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Beiträge zur Geschichte  








Manfred Behrend

Wer sind die Bankrotteure?

Mindestens Eberhard Czichon hat sich mit der Wittorf-Affäre frühzeitig befasst. Er erzählte mir 1956 oder 1957, wie das ZK der KPD erst geschlossen für Thälmanns Suspendierung als Parteichef stimmte, auf einen Verweis aus Moskau hin aber 25 Komiteemitglieder plötzlich behaupteten, überrumpelt worden zu sein, und ihr Ja zu dem Beschluss zurücknahmen. Eberhard amüsierte sich über die Ritter ohne Rückgrat. Ihm hatten es die „Versöhnler“ angetan, die den ursprünglichen Beschluss durchsetzten, während ich mit den sogenannten Rechten sympathisierte. Inzwischen ist Eberhard nicht nur älter, sondern auch auf seltsame Art flexibler geworden. Mit Heinz Marohn frischt er die alte Thälmann-Legende wieder auf.

Kritiker des ZK-Beschlusses vom 26. 9. 1928 haben insofern Recht, als das Vertuschen illegaler Selbstbedienung aus der Parteikasse durch den Pol. Sekretär des Bezirks Wasserkante John Wittorf, der kein Schwager des KPD-Vorsitzenden, wohl aber einer seiner Protegés war, für sich genommen unzureichend gewesen ist, um Ernst Thälmanns Ablösung zu begründen, auch wenn er, wie geschehen, selbst die Suspendierung beantragte. Doch ist zu bedenken, dass Korruption, besonders in der Arbeiterbewegung, damals wesentlich ernster genommen wurde als heute. Zudem war dieser Fall keineswegs der erste. 1926/27 hatte der damalige KPD-Bezirkschef Rudolf Lindau 14 korrupte Thälmann-Anhänger gefeuert. Er verlor hierauf sein Amt an Wittorf.
     Wichtiger als diese Sumpfblüten sind die 1928er Strategieentscheidungen im internationalen und deutschen Parteikommunismus. Hierzu zählt das Geheimabkommen zwischen der sowjetischen und der deutschen Delegation beim Exekutivkomitee der KI im Februar, künftig die „rechte Gefahr“ als Hauptgefahr anzusehen und gleichzeitig dafür zu sorgen, dass Duldsamkeit ihr gegenüber, ergo „Versöhnlertum“, ebenfalls ausgeschlossen wird. Im August/September wurde die neue Linie vom VI. Kongress der Kommunistischen Internationale als für die Weltbewegung verbindlich erklärt und mit der Legende von einer „dritten Periode“ verbunden. Ihr zufolge stand die proletarische Revolution unmittelbar bevor, war zugleich der „Sozialfaschismus“ - die Sozialdemokratie und vor allem ihr linker Flügel - das wichtigste Hindernis auf dem Weg dorthin, das unbedingt beseitigt werden musste. Hinter den Kulissen wurde – auch durch Thälmanns Leute – beim Kongress gegen Stalins nächstes  KPdSU-Opfer, den „Rechten“ Nikolai Bucharin, intrigiert. In Deutschland begann bald ein Bruderkrieg zwischen Arbeitern verschiedener Richtungen, deren Einheit im antifaschistischen Kampf dringend vonnöten gewesen wäre.

Der Beschluss des KPD-Zentralkomitees vom 26. 9. richtete sich gegen den bereits  erkennbaren Entwicklungstrend. Dass die „Versöhnler“ dazu die Wittorf-Affäre nutzten, war keine „hinterhältige Intrige“, (so Czichon/Marohn), sondern ein Verlegenheitsakt. Allein die „Rechten“ mehrerer Kominternsektionen forderten noch eine Rückkehr zu demokratischen  Zuständen in den Parteien und zur 1921 von Lenin und Trotzki durchgesetzten Politik der proletarischen Einheitsfront. Die “Versöhnler“ wagten das nicht mehr. Sie suchten sich mit der Affäre als Hebel zu behelfen und verzichteten auf die prinzipielle Konfrontation mit Argumenten. Um so leichter fiel der Stalin-Fraktion der Gegenschlag. Am 6. 10. 1928 fasste das Präsidium des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale (EKKI) einen Beschluss des Inhalts, dass Thälmann wieder Parteivorsitzender sein müsse, alles auf die ultralinke Linie des VI. Weltkongresses auszurichten sei, die „Rechten“ ausgestoßen und die „Versöhnler“ diszipliniert werden müssten.
Der durch Czichon/Marohn Klaus Kinner angelastete „Unfug, Thälmann sei durch ein Machtwort Stalins eingesetzt worden“, war keiner. Zwar bereitete die KI-Spitze die Pro-Teddy-Entscheidung vor, doch stimmte sie ihr erst zu, nachdem der KPdSU-Generalsekretär telegraphisch sein O. K. gegeben hatte. Die These beider Autoren, Heinrich Brandler sei ein „politischer Bankrotteur“ gewesen, stammt aus dem Streit darum, ob er 1923 eine „deutsche Oktoberrevolution“ verhindert habe. Tatsächlich hatte Brandler damals im Einvernehmen mit der ganzen Parteispitze auf der Betriebsrätekonferenz in Chemnitz eruiert, ob die organisierte Arbeiterschaft mehrheitlich zum Kampf gegen die Regierung bereit sei. Das Ergebnis war negativ. Brandler stoppte deshalb die kommunistischen Aufstandsvorbereitungen. Er beugte so einer Isolierung der KPD und einem Blutbad unter ihren Kadern vor.

Dass die KPD- und Kominternführung 1933 dem Faschismus gegenüber versagten, gleichzeitig aber Parolen über ihren eigenen, bald bevorstehenden Sieg artikulierten, ist keine Erfindung Kinners, sondern bittere Wahrheit. Die KPD hat Hitlers Diktatur nicht abzuwenden oder ihr nachhaltig Widerstand zu leisten vermocht. Sie hat das – zunächst verschämt – 1935 und 1945 zugegeben. Die enormen Opfer von kommunistischer Seite, die einer zu Anfang „von oben“ verordneten hirnrissigen Offensivtaktik mit zu verdanken waren, sind eine traurige Tatsache, kein Beweis für Nichtversagen der stalinistischen Parteispitze und -bürokratie. Mit Zitaten belegen Czichon/Marohn, dass die Sozialdemokratie wegen ihres sturen Antikommunismus genauso versagte. Das ist richtig, hier aber nicht relevant.

Dem Versagen der parteikommunistischen Führer gegenüber der Hitlerdiktatur ab 1933 und ebenso dem Ende des „Realsozialismus“ 1989/90 wurde der Weg gebahnt, indem Stalins Politbürokratie wesentliche Errungenschaften der Oktoberrevolution und deren Träger liquidierte und mit Hilfe ihrer ausländischen Bundesgenossen und Vasallen ein extrem antidemokratisches Führer-System erst auf andere kommunistische Parteien, dann auf außersowjetische Länder ausdehnte. In der KPD wirkten Männer wie Thälmann daran mit. Deshalb standen sie in jener Zeit unter dem Schutz der Stalin-Bürokratie. Die im eigenen Lager Verantwortlichen für 1933 und 1989/90 sind in der opferreichen und schweren Geschichte des 20. Jahrhunderts die Bankrotteure. Ihre Schulden zu begleichen wird lange dauern.

Zu dem von Czichon/Marohn geäußerten Verdacht, Kinner sei ein ideologischer Wendehals der 90er Jahre gewesen, hat er selbst das Nötige gesagt. Es fehlte allerdings der Hinweis, dass seine Tätigkeit nicht der Rechtfertigung neoliberaler PDS-Politik von heute gilt. Einen speziellen Geniestreich der Autoren sehe ich in dem Satz, Kinners „Antikommunismus“ sei für sie nur relevant, „weil er in ‚jW’ angepriesen wird“. Ich kann mich nicht erinnern, dass die „junge Welt“ den je hochgelobt hätte. Hermann Weber als „Antikommunismus-Historiker“ hinzustellen, ist infam. Der Mann hat sich in den frühen 50er Jahren aus stichhaltigen Gründen von SED und westdeutscher KPD losgesagt. Er ist gegen den Parteikommunismus stalinscher Prägung, aber darum kein Antikommunist. Seine Forschungsarbeit dient der historischen Wahrheit. Irrtümer unterliefen ihm bisweilen wie jedem anderen. Doch hat er auch in seinen letzten Büchern, so im Dokumentenband „Der Thälmann-Skandal“ von 2003, maßgeblich dazu beigetragen, Krebsgeschwüre aufzudecken, die weltweit dem „Realsozialismus“ das Leben gekostet haben..

(Auszugsweise in junge Welt, Berlin, 10./11. 5. 2003, als Antwort auf Eberhard Czichon/Heinz Marohn, Barrikadenwechsel, in jW vom 28. 4.)  
 
 








 

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