Start

Buchver÷ffentlichungen  









Manfred Behrend

Rezension

Eberhard Czichon: Deutsche Bank – Macht – Politik. Faschismus, Krieg und Bundesrepublik. PapyRossa Verlag, Köln 2001, 323 S.


Czichons erste Veröffentlichungen über die Deutsche Bank und ihren bedeutendsten Vertreter liegen 32 Jahre zurück. In den Kölner „Blättern für deutsche und internationale Politik“, H. 7 und 9/1967, sowie in „facit. Zeitschrift marxistischer Studenten“, H. 16/1969, publizierte er eine Aufsatzserie. Ihr schlossen sich im Laufe der Zeit fünf Bücher an, die zunächst kurz aufeinander folgten, dann in z. T. beträchtlichem Abstand erschienen: im Oktober 1969 „Hermann Josef Abs. Porträt eines Kreuzritters des Kapitals“ beim Ostberliner Union Verlag, zum 100. Jahrestag der Gründung der Deutschen Bank am 22. 1. 1970 „Der Bankier und die Macht. Hermann Josef Abs in der deutschen Politik“ beim Kölner Pahl-Rugenstein Verlag, 1975 russischssprachig „Bankir i vlast“ in Moskau, 1995 „Die Bank und die Macht. Hermann Josef Abs, die Deutsche Bank und die Politik“ im Pahl-Rugenstein-Nachfolgeverlag PapyRossa in Köln, 2001 beim selben Verlag der hier zu besprechende Titel. Im Manuskriptdruck liegt Czichons Dissertationsschrift „Der Techniker der ökonomischen Aggression“ vom Januar 1977 über Abs vor. Sie wurde dank Einwirken des SED-Parteitapparats an der DDR-Akademie der Wissenschaften zurückgewiesen.

Seit der ersten Publikation hat sowohl die deutsche Geschichte – besonders durch den Untergang der DDR -, als auch die Einstellung der Deutschen Bank zu ihrer braunen Vergangenheit Veränderungen durchgemacht, die sich in Czichons letzten Arbeiten widerspiegeln. Sie sind lesbarer und – nachdem die Veröffentlichungen von 1967-1970 z. T. schwere Detailfehler aufwiesen – wesentlich exakter geworden. Ihr Kern, die Anklage wider die Deutsche Bank wegen Kriegs- und Naziverbrechen, blieb erhalten. Sie wurde als Folge neuer Aktenfunde und Publikationen, auch der Bank nahestehender Kreise, erweitert.

Zwei Kapitel des neuen Buches und Teile des dritten behandeln Vorgänge der Bankgeschichte ab 1933 und der Karriere ihres Vorstandsmitgliedes seit 1937 H. J. Abs, die Czichon schon in vorangegangenen Arbeiten erörtert hat. So das Zusammenwirken mit den IG-Farben, Görings Vierjahresplanbehörde und NS-Wirtschaftsminister Funk, „Arisierungs“-Geschäfte, die Übernahme der Wiener Creditanstalt und der Böhmischen Union-Bank, Abs‘ reichsdienliche Rolle in Stillhalteverhandlungen über Deutschlands Auslandsschulden, bei Beute- und Raubgoldverkäufen und Aktienerwerb im Ausland, sein und der Deutschen Bank Mitwirken an der Finanzierung des Krieges sowie der Ausbeutung Jugoslawiens und anderer Länder, der Übergang von bedingungsloser Unterstützung Hitlers zu Bestandssicherung und Katastrophenabwehr im eigenen Interesse. Neu im Buch sind in den späten 90er Jahren gewonnene Erkenntnisse u. a. über den Schweizer Mitarbeiter in Abs‘ Auslandsabteilung Direktor Alfred Kurzmeyer, welcher seiner Bankakte nach ein „unbeschriebenes Blatt“ war, als Verwalter jüdischen Opfergoldes und eines SS-Privatkontos in der Schweiz sowie über Kreditvergaben der Deutschen Bank für den Aufbau des Konzentrationslagers Auschwitz.

Störend wirken im Text Anglizismen wie „financial adviser“, „confidentially-mission“ und „robbery-business of jewish property“. Die These einer „Machtübertragung an Hitler durch jene Teile der Hochfinanz, die eng mit der Schwerindustrie liiert waren“, beisst sich mit der, der „Führer“ habe die ganze faschistische Kapitalsdiktatur „notverordnet“, und Krupp sei ihm „untertänig“ gewesen. (S. 17 f.) Eine „schleichende ‚Arisierung‘ in Form von Pogromen“ vor 1938 und bankeigene „Arisierungs“hilfen für hilfesuchende Juden und „arische“ Firmeninhaber als „Robin-Hood-Geschäfte“ (S. 73 f.) waren der Sache nach unmöglich. Abs‘ Brandmarkung als „Holocaust-Bankier“ und „Vertrauensmann der Gestapo“ (S. 10) ist mindestens stark übertrieben.

Im vierten Kapitel berichtet Czichon über Bankgeschichte nach 1945 und die Abssche Nachkriegskarriere. Er weist nach, dass die Basis dieser Karriere wacklig war, da die Einstufung des Bankherrn im Entnazifizierungsverfahren als entlastet durch z. T. fragwürdige „Persilscheine“ zustandekam. Einer stammte von einem „Betriebsrat der Deutschen Bank“, den es zu jener Zeit nicht gab; in einem anderen wurde Abs bescheinigt, kurz vor dem Attentat des 20. Juli 1944 mit Peter Yorck gesprochen zu haben, was zeitlich ebenfalls unmöglich war. (S. 245 f. bzw. 220 ff.) Dass Abs damals vor einem Berufungsausschuss für Entnazifizierung stand, womöglich also im Vorverfahren belastet wurde, lässt der Verfasser ausser acht. Der Entnazifizierte fungierte fortan als Präsident der Bank Deutscher Länder, Kovorsitzender der Kreditanstalt für Wiederaufbau, Chef der süddeutschen regionalen Nachfolgeinstitution der Deutschen Bank, nach deren Wiederherstellung 1957 als ihr Vorstandssprecher, 1967-1976 als Aufsichtsratsvorsitzer. Wichtige Vorgänge waren die auf BRD-Seite von Abs geleiteten Schuldenverhandlungen mit westlichen Gläubigerstaaten sowie mit Israel 1952, in denen er bisweilen jüdische Opfer brüskierte, und die Konflikte mit Kanzler Erhard ab 1963. Während dieser auf verstärkte Kooperation mit den USA, weiter gesteigerten Warenexport und Mengenkonsum (mithin „rheinischen Kapitalismus“) drängte, unterstützte Abs das von Exkanzler Adenauer verfochtene Europakonzept und trat für höheren Kapital- statt Warenexport sowie Selbstbeschränkung der gewerkschaftlichen Lohnpolitik ein. Im Bund mit Adenauer, Strauß und dem rechten SPD-Wirtschaftsexperten Karl Schiller trug er zum Sturz Erhards und zur Bildung der Großen Koalition 1966 bei.

Interessant ist Czichons Darstellung über seinen Aktenfund im Keller des Deutschen Wirtschaftsinstituts im Frühjahr 1967, die hierauf einsetzenden Aktivitäten zur Aufsatzserie und den ersten zwei Bänden sowie über den Prozess, den die Deutsche Bank und Abs 1970 gegen ihn und den Pahl-Rugenstein Verlag anstrengten. Bei den Akten handelte es sich um einen mehr als 20 Tonnen schweren Bestand, den die Sowjets 1945 bei Großbanken beschlagnahmt und später der DDR übergeben hatten. 12000 der 35000 Aktenbände stammten von der Deutschen Bank. Der Fundus war reich. Er wurde aber – ausser durch Czichon – kaum von Historikern genutzt und setzte, später an andere Orte verbracht, weiter Staub an, bis ihn die ursprünglichen Inhaber nach 1990 wieder in Besitz nahmen.

Über den Prozess ist erstmals in „Der antifaschistische Widerstandskämpfer“, Berlin-Ost, H. 2-4/1987 zusammenhängend berichtet worden, mit einem Nachtrag in „AntiFa“, Ostberlin, H. 11/1990 über Hintergründe und Folgen auf DDR-Seite, darunter das Dissertationsverbot und Czichons Parteiausschluss wegen Unbotmäßigkeit 1981. Der Autor bemerkt zu Recht, dass Abs die Attacken von 1967-1970 zunächst aussitzen wollte und das Angebot, eine Gegendarstellung zu veröffentlichen, ablehnte. Erst als DDR-Rechtsanwalt Friedrich Karl Kaul seinerseits zu klagen drohte, weil der Marburger Filialleiter der Deutschen Bank Kunden gegenüber das Buch „Der Bankier und die Macht“ als erlogen bezeichnet hatte, holten das Geldinstitut und sein Chef zum Gegenschlag aus. Sie führten ihn bei einem ihnen genehmen Tribunal, dem Stuttgarter Landgericht, das generell ihren Anträgen entsprach. Dem am 9. 8. 1972 ausgefertigten Schlussurteil zufolge ist das Buch „in allen die Kläger diskriminierenden wesentlichen Punkten unwahr und beleidigend“. (S. 279)

Dass die Bank und Abs erfolgreich waren, lag in erster Linie an der Grundeinstellung des Gerichts. Zur Motivation des Urteils und der eingangs erlassenen Einstweiligen Verfügung vom 1. 9. 1970 nutzte es diverse Fehler in Czichons Darstellung, die ein Team von Bankmitarbeitern aufdeckte. Gleichzeitig kam den Klägern die kapitulantenhafte Haltung der Abteilung 70 im ZK-Apparat der SED zugute, welche die beklagte Partei bevormundete. Sie stoppte die erfolgreich angelaufene öffentliche Auseinandersetzung mit Abs und der Deutschen Bank in ihrem Einflussbereich und verließ sich voll auf den juristischen Streit, bei dem die Niederlage sicher war.

Im Zusammenhang damit verpuffte auch die Wirkung des OMGUS-Reports über Ermittlungen gegen die Deutsche Bank, den eine von Antinazis besetzte Dienststelle der amerikanischen Militärregierung 1946/47 erarbeitet hatte. Er wurde nicht, wie Czichon behauptet, von „Public-Relations-Managern der Bank“ aus allen Bibliotheken Europas entfernt (S. 276), sondern schon im kalten Kriege von den US-Behörden eingezogen, um den neuen Verbündeten BRD nicht in Verlegenheit zu bringen. Den nun von einem US-Bürger aus dem Nationalarchiv der USA beschafften Bericht brachte Kaul in deutscher Übersetzung in den Prozess ein. Bank-Anwalt Joseph Augstein wertete ihn als „Rache der Juden“, das Gericht wies ihn als irrelevant vom Tisch.

Vom Institut für Marxistische Studien und Forschungen 1971 in geringer Auflage verbreitet, fand der Bericht nach dem von der Abteilung 70, der Deutschen Bank und dem Gericht gleichermaßen bewirkten Abflauen des öffentlichen Interesses für das Verfahren kaum Beachtung. Erst mit seiner Buchveröffentlichung 1985 durch den Greno-Verlag kündigte sich ein Wandel an. Als die Raub- und Opfergeldaffären sowie die Finanzierung des KZ-Aufbaus durch die Deutsche Bank ruchbar wurden, zeigte sich deren neue, persönlich unbelastete Führung bereit, Kriegs- und NS-Verbrechen des eigenen Hauses zuzugeben und zu ihrer Aufklärung beizutragen. Czichon führt dies darauf zurück: „Eine Bank, die wieder zu den führenden internationalen Geldhäusern aufgestiegen ist, kann sich eine ungeklärte Nazivergangenheit nicht leisten. Das hätte... zu einem Konkurrenzhemmnis werden können.“ (S. 194) Er ließ unergründet, warum die Bank, die schon seit Jahrzehnten zu den größten der Welt zählt, nicht früher auf den Gedanken kam, und was konkret sie eben jetzt dazu veranlasste.


© Manfred Behrend, Berlin 2001










 

GLASNOST, Berlin 1990 - 2018