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Beiträge zur Geschichte  








Hanna Behrend


Ostberliner Studenten nach dem XX. Parteitag der KPdSU 1956


Materialbericht aus der literarischen Hinterlassenschaft von Manfred Behrend


Die folgenden Ausführungen habe ich stellvertretend für meinen am 14. Januar dieses Jahres an einem  Herzinfarkt plötzlich verstorbenen Mann, den Historiker Manfred Behrend, zusammengestellt. Er gehörte in den 50er Jahren zu den engagierten ostberliner Studenten, die gegen die Stalinisierung der DDR im allgemeinen und der Humboldt-Universität im besonderen öffentlich Einspruch erhoben. Bei einer ersten Durchsicht seines literarischen Nachlasses habe ich von ihm und einigen anderen Studenten der Geschichte an der Humboldt-Universität verfasste Reformvorschläge, seine Zeitschriften- und Wandzeitungsartikel,  Leserbriefe, persönliche Korrespondenz mit Studienfreunden über politische Fragen, Sitzungsprotokolle, persönliche Stellungnahmen und Staatssicherheitsberichte datiert zwischen 1953 und 1962 gefunden, die Reformforderungen und Systemkritik zum Gegenstand haben  Auf seine bereits veröffentlichten Texte zum Thema wie die anonym erschienenen Beiträge "Die Thälmann-Legende wird brüchig. Zur Situation an den Universitäten der DDR"  in "Arbeiterpolitik",  Stuttgart vom 23. November 1956 und "Das Lehrjahr ist vorüber. Die intellektuelle Opposition bleibt" im gleichen Blatt vom 22. Februar 1957 will ich hier nur verweisen.

In "Neuer Weg", Nr. 5/1957, rechnen Werner Hering und Helmut Frommknecht in "Zu den nächsten Aufgaben der Parteiorganisationen an den Universitäten und Hochschulen" mit DDR-Akademikern und Nachwuchskräften ab, die inspiriert vom XX. Parteitag der KPdSU und der Entstalinisierung in Polen und Ungarn Demokratisierungsforderungen stellten. Der Aufsatz ist ein Musterbeispiel repressiv-stalinistischen Abwürgens sozialistischer Reformforderungen.

Über die Vorgänge an der Humboldt-Universität zu Berlin heißt es:"Die Parteileitung des Philosophischen Instituts der Humboldt-Universität wurde davon überrascht, daß den Genossen eine bis in Einzelheiten ausgearbeitete feindliche Plattform vorgelegt wurde, die an der Fakultät diskutiert und sogar mit Unterstützung zweier Genossen ausgearbeitet worden war. Ähnlich erging es der Parteileitung des Historischen Instituts der Humboldt-Universität, als ihr plötzlich ein neun Seiten umfassendes Programm zur Zersetzung der FDJ-Arbeit zur Kenntnis kam, das als ‚Wege zur Belebung der Jugendarbeit’ getarnt war. Auch hier hatten bei der Ausarbeitung und Diskussion zwei Genossen der Fachrichtung Historiker teilgenommen" (269).  

Die als "zersetzend" evaluierten "Wege zur Belebung der Jugendarbeit" umfassten  nur sechs statt neun Seiten und sie waren nicht von zwei, sondern von sechs jungen Genossen ausgearbeitet und unterzeichnet worden, nämlich  von Olaf Gröhler, Helmut Blaseio, Ernst Becker, Manfred Behrend, Ottomar Harbauer und Hans-Peter Jaeck. Diese hatten das Papier am 13. Dezember 1956 der FDJ-Seminargruppe vorgestellt und es sogleich an den FDJ- Zentralrat geschickt, während es in der FDJ-Gruppe zirkulierte.

Was waren das für "Wege zur Belebung unserer Jugendarbeit"[Anhang Ia], die der Parteiapparat als "Zersetzung der FDJ-Arbeit" betrachtete?
Als Hauptursache für den "Verfall der FDJ" betrachteten die Verfasser die "immer weiter um sich greifende Bürokratisierung"; "diese habe die Eigeninitiative erstickt und viele … Freunde … zu bloßen Gehaltsempfängern gemacht, andere zu Zynikern".
Deshalb müsse erstens der hauptamtliche Apparat reduziert werden und sich aus einem "Kommandeur" wieder in einen Helfer des Verbandes zurückverwandeln. Zweitens müsse die "innerverbandliche Demokratie" wieder gewährleistet werden. .
Dazu machten die sechs FDJler acht Gruppen von Vorschlägen. Es handelte sich um Vorschläge zur Demokratisierung der Wahl der FDJ-Leitungen, um ein Ende der Kooptierung von Leitungsmitgliedern, um die Ersetzung von ungeeigneten Leitungsmitgliedern auf Antrag der Basis, um öffentliche Leitungssitzungen, um Einbeziehung der Mitglieder in die Leitungsarbeit,  regelmäßige Rechenschaftslegung der Leitung, um Kontrolle der Leitungstätigkeit durch die Mitgliedschaft, um Veröffentlichung der Tagesordnung der Leitungssitzungen, um  Wandzeitungsberichte über die Arbeit .der Leitung und um eine völlig andere, realistischere und transparente Westarbeit, da. die derzeitig praktizierte  wenig nützlich sei  Die damit befassten Funktionäre sollten in der Gruppe einzeln gewählt werden und die Flugblätter sollten von Kennern der Materie ausgearbeitet werden. Eine Zeitung für Studenten wird gefordert, die von gewählten Redakteuren herausgegeben werden und ausschließlich der Hochschulgruppe verantwortlich sein soll.

Es gibt ein Papier vom 6. März 1957, in dem die Signatoren der "Wege zur Belebung unserer Jugendarbeit" zu ihrem Werk selbstkritisch Stellung nehmen [Anhang Ib]. Berücksichtigt man die Beschuldigung, dass die Vorschläge die FDJ zersetzt hätten, so fällt auf, wie sehr sich der selbstbewusste Ton und der Mangel an unterwürfiger Zerknirschung dieser Selbstkritik von der Manfred Behrend im November 1953 aufgenötigten demütigenden "Selbstkritik" unterscheidet. Auch die Vorwürfe der jeweils damit befassten übergeordneten Leitungen unterscheiden sich gewaltig. Manfred Behrend hatte in einem Wandzeitungsartikel von "einigen Fehlern, die in der Frage der Rolle der Persönlichkeit von uns einmal gemacht wurden" geschrieben,  was  von "den Genossen unserer Parteileitung, d[en] Genossen Prof. Paterna, Professor Schilfert und Günter Feist" als verwerflich angesehen wurde, weil es "objektiv gefährliche Tendenzen eines trotzkistischen Angriffs auf die Partei der Arbeiterklasse, ihre Organisation und ihre Führer [enthält]"  [Anhang II]

Den sechs Genossen wurden 1957 lediglich "überspitzte Formulierungen, einseitige und unklare Darstellungsweise" vorgeworfen, die "Auslegungen und Annahmen zuließen, die, auf den ganzen Verband übertragen, zu teilweise schädlichen Einflüssen führen könnten, was keineswegs in unserer Absicht lag".
Sie hielten nun "einige Korrekturen und Richtigstellungen" für erforderlich, würden aber wegen der starken Belastung durch ihre Staatsexamina keine allseitige Auswertung vornehmen. Sie nahmen die Formulierungen "Marschieren in eine Sackgasse", "Verfall der FDJ, wofür der Bürokratismus die Hauptursache sei" als einseitig zurück,  blieben dabei, dass "die Vorschläge zu den neuen Leitungsmitgliedern aus den Gruppen kommen sollten", wie sie den größten Teil ihrer Vorschläge – etwas umformuliert – de facto aufrecht erhielten. An keiner Stelle wurden sie mit so gewaltigen Keulen wie "feindliche Plattform" oder "trotzkistische Tendenzen" niedergeknüppelt.  Ich habe auch keine Unterlagen gefunden, aus denen hervorging, dass es ernsthafte repressive Folgen für die sechs Studenten, die inzwischen Absolventen waren, gegeben hat. Sie beendeten alle 1957 erfolgreich  ihr Studium und fanden angemessene Arbeitssstellen.

Die Auseinandersetzungen der ostberliner Studenten mit dem Stalinismus begannen jedoch, wenngleich zunächst eher zaghaft, bereits  vor dem XX, Parteitag und den Entstalinisierungsbemühungen in Polen und Ungarn.
Schon der 17. Juni 1953 löste auch unter einigen Historikern Diskussionen über die Bewertung dieses Ereignisses aus, die alsbald  von oben abgewürgt wurden. In einem unsignierten Brief vom 19. Juni 1953 [Anhang III] nahmen" die Mitarbeiter des Instituts für Geschichte des deutschen Volkes, Studenten des 1. Studienjahres, Parteilose und Parteimitglieder zu den letzten Ereignissen folgendermaßen Stellung". Sie protestierten gegen die Bewertung der Arbeiter am 17. Juni 1953 als "faschistische Unruhestifter" durch die "Tägliche Rundschau". weil "diese Behauptung … nicht den Tatsachen [entspricht]. Die Mehrzahl der Demonstranten waren  Arbeiter, die sich von den Provokateuren distanzierten.  … Wer hatte sich denn eigentlich entfernt? Die Arbeiter von der Regierung und der Partei oder umgekehrt? Wir sind  der Meinung, dass die Kennzeichnung und Bekämpfung der Provokation ständig mit einer Selbstkritik Hand in Hand gehen muß. … Wir hatten eine sofortige Erklärung der sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und der Regierung erwartet: Partei und Regierung haben Fehler gemacht".

Die Verfasser fordern: die Wahrheit, Vertrauen in die Arbeiterklasse, Selbstkritik und "Keine Unterschätzung, dass sich in den Demonstrationen die Forderung für bessere Lebensbedingungen und für Gehör Ausdruck verschafft hatten, weil der gesetzliche Weg zu oft fruchtlos gewesen ist. Keine Unterschätzung, dass die Demonstrationen für diese Forderungen sich auf eine breite Sympathie in der Bevölkerung stützen konnten".   

Leider fehlt in meinen Unterlagen jeder Hinweis darauf, wer dieses Schreiben verfasste, ob es unterzeichnet, ob es überhaupt und an wen es geschickt wurde, sowie welche Folgen für die Beteiligten dieser Brief hatte. In jedem Fall dokumentiert der Text, dass Historiker der Humboldt-Universität bereits im Juni 1953 äußerst kritisch gegenüber den stalinistischen Strukturen in der DDR eingestellt waren.
1955 begann sich  dann an der Humboldt-Universität bei den Historikern  erneut Widerstand gegen die undemokratischen Praktiken auf allen Gebieten zu regen, dem sich einige Zeitschriften der DDR, so die Studentenzeitschrift "Forum" und der "Sonntag" öffneten.

Als Beleg dafür fand ich einen Beitrag, den Manfred Behrend am 13. Juni 1955 dem "Sonntag" "zur Satire-Diskussion" schickte. Darin fragt Behrend "Warum haben wir keinen  Aristophanes?"[Anhang IV] und antwortet: Zwar seien bei uns "die objektiven Bedingungen der Freiheit gegeben, aber die subjektiven Bedingungen der Freiheit gäbe es nur sporadisch. "Das entscheidende Übel ist der Bürokratismus. Es ist dies eine Seuche mit solchen Möglichkeiten der Ausbreitung, wie sie im finstern’ Mittelalter die Pest hatte. Der Bürokratismus sucht alle Leute ständig zu beschäftigen – daher der Sitzungskoller…. Er versucht, einen Byzantinismus zu kultivieren, der unserer Zeit  und unserer Sache fremd ist. … Er ist ein Anachronismus, ist Überbleibsel aus der kapitalistischen Epoche. Er wird erst dann völlig vertilgt sein, wenn eine Generation klassenbewusster und intelligenter Töchter und Söhne des werktätigen Volkes, vor allem der Arbeiterklasse, das Heft in der Hand hat".  Um den Bürokratismus, "den Hauptfeind des Talents und der Originalität" zu schlagen, muss man ihn überlisten – die beste der ‚Listen’ ist, die Wahrheit zu sagen".

Ferner gibt es einen Brief Manfred Behrends vom 3. September 1955 an Kurt Turba, dem Chefredakteur des "Forum"[Anhang Va]. Die Zeitschrift hatte in  einem "Rundschreiben" vom 24. August 1955 die Leser aufgefordert, sich zum Studienbetrieb und zur FDJ-Arbeit  zu äußern. Manfred, der der Redaktion seine Vorschläge "mündlich mitteilen [wollte], d.h. zumindest ihre Begründung – alles ausführlich aufzuschreiben, würde wohl zu lange dauern". erklärte in der Anlage [Anhang Vb] unter"A. Studienbetrieb": "Notwendig ist universellere Ausbildung, diese ist möglich, wenn man die Vorlesungen usw.  in eine bessere Ordnung bringt (keine Überschneidungen usw.) oder wenn die Studenten selbst für diese ‚Universalität’ sorgen. Diese Ansicht [wird] dargelegt in ‚Studenten oder Schüler’?"
Zur B  FDJ heißt es "Besonders störend sei der ‚Berlinische Befehlston’". Er erkläre " die große Unlust unter den Studenten".
Unter C. "Forum" heißt es, im Untertitel sollten die Namen der Redakteure genannt werden. Die Zusammenarbeit zwischen Redaktion und Lesern müsse verbessert werden, die Zeitschrift müsse aktueller und interessanter werden und mehr über Studenten im Westen und in aller Welt schreiben.
Am 19. September 1955 [Anhang VI]bedankt sich Turba auf offiziellem Briefpapier des "Forum" für "das interessante Schreiben vom 3. September. Ich pflichte Dir bei, dass bei einer mündlichen Aussprache wahrscheinlich sehr viel mehr herauskommen wird als wenn wir uns über die Fragen schriftlich verständigen würden."  Ich gehe davon aus, dass ein Gespräch zwischen ihnen stattfand.  
Bereits am 2. Juli 1955 hatte Behrend in einem Brief an seinem Freund Ottomar Harbauer [Anhang VII], die Berichterstattung über westliche Universitäten im "Forum" kritisiert. In einem weiteren Schreiben vom 14. 7.1955 [Anhang VIII] teilt er Harbauer mit, dass ein geheimer literarischer Klub von Studenten gegründet werden soll und er ihn als Mitglied vorgeschlagen habe.
Diese Briefe schreibt er in einer verballhornten Sprache des 16. Jahrhunderts, teils vermutlich zum beiderseitigen Vergnügen, teils vielleicht auch wegen der Zensur.
Aus Notizen, die sich Ottomar Harbauer in seiner Studentenzeit machte, geht hervor, dass in der Parteigruppe der Historiker, der außer ihm  Manfred Behrend, Helmut Blaseio, Ernst Becker, und Arthur (Atze) Isatzky u. a. angehörten, zwischen 26.10. und 15.11.1955 eine Überprüfung der Arbeit der Gruppe stattfand. Dabei wurden die einzelnen von der Gruppe eingeschätzt und gaben Selbsteinschätzungen ab.

Es gab große Unzufriedenheit auch unter den Parteimitgliedern über die FDJ- und Parteiarbeit, sowie über den Studienbetrieb. Ottomar Harbauers Stellungnahme [Anhang IX] die er am 15. und 18. November 1955 verlas,  ist dafür charakteristisch:
"Ich kam zur Partei, weil ich begeistert war von der Sache der Partei, deren Ziele, aber weniger von ihrer praktischen Arbeit…. ich war gegen Missstände an der Oberschule, hatte den Drang mitzuhelfen, die Menschen, die mich umgaben, zu ändern und so umzuformen, wie sie mir in den Werken sowjetischer Schriftsteller über das neue Leben in der SU entgegentraten….
So trat ich auch in die Partei ein. Begeistert von ihren Zielen und besonders denen auf erzieherischem Gebiet: Schaffung eines neuen Menschen …..
Schon damals reizte mich das seelenlose und geistlose Gequatsche von Funktionären, deren Wirken uns mehr schadet als nützt. Dieser Ansicht bin ich auch heute noch.
So kam ich zur Uni. Die Situation an der Uni 1953 war doch so, dass sie angetan war, einen jungen Menschen, der begeisterungsfähig war, mitzureißen. Und ich wurde an der Uni mitgerissen und arbeitete auch selbst begeistert mit. In der Parteiversammlung bekam ich Kraft. Wurde FDJ-Agitator, war einsatzfreudig. Geschichte machte mir Spaß, was ich erst gar nicht glauben wollte. Dann wurde ich 1954 FDJ-Organisator. Schon vorher hatte sich bei mir wie auch in der Gruppe Anzeichen bemerkbar gemacht…. dass eine gewisse Flaute in der Arbeit eintreten würde. … Die Ursachen dafür zu suchen ist sehr schwer. Bei mir versuchte man, es mit kleinbürgerlichem Einfluss abzutun, was sich sehr einfach machen lässt und auch ein verhältnismäßig bequemer Weg ist. Damals bei meiner Überprüfung  waren die Vorwürfe: Meine Arbeit sei nicht von innerer Begeisterung getragen. Die Bindung zur Partei fehle.  Den kleinbürgerlichen Einfluss möchte ich nicht vollständig leugnen. …Ich erkenne auch an, dass es meine Schuld ist, dass ich in der Arbeit nachgelassen habe, denn die Schuld muss man in erster Linie bei sich selbst suchen. …
Aber eines muss man auch sehen: Wodurch wurden diese kleinbürgerlichen Relikte bei mir verstärkt? Durch die Art und Weise, wie die Praxis bei uns mehr und mehr mit der Zeit gehandhabt wurde. Ewiges Einerlei von Resolutionsschreiberei, Referate anhören, Administrieren. Durch die seelenlose Arbeit wie schon einmal gekennzeichnet. Dadurch werden Initiative, Arbeitsfreudigkeit und schöpferische Arbeit gehemmt und schließlich erstickt.
Wie mir so ging es auch den anderen Genossen .im Seminar, ja sie taten z. Teil noch weniger als ich. Aber dadurch, dass ich keine Stütze hatte, verlor ich erst recht den Boden und versank im Sumpf. Die Kraft durch energisches Handeln etwas zu verändern hatte ich nicht."

1956 führen der XX. Parteitag und die Ereignisse in Polen und Ungarn dazu, dass sich die bis dahin überwiegend außerhalb der Öffentlichkeit artikulierte Unzufriedenheit mit den Demokratiedefiziten auch öffentlich Ausdruck verschaffte.
Am 1. Februar 1956 schickte Manfred Behrend an das Forum einen Beitrag zur Diskussion über die FDJ-Arbeit, von dem er hofft, "dass er Euch nicht durch seine Länge erschlägt, und dass Ihr ihn veröffentlicht".

Der Beitrag trägt den Titel "Wie können wir Abhilfe schaffen. Ein Beitrag zur Diskussion über die FDJ" [Anhang X] und ist mit Manfred Behrend, Humboldt-Universität  gezeichnet. Darin erklärt er, das "bis etwa zum Jahre 1949" existierende "wirkliche Gruppenleben  ‚ von unten’", welches "durch eine Organisation ‚von oben’" ersetzt wurde, könne nicht dadurch wieder hergestellt werden, dass Klubs gegründet und Jazzmusik betrieben würde.  Es habe "so lange in unserer Organisation ein echtes Jugendleben gegeben, wie wir uns den ‚gegebenen Umständen’ … anpassten und ganz einfach an die Traditionen der antifaschistischen Jugendverbände vor 1933, namentlich die des KJVD und der SAJ, anknüpften. Danach machten wir den Versuch, den ganzen Verband ‚umzukrempeln’. Wir übertrugen alle Jugendarbeit auf die sogenannte  ‚höhere Ebene’  so dass unten oft nur noch Kommandos auszuführen waren … wir reglementierten statt zu leiten und schlossen uns von Teilen der Jugend ab. In dieser Diskussion ist darauf hingewiesen worden, dass die Arbeit vieler Funktionäre routinemäßig, seelenlos und bürokratisch sei, und zweifellos treffen diese Vorwürfe zu". Ein "solches bürokratisches Getue" gehe von Bürokraten aus, gegen die alles Moralisieren zwecklos sei.  Weil, wie "zahllose Resolutionen und Rundschreiben" beweisen,  " in unserem Verband eine ‚Beschäftigungstheorie’ praktiziert wird, und …  unser ‚Wasserkopf’ noch immer zu groß ist"  ist es " notwendig, ihn weiter zu verkleinern. … Wir müssen auch von dem schädlichen Prinzip abgehen, alle möglichen Organisationsarbeiten zu honorieren. …  Die Grundeinheiten brauchen nicht nur Bewegungsfreiheit, sondern auch Unterstützung durch die örtlichen Parteiorganisationen, ideelle Hilfe, nicht Anweisungen, sondern Ratschläge. …Die eigentliche Initiative dazu kann nur von unten und nicht vom Zentralrat kommen."

Am 12. März 1956 berichtete Manfred Behrend  Wolfgang Römisch vom "Forum" [Anhang XI]:
 "…am letzten Sonnabend war die Jahreshauptversammlung unserer Fachrichtung, in der alles Notwendige zur Sprache gekommen ist, und in der wir uns so offen wie vor etwa sieben Jahren über alle wichtigen Fragen unterhalten haben. Im Anschluss an den teilweise auch literarisch ausgezeichneten Rechenschaftsbericht von Wolfgang Mühle wurde der Vorschlag gemacht, diesen Bericht ‚unverbindlich ans Forum zu schicken’.".
Er bittet Römisch, wenigstens baldmöglichst einen Teil dieses Berichts zu bringen. "In dem Bericht ist ebenfalls enthalten, auf welchem Wege wir weiterkommen".

Offenbar nahm sich das "Forum" der Sache an, denn in der Juliausgabe 1956 erschien ein fünfspaltiger Leserbrief [Anhang XII], der mit "W. B." gezeichnet ist und vermutlich aus der Feder Manfred Behrends stammt, denn er schreibt am 8. August 1956 an "Dear Otto Bauer" [Anhang XIII] (Harbauer), der sich in Blankenburg auf Kur befindet, er beschäftige sich statt mit seiner Jahresarbeit mit seiner "Lieblingslektüre", dem Pressebulletin der polnischen Botschaft. "Dies Bulletin ist mir deshalb am liebsten, weil hier wirklich und mit den richtigen Worten gesagt wird, was los is. … und dass man dort ernst macht mit der Entbürokratisierung, Entbyzanzisierung, Entdogmatisierung etc.  kannst Du aus der Rehabilitierung Gomulkas und seiner Freunde ersehen, dieser aufrechten Leninisten…  Das letzte  ‚Forum’ wirst Du gelesen haben und Du wirst hoffentlich auch das nächstfolgende lesen, in dem ein gewisser M. B. eine gewisse grundsätzliche Stellungnahme zu den Fragen des Marxismus-Leninismus vorzufinden gedenkt, welche ein Meilenstein sein wird auf dem Wege zur Erklimmung der Gipfel wissenschaftlicher Denkungsart."

Das kann sich nur auf die 2. Juli-Nummer des "Forum" beziehen, in der unter der Überschrift "Junge Menschen sind keine Automaten" eine Stellungnahme von  "W. B." zu dem Artikel "Von Chefideologen und schlechten Sitten" im "Forum" Nr. 11/1956 veröffentlicht wurde, deren Autor mutmaßlich Manfred Behrend war.
In dem Leserbrief wird kritisiert, dass das Geschichtsstudium die Studenten nicht motiviere. "Ich bin eigentlich froh, dass meine Universitätszeit ihrem Ende zugeht. Ähnlich denken viele. … Ich habe mich gleich vielen anderen Kommilitonen für das Studium der Geschichte entschieden, um mitzuhelfen, aus der Vergangenheit Lehren für das gegenwärtige und zukünftige Handeln unseres Volkes zu ziehen. Heute bin ich nicht der einzige, der zu zweifeln beginnt, ob wir auf Grund unserer bisherigen Ausbildung dazu überhaupt befähigt sind. …. Die meisten  Vorlesungen und Seminare erwecken den Eindruck, dass es für unsere Historiker keine ernsthaften Gegner gibt und selbst wenn Auseinandersetzungen erfolgen, dann in der Regel mit oft veralteten und überholten Meinungen". Wenn einmal eine Auseinandersetzung erfolgt wie im Kolloquium zu Ritters Goerdeler Buch, dann "nur sehr abstrakt, denn die meisten Teilnehmer des Colloquiums hatten keine Gelegenheit, Ritters Werk vorher kennenzulernen. Doch eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einem Werk, das man nur von Rezensionen her kennt, ist nur eine Scheinauseinandersetzung."  Die meisten Vorlesungen werden ‚heruntergeleiert’". Positiv ausgenommen von dieser Kritik werden nur die Veranstaltungen der Professoren Paterna und Winter, sowie von Frau Dr. Grothe und Dr. Müller-Mertens und wenigen anderen.  Die Studenten "in einigen Seminargruppen wie in der III/1 fragen sich ausgelöst durch den XX. Parteitag, angesichts der von Gegenwartsaufgaben der Geschichtswissenschaft stark losgelösten Arbeit unserer Fachrichtung nach dem Sinn und Zweck ihres Studiums".   .
Für die Sorgen der Studenten habe niemand Verständnis oder Zeit. "Der Fachrichtungsleiter hat für seine Studenten wenig Zeit und oft auch nicht das rechte Gefühl, wie man mit jungen Menschen spricht und ihnen gegenüber auftritt. Sein Beispiel macht zweifellos Schule".  Auch die Assistenten und Aspiranten hätten wenig Kontakt mit den Studenten. Von einer wirklichen FDJ-Arbeit kann nicht die Rede sein. Die FDJ-Leitung ist in den Händen "jugendlicher Greise" Die, welche geeigneter wären, wollen nicht  oder bilden wie einige Studenten des II. Studienjahrs "exklusive Klubs", so z. B. "die Jakobiner", zu denen andere keinen Zugang haben. Von der Arbeit der Parteiorganisation merke man wenig. Manche Parteilose geben z. B. bei Ernteeinsätzen einigen Genossen ein Vorbild. Es gibt kaum öffentliche Parteiversammlungen. Unbegreiflich, "warum es nach dem XX. Parteitag keine öffentliche Diskussion zur Rolle der Persönlichkeit im Zusammenhang mit der Person Stalins" gab.  Man möge aufhören, Referate mit "einer erdrückenden Aufzählung der Erfolge zu beginnen und mit einer verschwindenden Anreihung der Mängel zu enden".

In einem Brief vom 31. August 1956 an Harbauer [Anhang XIV] schreibt Manfred Behrend:  
"Es sind vornehmlich die Ereignisse in Polen und Ungarn, aus denen ich den Schluss ziehe, dass die Entstalinisierung eine echte Revolution ist, die ihre Ursache in dem berühmten Widerspruch PK-PV hat. Es geht, wie es scheint, um die Vollendung der sozialistischen Revolution, um die Entmachtung der Bürokratie (nicht der Bürokraten, sondern der Bürokratie), die in der Zeit der ‚ursprünglichen Akkumulation’ zweifellos eine historisch notwendige Rolle gespielt hat, und dort war ihr Exponent eben Stalin. Inzwischen sind dann sowohl die Menschen als auch vor allem die Produktionsinstrumente den ‚absolutistischen’ Produktions- und Lebensverhältnissen entwachsen. Das Zeitalter der Automation und der Atomspaltung sind hereingebrochen: sie fordern denkende, geschulte Leute, keine blinden Gefolgschaften. Daher also die realen Chancen des Marxismus-Leninismus und des Sozialismus in aller Welt".  Die Widersprüche und Hemmnisse erklären sich einzig daraus, dass die Bürokratenkaste, wo noch vorhanden, nicht so ohne weiteres abtreten will oder kann. Den Kapitalisten geht’s so ähnlich mit Suez, wie uns mit Posen.
Posen war … die Probe aufs Exempel. Die Polen haben diese Probe bestanden. Die Demokratisierung geht weiter. Gomulka und Spychalski sind endlich rehabilitiert (davon hat das ‚ND’, soviel ich weiß, bis heute noch nicht Kenntnis genommen), der Kampf der Parteiführung gilt ganz offen der Bürokratie und läuft hinaus auf weitgehende Dezentralisierung: die ‚Tribuna Ludu’ bringt ein Bild, worauf vorn rechts der alte Marx zu sehen ist in abgeschabten Kleidern, hinten links aber ein Wagen mit einem Chauffeur und einen fetten Bürokraten darin, und der Chauffeur rufe: ‚Platz da, der Chef kommt!’ – darüber aber steht geschrieben: (im Zentralorgan der Polnischen Arbeiterpartei) ‚Marx steht im Weg’; dasselbe Blatt bringt ein anderes Bild, worauf ein Wurm zu sehen ist, dessen Rückgrat einer Fieberkurve gleicht, der Wurm hat aber einen menschlichen Kopf, er sagt: ‚Ich habe immer die Parteilinie mitgemacht.’ Das wäre das Polen von heute. In Ungarn soll…  der "Rechtsabweichler" Imre Nagy endlich rehabilitiert  und wieder im Kommen sein. Auch dort also Fortschritt und Rückkehr zum Marxismus-Leninismus".

Im "Sonntag" wurde  1956 eine Diskussion um "Philosophie und Dogmatismus" geführt, an der sich Manfred Behrend mit dem Beitrag  "Keine Blöße geben!" vom 12. September 1956 beteiligte [Anhang XV]. Er zitiert Josef Cyrankiewicz, der auf der Gesamtpolnischen Architektentagung im März 1956 erklärte: "‚Mir will scheinen, dass die gegenwärtige Periode der Beginn einer allumfassenden schöpferischen Renaissance des Marxismus-Leninismus ist, sein kann und muss’. Wer sich einigermaßen gründlich mit den subjektivistischen und revisionistischen Entstellungen der Stalin-Ära befasst, aber auch mit dem Verlauf der Aussprache von heute, wird Cyrankiewics zustimmen müssen. Einesteils sind die Entstellungen derart weitgehend und zahlreich, dass nur eine ‚Wiedergeburt’ der Lehre von Marx, Engels und Lenin uns wieder von ihnen befreien kann, andernteils haben sich, ganz programmgemäß, die ‚Geburtswehen’ eingestellt.  Gewisse Bürokraten und Dogmatiker leisten der neuen Entwicklung einen zähen, hinhaltenden Widerstand. Das Tempo der Renaissance ist verschieden von Land zu Land und von Ort zu Ort, dem Nationalgefühl und dem Anteil der betreffenden Nationen am antifaschistischen Befreiungskrieg entsprechend. Es gibt dabei Erfolge, Niederlagen, Kompromisse".
Behrend widerspricht in dem Beitrag Havemann, der den Standpunkt vertrat, "dass man ‚keine über den anderen Wissenschaften stehende Philosophie mehr braucht’, dass ‚jede besondere Wissenschaft vom Gesamtzusammenhang überflüssig’ ist". Dagegen wendet Behrend ein, "dass der Marxismus-Leninismus mindestens solange noch als Philosophie gelehrt werden muß, wie die ihm entgegenstehenden Philosophien noch nicht vollständig überwunden sind, dass er solange noch als ‚besondere Wissenschaft vom Gesamtzusammenhang’ auftreten muß".  Es geht ihm um das Erkennen des Sinns von Aussagen von Friedrich Engels aus dem Gesamtzusammenhang, da sonst "Engels gegen Engels" ausgespielt werde. "Wir … müssen, wollen wir den Dogmatikern endlich das Handwerk legen, gewisse Mißverständnisse oder auch bloße Möglichkeiten zu Mißverständissen vermeiden". Die Philosophen sollten vielmehr "die bewusste Renaissance" des Marxismus mitmachen.

Weitere Informationen über Charakter und Umfang antistalinistischer Aktivitäten ostberliner Studenten stammen aus  Berichten von Briefzensoren und Zuträgern der Staatsicherheit vom Spätsommer 1961/Frühjahr 1962, die Manfred Behrends Studienfreund Karl (Charly) Mahnke observierten. Objekt ihres Interesses war zum einen die Korrespondenz, die Manfred Behrend und Charly Mahnke 1956 führten, sowie Berichte von "G.I.s" über politische Gespräche zwischen Mahnke und Behrend, bei denen diese Spitzel offenbar anwesend waren. Diese Gespräche fanden zwischen 1956 und 1961 bei Besuchen Behrends in Mahnkes Wohnung in Schwerin statt. Der erste Bericht aus der Feder eines Leutnant Beussel (?) [Anhang XVI] handelt von Briefen, die zwischen Mahnke und zwei ostberliner Studenten der Humboldt-Universität zirkulierten, einer davon Manfred Behrend. .Dieser sei "ein Verfechter der Politik des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens", der   Mahnke "im negativen und revisionistischen Sinne" beeinflusse und ihn "mit Argumenten und Literatur versorge".

Behrend, aus dessen Briefen ausführlich zitiert wird, sieht keinen großen Unterschied zwischen den Apparaten der SPD im Westen und der SED im Osten, was er auf "die ökonomische Grundlage zurückführt. Es sei ein Produkt der imperialistischen Entwicklung".  Beide würden durch Zuwendungen korrumpiert. "Wesentlich ferner, daß der Cliquenkampf gewissermaßen das ‚Entwicklungsgesetz’ dieser Apparate ist. … Die Wut über das edle ‚Zentralorgan’ ist hier allgemein…. Die Beschlagnahme der gestrigen ‚BZA’ und der polnischen Presse spricht Bände und ebenso …, womit man uns über die Revolution in Polen und die bevorstehende Revolution in Ungarn zu informieren beliebt. … Hier braucht es Liquidierung der Bürokratie und Verwirklichung der richtigen Arbeiterdemokratie…. Gerade deshalb, weil das derzeit in Polen der Fall ist, machen die Stalinisten aller Nationen in Zensuraktionen gegen die sozialistische Presse in antipolnischer Hetze, in diversen Hilfsdiensten für die Bourgeoisie, in der Drohung an die Adresse des eigenen Volkes – mit neuen ‚Agenten-Tribunalen a la Stalin. …Die revolutionären Ereignisse des vergangenen Wochenendes in Warschau wirken mit voller Wucht auf Freund und Feind, auf die Leninisten sowohl als auch die Bürokraten. Schlecht und dürftig sind die Nachrichten, mit denen die  …Presse ihren Lesern zu dienen beliebt, eines ist klar…; Die polnischen Arbeiter, Bauern und Intellektuellen haben nicht im Traum daran [gedacht], durch denn Angriff auf die letzten noch verbliebenen Bastionen des Stalinismus den Kapitalismus zu restaurieren. Ganz im Gegenteil, sie haben ihm dadurch endgültig und unwiderruflich den Garaus gemacht. Und sie gehen jetzt voller Ernst und Entschlossenheit daran, genau die Arbeiterdemokratie und genau den Sozialismus zu verwirklichen, den Marx, Engels und Lenin erstrebt, für dem 1871 die Kommunarden, 1917 die Bolschewiki und die Arbeiter Russlands, 1918 und 1919 die Spartakisten gestritten haben...".

 Die weiteren Ausführungen gipfelten in der Forderung nach – "erbitterter Kampf gegen die Stalinisten". Vom ZK spreche Behrend in der Form von Sozialbürokraten. Es handle sich hier "um eine äußerst gefährliche und feindliche Plattform". Man wisse aber zur Zeit nicht, "inwieweit Mahnke selbst ein aktiver Verfechter" dieser  "revisionistischen Plattform" ist.

In einem weiteren Bericht zitiert ein Staatsicherheitsoffizier [Anhang XVII] ebenfalls aus Briefen Manfred Behrends vom 5.9., 16.9. und 23.10.1956. Darin geht es nochmals um die Charakterisierung der Parteiapparate der SPD und SED als "vertauschbar". "Das erklärt die bürokratisch, terroristische, kastenmäßige und revisionistische Haltung der beiden Bonzokratien. … die gegenseitige Hassliebe … ihren gemeinsamen Haß auf alles, was unabhängig, ‚wild’, ‚spontan’, von unten herauf sich entwickelt"  Dafür werden in dem Brief Beispiele angeführt."…zwischen den Lakaien der Monopolisten und unseren ‚proletarischen Führern’ [besteht] immer dann das beste Einvernehmen, sobald es gegen Pazifisten, wirkliche Liberale und Sozialisten geht". Auch dafür werden Beispiele gebracht. "Weitere Ausführungen gipfeln in der Frage erbitterterter Kampf gegen die Stalinisten. Vom ZK spricht er in der Form von Sozialbürokratie".  

Der Berichterstatter hält es denoch für möglich, das Mahnke "sich bei genügender Verbindung mit der Partei auf dem Standpunkt der Partei zurechtfindet … Bei Erreichung dieses Zustandes kann er wertvoll werden bei der Aufklärung von Gruppen an der Humboldt-Universität Dabei ist erforderlich, dass er auch das Material ‚Die sozialistische Demokratie in der jugoslawischen Praxis’ geschrieben von Edward Kardelj, Vizepräsident der Bundesregierung und Außenminister … zur Diskussion stellt Das Material hat er von Behrend zugeschickt bekommen.

Aus der Korrespondenz wurde klar:

1. Der politische Zustand der Studenten an der Universität
2. Der politische Zustand einiger Studenten, darunter Mitglieder der Partei  
3. Die Einschleusung von parteifeindlichem Material aus Westberlin
4. Das Bestehen einer feindlichen Gruppe an der Universität.

Ein Teil der Studenten der philosophischen, der gesellschaftswissenschaftlichen und anderen Fakultäten gehen in die Redaktionen der einzelnen Zeitungen und zum ADN. Eine genügende Kontrolle durch uns und durch die Partei ist bisher beim ADN nicht vorhanden.

Inwieweit solche falschen und feindlichen Theorien dort weiter entwickelt werden, ist nicht klar. Die Möglichkeiten zur Verbreitung falscher oder unklarer Nachrichten sind beim ADN besonders in kritischen Zeiten gegeben. Nachrichten werden von Berlin empfangen, in unseren Bezirk [Schwerin]  und nach Rostock weitergeleitet".

Ein dritter Staatsicherheitsbericht über Mahnke wiederholt im Wesentlichen nur das bereits aus den beiden vorangehenden Berichten Zitierte.
Aus einem weiteren Bericht [Anhang XVIII] geht hervor, dass aus zwei Briefen erkennbar werde, dass Mahnke und Behrend "vermuten1, dass ihre Post unter Kontrolle steht…. Ferner schrieb Behrend [am 5.9. 1956] unter einen Brief an Mahnke folgenden Satz: ‚Für den Zensor! Sollte irgendein missratenes und entartetes schmutziges Schwein seinen Rüssel in dieses Schriftstück stecken, so möge ihm derselbe abfallen. Die Verfassung der DDR untersagt die Briefzensur’."
Einem  Bericht des G.I. "Schreiber" [Anhang XIX] zufolge war Behrend zwischen dem 14. und 18. Dezember 1960 dienstlich in Schwerin und besuchte Mahnke. Die beiden "unterhielten sich bei ihrem Zusammentreffen auch viel über theoretische Probleme. Besonders diskutierten sie über Fragen der Diktatur des Proletariats".  Sie waren der Meinung , "die marxistische Auffassung der Diktatur des Proletariats [sei] sehr einseitig, [weil] man immer von Russland ausgehen würde, während die Verhältnisse in anderen Ländern,… nicht genügend berücksichtigt [würden]". Sie diskutierten ferner über ihre Erlebnisse während des Studiums in der Zeit der "starken parteilichen Auseinandersetzungen an unseren Universitäten"  "Beide kamen überein, dass es bei uns keine objektive Rechtsprechung gibt, wofür Mahnke Beispiele für von der DDR-Justiz  unterlassene Verfolgung von Straftaten lieferte. "Mahnke sowie Behrend. [haben] eine sehr überhebliche und arrogante Einstellung zum gesellschaftlichen Leben. Besonders gegen unsere Partei, gegen die Sowjetunion und die Theorie des Marxismus-Leninismus richten sich ihre Diskussionen". Vom gleichen Zuträger gibt es einen weiteren Bericht, in dem dieser über Gespräche Auskunft gibt, die im Oktober 1961 in Schwerin zwischen Mahnke und Behrend stattfanden. Da ging es über die Verhältnisse in Westdeutschland, die Wahlen in Nord-Vietnam, den Boykott der S-Bahn durch die Westberliner, über Kriegstechnik und dass beide Lager gleich stark wären. Sie sprechen über die Kampfgruppen der DDR, der Mahnke nicht angehören möchte, weshalb er sich lieber in der GST engagiert, dort hätte er mehr von der Ausbildung z. B. in Nachrichtentechnik.  Behrend "geht dann auf das Thema eines eventuellen Atomkrieges ein und welche Möglichkeiten des Schutzes es hierfür gibt. …Er spricht davon, dass ein Atomreaktor in Jugoslawien defekt gegangen sei, die neun Wissenschaftler, die zur Zeit des Defekts an ihm gearbeitet haben, wurden sofort nach Paris gebracht, wo sie bis auf einen, der verstarb, vollständig geheilt wurden. Man habe diesen Menschen neues Rückenmark eingesetzt." Die Beschaffung von wissenschaftlicher Information sei in der DDR zu langsam und bürokratisch. Es ginge "alles über die Staatssicherheit, wo keine besonders schlauen Menschen oder Wissenschaftler säßen. Sie unterhalten sich in einem sehr gehässigen zynischen Ton".

Ein weiterer Spitzelbericht mit "Nachrichten" gezeichnet stammt vom 26. Februar 1962 [Anhang XX] und scheint mir von jemandem verfasst worden zu sein, der die Gespräche der beiden Freunde noch weniger verstand als G. I. "Schreiber".. Es geht wieder um einen Besuch Manfred Behrends in Schwerin bei Mahnke. Von Mahnke gefragt, ob er eine Ortsveränderung vorhabe, soll Behrend gesagt haben, er werde "nicht so ohne weiteres …  abhauen. Das geht auch nicht, dass ich meine Koffer packe, so wie es denen da oben gefällt. Ich habe aber einen Ersatzplan entworfen, damit wir nicht weg brauchen". Mahnke soll eingewandt haben: "Andererseits ist es aber so, dass man ganz schön agitiert wird mit Beschlüssen und Disziplin usw. Man kann die Menschen dadurch schön klein machen. Woraufhin Behrend erklärte: "Dabei weiß man auch nie, wie der Kampf ausgeht. Man kann dabei auch erliegen. Wir leben ja gerade in einer Zeit, wo viele abdelegiert werden. Ich habe gestern gerade gelesen, dass man viele Personen auch Mitarbeiter des Staatsapparats in die LPGen delegiert"  Mahnke antwortet, er sei "für den Abbau des Staatsapparates, deshalb ist es mir auch egal, wohin die gehen. Dabei kommt ja auch mehr raus – beim Staatsapparat wird Papier beschrieben und da kommt nichts bei raus,  in den LPGen müssen die aber Schweine dick machen, da kommt mehr bei raus.  Das ist bestimmt nützlicher als beim Staatsapparat." Daraufhin Behrend: Die sollen ja auch nicht arbeiten, die sollen ja nur leiten, da kommt auch nicht mehr bei raus".

Bei diesem Gespräch könnte es sich um die Möglichkeit gehandelt haben, gewissermaßen "strafversetzt" in die Produktion geschickt zu werden.  

Zum Glück für Mahnke und Behrend schätzte der Leiter der Kreisdienststelle Oberstleutnant Köhn, der offenbar das ganze "Material" zur Bewertung erhielt, ein [Anhang XXI], "dass es sich bei Mahnke und Behrend. um Mitglieder der SED handele, die in den letzten Jahren Parteifunktionen innerhalb ihrer Grundorganisationen ausübten und noch ausüben. Beide hatten und haben nach wie vor oftmals verworrene Ansichten, die sie aber in keiner Weise offen kundtun. Es konnten keine Beweise erarbeitet werden, die den Verdacht einer Feindtätigkeit bestätigten. Aus den genannten Gründen wurde die aktive operative Bearbeitung zurückgestellt. Es wird vorgeschlagen, den Vorgang wegen Nichtbestätigung abzuschließen und zu archivieren".

So wurde dieser "Vorgang" nicht nach Berlin zur weiteren Bearbeitung geschickt, weshalb Manfred Behrend damals nicht ins Visier der Staatssicherheit geriet.Auch wurden er und die anderen fünf Verfasser der "Wege zur Belebung unserer Jugendarbeit" keinem Parteiverfahren unterzogen und ihr Versuch, die FDJ zu demokratisieren hatte auch keine anderen ernsthaften Konsequenzen für sie. Warum das so war,  lässt sich hier nur vermuten. Vielleicht wollte der SED-Apparat seine jungen Nachwuchshistoriker lieber weiter beobachten als ausschalten. Wahrscheinlicher erscheint, dass er darauf vertraute, die Aufmüpfigen über die hierarchischen Strukturen in der Partei und in den Betrieben und Institutionen in der DDR zu disziplinieren und so an weiteren öffentlichen Reformforderungen hindern zu können. 


©  Hanna Behrend, Mai 2006

veröffentlicht in der Zeitschrift "Arbeiterstimme" und  "SoZ"









 

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