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Buchveröffentlichungen  











Manfred Behrend

Rezension

Stalin und wir. Stalinismus und die Rehabilitierung österreichischer Opfer. Von Walter Baier und Franz Muhri. Hrsg. v. Bundesvorstand der KPÖ. Globus Verlag Wien 2001, 208 S.

Mit diesem Buch erfüllt die Führung der Kommunistischen Partei Österreichs, wie es in der Einleitung heißt, einen Teil ihrer politisch-moralischen Bringschuld, auf die lange Bank geschobene Parteiprobleme einer offenen Aufarbeitung zuzuführen. (7) Es birgt vor allem eine Liste österreichischer Opfer, die in den frühen 30er Jahren vorigen Jh.s im "Vaterland der Werktätigen" Sowjetunion Unterschlupf gefunden hatten. Meist waren es sozialdemokratisch orientierte Schutzbundangehörige, welche 1934 im Kampf gegen den Austrofaschismus unterlagen; andere Asylsuchende gehörten der KP an. Hier genannt werden nur diejenigen, deren Schicksale dank vieljähriger KPÖ-Bemühungen von russischer Seite amtlich überprüft worden sind. Der inzwischen verstorbene Franz Muhri, 1965-1990 Parteivorsitzender, dann Internationaler Referent des ZK, berichtet über die zur Erreichung dieses Resultats geleistete Arbeit und über Wandlungen seiner Einstellung zum Stalin-System seit dem XX. KPdSU-Kongress 1956. Als Ursachen für das Scheitern des ersten sozialistischen Versuchs bezeichnet er das sowjetische Wirtschaftssystem, das unermüdlich Stagnation und Versorgungslücken reproduzierte, ferner Machtmissbrauch, großrussischen Nationalismus und die Deformation der KPdSU, einer international einst führenden Partei, die 1991 ruhmlos unterging. (186)

Hochinteressant ist der Aufsatz von Walter Baier, KPÖ-Bundessekretär seit 1994, "Über den Stalinismus". Kein anderer Parteichef hat sich so intensiv mit der Materie befasst, und das auf wenigen Seiten. Baier skizziert den stalinistischen Vernichtungsfeldzug gegen progressive Gesellschaftskräfte, vor allem Kommunisten, in der Sowjetunion, der 1937/38 mit 1000 Erschossenen pro Tag seinen Höhepunkt erreichte. Er schlussfolgert, Stalinismus bedeute "systematisch praktizierten Antikommunismus". (9) Als sozialen Träger der Despotie bezeichnet der Verfasser die rund 500 000 Personen umfassende Spitze der Partei- und Staatsbürokratie. Wichtigstes Kriterium der bis heute fortwirkenden stalinistischen Ideologie ist, dass sie "den humanistischen Gehalt des Kommunismus praktisch und theoretisch negiert... Wo immer das stalinistische Prinzip sich im kommunistischen Diskurs merkbar macht, repräsentierte es die zerstörerischen bzw. selbstzerstörerischen Tendenzen in der Linken." (28 f)  

In einem Punkt hat Baier Unrecht: Da, wo er zwischen der Sicht Trotzkis und der Stalins Ende der 20er Jahre "frappante Parallelen" vermutet. (23) Indem Erstgenannter 1928 konstatierte, sozialistischer Aufbau sei nur auf Grundlage des Klassenkampfes denkbar, der bei entscheidendem Übergewicht der kapitalistischen Beziehungen in der Welt unvermeidlich zu Explosionen führen werde, "im Innern zu Bürgerkriegen", hielt er  Entwicklungstendenzen fest, ohne die Notwendigkeit staatlichen Terrors daraus zu schließen. Stalin rechtfertigte mit seiner Theorie vom gesetzmäßigen Anwachsen des Klassenkampfes bei fortschreitendem Aufbau des Sozialismus 1929 die bis zu hunderttausendfachem Mord und millionenfacher Haft im Gulag reichende Unterdrückung der Massen wie der Lenin-Partei.

In österreichischen Publikationsorganen hat das vorliegende Buch erfreulich große Beachtung gefunden. Verständlich sind die Attacken des stalintreuen Flügels der Partei gegen den Aufsatz Baiers.

Manfred Behrend, Berlin 2001










 

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