71 sind erschossen, die meisten anderen in Arbeitslager verbracht und einige, so der Sohn Ernst Torglers, der Gestapo überstellt worden. Im Fall „Hitlerjugend“ sind Aussagen von NKWD-Beamten überliefert, die bestätigen, dass Akten gefälscht, „Geständnisse“ aus den Opfern herausgeprügelt, Unschuldige zu Tod oder Lager verurteilt worden sind. (S. 272 ff.)

Der dritte Teil gilt der Moskauer „Deutschen Zentralzeitung“, welche 1926-1939 unter wechselnden Namen erschien, eine der bekanntesten deutschsprachigen Periodika in der UdSSR war und seit 1957 durch “Neues Leben“ fortgesetzt wird. Der Chefredakteur des letztgenannten Periodikums Dehl stellt die wechselvolle Geschichte der DZZ dar, die sich vom Blatt zu vordringlicher Einflussnahme auf Russlanddeutsche zur überwiegend von Politemigranten bestimmten Zeitung entwickelte. Von den neun aufeinander folgenden Chefredakteuren wurden in der Tschistka sechs erschossen oder starben im GULag. Die 50 Mitarbeiter des Jahres 1936 fielen zu vier Fünfteln auf diese oder jene Art dem Terror zum Opfer, darunter Prominente wie die Lebensgefährtin Hans Kippenbergers, einst Chef des geheimen KPD-Apparats, wie Maria Osten, Wanda Bronska und Hugo Huppert, der seinerseits für den NKWD Spitzeldienst leistete. Die von Simone Barck sachkundig kommentierte, leider unvollständige Bibliographie ermöglicht einen Blick auf Themen und Autoren der DZZ.

Im Nachwort geht Herausgeberin Plener auf die triste, durch Ausmaß und Intensität der Verfolgung grausame Vergangenheit und den gegen selbständig denkende Menschen und eine lebendige kommunistische Bewegung gerichteten Wesenszug des Stalinismus ein, der keineswegs Marx, Engels oder Lenin geschuldet ist. (S. 378 ff.) Zugleich stellt sie fest, auch im heutigen, geltender political correctness zufolge auf dem Weg zur Demokratie befindlichen Russland zeichneten sich „Rehabilitierungsbescheide“ für Ermordete, viele Jahrzehnte Inhaftierte oder Verbannte durch haarsträubende Formulierungen und das Fehlen jeden Ansatzes zur Entschuldigung aus; als „Entschädigung“ könne die Zahlung ganzer drei Monatsgehälter beantragt werden - nicht beim NKWD-Nachfolger, sondern beim früheren Betrieb. Die Rückkehr aus Verbannungsgebieten werde weiter behindert. (S. 381) Die vielfach mit Antikommunismus, oft auch Antisemitismus motivierte Fortdauer solch altehrwürdiger Praktiken erweist, dass ideologische Grundzüge des früheren Regimes erhalten blieben..


© Manfred Behrend











 

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